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Der Zürcher Gabriel De Fries kreiert extravagante Haar-Looks für die Paris Fashion Week

Der Zürcher Gabriel De Fries kreiert extravagante Haar-Looks für die Paris Fashion Week

99 Models, weniger als vier Stunden: Der Schweizer Hairstylist Gabriel De Fries verantwortet die extravaganten Haar-Looks bei Matières Fécales. Wir trafen ihn backstage an der Paris Fashion Week – zwischen bodenlangen Perücken und frischen Jasminblüten.

Wer kennt ihn nicht, den Blick in den Spiegel nach dem Coiffeurbesuch: «Bin das ich?» Zu hoch toupiert, zu kurzer Pony, falsch gelegter Scheitel, zu viel Gel im Haar. Wenn man beim falschen Friseur war, hilft nur noch, das Haar schnellstmöglich zu waschen und zu hoffen, dass es schnell wieder nachwächst. Oder, wenn man den Herbst/Winter-Looks auf den Laufstegen Glauben schenken darf, ein frecher Hut.

Anders ist es jedoch, wenn jemand sein Handwerk richtig gut beherrscht. Gabriel De Fries, geboren in San Salvador und aufgewachsen in Zürich, hat nach seiner Coiffeur-Ausbildung schnell gemerkt, dass seine Ambitionen über den Friseursalon hinausgingen. Ihn zog es dorthin, wo Haare Teil einer grösseren Inszenierung werden.

Heute arbeitet De Fries für internationale Marken wie Jacquemus, Nike und Panconesi und verantwortet als Lead Hairstylist die Haar-Looks der Pariser Avantgarde-Marke Matières Fécales, zu Deutsch «Fäkalien». Gegründet wurde das Label 2014 in Montreal von Hannah Rose Dalton und Steven Raj Bhaskaran.

Der Name könnte kaum stärker im Widerspruch zur modischen Upperclass stehen – und genau damit spielen die Designer:innen. Sie greifen Referenzen aus der oft verstaubten Modebranche auf, brechen und verbinden sie mit aussergewöhnlicher Handwerkskunst.

Seit 2024 präsentieren sie ihre Kollektionen erfolgreich in Paris. Eine wachsende Anhängerschaft und der Support grosser Namen, darunter Rick Owens, Michèle Lamy, Nick Knight und nun auch Rihanna, die am Montagabend die Show für Frühjahr/Sommer 2027 besuchte, zeigen, wie stark die Aufmerksamkeit für das Label inzwischen gewachsen ist.

Die Show fand am Place de la République statt, einem zentralen Ort in Paris. In seiner Mitte thront Marianne, Symbolfigur der Französischen Republik. Viele Demonstrationen beginnen hier, Menschen versammeln sich, um für Freiheit und Gerechtigkeit zu protestieren. Auch die Show an diesem Montagabend verstand sich als Statement. Als Aufruf. Vielleicht sogar als Zeichen gegen die alten Hierarchien der Mode.

Wir haben Gabriel De Fries backstage bei der Modenschau getroffen und mit ihm über Inspiration, Haartechniken, Lieblingsprodukte und die Frage gesprochen, was Beauty heute überhaupt noch bedeutet.

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annabelle: Gabriel De Fries, Sie sind Schweizer. Wie sind Sie überhaupt dort gelandet, wo Sie heute arbeiten: backstage bei internationalen Fashion Shows?
Gabriel De Fries: Es gibt als Hairstylist keinen vorgefertigten Weg in die Welt der Mode. Keine klassische Ausbildung, die einem diese Karriere ermöglicht. Ich bin gelernter Friseur und habe sieben Jahre im Salon gearbeitet, bevor ich mit 22 Jahren zum ersten Mal auf einer Fashion Week war. Nach diesem einzigartigen Monat, der mich von New York über London und Mailand bis nach Paris führte, wusste ich, dass ich mein Zuhause gefunden hatte. Rückblickend glaube ich, dass es vor allem meine Bereitschaft war, jede professionelle Möglichkeit mit offenen Armen anzunehmen. Auch wenn das bedeutet, im Urlaub zu arbeiten, über Monate keinen einzigen freien Tag zu haben oder in eine neue Stadt zu ziehen, ohne die Sicherheit oder Gewissheit, dort tatsächlich Fuss fassen zu können.

Wie haben Sie Hannah Rose Dalton und Steven Raj Bhaskaran von Matières Fécales kennengelernt, und was verbindet Sie?
Wir sind alle ungefähr zur selben Zeit nach Paris gezogen, im Sommer 2021. Durch einen gemeinsamen Freund, der bereits zuvor mit den beiden gearbeitet hatte, bekam ich die Möglichkeit, Hannah und Steven am Set für ein französisches Magazin kennenzulernen. In Paris Fuss zu fassen, war nicht einfach. Die Zusammenarbeit mit Hannah und Steven hat sich jedoch von Anfang an sehr organisch und menschlich angefühlt. Das verbindet uns: Der Mensch kommt immer zuerst.

Wer entscheidet eigentlich, wie ein Beauty-Look für eine Show aussieht? Und wie früh im Prozess beginnt diese Zusammenarbeit?
Wenn man als Hair- oder Make-up-Artist mit einem Modehaus zusammenarbeitet, betritt man eine eigene Welt, die in ihrer Ästhetik meist bereits sehr stark in eine bestimmte Richtung geht. Man muss beobachten, verstehen und lernen. Die Codes des Hauses studieren. Jede:r Designer:in bringt eine eigene Vision, eine Grundidee oder eine Inspiration mit, die sich durch die gesamte Show zieht. Im Fall von Matières Fécales hatten wir vor der ersten Show 2024 ein Meeting, in dem Steven bereits seine Ideen für alle vier folgenden Shows vorstellte. Für das Hairstyling gibt es dabei immer einen bestimmten Look oder eine Idee, von der ich ausgehe. Meine Aufgabe ist es, diese Idee technisch zu verfeinern, weiterzuentwickeln und in die richtige Form zu bringen, sodass sie sich nahtlos in die Welt des Labels einfügt.

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"Einzigartigkeit zelebrieren – das bedeutet Beauty für mich heute"

Die SS27-Kollektion von Matières Fécales spielt mit wichtigen Themen aus Steven Raj Bhaskarans Leben: Herkunft, Identität und Religion. Auf dem Laufsteg entstand ein Dialog zwischen seiner Vergangenheit und einer neu gefundenen Freiheit. Was war Ihr persönlicher Zugang zu dieser Kollektion und ihrem Beauty-Look?
Nach den letzten drei Saisons war die Show am Montagabend ein grosser Full-Circle-Moment für mich. Das Ende der ersten Etappe von Matières Fécales als Marke und gleichzeitig der Beginn von etwas Neuem. Die Looks, die wir geschaffen haben, waren fast wie ein Gedicht: viele unterschiedliche Elemente, die zusammen eine gemeinsame Sprache ergaben. Mich beeindruckt immer wieder, wie eine Show eine neue Vorstellung von Schönheit formulieren kann. Nicht als Trend oder mit Fokus auf den Verkauf von Produkten, sondern als Möglichkeit, Menschen so wahrzunehmen, wie sie sind, und die Schönheit in ihrer Individualität zu erkennen. Wir alle sind einzigartig. Diese Individualität wird von allen, die mit Matières Fécales arbeiten, nicht versteckt, sondern zelebriert. Das bedeutet Beauty für mich heute.

Matières Fécales arbeitet mit extravaganten Materialien, dramatischen Silhouetten, starkem Make-up und SFX-Prothesen. Wie schaffen Sie es, dass das Hairstyling Teil dieser visuellen Welt wird, ohne darin unterzugehen?
Die Vision kommt von der Brand selbst. Jeder Teil der Show – Haare, Hüte, Casting, Musik – bekommt die gleiche Aufmerksamkeit und Bedeutung. Wir versuchen, die Looks, die wir kreieren, nicht nur als ästhetische Elemente zu verstehen, sondern ihnen eine Botschaft mitzugeben. In diesem Fall waren es beispielsweise die Perücken, die so lang waren, dass sie über den Boden schleiften, oder die traditionellen indischen Jasminblüten, die am Morgen der Show handgemacht angeliefert wurden. Haar ist ein kulturell unglaublich stark verankertes Element. Es greift religiöse, aber auch kulturelle Referenzen auf. Insbesondere langes, volles Haar, wie wir es bei der Show zeigten. Zu verstehen, wann ein solcher Look seine Kraft entfaltet und wann es wichtiger ist, ein Model mit seinem natürlichen Haar auf den Laufsteg zu schicken, ist entscheidend. Letztendlich geht es um die Frage, was man mit einem Look erzählen will, und darum, den Menschen ins Zentrum der Erzählung zu stellen.

Wie sieht ein Showtag für Sie aus? Von der Ankunft backstage bis zu dem Moment, in dem das erste Model den Runway betritt?
Am eigentlichen Showtag war die meiste Arbeit bereits getan. In der Woche davor hatten mein Team und ich in meinem Studio Perücken genäht, Extensions vorbereitet und in den Haarshops von Paris nach den richtigen Komponenten für den Look gesucht. Am Morgen der Show fuhren wir zu viert im Van zum Place de la République. Die Strassen waren bereits abgesperrt, der Verkehr stand still. Mit rund 350 Produkten und allen Perücken im Gepäck kamen wir backstage an. Gemeinsam mit 40 Assistent:innen, zwei Sponsoren sowie einem Video- und Fototeam machten wir uns bereit für die Models. Sami, meine Backstage-Producerin, koordinierte das Team und war in diesen stressigen Stunden eine unglaubliche Unterstützung. Nachdem ich alle gebrieft hatte, begann der Marathon: 99 Models in weniger als vier Stunden zu frisieren. Von da an bis weit nach Mitternacht, als Fotograf Toby Stampfli die letzten Backstage-Bilder machte, befand man sich in einem Trancezustand und funktionierte einfach nur noch. All das war nur mit einem eingeschworenen Team und der Leistung jedes Einzelnen möglich. Für einen halben Tag schien die ganze Welt stillzustehen.

Wenn Sie diese Saison durch die Backstage-Bereiche gehen: Welche Beauty-Trends oder Ideen begegnen Ihnen immer wieder?
Ich glaube, dass die letzten Saisons stark von Natürlichkeit und Zurückhaltung geprägt waren. «Quiet Luxury» war sehr präsent, auch im Beauty-Bereich. Im Moment spürt man aber eine Gegenbewegung: mehr Länge, mehr Volumen, mehr Inszenierung. Ich könnte mir deshalb gut vorstellen, dass sehr langes Haar in den kommenden Monaten wieder stärker zurückkommt. Matières Fécales steht für genau diese Radikalität. Die Marke ist noch jung und nimmt trotzdem bereits viel Raum innerhalb der Fashion Week ein. Vielleicht liegt darin auch eine Sehnsucht der Mode im Moment: wieder mutiger zu sein, stärker zu überzeichnen und nicht alles möglichst leise zu erzählen.

Der Undone-Look ist seit einigen Saisons zurück auf dem Laufsteg: ungekämmte Locken, strohige Spitzen, bewusst unperfektes Haar. Wie sehen Sie diesen Look, und wann wirkt er wirklich natürlich?
Ich glaube, dass der «Undone Done»-Look, wenn er richtig gestylt wird, unglaublich gut funktionieren kann, besonders für Fotoshootings oder auf dem Laufsteg, aber auch im Alltag. Am schönsten und natürlichsten wird das Haar für mich dann, wenn man nicht versucht, gegen seine Beschaffenheit zu arbeiten, sondern mit der vorhandenen Textur und den richtigen Produkten ein harmonisches Ergebnis zu schaffen.

Welche Produkte, Techniken oder Texturen funktionieren backstage genauso gut wie im Alltag?
Je unkomplizierter, desto besser. Ich arbeite gerne mit Produkten, die das Haar unterstützen, anstatt zu versuchen, es komplett zu verändern. Gute Textur, etwas Halt und ein natürliches Finish reichen oft schon aus. Dabei arbeite ich viel mit Überliss und As I Am. Gerade wenn wenig Zeit ist, brauche ich Produkte, auf die ich mich verlassen kann. Produkte und Tools, die sofort funktionieren und mehrere Styling-Optionen miteinander kombinieren.

Sie haben eine klassische Coiffeur-Ausbildung gemacht. Gibt es Techniken oder Prinzipien aus dieser Zeit, die Sie heute noch genauso anwenden?
Jede einzelne Erfahrung, die ich im Friseursalon gemacht habe, hat mich etwas gelehrt. Im Friseurhandwerk lernt man niemals wirklich aus. Die unzähligen Wiederholungen jeder einzelnen Technik, der tägliche Umgang mit Werkzeugen und Materialien schärfen das Auge. Die Erfahrungen, die man über Jahre sammelt, geben einem eine Sicherheit, die irgendwann fast instinktiv wird. Aber irgendwann stellt sich eine andere Frage: Was ist wichtiger, technische Perfektion oder visuelle Stimulation? Ästhetik und Geschmack lassen sich nur schwer erklären. Oft versteht man selbst nicht vollständig, warum etwas funktioniert. Man spürt es, und auf dieses Gefühl muss man vertrauen.

Gibt es etwas typisch Schweizerisches in Ihrer Art zu arbeiten?
Ich bin wahrscheinlich ziemlich schweizerisch, wenn es um Präzision und Verlässlichkeit geht. Ich mag es, wenn Dinge funktionieren und man sich aufeinander verlassen kann. Gleichzeitig habe ich gelernt, dass gerade in der Mode nicht immer alles nach Plan läuft und man damit rechnen muss, dass irgendetwas schiefläuft. Der richtige Umgang damit ist das Wichtigste: nicht die Fassung zu verlieren und auf sein Können zu vertrauen. Was ich aus der Schweiz mitgenommen habe, ist vielleicht diese Mischung: sehr genau arbeiten, aber nicht zu viel darüber reden. Am Ende soll die Arbeit für sich sprechen. Gerade in einer Branche, in der sich so viel um Persönlichkeit, Kreativität, aber auch um grosse Egos dreht, finde ich es hilfreich, einfach einen guten Job zu machen und für andere ein verlässlicher Partner zu sein.

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