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Expertinnenrat: 12 Fragen an Dermatologin Yael Adler

Gesundheit

Expertinnenrat: 12 Fragen an Dermatologin Yael Adler

  • Text: Marie Hettich
  • Bild: Thomas Duffé

Botox, Akne, Anti-Aging: Dieses Mal beantwortet Dermatologin Yael Adler im «Expertinnenrat» Leserinnen-Fragen rund ums Thema Haut.

1. Warum habe ich mit dreissig immer noch Pickel im Gesicht?

Erwachsenenakne kann verschiedene Ursachen haben. Eine davon ist die Ernährung: Kuhmilch, Zucker, Weissmehl und Fastfood stimulieren die Talgdrüsen. Auch das Rauchen von Marihuana oder Eiweiss-Shakes kann Pickel verursachen. Ausserdem enthalten der Verhütungsring, die Hormonspirale sowie einige Pillen das Gelbkörperhormon Levonorgestrel, das ebenfalls Akne begünstigen kann. Als dritte häufige Ursache gilt die sogenannte Kosmetikakne. Vor allem Frauen neigen dazu, ihre Haut zu überpflegen. Gerade bei Naturkosmetik muss man aufpassen – die ist oft sehr fettig. Meine Patientinnen sind immer wieder erstaunt, wie sich ihr Hautbild verändert, sobald sie mal ein paar Wochen lang auf all die verschiedenen Waschsubstanzen, Tonics, Cremes und Masken verzichten.

2. Was hilft bei grossen Poren und Mitessern?

Grosse Poren und Mitesser sind die Vorstufe von Akne – deshalb gilt hier dasselbe wie bei Punkt 1. Wenn die Poren schon regelrecht ausgeleiert sind, kann eine Laserbehandlung helfen. Die Strahlen erhitzen und zerstören punktuell kollagenes Bindegewebe, was zur Folge hat, dass sich dieses  repariert. Ausserdem gibt es gute Akne-Tabletten, welche den Vitamin-A-Säure-Abkömmling Isotretinoin enthalten. Auch Retinol kann eine porenverfeinernde Wirkung haben, wenn auch nur minimal. Alles, was man oberflächlich aufträgt, kommt eben nicht so richtig da an, wo man es eigentlich bräuchte – nämlich in der zweiten Hautschicht, der Lederhaut. Bei Mitessern, die aufgrund verhornter Poren entstehen, kann Fruchtsäure helfen oder das Auftragen von Isotretinoin oder Adapalen.

3. Benötigen wir bei normaler Haut überhaupt Pflege?

Wenn die Haut gesund ist, braucht sie tatsächlich nichts ausser warmem Wasser und einem Handtuch. Ich empfehle, auf Waschgel zu verzichten, weil selbst milde Produkte die Hautbarriere angreifen und die Haut austrocknen. Das gilt auch bei Make-up: Lieber man geht mit ein paar verbleibenden Make-up-Partikeln auf der Haut ins Bett, als dass man so lang mit irgendwelchen alkoholhaltigen Reinigungsmitteln rumschrubbt, bis auf dem Wattepad nichts mehr zu sehen ist. Auch für die Körperreinigung reicht Wasser aus – wer eine Waschsubstanz nutzen will, greift seifenfrei zu milden Zucker- oder Kokostensiden, am besten ohne Farb-, Duft- und Konservierungsstoffe. Eincrèmen würde ich Gesicht und Körper nur punktuell, also dort, wo die Haut trocken ist und spannt. Bei fettiger Haut braucht es meistens gar nichts – das eigene Körperfett ersetzt die Crème. Ich benutze für meine trockenen Stellen am liebsten pure, unpasteurisierte Sheabutter aus Westfrika – die Fette ähneln unseren eigenen Hautfetten. Bei Problemhaut kann ich medizinische Dermamembranstruktur-Crèmes sehr empfehlen. Die sind exzellent verträglich und eignen sich gut für Menschen mit Akne, Schuppenflechte, Neurodermitis oder Rosacea.

4. Können Nahrungsergänzungsmittel die Haut verbessern?

Ja! Meist hilft gar nicht unbedingt das, was man draufcrèmt, sondern das, was man isst und einnimmt – weil Haut, Haare, Nägel nun mal von innen heraus entstehen. Es ist ein Wunder, wie viele Menschen heilen, wenn ihre Mikronährstoff-Mängel aufgefüllt werden – ob bei Schlafproblemen, Haarausfall oder Pickeln. Ganz generell ist es sinnvoll, ab und zu das Blut checken zu lassen. Unsere Nahrung ist heute oft nicht mehr reichhaltig – Selen ist beispielsweise zu wenig in unserer Nahrung enthalten, was an der weniger selenhaltigen Erde liegt, in der die Pflanzen heute wachsen. Auch Eisen hat viel mit dem Hautbild zu tun: Gerade Frauen leiden aufgrund ihrer Menstruation oft an Eisenmangel – und ihr Hautbild verbessert sich deutlich, sobald sie diesen ausgleichen. Selen, Zink, Jodid, Omega-3-Fettsäuren und bis zu 1000 Einheiten Vitamin D können auch ohne attestierten Mangel eingenommen werden – alles andere muss abgecheckt werden. Wer Vitamin B12 ohne Mangel einnimmt, riskiert beispielsweise Pickel. Noch ein Tipp: Bei Hautproblemen unbedingt die Schilddrüse untersuchen lassen – das hängt oftmals zusammen.

5. Hat die Darmgesundheit einen Einfluss auf die Haut?

Einen sehr grossen sogar. In einer schlappen Darmflora können Mikronährstoffe schlecht aus dem Speisebrei herausgelöst werden. Auch wenn man sich ausgewogen ernährt, kann es so zu Mängeln im Blut kommen, was zu allen möglichen Hautproblemen führen kann. Die Hautkrankheit Rosacea hängt beispielsweise sehr eng mit der Darmgesundheit zusammen. Wichtig sind lösliche Ballaststoffe, wie sie beispielsweise in der Schale von Äpfeln, in Spargeln, bitteren Salaten oder Melonen vorkommen. Akazienfasern sind auch super. Zudem ist probiotische, lebendige Nahrung wichtig, weil sie Bakterien enthält, die die Darmflora stärken – also beispielsweise Kimchi, unpasteurisiertes Sauerkraut oder original griechisches Joghurt. In der Apotheke gibt es auch probiotische Kuren, um die Darmflora zu stärken.

6. Was taugen diese Schönheitskapseln, die gerade überall beworben werden?

Anti-Aging von innen funktioniert tatsächlich gut – Crèmes mit Hyaluronsäure oder Glycerin bringen da höchstens einen kurzen Aufpolsterungseffekt. Allerdings beäuge ich manches auch kritisch. Zurzeit trendet auf Tiktok beispielsweise die Einnahme von Chlorophyll-Tabletten. Da ist was dran – allerdings nimmt man das Chlorophyll doch lieber auf natürlichem Weg mit Kräutern, Algen und Gemüse zu sich und profitiert so noch von unzähligen weiteren Nährstoffen. Bunte Pflanzenkost ist ein super Anti-Aging-Mittel! Ich trinke auch sehr gern Matchapulvertee – da ist Chlorophyll drin, aber eben gleichzeitig auch noch viele Mineralien und Vitamine. Collagen-Ampullen scheinen das Hautbild auf Dauer tatsächlich ein wenig zu straffen. Oder aber man trinkt regelmässig Brühe mit 12 Stunden ausgekochten Knochen nach Omas Art – die enthält ebenfalls Hyaluron und Collagen. Auch empfehlen kann ich ein tägliches Glas Rüeblisaft mit einem Tropfen Öl. Durch das Beta-Carotin wird die Haut leicht orange. Sie bekommt einen sehr natürlichen, gesunden Glow und Menschen wirken so attraktiver – das haben sogar Studien gezeigt. Zudem wird die Haut besser vor Sonneneinstrahlung geschützt.

7. Schützt Tagescrème mit LSF ausreichend vor der Sonne?

Es ist ein Märchen, dass Tagescrème mit Lichtschutzfaktor und Sonnencrème zwei verschiedene Dinge sind. Beides sind Crèmes mit Lichtschutzfaktor – ganz simpel! Dementsprechend wenig Sinn macht es auch, sich beides ins Gesicht zu schmieren. Wer das trotzdem tun will, sollte zuerst die Tagescrème und dann, in einem zweiten Schritt, ausreichend dick die Sonnencrème auftragen. Nicht miteinander vermischen, sonst wird der Schutz verringert. Bei Tagescrèmes mit Lichtschutzfaktor ist es wichtig, dass sie nicht nur vor UVB-, sondern auch vor UVA-Strahlung schützen.

8. Was halten Sie von präventivem Botox mit Mitte zwanzig?

Nicht viel. Mit Mitte zwanzig hat man noch lange eine Hautelastizität, die die Mimik immer wieder in den glatten Zustand zurückspringen lässt. Wenn man sich unbedingt botoxen lassen will, empfehle ich zu warten, bis die ersten Fältchen bleiben. Bei Botox sollte immer bedacht werden, dass Mimik verloren geht – und dadurch zu Teilen die Fähigkeit, anderen empathisch zu begegnen. Wenn Botox, dann in Massen! Man sieht durchaus mal entspannter aus, wenn das gut gemacht ist, aber es kann schnell kippen – und dann sieht man aus wie eine Totenmaske. Und das wirkt alles andere als jugendlich. Personen, die stark gebotoxt sind, wirken ausserdem oft unbeteiligt, blasiert oder arrogant, was im Gegenüber Aggressionen auslösen kann. Die Kommunikation über die Mimik ist jedenfalls gestört.

9. Was tun bei Augenringen – Unterspritzen mit Hyaluron?

Für Augenringe gibt es verschiedene Ursachen: Eisenmangel, Rauchen, Ekzemneigung – auch die Ethnizität der Person kann eine Rolle spielen, was in dem Fall dann natürlich kein Makel ist, sondern zum eigenen Aussehen einfach dazugehört. Manchmal ist die Haut im Laufe des Lebens durch Collagenabbau und Sonne dünn geworden. Da kann ein fraktionierter CO2-Laser helfen, die Haut kräftiger zu machen und Collagen zu stimulieren. Es gibt auch anatomisch bedingte Augenringe. Wenn einen das stört, kann man sich Hyaluronsäure spritzen lassen. Aber Vorsicht: Beides sind keine Wellnessbehandlungen, sondern Eingriffe, die Risiken mit sich bringen – von Narben bis zu Erblindung. Unbedingt zu einer erfahrenen Ärztin gehen.

10. Sollte man regelmässig zur Kosmetikerin gehen?

Meines Erachtens gibt es dafür vor allem zwei plausible Gründe: Erstens, weil man die Behandlung als eine Art Wellness-Treatment geniesst. Oftmals spielen ja auch Massagen eine Rolle – und das tut zweifelsohne vielen Menschen gut. Zweitens, weil jemand Hautprobleme hat und die Kosmetikerin, wenn sie gut ist, den Heilvorgang unterstützen kann. In dem Fall wäre es sinnvoll, dass die Therapie auf verschiedenen Säulen fusst – man also bei der Hautärztin war und auch die Themen Ernährung, Lebensstil und gegebenenfalls Medikamente besprochen hat. Grosse Anti-Aging-Versprechen sind Blödsinn, das kann Kosmetik nicht einlösen. Und auch von der porentiefen Reinigung halte ich nichts – das ist in erster Linie eine Strapaze für die Haut.

11. Was hilft bei Pigmentflecken?

Für Sonnenflecken, die im Volksmund auch Altersflecken genannt werden, gibt es richtig gute Laser, die in nur einer Sitzung alles entfernen können. Vom Arzt sollte vorher aber unbedingt gecheckt werden, ob eventuell Hautkrebs oder Vorstufen dahinterstecken. Und dann gibt es noch das Melasma, das Frauen besonders im Sommer bekommen, wenn sie schwanger sind oder hormonell verhüten. Da helfen spezielle Melasma-Sonnencrèmes. Oder man trägt ein paar Wochen lang am Abend dünn eine Bleichcrème auf die Stellen auf. Wenn es geht, würde ich auf hormonfreie Verhütungsmethoden umstellen – sonst muss man sich jeden Sommer aufs Neue mit dem Melasma herumplagen.

12. Macht sich Stress wirklich über die Haut bemerkbar?

Ja, das ist häufig der Fall. Stress schüttet Botenstoffe aus, wie zum Beispiel das Stresshormon Kortisol, das Pickel verursacht. Auch werden die Substanz P und andere Botenstoffe aus gereizten Nerven ausgeschüttet, die für eine neurogene Hautentzündung sorgen können. Deshalb werden auch sehr viele Hauterkrankungen in Stresssituationen schlimmer. Heisst: Wer der Psyche Gutes tut, tut auch automatisch seiner Haut was Gutes.

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Yael Adler ist Dermatologin mit eigener Praxis in Berlin sowie Buchautorin. Ihr neustes Buch heisst «Haut Nah: Alles über unser grösstes Organ»

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