Trimester Zero: In 90 Tagen zur perfekten Schwangerschaft?
Noch bevor sie schwanger sind, sollen Frauen schon alles richtig machen: Das sogenannte Trimester Zero ist der neue Selbstoptimierungstrend. Unsere Autorin hält wenig von der Vorbereitung auf die perfekte Schwangerschaft.
- Von: Sarah Lau
- Bild: Death to Stock
Zehn Tage nach der Entbindung meines Sohnes fuhr ich auf der Vespa zu einem Junggesellinnenabschied. Auf Heels und in Spanx unter dem Minirock. Ich verabschiedete mich nach anderthalb Stunden zum Stillen, fuhr zu meinem Baby zurück – und war versucht, mir selbst ein High Five zu geben.
Rückblickend bin ich baff, wie sehr ich mich damals unter Druck gesetzt habe, um all die absurden Bilder moderner Mutterschaft zu erfüllen: gleichzeitig entspannt, attraktiv, unabhängig und produktiv zu sein – oder zumindest so zu wirken. Und damit weiter das toxische Märchen von der Unangestrengten – und damit auch Unanstrengenden – zu nähren.
Und nun das. Als ob es nicht genügen würde, dass Mutterschaft bereits von geschäftstüchtiger Konkurrenz rund um Öle gegen Schwangerschaftsstreifen und die perfekte Chindsgibox geprägt ist, geht es nun sogar schon vorher mit dem Optimierungswahn los. Genauer gesagt: im Trimester Zero.
Hashtag Preconception
Auf Social Media bereiten sich Frauen inzwischen nicht mehr nur auf das Austragen von Babys vor, sondern bereits auf die Erwartung einer Schwangerschaft. «Trimester Zero» nennt sich der Trend und ruft dazu auf, die drei Monate vor einer Schwangerschaft als eigene Lebensphase, als biologisches Vorbereitungsfenster – und Projekt – zu betrachten.
Ursprünglich hatte die amerikanische Soziologin Miranda Waggoner «The Zero Trimester» geprägt, um zu beschreiben, wie Medizin und Gesundheitskampagnen Schwangerschaft zunehmend in die Zeit vor der eigentlichen Schwangerschaft verschieben und Frauen gewissermassen dauerhaft als potenziell schwangere Körper betrachtet werden – verantwortlich dafür, ideale Bedingungen für ein zukünftiges Kind zu schaffen.
Genau darauf bauen nun Social-Media-Influencer:innen auf. Wie die New York Times schreibt, behandeln immer mehr Frauen unter Hashtags wie #preconception, #pregnancyprep oder #prepregnancyglow Schwangerschaft wie einen Marathon – «das grösste Rennen deines Lebens».
Die amerikanische YouTuberin Rebecca Zamolo etwa spricht vom «90-Day Biological Window» und erklärt ihren Follower:innen, dass Eizellen und Spermien in den 60 bis 90 Tagen vor der Empfängnis eine kritische Reifungsphase durchlaufen würden. Deshalb müsse man jetzt anfangen, den Körper optimal auf das vorzubereiten, was kommen könnte. Dazu kommen Finanzplanungs-Guides und – unvermeidlich – Anleitungen, um in dieser Zeit auch noch die heisseste Version seiner selbst zu werden; siehe etwa die «prebaby glow-up checklist».
Die Ästhetik wirkt modern. Die Botschaft ist es nicht
Manche Frauen dokumentieren monatelang ihre «prepping for pregnancy»-Routine: Zyklus-Tracking, Beckenbodentraining, Nahrungsergänzungsmittel, Meditation, Journaling, Rezepte, die die Fruchtbarkeit erhöhen sollen – bis hin zur akribischen Suche nach Schadstoffen. Ob nun in Unterhosen, Kochgeschirr oder Conditionerflaschen. Alles, um auch wirklich völlig rein der Befleckung zu begegnen. Natürlich hübsch und vermarktungsfreundlich inszeniert, mit frischen Schnittblumen und dampfenden Tassen. Kräutertee statt Flat White, versteht sich.
"Perfide ist vor allem das stille Leistungsversprechen, das in diesem Trend lauert"
Sjoquist nennt sich selbst «Women’s Health & Hormone Coach» und berät in Fragen von Fruchtbarkeit, Schwangerschaft und Fehlgeburtenprävention – obwohl aus ihrem Profil weder eine medizinische Ausbildung noch eine wissenschaftliche Qualifikation in Gynäkologie, Endokrinologie, Reproduktionsmedizin oder Hebammenkunde hervorgeht. Wer sich solchen Vorbildern anvertraut, ist selber schuld? Stimmt schon, es gilt genau hinzuschauen.
Und dennoch plädiere ich für mehr Mitgefühl. Gerade weil Kinderwunsch ein so verletzliches Thema ist, empfinde ich es als geradezu niederträchtig, die Unsicherheit auszunutzen und weibliche Urängste weiter zu schüren und auszubeuten.
Nicht zu vergessen: Sperma
In der Schweiz ist die Geburtenrate zuletzt auf ein Rekordtief gefallen: 2024 lag die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau bei nur noch 1,29 – dem niedrigsten Wert seit Beginn der Erhebungen. Die Ursachen dafür liegen natürlich nicht in mangelnder weiblicher Disziplin, sondern in Wohnungsnot, finanzieller Unsicherheit, gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und der immer später beginnenden Familienplanung.
Aber auch in der zurückgehenden Spermienkonzentration bei Männern. Eine grosse Metaanalyse im Fachjournal Human Reproduction Update kam 2023 zum Schluss, dass diese weltweit seit den 70er-Jahren deutlich zurückgeht – mit beschleunigtem Rückgang seit den 2000ern.
Das wird zumindest teilweise durchaus im Web thematisiert. Wenn die eventuellen zukünftigen Väter ins Spiel kommen, dann jedoch meist als spermaspendende Marionetten, um deren Lifestyle Frau sich liebevoll zu kümmern hat: Möge sie ihm doch das Rauchen abgewöhnen. Seine engen Unterhosen gegen weite Boxershorts tauschen. Und ihn dazu bringen, sich statt Cheeseburgern Antioxidantien zum Abendessen einzuverleiben. Alles, um die Fruchtbarkeit zu boosten, versteht sich.
Unter einigen dieser Videos läuft Connie Francis’ «Pretty Little Baby». Es scheint, als werde das Ideal der 60er-Jahre-Hausfrau bis heute gefeiert. Nur dass sie inzwischen eine Apple Watch mit Zyklus-App trägt.