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Wie ist es eigentlich, wenn das halbe Leben wie gelöscht ist?

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Wie ist es eigentlich, wenn das halbe Leben wie gelöscht ist?

  • Aufgezeichnet von Barbara LoopBild: SXC

Ueli Zahnd (35), Hilfsmetallbauschlosser, Düdingen FR

Ich steige auf den Traktor. Auf der anderen Seite der Gleise winkt mir ein Bekannter, ich fahre los – da rast der Zug heran. Mit Verspätung und neunzig Sachen. So steht es im Polizeirapport. Ich erinnere mich nicht. 17 Jahre war ich alt. 17 Jahre, an die ich keine Erinnerung mehr habe. Gemäss Polizeifoto ist vom Traktor fast nichts übrig geblieben. Ich machte damals die Bauernlehre. Auf einem Hof im freiburgischen Belfaux. Gleich neben dem unbewachten Bahnübergang.

Vier Wochen nach dem Unfall erwachte ich aus dem Koma. Ich wusste nicht, wo ich war. Sie fassten mich an. Ich war nackt. Ich dachte: Was ist passiert? Und: Ich kann nicht mehr. Aber sagen konnte ich nichts. Meine Zunge war gelähmt, mein rechtes Bein und der rechte Arm auch. Schädel-Hirn-Trauma. Die Ärzte mussten ein Stück des Schädels entfernen, weil das Hirn angeschwollen war. Die Stelle am Kopf kann man heute noch fühlen. Meine Mutter sass jeden Tag an meinem Krankenbett, umarmte mich. Ich kann nicht sagen, ob ich sie sofort wiedererkannt habe. Aber sie ist halt meine Mutter. Das spürt man, auch wenn man es im Grunde gar nicht mehr so genau weiss.

Freunde und Verwandte waren Fremde. Sie brachten Fotos mit, erzählten von früher. Wer mich besuchte, schrieb seinen Namen in ein Buch, mit Datum und einem persönlichen Satz. Wenn ich das Buch heute anschaue, erinnere ich mich an die Zeit im Spital, an die vielen Menschen, die mir Mut machten. Ihnen gehört mein ganzer Dank. Aber ich kann auch herauslesen, was für ein Mensch ich war, vor dem Unfall. Unter den Kindern sei ich der King gewesen im Dorf. Ich hätte gut Fussball gespielt, viele Freunde gehabt und viel Seich im Kopf. So was erzählten sie mir. Ich bin nicht sicher, ob alles stimmt. Die Menschen dichten gern etwas dazu. Den Eltern und Geschwistern vertraue ich. Aber alles können sie nicht wissen. Deshalb will ich den Leuten glauben, muss ihnen glauben; ich brauche eine Geschichte, eine Vergangenheit. Ich habe im Grunde keine Wahl.

Klar, es ist unangenehm, wenn alle anderen mehr über einen wissen als man selbst. Und ja, ich habe auch Angst, dass da noch Leichen im Keller liegen, von denen ich nichts weiss. Blödsinn, den man gebaut hat. Und: Frauengeschichten, an die man sich nicht erinnern kann. Im Spital hat mich eine Frau besucht. Ich wusste nicht, wer sie war. «Ich bin deine Freundin», sagte sie. Ich war erstaunt. Eines Tages fragte ich sie, ob wir schon einmal Sex gehabt hätten. Ich hatte ja keine Ahnung.

Nach dem Unfall heimzukehren nach Guggisberg, war schwierig. Ich erkannte meine Heimat nicht wieder. Ich wusste nicht mehr, wo ich aufgewachsen und wo ich zur Schule gegangen bin. Auch an mein Kinderzimmer hatte ich keinerlei Erinnerung mehr. Da standen all die Pokale und Medaillen. Ich fragte meinen Vater, wer denn der Schwinger in der Familie sei. «Du», sagte er. Die Erinnerung an diese Erfolge hätte ich gern zurück.

Ich weiss nicht, wie es sich anfühlt, ein Kind zu sein. Ich habe Kinder sehr gern und will selber welche haben. Aber ich habe Angst, dass ich kein guter Vater mehr sein kann. So ganz ohne Kindheitserinnerung. Vieles von dem, was ich in der Schule gelernt hatte, habe ich vergessen. Schreiben konnte ich noch nach dem Unfall, aber all mein Wissen über Geschichte oder Geografie ist weg. Meinen eigenen Kindern werde ich da in der Schule nicht mehr helfen können.

Seit kurzem wohne ich mit meiner Freundin hier in Düdingen direkt an der Bahnlinie. Dauernd rattern Züge vorbei. Hätte ich meine Erinnerung nicht verloren, würde ich wohl mit jedem Zug wieder den Unfall vor Augen haben. Ein Unfall, der die Hälfte meiner Lebensgeschichte ausgelöscht hat. Das wäre furchtbar. Mit dieser Erinnerung könnte ich hier, an diesem Ort, nicht leben.

Infos für hirnverletzte Menschen und deren Angehörige: www.fragile.ch

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