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Ich sehe nur noch Sternchen: Warum tragen alle Pickel-Patches im Gesicht?

Ich sehe nur noch Sternchen: Warum tragen alle Pickel-Patches im Gesicht?

Was früher ein unauffälliges Hilfsmittel gegen Pickel war, klebt heute als Stern, Blume oder Herz mitten im Gesicht. Wie aus Pickel-Patches ein modisches Statement wurde – und warum der Trend perfekt in unsere Zeit passt.

Wer den Grossteil seines Lebens in einer grösseren europäischen Stadt verbringt, der müsste eigentlich alles gesehen haben, sich durch nichts mehr irritieren lassen – das sollte man zumindest meinen. Denn man sieht dort zum Beispiel Menschen, die beim Gehen alle paar Meter auf die Knie gehen, oder solche, die im kältesten Winter nicht viel mehr als ein Hundegeschirr tragen oder Menschen, die dachten, es sei eine gute Idee, ihr Gesicht in schwarzen Schraffurmustern tätowieren zu lassen.

Trotzdem war ich kürzlich doch etwas erstaunt, als ein doch eher erwachsen gelesener Mensch im Supermarkt die Milch abkassierte und mehrere pinke Herzen im Gesicht trug und am selben Tag die Apothekerin mit bunten Sternen im Gesicht das Rezept entgegennahm. Der aktuelle Monat Mai liess die kurz aufkommende Fasnachtsassoziation sogleich verschwinden, und auch beim zweiten Blinzeln waren die Gesichtsaufkleber immer noch da. Es konnte also wirklich nur eines sein.

Was man selbst mal in durchsichtig ausprobiert und was Justin Bieber schon vor Jahren in Schwarz getragen hat, ist nun in der grossen weiten Welt angekommen: Pickel-Patches. Und zwar in Form von Sternen, Sonnen, Blumen und süssen Tierchen.

Beweise abseits der Strassensichtung? Dua Lipa hält in den sozialen Medien das Buch «Bad Feminist» in die Kamera und trägt dazu einen türkisfarbenen Stern im Gesicht. Rapper Lil Nas X bevorzugt die pinke Variante. Lemme, die Firma für Nahrungsergänzungsmittel von Kourtney Kardashian, kooperiert derzeit mit der US-Firma Starface, und dafür sitzt die vierfache Mutter in einem Werbespot mit bunten Aufklebern im Gesicht. Die britische Modedesignerin Ashley Williams hat «I <3 Me»-Patches gelauncht. Und es gibt auch welche mit Motiven der Peanuts-Cartoons.

Gerade im April hat das Ehepaar Bieber, natürlich bestens getimt mit Herrn Biebers Auftritten beim Coachella-Festival, ihre eigene Pickel-Patch-Linie auf den Markt gebracht und dürfte damit einen endgültigen Hype auslösen. Spotwear nennt das Frau Biebers Firma Rhode und bewirbt es als «ready-to-wear skincare» – Hautpflege also, die sichtbar getragen werden soll.

Und verkündet, das Paar habe die Kollektion zusammen gestaltet. Man mag sich die Gespräche am Küchentresen zwischen Justin und Hailey darüber vorstellen, welches Design für ihre Spotwear denn das beste sei. Jedenfalls haben es die Blume, der Pilz und die Jellybean unter die fünf erhältlichen Varianten geschafft. Kosten 16 Dollar für 36 Sticker.

Der Trend kommt – nicht ganz überraschend – aus der südkoreanischen K-Beauty-Szene. Hydrokolloid-Verbände sind aber schon früher entwickelt worden, nämlich um Flüssigkeit zu binden. Auch mittels Patches soll dem Pickel Flüssigkeit entzogen werden. Und das Abkleben soll vor Bakterien schützen und vor allem vor schmutzigen Fingern, die das Ding ausdrücken wollen.

Es gibt sogar Aufkleber mit Mikronadeln, die antientzündliche Wirkstoffe wie Salicylsäure und Niacinamid tiefer in die Haut bringen sollen. Und bringt das etwas? Sagen wir mal so: nicht immer. Eindeutige wissenschaftliche Belege gibt es bislang nur wenige. Dennoch ist es ein gutes Geschäft: Der Umsatz der Firma Starface – 635.000 Instagramfollower, 2019 gegründet – wurde für das Jahr 2025 auf 110 Millionen Dollar geschätzt. Und der Pickel-Patch-Markt gilt als Markt mit Wachstumsrate über acht Prozent.

Anbieter von Hydrokolloid-Sternen wie Starface richten sich an eine besonders junge Zielgruppe, dies zu einer Zeit, in der die Kundschaft für Gesichtsmasken und andere Beauty-Produkte generell jünger geworden ist. Obwohl sich 8-Jährige natürlich wirklich noch keine Hyaluron-Tuchmaske auflegen müssten. Starface-Produkte wie das Lip-Balm sehen aus wie lustige Spielzeuge. Und wem das nicht reicht, der klebt sich für die kindliche Verspieltheit die Patches aus der Hello-Kitty-Edition auf die Nase.

Sich etwas ins Gesicht zu kleben und es zu verzieren, ist dabei gar nichts Neues. Menschen markieren und schmücken ihren Körper seit Jahrtausenden. Dazu gehören Tätowierungen, die Zugehörigkeit verdeutlichen oder Geister abhalten sollten. Oder das Tilaka im Hinduismus, das zwischen den Augenbrauen aufgebracht wird, dort, wo ein Chakra vermutet wird. Aufgemalte Schönheitsflecken gab es ebenfalls. Und im 17. und 18. Jahrhundert klebten sich Französinnen sogenannte Mouches ins Gesicht, oft in Stern- oder Herzform, um Narben oder Entzündungen zu verdecken.

Sie waren allerdings nicht so infantil wie heute. Damals waren solche Gesichtsverzierungen weitgehend Frauensache; heute tragen junge Männer Pickel-Patches fast so selbstverständlich, wie sie inzwischen auch Nagellack auftragen.

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"Die Patches sind Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins. Pickel-Positivity als Unterform der Body-Positivity"

Und was sagen wir nun zu all dem? Die positive Erzählung der Pickel-Patches ist folgende: Anstatt Makel zu kaschieren, soll auf diese hingewiesen werden. Sie sind Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins. Pickel-Positivity als Unterform der Body-Positivity. Etwas kritischer könnte man aber auch sagen: Es sind Produkte für Konsument:innen, die keine Rötung im Gesicht aushalten, weil diese sie zu Menschen werden lassen könnte, deren Poren nun mal verstopft sind. Ganz normal. Lasst doch Pickel Pickel sein, könnte man sagen.

Und so sind Pickel-Patches vielleicht besonders geeignet für Menschen, die das Auffallen mögen. So wie die Hundegeschirrträger. Natürlich ein bisschen anders. Aber man muss auf jeden Fall das eigene Unglück sichtbar machen wollen. Das passt zu einer Generation, die gelernt hat, sich als Einzelschicksal unter vielen zu sehen.

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