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Mom sucht Mom Jeans: «Die Umkleidekabine ist die Keimzelle von Body Negativity»

Fashion

Mom sucht Mom Jeans: «Die Umkleidekabine ist die Keimzelle von Body Negativity»

Ihr Körper steht mit allen anderen Jeans auf Kriegsfuss. Vielleicht ist das also der magische Schnitt? Unsere Autorin auf der härtesten Recherche ihres Lebens.

Meine Stirn glänzt, ich stehe in einer Umkleidekabine bei Weekday, das Licht ist hell, mir ist heiss, ich ziehe die Jeans hoch. Hüpfe ein wenig, so dass sie noch ein bisschen höher rutschen. Sie gehen gerade so über meine Oberschenkel, über den Po aber nicht. Also die nächste Hose. Sie geht über die Oberschenkel, über den Po, aber dann: Ich bekomme sie nicht zu. Also die nächste Hose. Sie geht über die Oberschenkel, über den Po – und ich bekomme sie zu. Aber: Ich kann nicht atmen.

Die Luft anhaltend trete ich aus der Kabine vor den Spiegel und rufe der Verkäuferin zu: «Ich bekomme sie zu, aber ich kann nicht atmen!» Das sei nicht der Sinn der Sache, sagt sie. Ich bin froh, dass sie das sagt. Bei meinen Erfahrungen mit Jeans-Anproben war ich mir nämlich irgendwann gar nicht mehr so sicher, ob Frauen in Jeans eigentlich atmen können sollen. Deshalb trage ich selten Jeans.

Die vergangenen Jahre habe ich vor allem in Kleidern und Jupes verbracht. Darin kann ich atmen und ich merke nicht, ob sich mein Gewicht verändert – oder wenigstens nicht so schnell. Es ist mir eigentlich auch ziemlich egal. Mein Körper war noch nie normschön, also der Norm und aktuellen Schönheitsidealen entsprechend.

Ich war immer ein bisschen grösser und ein bisschen dicker als die meisten anderen Mädchen und später als die anderen Frauen. Auf Klassenfotos war klar: Ich stehe hinten. Bei Konzerten genauso. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals Lieblingsjeans gehabt zu haben. Jeans waren für mich schon immer der Kleiderhorror. Und das, obwohl ich sie bei anderen sehr toll finde. Vor allem Jeans, die hoch geschnitten sind, also Highwaist, wie zum Beispiel Mom Jeans.

Eine kurze Geschichte mit Happy End?

Der Schnitt ist perfekt für meinen Körper: hoch geschnitten, an den Oberschenkeln eher weiter, unten eher enger, ein Rüebli. Im Gegensatz zu den Jeans, die in waren, als ich jünger war (Lowwaist, Schlaghosen, Skinnyjeans) und es leider heute wieder sind (Ultra-Lowwaist), wirklich gut für mich. Könnte also eine kurze Geschichte mit Happy End werden. Wird es aber nicht. Denn es gibt einfach keine Mom Jeans für eine Mom wie mich (Mom würde ich mich übrigens nie nennen, aber das ist eine andere Geschichte). Frei nach Loriot: Eine Mom ohne Mom Jeans ist möglich, aber sinnlos.

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«In Geschäften erwarte ich immer den ‹Pretty Woman›- Moment: ‹Für Sie haben wir hier leider nichts.›»

Schlechtes Licht, schlecht sitzende Kleidung

Deshalb mache ich mich auf die Suche und damit an meine härteste Recherche als Journalistin: Ich gehe in Jeansläden. Auf dem Weg dorthin merke ich, wie lang ich das nicht mehr gemacht habe. In Läden gehen, Sachen anprobieren, erst recht keine Jeans. Die Umkleidekabine im Klamottenladen ist für mich die Keimzelle von Body Negativity. Schlechtes Licht, schlecht sitzende Kleidung. Gibt es was Besseres, um sich schlecht zu fühlen?

Mit meiner Kleidergrösse 44/46 falle ich aus den «normalen» Grössen heraus. Ich weiss, dass es Glück ist, wenn ich in Geschäften Kleidung in meiner Grösse finde. Deshalb kaufe ich viel lieber online ein – dort gibt es meistens mehr Grössen und ich bin mit meiner Body Negativity im schlimmsten Fall allein zuhause und kann immerhin das Licht dimmen. Und ich erlebe keine unangenehmen Gespräche mit Verkäufer:innen. Denn in Geschäften erwarte ich immer den «Pretty Woman»- Moment: «Für Sie haben wir hier leider nichts.» Aber selbst wenn es so ist, die Leute sagen das dann doch nicht.

Die Verkäuferin bei Weekday ist extrem freundlich und sympathisch, hat aber absolut keinen Blick für meinen Körper und passende Jeans. Sie drückt mir drei Modelle in den Grössen 33/32 und 32/34 in die Hand. «Gibt es die denn eine Nummer grösser?», frage ich; sie antwortet: «Leider nein.» «Was machen denn Leute mit meiner Grösse?» «Keine Jeans tragen», antwortet sie und wir müssen beide lachen. Dann erklärt sie, dass sie selbst nicht in Weekday-Jeans passe.

Im nächsten Laden wirds noch schlimmer. Die Verkäuferin gibt mir Levi’s-Jeans in der Grösse 31. Ich: «Die werden mir sicher nicht passen, dafür bin ich zu dick.» «Aber du bist doch nicht dick!», ruft sie laut, als hätte ich was wirklich Schlimmes behauptet. Für mich ist dick einfach eine Beschreibung, ohne Wertung. Mit diesem Wort würde ich mich gar nicht immer und überall beschreiben, aber hier in diesem Laden ist es das, was mir die Verkäuferin mit den viel zu kleinen Jeans suggeriert: Du bist zu dick. Jedenfalls für diese Hose. Alles für die Recherche, deshalb trotte ich mit der 31 unter dem Arm in die Kabine. Ich ziehe die Hose bis kurz übers Knie, weiter gehts nicht. Lache, mache ein Foto zur Dokumentation und verlasse die Kabine wieder.

Auf der Levi’s-Website wird mir, wenn ich «Mom Jeans» als Suchbegriff eingebe, die «Shaping Bootcut» angezeigt und dazu die Beschreibung: «Diese Jeans machen mit einem innovativen Einsatz am Bauch deine Körpermitte schmaler, konturieren deine Kurven und verlängern deine Beine mit einem Bootcut.» Ich möchte meine Körpermitte nicht schmaler machen und meine Beine sind auch lang genug. Ich will einfach Jeans, die mir passen.

Mehr Klicks, immer schlechtere Laune

Wenn ich in einem Onlineshop Hosen finde, die mir vom Schnitt gefallen, gibt es sie meistens nur bis Grösse 42 oder 44. Wenn es sie in meiner Grösse gibt, sind die Hosen fast immer ausverkauft. Es scheint also noch ein paar mehr Menschen mit ähnlichen Körpern und Mom-Jeans-Wunsch zu geben. Und trotzdem scheint der Fashion-Markt sich nicht darauf einzustellen. Ich klicke mich weiter durch und bekomme immer schlechtere Laune.

Auf Instagram sehe ich Werbung für Jeans von Armedangels. Jede zweite Frau, der ich auf Instagram folge, scheint einen Werbedeal mit der Marke zu haben. Und klar, gegen nachhaltige Jeans ist nichts einzuwenden, im Gegenteil. Die «Mom Fit Highwaist» gefallen mir gut, ich bestelle sie in Grösse 34/34. Passen wird die nicht, aber grösser gibt es sie nicht. Darauf hat noch keine der Frauen mit den Werbedeals aufmerksam gemacht.

Also noch mal in die Läden, wenn nicht nachhaltig, dann vielleicht Fastfashion? Bei Zara und H&M passe ich in Grösse 46. Aber sitzen tun trotzdem keine Jeans: zu eng an den Waden oder an den Oberschenkeln, zu weit am Bauch oder am Po. Also lieber noch mal ein nachhaltiger Versuch: Vintage Jeans.

Zu klein, zu gross, zu klein, zu gross

Einer der bestsortierten Vintage-Läden in Zürich nennt sich Barbar Vintage. In der Mitte des Ladens liegen sie auf einem grossen Tisch: Jeans aus vergangenen Jahrzehnten, blau, schwarz, weiss, beige. Highwaist, Lowwaist und alle anderen Waists. Eine derart grosse Auswahl stresst mich genauso wie grelles Licht in Kabinen, deshalb frage ich die Verkäuferin, die hier gleichzeitig die Besitzerin des Ladens ist. Sie schaut mich an, schaut die Jeans an und greift versiert mehrere für mich heraus. Ich gehe mit einem sehr grossen, sehr schweren Stapel Jeans in die Umkleidekabine und bin mir sicher: Wenn ich Jeans finde, dann hier.

Doch auch hier passt mir so gar nichts. Zu klein, zu gross, zu klein, zu gross. Immerhin sind auch mal Jeans dabei, die mir fast runterrutschen, wenn ich mich bewege. So fühlen sich also andere Leute beim Hosenprobieren. Aber zu meinen passenden Jeans führt mich das hier auch nicht. Lee, Wrangler, die Schnitte sind schön, aber oft auch zu kurz für mich.

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«Wer will schon aussehen wie die eigene Mutter?»

Diana Weis

Mir schwirrt der Kopf vor Jeans-Modellen, Grössen und der Frage, woher ich denn jetzt endlich passende Jeans bekomme. Also verabrede ich mich mit einer Expertin: Diana Weis arbeitet als Professorin an der Business & Law School Berlin und lehrt dort Modejournalismus. Neben textilen Modephänomenen interessiert sie sich für Körpermoden und Schönheitsnormen, sie ist also genau die richtige Person für mich.

Warum heissen die Mom Jeans eigentlich Mom Jeans? Ich dachte bisher, dass es sich um Jeans handeln würde, in die (m)ein Mutterbauch hineinpasst, die bequem sind für Mütter in ihrem Alltag, also beim Gehen, Einkäufe schleppen, Kinder tragen, bücken, hinhocken, zur Kita hetzen und so weiter. Diana Weis klärt mich auf: Der Begriff stammt von Anfang der 1990er Jahre. Die Mom Jeans waren für die älteren Frauen, die nicht den neuen Trend der Lowrise Jeans mitmachen wollten.

Ein sensibler Bereich

«Eigentlich ist der Begriff ein abwertender. Wer will schon aussehen wie die eigene Mutter?» Diana Weis erklärt den Komfort der Hose: «Viele Frauen tragen gern Highwaist, weil man sich so gut verpackt fühlt. Es handelt sich dabei ja um einen sensiblen Bereich, den Bauch, zwischen Intimbereich und Bauchnabel.»

Die Rückkehr der Mom Jeans beobachtet die Modetheoretikerin seit fünf Jahren und sie erklärt sie durch den Trend der Ironie: «Man trägt jetzt Sachen, die man eigentlich uncool findet, Adiletten oder Birkenstock oder eben auch Mom Jeans.» Ein weiteres Argument für Mom Jeans: Sie sind bequem. (Also wenn man sie denn dann in der passenden Grösse findet.) «Seit der Pandemie legen Menschen mehr Wert darauf, wie sie sich in der Kleidung fühlen und nicht nur, wie sie darin aussehen», sagt Diana Weis. Eine bequeme Hose, klingt super. Aber warum ist es denn nun so schwierig, eine Hose für meinen Körper zu bekommen?

Ich erzähle Diana Weis von meinem Dazwischen-Problem: Zu schmal für die grossen Grössen, zu dick für die «normalen» Grössen. «Ein Inbetweenie!», ruft Diana Weis. Den Begriff kannte ich nicht und google ihn nach unserem Gespräch. Und tatsächlich gibt es einige Beiträge zu diesem Begriff und ja, er beschreibt Frauen mit meinem Körper. Wenn es einen Begriff für uns gibt, müsste es ja eigentlich auch Mode für uns geben, oder?

Über fünfzig Hosen – und keine hat gepasst

Nun ja, jein. Zwar gibt es Plus-Size-Linien, die Kleidung in Grösse 44 und 46 und grösser verkaufen. Die Schnitte passen aber meistens nicht zu meinem Körper. Body Positivity ist bei Mode in grossen Grössen noch nicht wirklich angekommen, das meiste sieht aus wie grosse Säcke, als sollten sich Menschen darin vor allem verstecken. Erst langsam verändert sich das, zu langsam für mich und meinen Körper. Passende Mom Jeans zu finden dauert jetzt schon mehrere Wochen.

Das Ergebnis meiner Suche nach den perfekten Mom Jeans ist niederschmetternd: Zu kurz, zu klein, nicht gut geschnitten. Ich hatte am Ende über fünfzig Hosen an und keine hat gepasst. Statt Mom Jeans habe ich allerdings andere Jeans gefunden. Hoher Schnitt, aber nicht rüeblihaft, sondern eher gerade geschnitten. Eine Freundin hatte sie mir angepriesen als «bequemste Jeans, die ich jemals getragen habe». Die Patch Pocket von Zara in Grösse 46 ist dann tatsächlich die einzige Hose, die mir wirklich gut passt. Und vielleicht ist das ja auch einfach die neue Definition von Mom Jeans: Jeans, in denen sich eine Mom wohlfühlt.

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