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Mental Health: Wie patriarchale Strukturen über «gesund» und «krank» entscheiden

Gesundheit

Mental Health: Wie patriarchale Strukturen über «gesund» und «krank» entscheiden

Heute erscheint der feministische Essayband «Unlearn Patriarchy 2». Hier könnt ihr den Anfang von Miriam Davoudvandis Text lesen. Ein Essay über mentale Gesundheit als Privileg, ihr ADHS und Medical Gaslighting – das Nicht-ernst-nehmen von Symptomen.

Dass es in der Medizin grosse Ungerechtigkeiten gibt, darüber sind wir uns allmählich alle einig: ein zweik(l)assiges System, Ausbeutung von und Mangel an Fachkräften und natürlich der Gender Health Gap, der geschlechtsspezifische Probleme und Diskriminierungen im Gesundheitswesen beschreibt. Die Lebensqualität vieler Frauen ist auch bei vergleichsweise guter Gesundheitsversorgung massiv eingeschränkt, weil es an Geldern, Forschung, Wissen und nicht zuletzt Sensibilität fehlt.

Frauengesundheitliche Themen rücken vor allem dann medial und gesellschaftlich in den Fokus, wenn der Vergleich zu einem Mann gezogen werden kann. Beispielsweise dann, wenn männliche Probanden Periodensimulatoren anziehen und dabei umkippen oder wenn sie bei Tests für hormonelle Kontrazeptiva bei den gängigen Pillennebenwirkungen aussteigen. Ich finde, solche Experimente verfehlen den Punkt, weil sie nur die gängige Praxis bestärken, derzufolge weiblicher Schmerz nur dann anerkannt wird, wenn ein Mann ihn legitimiert.

Diese Dynamiken existieren eins zu eins auch im Bereich der psychischen Gesundheit. Das grösste Problem bei psychischen Erkrankungen ist aber ein Grundsätzliches: Man sieht die Erkrankungen (fast) nie. Wie kann man also bei einer Personengruppe, die eh schon in der Medizin unsichtbar ist, eine auch noch unsichtbare Erkrankung aufzeigen und ein Bewusstsein für die geschlechtsspezifischen Unterschiede schaffen?

In meinem Text will ich erklären, warum die mentale Gesundheit von Frauen so unsichtbar ist, wie es so weit kommen konnte, welche Rolle die Medien dabei spielen und wie das Zusammenspiel zwischen Mann und Frau mit einfliesst. Und vor allem will ich wissen: Wer ist schuld an all dem? Die leichte Antwort wäre: das Patriarchat. Die komplexe Antwort: Puh, wo fängt man da bloss an?

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«In Schule und Uni werden oft veraltete Ideen, Erkenntnisse und Theorien vermittelt»

Die Wissenslücken und Falschinformationen zu mentaler Gesundheit kommen nicht von ungefähr. Meistens stecken jahrzehntealte, tief verankerte und internalisierte Strukturen, Vorurteile und falsch weitergegebenes Wissen dahinter. Ein beliebter Klassiker, der bis heute nicht aus dem alltäglichen Sprachgebrauch verschwunden ist und beweist, wie sehr die mentale Gesundheit von Frauen in den Rahmen patriarchaler Vorstellungen gepresst wurde, ist Hysterie: Vorrangig Frauen, die nicht mehr «funktionierten», die «instabil», «anstrengend» oder ängstlich wirkten in Verbindung mit einigen physischen Erscheinungen wie Zittern, galten schnell als hysterisch.

Erst hiess es, ihre Gebärmutter würde durch den Körper «wandern» und andere Organe wie etwa das Gehirn befallen und sei nur durch männliche Penetration zu besänftigen.

Dann haben Freud und Co. die Hysterie zu einer psychischen Krankheit erklärt, deren Behandlung von angeordneter Isolation bis zu Elektrotherapie reichte. Die «Krankheit» selbst gilt bis heute als ein rein weibliches Phänomen. Natürlich. Es ist noch nicht lange her, dass psychisch erkrankte Menschen weggesperrt oder sogar systematisch getötet wurden, meist aus menschenfeindlicher, eugenischer Motivation, übrigens nicht nur im Nationalsozialismus. Ebenso ist es nicht lange her, dass Homosexualität sowie Transgeschlechtlichkeit als psychische Erkrankung gesehen wurden – höchst offiziell.

Erst 1990 erklärte die WHO, dass Homosexualität keine Krankheit, Störung oder Perversion ist. Und erst 2013 wurde im amerikanischen Diagnosemanual DSM-5 «Gender Identity Disorder» ersetzt durch «Gender Dysphoria». Somit wurde durch Änderung des Begriffs «Disorder» zumindest minimal mit der stigmatisierenden Bezeichnung «Störung» gebrochen. Heute enthält es endlich den expliziten Hinweis, dass nicht genderkonforme Menschen nicht mental krank sind. Und auch die internationale von der WHO herausgegebene Klassifikation der Krankheiten (ICD) ordnete «Transsexualismus» lange den Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen zu.

Erst mit der neuen, seit 2022 gültigen Version der Klassifikation gilt Transsein als «Geschlechtsinkongruenz», also als fehlende Übereinstimmung zwischen dem individuellen Erleben als männlich, weiblich oder divers und dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht. Diese Bespiele zeigen alle, wie sehr die Klassifizierung in «gesund» und «krank» von patriarchalen Strukturen geprägt ist und meist von aussen bestimmt wird. Das ist besonders dann schwierig, wenn als krank Bezeichnete mit Konsequenzen rechnen müssen. Gerade psychisch «Kranke» wurden und werden oft als Gefahr für die Gesellschaft eingestuft, was Folgen wie Psychiatrisierung nach sich ziehen kann und sich auch im abwertenden Sprachgebrauch von Wörtern wie «Psycho» oder «Schizo» zeigt.

Glücklicherweise gibt es hier langsam ein neues Bewusstsein, etwa durch das Konzept der Neurodiversität. Neurodiversität pathologisiert Menschen mit Autismus, ADHS oder anderen Diagnosen nicht, sondern erkennt an, dass es atypische neurologische Entwicklungen gibt, die dafür sorgen, dass Menschen einfach etwas anders ticken im Vergleich zu «neurotypischen» Personen.

Dass sich diese Krank-Gesund-Dichotomie weiterhin so hartnäckig hält, hängt auch damit zusammen, dass in Schule und Uni oft veraltete Ideen, Erkenntnisse und Theorien vermittelt werden. Sigmund Freud als Erfinder der Psychoanalyse wird vermutlich als erster Name genannt, wenn es um die Psyche geht. Dabei ist der Mann bald ein Jahrhundert lang tot. Ich habe meine ganze Schulzeit lang und auch medial nie einen anderen Namen als Freud gehört. Sogar bei Psycho-Memes und Merchandise- Produkten habe ich bisher nur Freud gesehen.

Seine Erkenntnisse über das Unbewusste und darüber, dass man Menschen im Gespräch heilend zur Seite stehen kann, haben das Verständnis der Psyche und die Behandlung psychischer Krankheiten vorangebracht. Sie haben jedoch leider auch Aspekte in den Mainstream gespült, die ein Update dringend gebrauchen könnten, weil sie Geschlechterstereotypen reproduzieren. Ich denke an Klassiker wie den angeblichen Penisneid, also die Annahme, dass Frauen unbewusst das männliche Geschlecht um dessen Penis beneiden, oder die erwähnten misogynen Theorien zum Begriff der Hysterie, die er 1895 zusammen mit Josef Breuer in den Studien über Hysterie beschrieb.

Dabei wäre es gerade heute so wichtig, Freuds Arbeiten und weit verbreitete Ansichten zu kontextualisieren, zu berichtigen und zu ergänzen, wie es beispielsweise feministische Psychoanalytikerinnen wie Nancy Chodorow, Christa Rohde-Dachser, Jessica Benjamin, Karen Horney oder Luce Irigaray getan haben.

Zwischen 1955 und 1975 entstand unter anderem in den USA und in Deutschland die Antipsychiatriebewegung als Reaktion auf politische Psychiatrisierung. Aus feministischer Sicht gibt es einige Kritikpunkte an der Art und Weise, wie wir die Psyche heute betrachten und auch daran, welche Psychiatriepraxis wir heute eigentlich betreiben. Im deutschsprachigen Raum gibt es sehr wenig Literatur dazu, ein Beispiel wäre Feministische Psychiatriekritik der deutschen Kulturwissenschaftlerin Peet Thesing.

Forscher:innen wie Thesing blicken darin durch eine explizit feministische Linse auf Fragen wie: Wie entstehen psychische Krankheiten? Wie wird zwischen krank und gesund unterschieden? Wer ist «verrückt», wer nicht? Wann beginnt Krankheit, ab wann gilt man einfach als nicht mehr leistungsfähig in einer kapitalistisch-patriarchalen Welt? Wo endet «My body, my choice», wenn bestimmte Medikamente verabreicht werden, bei Fixierungen, bei bestimmten Therapien? Bei Essstörungen, bei Selbstverletzung? Welche Macht- und Gewaltdynamiken gibt es innerhalb der Psychiatrie?

Natürlich geht es bei feministischer Psychiatriekritik auch um Intersektionalität. Welche Rolle spielt Rassifizierung? Klasse? Sexualität? Was ist mit Menschen, die zudem eine Behinderung haben?

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«Mentale Gesundheit ist ein Privileg»

Sich mit der eigenen mentalen Gesundheit zu befassen und für sie zu sorgen, sollte etwas ganz Alltägliches sein, wenn nicht sogar die Priorität. Tatsächlich wird das Kümmern darum jedoch bis heute nicht nur nicht als «normal» angesehen, es ist sogar ein Privileg von wenigen. Wer ist überhaupt in der Position, sich damit beschäftigen zu können – sowohl global als auch intersektional gesehen? Wer hat überhaupt die Zeit, sich darum zu kümmern im engen Korsett aus Care- und Erwerbsarbeit?

Wer hat das Geld, sich Therapie, die in weiten Teilen der Welt und auch teilweise Privatleistung ist, und gegebenenfalls unterstützende Medikamente oder private Vorsorgemassnahmen zu leisten? Wer hat die Sprache und Worte dafür, um überhaupt zu verbalisieren, wo der Schuh drückt? Wer ist aus sozialen, religiösen oder kulturellen Gründen benachteiligt oder erhält besonders Gegenwind, wenn er oder sie hilfsbedürftig ist? Wer muss mit Konsequenzen rechnen, sobald eine Diagnose vorliegt – im privaten Umfeld, aber darüber hinaus auch beruflich und vielleicht sogar juristisch?

Das alles sind Zusammenhänge, die auf die alltägliche Diskriminierung weiter Bevölkerungsteile hinweisen: die angehende Lehramtsstudentin, die die Erste in der Familie ist, die studiert, die alleinerziehende Mutter oder der migrantische Leiharbeiter mit drei Kindern. Psychische Erkrankung hat so viele Gesichter und äussert sich ganz unterschiedlich. Medial sehen wir jedoch meistens weisse, solide verdienende, recht junge Menschen, die über mentale Gesundheit und ihre Diagnosen von Burn-out über Depression bis ADHS oder Essstörung reden.

Auch in meinem Podcast «Danke, gut», in dem ich mit Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, über mentale Gesundheit spreche, bemühe ich mich um verschiedene Perspektiven. Dass es selbst Stars schlecht geht, bei denen vermeintlich alles super läuft, ist eine Erkenntnis, die vielen der Zuhörenden hilft, sich weniger alleine oder «abnormal» zu fühlen. Aber natürlich ist es in einem Medien- und Kunstmilieu normalisierter, darüber zu sprechen, und die finanziellen Mittel für Behandlungen sind oft besser. Die beschriebenen Gefühle und Probleme sind oft dieselben, die Lebensrealitäten unterscheiden sich dennoch.

Dass Menschen über ihre Psyche sprechen, ist super – jede Offenheit ist ein Schritt nach vorne. Dennoch darf nie vergessen werden, dass es den Diskurs prägt, wer worüber spricht. Dass damit eine bestimmte Gruppe von Menschen dominant ist und andere Menschen mit ihren Erkrankungen unterrepräsentiert bleiben. Und dass es zwar mittlerweile «akzeptierte» Diagnosen gibt wie Burn-out oder ADHS, dass aber beispielsweise bipolare oder schizophrene Menschen immer noch als «verrückt» und «gefährlich» abgestempelt und ausgegrenzt werden.

Es ist klar, dass sich politisch und strukturell einiges ändern muss. Ich finde, man sollte schon in der Schule über psychologische Themen beispielsweise in Form eines verpflichtenden Schulfachs Psychologie sprechen, da man dort von früh auf möglichst viele Menschen erreicht, unabhängig von Herkunft oder Elternhaus. Diskriminierungssensible Therapeut:innen werden dringend gebraucht, dies kann gelernt oder durch eigene Erfahrungen eingebracht werden.

Doch Menschen, die schon während ihrer schulischen Laufbahn diskriminiert werden, haben es schwer, später einmal Psycholog:in oder Therapeut:in zu werden. Das Psychotherapiestudium wurde zwar erst kürzlich reformiert, dennoch ist es immer noch mit sehr viel Geld, Zeit und sehr guten Abiturnoten verbunden.  Es braucht dringend Lösungen, damit geeignete Menschen nicht an bürokratischen und strukturellen Hürden scheitern.

Auch für die Betroffenen muss sich einiges ändern. Statt Therapien erst bei schlimmem Leidensdruck zu gewähren, sollten sie präventiv eingesetzt werden, nicht kurativ, und Krankenkassen sollten dafür aufkommen. In der Realität müssen Betroffene monatelang auf einen Therapieplatz warten – nicht weil es zu wenige Therapeut:innen gibt, sondern zu wenige mit Kassensitz, also Kostenübernahme. Es braucht mehr zentral organisierte Unterstützung für Menschen, die so depressiv sind, dass sie nicht monatelang herumtelefonieren können und sich schnelle Lösungen finanziell nicht leisten können.

Ein weiteres Beispiel für Geschlechter- und Altersdiskriminierung ist die aktuelle Debatte über Selbstdiagnosen, insbesondere bei Themen der Neurodiversität wie ADHS und Autismus. Kritisiert werden vor allem junge Frauen, die auf TikTok und Co. Videos über ihre Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) teilen und Menschen, die sich daraufhin damit identifizieren.

Ich finde: Solche Selbstdiagnosen füllen am Ende doch nur das Vakuum des unzureichenden Gesundheitssystems, das Patient:innen nicht ernst nimmt, ihnen Diagnostizierung und eine zeitnahe Therapie vorenthält. Ja, das Internet lebt von Trends, aber wer sagt, dass Trends per se schlecht sind? Oh nein, buhu, junge Leute befassen sich mit sich selbst und gehen häufiger zu Ärzt:innen, bitte bloss nicht!

«Alle verspotten Selbstdiagnosen auf Social Media, aber warum?»

Zynismus bei Seite – auch wenn solche Selbstdiagnosen einerseits ihre Daseinsberechtigung haben, kann es andererseits gefährlich werden für Menschen mit hypochondrischer Neigung, wenn sie durch den Algorithmus, der das Thema immer und immer wieder in die eigene Timeline spült, das Gefühl bekommen, in jede Diagnose zu passen.

Es ist zudem unsinnig bis gefährlich, wenn alltägliche Dinge pathologisiert werden: Natürlich ist keine Lust auf Arbeit zu haben und unkonzentriert zu sein nicht zwangsläufig ein Symptom für eine Krankheit oder Neurodiversität, sondern irgendwie ja auch alltäglich. Nicht alle negativen oder nicht wünschenswerten Eigenschaften erfordern eine medizinische Erklärung.

Vor einiger Zeit war ich bei einem Psychiater. Ich setze mich seit Jahren mit ADHS auseinander, ich war schon lange in Therapie, ich beschäftige mich beruflich mit dem Thema, ich war in der ADHS-Sprechstunde meiner Hausärztin, die meinen Verdacht nachvollziehbar fand, und ich war bei einer Psychotherapeutin, die mir nach ellenlangen Fragebögen und vielen Gesprächen schlussendlich feierlich meine ADHS diagnostiziert hat. Für mich hat sich das wie ein Befreiungsschlag angefühlt, ich habe vor Freude geweint. Alles, was ich jahrelang vermutet habe, hat sich endlich bestätigt und hatte auch noch einen Namen.

Auf diesen Termin beim Psychiater, den ich über Tausende Umwege bekommen habe und dessen Praxis irgendwo am Stadtrand lag, hatte ich monatelang gewartet. ADHS kann man, wenn man will, medikamentös behandeln. Um auf die richtige Medikation eingestellt zu werden, kommt man um einen Psychiater nicht herum. Ich war so unendlich glücklich über diesen Termin, weil ich schon viele Strategien ausprobiert und das Gefühl hatte, ich komme ohne Medikamente nicht weiter.

Ich dachte wirklich, das jahrelange Leid hört endlich auf, ich bekomme endlich Hilfe. ADHS ist nämlich nicht, wie oft verbreitet und der Name suggeriert, ein Mangel an Aufmerksamkeit. Bei ADHS tickt das Gehirn ganz anders. Es schenkt, vereinfacht gesagt, zu vielen Themen auf einmal Aufmerksamkeit.

Ich persönlich habe extreme Schwierigkeiten, zu «funktionieren» und kann nur unter extremem Druck und nachts arbeiten. Dadurch ist mein Tag-Nacht-Rhythmus seit Jahren verschoben und ich habe schlimme Schlafstörungen. Ich schiebe vieles auf, was auf Unverständnis von Familie, Freund:innen und Arbeitgeber:innen trifft, von Ämtern müssen wir gar nicht erst anfangen.

Manchmal bin ich wie paralysiert, sodass ich den ganzen Tag den Rechner anstarre, aber einfach nichts machen kann. Ich will, aber mein Gehirn lässt mich nicht. In fast jeder Sekunde meines Lebens denke ich an zehn Dinge gleichzeitig, vor allem an To-dos, die ich noch abhaken sollte, egal, ob ich im Urlaub bin oder Zeit mit Freund:innen verbringe.

Das führt alles zu einer unglaublichen Frustration. So wollte ich nicht mehr weitermachen. Deshalb war ich so gespannt zu hören, welche Behandlungsmöglichkeiten der Psychiater für mich vorsah. Doch kaum machte er den Mund auf, ging es um Trends und TikToks und wie sich dort alle ständig selbst diagnostizieren. Das Ergebnis: Ich wurde weggeschickt, ohne die erhoffte Hilfe zu bekommen.

Ich bin eine junge, migrantische Frau mit einer «Trenddiagnose», da kann ich mit dem alltäglichen Rätselraten beginnen und mich fragen, an welchem Merkmal es wohl heute lag, dass ich nicht ernst genommen wurde. Es stellte sich raus, dass er sich nicht mit ADHS auskennt und es deshalb gar nicht behandelt. Aber gerade aus diesem Grund finde ich es fast schon witzig, dass er sich trotzdem erlaubt hat, mich einfach in die Trend-Schublade zu stecken. Was ich da erlebt habe, wird mittlerweile als Medical Gaslighting, also das Nicht-ernst-nehmen von Symptomen, bezeichnet.

Ich war gerade dabei, die Praxis zu verlassen, da rief er mich zurück. Er habe mich gegoogelt, meine journalistische Arbeit zu den Themen entdeckt und festgestellt, ich wüsste anscheinend, wovon ich rede. Dann entschuldigte er sich. Menschen, die nicht zufälligerweise seit Jahren einen Podcast über mentale Gesundheit machen, bekommen diese Entschuldigung nicht.

Diese ganze Kritik, vor allem an Frauen, die irgendwann in ihren 20ern und 30ern herausfinden, dass sie ADHS haben könnten, basiert auf unzureichender Verbreitung von vorhandenem Wissen, mangelnder Forschung, vielleicht auch Ignoranz dem eigenen medizinischen Auftrag gegenüber und sexistischen Stereotypen à la junge Frauen hängen nur auf Social Media rum und verblöden dadurch.

Frauen sind angeblich zu naiv und ihnen fehlt die Medienkompetenz, um zwischen richtigem und irre-führendem Content zu differenzieren. Als wäre die Aufklärung über ADHS dasselbe wie Fast-Fashion-Trends oder Insta-Werbung, die einen dazu verleitet, irgendeinen Müll zu kaufen.

Oder um es mit den Worten von Autorin und Moderatorin Angelina Boerger zu sagen, die mit «Kirmes im Kopf» eine Plattform zu ADHS bei erwachsenen Frauen aufgesetzt hat: «Meine ADHS ist keine Modeerscheinung, Mode kann ich an- und ausziehen, meine ADHS nicht.» Was ich damit sagen will: Selbstdiagnosen per se abzulehnen, ist elitär, arrogant, paternalistisch und ja, auch patriarchal.

… weiterlesen im neuen Essayband «Unlearn Patriarchy 2».

Nach dem Bestseller «Unlearn Patriarchy» erscheint nun der Folgeband der feministischen Anthologie: «Unlearn Patriarchy 2». Darin versammeln die Herausgeberinnen und Bestsellerautorinnen Emilia Roig und Alexandra Zykunov zusammen mit Silvie Horch weitere prominente Autor:innen und Aktivist:innen. Darunter Miriam Davoudvandi – Journalistin, Moderatorin und DJ. In 13 Essays beleuchten die Beitragenden die Auswirkungen des Patriarchats. Ullstein Hardcover, ca. 29 Franken.

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