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Raumflüsterer: Architekt Andrea Benincasa über seine Wohnung in Zürich

Raumflüsterer: Architekt Andrea Benincasa über seine Wohnung in Zürich

Sein Name bedeutet nicht umsonst "Gut im Haus": Bei Architekt Andrea Benincasa bestimmt die Wohnung das Interior.

annabelle: Andrea Benincasa, wie haben Sie diese Wohnung gefunden?
Andrea Benincasa: Mit Glück und Hartnäckigkeit. Entdeckt habe ich sie 2018 während Open House Zurich, als das Gebäude nach der Sanierung für Besucher geöffnet war. Sechs Jahre später, als ich von Basel nach Zürich zog, war die Wohnung im obersten Stock ausgeschrieben. Leider wurde ich nicht zur Besichtigung eingeladen. Ich schrieb ein Mail, in dem ich erklärte, wie sehr mich Architektur und Geschichte des Gebäudes faszinierten – und es klappte. Ich nahm den nächsten Zug nach Zürich und unterschrieb den Mietvertrag auf der Stelle.

Was wissen Sie über die Geschichte der Wohnung?
Sie liegt in der Casa mondiale. Das Gebäude von Carl Dominik Burlet, das ursprünglich als «Seebähnli» bekannt wurde, ist ein Paradebeispiel für die modernistische Architektur der Nachkriegszeit. Man erkennt sie sofort an der Fassade aus emaillierten Glasplatten, markanten Bändern und auskragenden Dachplatten.

Was lieben Sie am meisten an Ihrem Zuhause?
Das Licht. Ich bin in Palermo aufgewachsen, brauche Tageslicht. Die grossen Fenster fluten die Wohnung damit. Aber die magischsten Momente erlebt man an Sommerabenden. Während der Sonnenuntergänge strömt das Licht dramatisch in die Wohnung, taucht die Wände in Gelb-, Orange-, Violetttöne. Ein Spektakel, an das ich mich nie gewöhnen werde. Bis heute unterbreche ich alles, was ich gerade tue, um es zu beobachten.

Was an der Wohnung haben Sie verändert?
Nichts – das Gebäude ist denkmalgeschützt.

Ihr Einrichtungsstil in einem Wort?
Architektonisch. Ich schätze klare Geometrien und starke Proportionen.

Drei persönliche Einrichtungstipps?
Erstens: Frag nicht: Was gefällt mir? Sondern: Was braucht dieser Ort? Jede Wohnung hat ihren eigenen Charakter, ihre eigene Atmosphäre. Richte dich nach ihrer Architektur, anstatt ihr deinen Stil aufzuzwingen. Zweitens: Richte dein Zuhause nie ganz fertig ein, lasse Platz für Neues. Drittens: Kauf bei Auktionen. Dort findest du Dinge, die du nie gesucht hast – und die genau das sind, was noch gefehlt hat.

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Wo finden Sie Inspiration?
Bei den italienischen Design-Ikonen Carlo Scarpa, Nanda Vigo, Vico Magistretti und Gae Aulenti. Ausserdem inspiriert mich, wie unterschiedlich Menschen wohnen. Als Kind habe ich nach Besuchen bei Freund die Grundrisse ihrer Wohnungen Raum für Raum aus dem Gedächtnis nachgezeichnet.

An welche Häuser und Wohnungen müssen Sie immerzu denken?
An das Wohn- und Atelierhaus von Donald Judd in New York. Die Küche war gefüllt mit alter sizilianischer Keramik, die Judd auf einem Trip nach Sizilien gekauft hatte. Der Kontrast zwischen seinem radikalen Minimalismus und der Handwerkskunst dieser Objekte, wow.

Wie beeinflusst Ihre Arbeit als Architekt und Bauherrenberater Ihren Wohnstil?
Sie hat mich gelehrt, jenen Dingen Beachtung zu schenken, die schon da sind. Es interessiert mich nicht, einen Raum zu dekorieren, ich möchte ihn komponieren: Will seine Proportionen verstehen, die Materialien, das Licht – und ihn dann um die passenden Elemente ergänzen, um seinen Charakter hervorzuheben.

Welchen Einfluss hat Ihr Zuhause auf Ihre Arbeit?
Die Aufgeräumtheit der Wohnung hilft mir, den Kopf freizubekommen. Ihre Ruhe, zu fokus sieren. Das mag ich an der Wohnung: Sie braucht nicht ständig deine Aufmerksamkeit. Sie gibt dir Raum zum Denken.

Was tun Sie zuerst, wenn Sie nachhause kommen?
Alle Fenster öffnen, egal zu welcher Jahreszeit. Man kann die Wohnung toll querlüften. Ausserdem liebe ich die Schwingfenster aus den Fünfzigern, sie haben eine unglaubliche Präsenz. Das Öffnen – die sanfte Geste des Drückens und Drehens – fühlt sich vertraut an: Unsere Wohnung in Palermo hatte ähnliche Fenster mit dem exakt selben Schwenkmechanismus.

Welcher ist Ihr Lieblingsplatz in der Wohnung?
Die Küche. Sie hat ihren ursprünglichen Charakter am stärksten bewahrt. Die Einbauschränke wurden während der Renovation restauriert, die Geräte fürs moderne Leben erneuert. Manchmal frage ich mich, wie viele Menschen diese Schränke und Schubladen vor mir benutzt haben, was sie in den letzten 66 Jahren darin aufbewahrt haben. Ich mag den Gedanken, Teil einer grösseren Geschichte zu sein.

Ihr Lieblingskunstwerk?
Ein Ensemble: Ein Ölgemälde des sizilianischen Künstlers Giacomo Failla – ein Geschenk meiner Eltern zu meinem Dreissigsten – neben einer Skulptur von Federico Stefanovich, die ich beim Zürcher Basalto Collective gefunden habe. Sie stehen auf einem schwarzen Sideboard von Giotto Stoppino aus den Siebzigern.

Haben Sie etwas geerbt?
Die zwei weissen Regiestühle vor meinem Bett gehörten meinem Vater. In seiner ersten eigenen Wohnung standen sie in fast exakt derselben Weise vor seinem Bett. Ausserdem Glasvasen und Keramik von meinen Grosseltern. Ihr ursprüngliches Zuhause in Palermo wurde im Zweiten Weltkrieg bombardiert, ihr neues war darum entsprechend modern, möbliert mit Stücken aus den Fünfzigern und Sechzigern. Definitiv nicht das, was man sich unter dem Haus einer sizilianischen Grossmutter vorstellt.

Was wird man in Ihrem Zuhause niemals finden?
Nützliche Dinge. Irgendwie schaffe ich es immer, Platz für eine weitere Vase zu finden, aber nie das, was ich im Alltag wirklich brauche. Ich bin mir immer noch nicht sicher, wo in meiner Wohnung ich nach dem Duschen mein nasses Handtuch aufhängen soll.

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Verraten Sie uns einen Fehlkauf?
Ich habe drei Kopfteile für mein Bett gekauft und wieder verkauft, bevor ich akzeptieren musste, dass ich nicht das finden würde, was ich mir vorgestellt hatte. Ich habe es schlussendlich selbst gebaut. Aus Aluminium mit einer versteckten Ablage für Bücher auf der Rückseite.

Es ist nicht das einzige Stück, das Sie selbst designt und gebaut haben.
Auch den Coffee Table aus Stahlträgern – Materialreste von Baustellen verschiedener Projekte, an denen ich gearbeitet habe. Ausserdem den grossen gelben Kreis an der Wand. Er ist inspiriert von den farbigen Paneelen, die Carlo Scarpa in seinen Museumsinstallationen häufig als Hintergrund für seine Kunstwerke verwendete.

Wovon träumen Sie noch?
Oft frage ich mich, wie diese – und jede – Wohnung im Laufe der Jahre von den verschiedenen Bewohner interpretiert wurde. Ich habe diesen nerdigen Traum eines Büchleins, in dem all diese Leben und Veränderungen festgehalten werden. Wie in einem Gipfelbuch, in dem sich Bergsteiger verewigen. Die Fotos in diesem Artikel könnten ein weiterer Eintrag in diesem imaginären Büchlein sein – eine Momentaufnahme davon, wie ich in dieser Wohnung gelebt habe, in diesem spezifischen Moment ihrer Geschichte.

Zur Person

Andrea Benincasa (34) wuchs in Palermo auf, arbeitete sieben Jahre für das Basler Architekturbüro Christ & Gantenbein und ist heute Architekt und Bauherrenvertreter. Seit zwei Jahren lebt er in seiner Mietwohnung in Zürich Wiedikon – im denkmalgeschützten ehemaligen «Seebähnli».
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