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Corona-Wendepunkte: «Long Covid bringt meinen Körper ans Limit»

Gesundheit

Corona-Wendepunkte: «Long Covid bringt meinen Körper ans Limit»

Diese Woche erzählen fünf Menschen, wie die Corona-Pandemie ihr Leben auf den Kopf gestellt hat. Silvana Tortorella (49) leidet seit ihrer Infektion an Long Covid.

Nie hatte ich mir Sorgen darüber gemacht, dass mir Covid ernsthaft etwas anhaben könnte. Ich hatte keine Vorerkrankungen, war körperlich fit, arbeitete als Pflegefachfrau in einem Akutspital. Als meine Abteilung zur Corona-Station umfunktioniert werden sollte und mich die Stationsleiterin fragte, ob das in Ordnung für mich sei, grinste ich sie an und sagte: «Ich freue mich darauf, ich finde es sogar spannend. Ich bin gesund, selbst wenn ich mich anstecken würde, hätte ich wohl einen leichten Verlauf.»

Ich sollte sogar Recht bekommen: Nach meiner Ansteckung im November letzten Jahres hatte ich tatsächlich einen milden Verlauf, nur leichtes Fieber und Muskelschmerzen. Doch danach kam ich nicht mehr in die Gänge. Zwar begann ich nach drei Wochen wieder fünfzig Prozent zu arbeiten – aber es ging jeden Tag ein bisschen schlechter. Die Covid-Symptome traten erneut auf, teils noch schlimmer als zuvor: Ich hatte Thoraxschmerzen und schnaufte zeitweise wie ein Walross.

Keine offizielle Krankheit

Irgendwann hörte ich von einer Long-Covid- Sprechstunde am Unispital Zürich und meldete mich an, die Wartezeit betrug einen Monat. Long Covid scheint ein postvirales Syndrom zu sein, ähnlich wie das postvirale Chronic-Fatigue-Syndrom, auch ME/ CFS genannt. Es gibt derzeit aber kaum Ärzt:innen, die die Diagnose Long Covid stellen, denn das Syndrom gilt noch nicht offiziell als Krankheit. So beschränkte man sich bei mir denn auch darauf, andere Ursachen auszuschliessen: Herzultraschall, CT, Lungenfunktionstest – alles war in Ordnung. Die Diagnose lautete schliesslich: Persistierende Müdigkeit und Leistungseinbruch, am ehesten im Rahmen der Virusinfektion.

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Was mich am meisten frustriert, sind die kognitiven Einbussen. Ich habe mich immer auf meine rasche Auffassungsgabe verlassen können, nie etwas vergessen, habe auf der Station problemlos bis zu fünfzehn Betten auf einmal im Auge gehabt. Und nun kann mich schon ein vorbeifliegender Vogel so durcheinanderbringen, dass ich kaum mehr weiss, wo ich bin. Zudem fällt es mir schwer, mich zu fokussieren. Ich erwische mich dabei, dass ich immer wieder denselben Satz lese, ohne ihn zu verstehen.

Wenn der Körper am Limit ist

Im Mai absolvierte ich einen Sechs-Minuten-Gehtest. Das war ein Fehler. Sechs Stunden später war es, als hätte ich mich neu infiziert. Ich fröstelte, hatte Kopf- und Gliederschmerzen, mir war übel. Davon habe ich mich bis heute nicht erholt. Ich, die früher so fit gewesen war, schaffe es kaum noch, die 500 Meter zwischen Haustür und Bushaltestelle zurückzulegen. Inzwischen ist mein Körper gar so am Limit, dass ich mich täglich entscheiden muss, ob ich mir die Haare waschen oder etwas essen soll. Für beides reicht meine Energie fast nicht mehr aus.

Nun setze ich meine Hoffnung auf eine Rehabilitation, die auf Long-Covid-Betroffene zugeschnitten ist. Es geht darum, wieder zu lernen, meinen Energiehaushalt zu managen, die Energiereserven, die mir zur Verfügung stehen, bewusst einzuteilen. «Pacing» nennt sich das. Ich will alles daransetzen, ins alte Leben zurückzufinden, wieder leistungsfähig zu werden, geistig wie körperlich. Ich weigere mich, die Vorstellung von mir selbst aufzugeben – von mir, wie ich vor der Erkrankung war. Quälende Was-ist-wenn- Gedankenschlaufen, die schiebe ich weit von mir weg.

 

Am Freitag erzählt Rattigand Kraisri (19) davon, wie sie ihre Lehre im Hotel begann – und nun in einer psychiatrischen Klinik beendet.

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