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Mein Leben als Tochter: Zwischen Abgrenzung und Intimität

Familie

Mein Leben als Tochter: Zwischen Abgrenzung und Intimität

Seit unsere Autorin vor 57 Jahren zur Welt kam, hat sich die Beziehung zu ihrer Mutter immer wieder verändert. Aktueller Status: Es ist kompliziert.

Dieser Artikel ist erstmalig im Dezember 2022 erschienen.

 

Als ich ein Kind war, schien alles noch ganz einfach zu sein zwischen meiner Mutter und mir. Wie eine grosse, geduldige Löwenmama sorgte sie für ihr etwas zu dünn geratenes Junges. Abgesehen von den gelegentlichen Albträumen, in denen mich nachts Monster und zähnefletschende Wölfe heimsuchten, gab es nichts, was sie nicht regeln konnte. Nur in Ausnahmefällen rutschte ihr einmal die Hand aus. Dass Kochen nicht zu ihren Kernkompetenzen zählte, erfuhr ich erst später. Noch kannte ich ja nichts anderes als ihr im Dampftopf zu Tode gekochtes Gemüse, das immerhin gesund war. Auch dass sie niemals traurig zu sein schien, hielt ich für ganz normal.

Ganz besonders liebte ich es, wenn sie vom Krieg erzählte – denn meine Mutter ist Deutsche, geboren im Jahr 1940, während eines Fliegeralarms im Keller. Mein kleiner Bruder und ich konnten gar nicht genug bekommen von ihren Geschichten: Wie sie als Dreijährige unter einer alten Zinkwanne Schutz gesucht hatte, wenn die Bomben fielen. Wie ihr Nazi-Vater sich bei Stalingrad versehentlich selbst in die Luft sprengte, als er eine Bombe des «Feindes» entschärfen wollte.

Wie ihre Nazi-Gegner-Mutter Körbe voller Bratkartoffeln in den Wald schleppte, um die Deserteure durchzufüttern, die sich dort vor der Wehrmacht versteckten – was beides bei Todesstrafe verboten war, das Desertieren und das Durchfüttern. Wie die Engländer nach dem Krieg das Haus der Familie beschlagnahmten und sie selbst unterernährt und voller Frostbeulen im Spital aufgepäppelt werden musste, wo es endlich genug zu essen gab und paradiesisch warme Federbetten. Für mich klang das wie ein grosses Abenteuer. Dass der Krieg meine Mutter traumatisiert hatte, begriff ich erst später.

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«Meine Mutter traute uns zu, dass wir mit unserer Freiheit schon umzugehen wüssten»

Als ich grösser wurde, war sie das Gegenteil einer Helikopter-Mutter. Mein Bruder und ich verschwanden in den Ferien oft für ganze Tage im Wald. Wie Jungfüchse, die ein immer grösseres Territorium erkundeten, kehrten wir nur noch zu den Malzeiten heim in den Bau. Hungrig, vor Dreck starrend und penetrant nach Ziegenbock stinkend, weil wir versucht hatten, das störrische Vieh zu «zähmen», das in unserer Hütte eingezogen war. Vor lauter Begeisterung hatten wir übersehen, dass sich unser Bretterverschlag auf einer Ziegenweide befand.

Meine Mutter traute uns zu, dass wir mit unserer Freiheit schon umzugehen wüssten. Familienausflüge gab es kaum. Mit Früh-Mandarin, Ballettunterricht oder Eiskunstlauf behelligte uns sowieso keiner. Das rechne ich ihr hoch an. Auch die Klippen meiner Pubertät umschifften wir in relativer Harmonie. Als ich mit 13 von einem sadistischen Lehrer gequält wurde, sorgte sie dafür, dass ich die Schule wechseln konnte. Sie hatte gemerkt, was los war, obwohl ich meine innere Not fast gänzlich für mich behalten hatte.

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«Wenn ich von meinen Problemen erzählte, bekam ich nun Antworten wie: Dein Herzchakra ist wohl nicht richtig ausbalanciert»

Drei Jahre später jedoch geriet sie in eine tiefe Krise. Während einer Routineoperation erlitt sie einen kurzen Herzstillstand, weil etwas mit der Narkose schiefgegangen war. Während der wenigen Sekunden, in denen sie uns beinahe für immer entglitten wäre, hatte sie ein Nahtoderlebnis, das sie zutiefst verwirrte. Antworten erhoffte sie sich von der Esoterik. Als ich einmal von einer verpatzten Matheprüfung nachhause kam, lag meine Mutter auf dem Teppichboden, während ein langhaariger Hippie bunte Steine auf ihrem Körper drapierte. «Oh ja, ich spüre die Schwingungen», jubelte meine sonst so nüchterne Mami begeistert. Ich flüchtete verstört in mein Zimmer.

Ein anderes Mal hielt irgendein indischer Guru eine vedische Feuerzeremonie bei uns zuhause ab. Er hackte im Morgengrauen Holz, was bei den Nachbar:innen nicht unbedingt gut ankam. Wenn ich von meinen Teenager-Problemen erzählte, bekam ich nun Antworten wie: «Dein Herzchakra ist wohl nicht richtig ausbalanciert. » Da verbrachte ich meine Freizeit lieber gleich ausser Haus und tröstete mich mit meiner neusten Leidenschaft, dem Kiffen. Irgendwann trennte sie sich dann auch von meinem Vater. Ein Nachfolger ist bis heute nicht in Sicht.

Als ich zwanzig war, hatte sie sich wieder beruhigt. Über die Guru-Phase wurden keine weiteren Worte verloren. Doch plötzlich schien ich ihr unfassbar auf die Nerven zu gehen. Andauernd gerieten wir wegen absoluter Nichtigkeiten aneinander. Bis heute weiss ich nicht, was sie damals ritt. Hatte sie Angst, ich würde das Nest nicht freiwillig verlassen, wenn sie nicht ordentlich nachhalf? Oder missfiel ihr die Richtung, in die ich mich entwickelte?

«Mir war nun klar, dass meine Mutter nicht zum Vorbild für meine eigene Existenz taugte»

Ich zog aus, in ein besetztes Haus, in dem mir nachts die Mäuse ums Bett tanzten. Insgeheim hoffte ich, sie würde sich nun Sorgen machen, nachdem sie mich so fies aus meinem Elternhaus vergrault hatte. Immerhin lebte ich jetzt unter dubiosen Lebenskünstler: innen, nahm psychedelische Drogen und teilte die Wohnung mit einem durch eine Gefängnisstrafe geadelten Terroristen. Doch meine Mutter nahm das alles enttäuschend locker.

Erst als ich in Griechenland abtauchte und mich monatelang nicht meldete – Handys, auf denen man sein Kind hätte anrufen oder gar orten können, waren damals noch nicht erfunden –, flippte sie fast aus vor Angst. Ha, dachte ich in meiner rücksichtslosen Jungerwachsenen-Arroganz, sie liebt mich also doch! Es folgten zähe Jahre der Abgrenzung. Mir war nun klar, dass meine Mutter nicht zum Vorbild für meine eigene Existenz taugte. Ich wollte ein tolles Sexleben – was sie, wie mir mein Vater nach impertinentem Nachbohren bestätigte, wohl niemals gehabt hatte. Dazu eine grosse Liebe. Wenn möglich beides in Kombination.

Ich wollte Abenteuer, die Welt sehen, einen Job, der mich herausforderte. Meine Eltern hatten selten Besuch gehabt, und wenn doch, versetzte der Gastgeberinnen-Stress meine Mutter schon im Vorfeld in so heftige Gereiztheit, dass man ihr tunlichst auswich. Mir hingegen schwebte ein grosser Freundeskreis vor, mit dem ich festliche Gelage feiern könnte, mit feinem Essen und Wein, der in Strömen fliesst. Kinder gehörten eher nicht zu meinem Plan.

«Je unermüdlicher ich mich an ihr abarbeitete, desto hartnäckiger liess sie meine Vorwürfe an sich abperlen»

Auf einer Pressereise – ich war inzwischen Volontärin bei einer grossen Wochenzeitschrift – lernte ich Uschi kennen, eine Journalistin im Alter meiner Mutter. Uschi war die Ex-Frau eines berühmten Bergsteigers aus dem Südtirol. Sie hatte ihn auf zahlreichen Expeditionen begleitet und einige seiner Bücher geschrieben. In der Scheune ihres Hauses bestaunte ich die blauen Plastiktonnen, die – befüllt mit dem Gepäck der Expeditionsteilnehmer:innen – von Yaks durch die Schneestürme des Himalaya geschleppt worden waren. So eine Frau konnte man also auch werden, dachte ich. Eine Abenteurerin. Eine Frau, die viele Männer gehabt und das Leben genossen hatte – ein Kontrastprogramm zu meiner Mutter.

Nun fing meine Mutter an, mir unfassbar auf die Nerven zu gehen. Mir fielen tausend Sachen ein, die ich ihr vorwerfen konnte. Die ganze Kindheit hatte sie mir verpfuscht, mit ihrer verklemmten Art! Immer wusste sie alles besser, liess niemanden an sich ran, hörte mir nicht zu, war unfähig zur Selbstkritik. Blauäugig nahm ich an, ich müsste ihr nur deutlich genug erklären, was sie alles falsch gemacht hatte, dann könnten wir zu einer besseren, erwachseneren Art von Beziehung finden. Doch je unermüdlicher ich mich an ihr abarbeitete, desto hartnäckiger liess sie meine Vorwürfe an sich abperlen. Wenn es wieder einmal allzu heftig gekracht hatte, strafte sie mich mit einigen Monaten Kontaktsperre.

Mit Ende zwanzig sah ich ein, dass ich allein nicht weiterkommen würde und begann mit einer Psychotherapie. Inzwischen hatte ich nicht nur das tolle Sexleben und den herausfordernden Job gefunden, sondern auch die grosse Liebe. Das gab mir den Mut, mein früheres Leben unter dem unbarmherzigen Mikroskop der Selbsterforschung zu betrachten. Nicht alles, was ich herausfand, war angenehm. Einmal, als mein Liebster mich im Streit provozieren wollte, griff er zielsicher zur Mutter aller Beleidigungen: «Du bist genau wie deine Mutter!» Das machte mich so rasend, dass ich einen Stapel Teller zerschmetterte. Ich? Wie meine Mutter? Niemals!

«Ohne mir dessen bewusst zu sein, hatte ich von ihr gelernt, meine Traurigkeit in mir selbst einzusperren»

In einer der nächsten Therapiesitzungen erkannte ich voller Entsetzen, dass er recht gehabt hatte. In bestimmter Hinsicht war ich tatsächlich wie meine Mutter. Niemals hatte ich sie auch nur eine Träne weinen sehen. War sie traurig oder gar verzweifelt, machte sie das ausschliesslich mit sich selbst aus. «Zu persönlich» seien diese Dinge, um sie mit jemandem zu teilen, hatte sie einmal mit einer solchen Gewissheit verkündet, als wäre das eine unumstössliche Tatsache. Ohne mir dessen bewusst zu sein, hatte ich von ihr gelernt, meine Traurigkeit in mir selbst einzusperren. Es hat mir nicht gutgetan.

Bis ich diesen Panzer abgestreift hatte, sollte es Jahre dauern. Als ich es das erste Mal schaffte, vor meinem Therapeuten zu heulen, kam mir das vor wie ein Sieg. Danach wurde vieles leichter. Zwischen meiner Mutter und mir herrschte nun eine Art Waffenstillstand. Noch immer konnte sie mir fürchterlich auf die Nerven gehen. Doch ich empfand auch Mitgefühl, weil ich verstand, wie sehr der Krieg sie geprägt hatte. So gut es eben ging, versuchte ich, sie mit all ihren Mängeln zu akzeptieren, und sie tat wohl dasselbe mit mir. Als sie auf ihre Pensionierung als Lehrerin zuging, war es, als würden ihre schwierigen Eigenschaften wie durch ein Brennglas verstärkt.

Mein Bruder hatte meine Kinderlosigkeit mehr als nur wettgemacht, indem er ihr drei sehr bezaubernde Enkelkinder schenkte. Doch nun, wo sie endlich da waren, hielt die stolze Grossmutter den entkräfteten Eltern unentwegt Vorträge über die richtige Erziehung. Auch mit dem Hausfrieden war es vorbei. Die Heizung, die Waschküche, die Querelen mit der ihrer Ansicht nach völlig unfähigen Liegenschaftsverwaltung: Stets fand sie etwas, für das es sich lohnte, einen deftigen Nachbarschaftsstreit vom Zaun zu brechen. Irgendwann ertrug ich es nicht mehr und belegte das Thema mit einem Gesprächsbann. «Wie hartherzig von dir», sagte sie.

«Manchmal erfasste mich nach unseren Telefonaten tiefe Traurigkeit»

Zuhören war noch nie ihre Stärke gewesen, doch nun verlernte sie es fast ganz. Gespräche mit ihr wurden zunehmend zu Monologen. Oft kapitulierte ich und verstummte ganz. Begehrte ich gegen ihren Wortschwall auf, gab sie sich für ein paar Stunden Mühe, bevor sie doch wieder in die alten Muster zurückfiel. Sie konnte einfach nicht anders. War es das viele Alleinsein? Fehlte ihr die Reaktion eines vertrauten Gegenübers? Mit etwa siebzig wurde ihr Rücken krumm und bucklig. Ich nahm an, dass sie fürchterliche Schmerzen haben musste, aber sie beklagte sich nie.

Mein eigenes Leben war nun so abenteuerlich, wie ich es mir immer erträumt hatte. Doch wenn ich mich als Reporterin zu exotischen Destinationen aufmachte – dem Dschungel von Uganda, die entlegensten Inseln der Südsee, die prachtvollen Städte des Iran –, dann spürte ich ihre Missbilligung. «Also, ich würde das nicht wollen», sagte sie mit säuerlicher Miene. «Musst du ja auch nicht», antwortete ich, froh darüber, dass mich solche Kommentare inzwischen nicht mehr aus der Fassung brachten. Von ihrem Urteil hatte ich mich längst emanzipiert. Doch manchmal erfasste mich nach unseren Telefonaten tiefe Traurigkeit. Ich liebe sie, trotz all ihrer Macken. Warum ist es bloss so schwierig, ihr das zu zeigen?

Mit Mitte siebzig fing es an mit den Stürzen. Platzwunde am Kopf, Handgelenksbruch, angebrochener Ellenbogen. Mein Bruder und ich flehten sie an, endlich eine Gehhilfe zu benützen, doch das kam für sie nicht infrage. Ich besorgte ihr eine Notfalluhr in schickem Rosé, die sie barsch als «Plastikschrott » abqualifizierte. Schliesslich begriff ich, wie unendlich schwer es ihr fallen musste, sich selbst als eine fragile, alte Frau zu akzeptieren, die vielleicht bald schon auf ständige Hilfe angewiesen sein würde. Als sie längst zu gebrechlich war, um die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen, kaufte sie sich ein Generalabonnement, um die Schweiz zu entdecken. Nach fünf Monaten gab sie es zurück, unbenutzt.

«In ihrer Sturheit lag eine Kraft, gegen die mein guter Wille niemals ankommen würde»

Platzwunde am Kopf, Oberarmbruch, Sturz beim Einsteigen in den Bus, einmal wurde sie beim Spazierengehen von einem lauen Lüftchen einfach umgeweht. Mein Bruder und ich wussten uns nicht mehr anders zu helfen und sprachen hinter ihrem Rücken mit dem Hausarzt, damit er sie endlich von einem Rollator überzeugen könnte. Bingo! Autoritäten waren also doch zu etwas gut! Wenig später führte sie uns ein schnittiges Modell aus Schweden vor, dank dem sie es nun wieder bis zum Volg schaffte, zumindest an den guten Tagen. Kurz darauf stellte sie jedoch fest, dass ihre Nachbarin ein viel exklusiveres Modell hatte, «mit wunderschönen Ledergriffen!» Aus ihren Worten sprach der Neid einer Volvo- Fahrerin, die mit dem Glamour eines Jaguars liebäugelte.

Dann im vergangenen Jahr ein neuer grosser Sturz, diesmal zuhause. Mit gebrochener Hüfte lag sie im Spital und verweigerte alles, was man ihr an Therapien anbot. In die Geriatrie wollte sie auch nicht verlegt werden, «mit den Leuten dort habe ich nichts zu tun». Nach fünf Tagen entliess sie sich schliesslich selbst, mit einem Sack voller Opiate und dem eisernen Willen, sich von niemandem mehr ungebetene Ratschläge erteilen zu lassen. «Du weisst, dass du im Pflegeheim landen könntest, wenn du noch einmal auf die gebrochene Hüfte fällst?», sagte ich. «Dann ist das eben so», herrschte sie mich an. Längst hatte ich gelernt, dass es keinen Sinn machte, sie umstimmen zu wollen. In ihrer Sturheit lag eine Kraft, gegen die mein guter Wille niemals ankommen würde.

«Sie ist uns für unsere Hilfe dankbar, aber sie hasst es, wenn wir ihr Unterstützung anbieten, die sie nicht erbeten hat»

«Ihr habt wohl noch nicht begriffen, dass Zeitenwende herrscht!»

Diesen Sommer ist sie 82 geworden, und ich bin mit meinen 57 auch nicht mehr die Jüngste. Es gibt nun hauptsächlich zwei Themen, die sie noch beschäftigen. Das erste ist das emsige Treiben in ihrem Vogelhäuschen auf dem Balkon, dem sie stundenlang voller Entzücken zuschauen kann. Das zweite ist der Ukraine-Krieg, der sie in ihre Kindheit zurückkatapultiert.

Vor Mitternacht kommt sie nicht ins Bett, weil sie keine Talkshow auslassen darf: «Anne Will», «Maischberger», «Hart, aber fair», «Markus Lanz» und «Maybrit Illner» – sie zieht sich alles rein wie ein Kriegsnachrichten-Junkie. Sie ist auch der Meinung, dass es nicht opportun ist, in solchen Zeiten Spass zu haben. Als ich kürzlich mit meinen Nichten und Neffen Restauranttipps austauschte, unterbrach sie uns barsch: «Ihr habt wohl noch nicht begriffen, dass Zeitenwende herrscht!»

Dreimal wöchentlich bekommt sie von einem Mahlzeitendienst ein in Plastikfolie verschweisstes Menü ins Haus geliefert. Regelmässig putzt die Spitex. Mein Bruder, der in ihrer Nähe wohnt, erledigt einmal wöchentlich den Grosseinkauf, und ich organisiere alles andere, bestelle ihr Kleidung, Bücher, Ersatz für kaputtgegangene Küchengeräte und – ganz wichtig! – das Vogelfutter. Sie ist uns für unsere Hilfe dankbar, aber sie hasst es, wenn wir ihr Unterstützung anbieten, die sie nicht erbeten hat. «Ich möchte nicht bemuttert werden», sagte sie schroff, als ich ihr vorschlug, die Badewanne zu einer ebenerdigen Dusche umbauen zu lassen.

«Eine ‹stille› Beerdigung wünsche sie sich, hat sie mir kürzlich anvertraut»

Ich wünschte, ich wäre ein stoischer Buddha und könnte die Marotten meiner Mutter einfach weglächeln. Ab und zu gelingt mir das sogar. Doch viel öfter fühlen mein Bruder und ich uns wie die Eltern eines verhaltensauffälligen Kindes, für das wir trotz allem die beste Lösung finden müssen. Bald, das wissen wir beide, wird es zum nächsten Sturz kommen, der womöglich der letzte ist. Sie ist inzwischen so schwach, dass sie nach einer längeren Bettlägerigkeit kaum wieder auf die Beine kommen würde.

Eine «stille» Beerdigung wünsche sie sich, hat sie mir kürzlich anvertraut. Nur eine kurze Zeremonie im engsten Familienkreis. Auf keinen Fall solle jemand auf die Idee kommen, ihre Biografie herunterzubeten, «da würde sicher ganz viel Falsches gesagt». Und noch etwas macht ihr Sorgen: dass ihr Grab eines jener verwahrlosten, ungepflegten sein könnte, das von niemandem besucht wird. Keine Angst, Mami, wir sorgen schon dafür, dass das nicht passiert. Versprochen. Du bist doch unsere Mutter.

Minusch Marant ist ein Pseudonym.

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