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«Ich lächle nur noch, wenn mir danach ist»: 12 feministische Learnings aus der Redaktion

Leben

«Ich lächle nur noch, wenn mir danach ist»: 12 feministische Learnings aus der Redaktion

Ein Song, ein Buch oder ein Gespräch: Wir alle hatten Momente, die uns feministisch geprägt haben. Zum 8. März ein paar Aha-Momente aus der Redaktion.

Reportage-Volontärin Darja Keller: Eine neue, mutige Botschaft

Als ich 16 war, wurde häufig diskutiert, was Teenie-Mädchen im Schulunterricht tragen sollten. Welcher Ausschnitt ist zu tief, welcher Rock zu kurz? Sandte man mit freizügiger Kleidung «falsche Signale»? Sollte es Kleiderregeln geben?

Als ich meiner grossen Schwester, sie war 22, davon erzählte, schaute sie mich empört an und sagte eindringlich zu mir: «Solche Regeln sind Blödsinn. Du kannst tragen, was auch immer du willst.» Für mich war das damals eine völlig neue, mutige, ja kühne Botschaft. In derselben Zeit entdeckte ich meine bis heute währende Liebe zu knallrotem Lippenstift – ein Zufall? Ich glaube nicht!

Chefredaktorin Barbara Loop: Aus der Reihe tanzen

Es war Heiligabend. Ich, noch keine zehn Jahre alt, sass mit meiner Familie in der Mitternachtsmesse, als ich unter den Menschen eine Freundin meines grossen Bruders erspähte. Sie trug das Haar kurz geschoren, Christbaumkugeln als Ohrringe, ein T-Shirt, auf dem Nietzsche zu sehen ist, darunter der Schriftzug «Gott ist tot». Es mag eine kleinbürgerliche Protestaktion gewesen sein, aber in mir machte sich die Erkenntnis breit, wie aufregend es ist, aus der Reihe zu tanzen, anzuecken und einzustehen für das, was einem wichtig ist – ganz besonders als Frau.

Praktikantin Lena Madonna: Das Gefühl von Sicherheit und Stärke

Mit sechzehn Jahren ging ich an meinen ersten Frauenstreik. Ich trug ein violettes Trägertop, das ich drei Wochen zuvor gekauft hatte. Auf der Grossen Schanze in Bern sass ich zwischen hunderten anderen Frauen auf einer Decke im Gras und lauschte einer Sprecherin auf der Bühne. Ich weiss noch, dass ich plötzlich merkte: Ich fühle mich wohl in der Öffentlichkeit! Was für mich krass war, da ich in Menschenmengen sonst oft Panik bekam.

Aber nein, kein Hauch von Panik. Nur ein Gefühl von Freude, Sicherheit und Stärke, die ich von allen Seiten spürte, von all diesen Frauen, die hier waren, um füreinander einzustehen. Da wusste ich: Für genau solche Momente, für eben diese Sicherheit, die eigentlich selbstverständlich sein müsste, muss und will ich kämpfen.

Stv. Chefredaktorin und Textchefin Lifestyle Leandra Nef: Meine neue Hymne

Ich weiss nicht, was ihr so gesungen habt zwischen Kindergarten und dritter Klasse – «Det äne am Bärgli»? «I han es Zündhölzli azündt»? Irgendwann dann «Lemon Tree»? Ich habe vor ein paar Monaten ein Lied entdeckt, das dringend in den Lehrplan 21 aufgenommen werden sollte. Ich musste tatsächlich 30 werden und zwei kleinen Kindern beim rhythmischen Klatschen zusehen und -hören, um zu verinnerlichen, dass es okay ist, sich gleichgültig gegenüber Männern zu verhalten, deren Gegenwart einen irritiert bis verstört.

Dass ich nicht nett lächelnd dem Monolog des creepy Typs aus dem Café lauschen muss, nur damit der sich nicht missverstanden fühlt. Nicht mit vollem Bauch ein Stück Torte essen muss, damit der 20 Jahre ältere Mann von der gegenüberliegenden Seite des Restaurants ebenjenes Stück nicht vergeblich (aber natürlich ungefragt) für mich bestellt hat. It’s not your job to comfort them. *klatschklatsch*

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«Sex passiert einvernehmlich. Und ich bestimme mit»

Vanessa Vodermayer

Redaktorin Sandra Brun: Sich eben nicht verbiegen lassen

Von klein auf war mir viel zu wichtig, was andere über mich dachten. Wir zogen viel um, alle paar Jahre kam ich auf eine neue Schule. Ich war schüchtern, hatte Mühe, neue Freund:innen zu finden, passte mich an und wollte so sehr gemocht werden, dass ich darüber vergass, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen.

Mitten in meine Teenagerzeit schneite dann Pink herein: Mit ihrem Album «Missundaztood»; mit ihrer Geschichte, sich eben nicht verändern und verbiegen zu lassen, um anderen – aka Männern – zu gefallen, sondern für sich selbst einzustehen. Ich war 15 und liess mich fortan nicht nur von Pinks Liebe zu Cargohosen inspirieren – sondern auch immer mehr von ihrem Mindset. Und begann mich endlich zu fragen, was mir wichtig ist, wer ich sein will.

Social Media Editor Vanessa Vodermayer: Sex passiert einvernehmlich

Ich war 22, an einer Homeparty und knutschte gerade halbherzig zu Nullerjahren-Hits mit einem Typen rum – der kurz vor Partyschluss darauf bestand, mit mir nach Hause zu kommen. Was ich nicht wollte. Noch weniger wollte ich aber die biedere Spielverderberin sein. Also schenkte ich mir kurz einen Drink in der Küche nach, um auf dem Weg meine damalige Mitbewohnerin darum zu beten, Übelkeit vorzutäuschen, damit ich eine Ausrede parat hätte, ihn nicht mitnehmen zu «müssen».

Statt sich krank zu stellen, tat sie etwas viel Besseres. Sie riet, einfach «Nein» zu sagen: «Du musst dich nicht dafür entschuldigen, keinen Sex haben zu wollen». Das waren die elf Worte, die ich hören musste, um zu begreifen, dass ich niemandem meinen Körper schulde. Nicht den Männern, die mir Drinks spendieren. Auch nicht jenen, mit denen geflirtet wird. Sex passiert einvernehmlich. Und ich bestimme mit.

Co-Leiterin Digital Vanja Kadic: Die Kraft der Solidarität

Meine beste Freundin und ich verbrachten den Nachmittag damit, Apfelkuchen zu essen und Einkaufstüten durch die Gassen Amsterdams zu schleppen, als wir zu einem Platz voller Menschen gelangten. Das war 2017, wir waren in den Women’s March gestolpert. Schnell liessen wir uns von der aufgeladenen Stimmung anstecken.

Wir knieten uns spontan auf den Boden, um aus unseren Einkaufstüten Plakate zu basteln und liefen mit der Menschenmasse mit. Ich kann mich daran erinnern, viele Tränen der Rührung verdrückt zu haben. Weil mir einmal mehr bewusst wurde: Wir sind viele. Diese Kraft der Solidarität und des Zusammenhalts zu spüren, war ein Gamechanger.

Editor-at-Large Jacqueline Krause-Blouin: Niemand kommentiert unsere Körper

Als ich sieben war, konnte ich es jede Woche kaum erwarten, in den Ballettunterricht zu gehen. Meine Lehrerin war eine strenge russische Primaballerina, die ich sehr bewunderte. Bis sie eines Tages mit einer Grillzange auftauchte. Sie ging zu einem kleinen Mädchen im Tutu, pikste sie damit in die Seite und präsentierte uns «ihr Fett». Sie werde niemals eine Ballerina, wenn sie nicht abnehme, sagte die Lehrerin.

Ich spürte eine mir bis dahin unbekannte Wut über diese Ungerechtigkeit und erzählte alles meiner Mutter. «Du gehst da nie wieder hin», sagte sie und gab mir damit die wichtige Message mit, dass niemand jemals das Recht hat, unsere Körper zu kommentieren.

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«Bis heute macht es mich wütend, wenn Frauen in einer gnadenlosen Selbstverständlichkeit zu Objekten degradiert werden»

Marie Hettich

Redaktorin Sarah Lau: Ein Lächeln, wenn mir wirklich danach ist

Ich war Anfang 30 und besuchte ein Führungskräfteseminar. Wie unsere Coachin hiess, weiss ich nicht mehr, nur, dass sie mir so etliche Aha-Momente bescherte. Jedenfalls spielten wir in der Gruppe szenisch Konfliktsituationen durch, es ging hoch her und mittendrin unterbrach sie uns.

«Du bist viel hübscher, wenn du lächelst – das wurde den meisten Frauen schon als Kind beigebracht», sagte sie. «Achten Sie mal drauf, ob sie in beruflichen Auseinandersetzungen gerade mit Männern bewusst oder unbewusst immer noch darauf bedacht sind, zu lächeln. Müssen Sie nämlich nicht, vor allem, wenn es nicht ihrer wahren Gefühlslage entspricht.»

Ich gehe nach wie vor gern und oft lächelnd durchs Leben. Aber nur noch, wenn mir wirklich danach ist und nicht, weil ich meine, gefallen oder beschwichtigen zu müssen.

Reportage-Redaktorin Stephanie Hess: Ein schambehaftetes Unbehagen

Als Zweitklässlerin prügelte ich mich immer mal wieder mit Buben. Lehrerinnen und Schulkameradinnen gaben mir zu verstehen, dass man das nicht tut. Sie rieten mir, dass ich mich besser raushalten und Provokationen ignorieren soll. Ich erinnere mich gut, dass ich da einen ersten Missklang spürte, ein schambehaftetes Unbehagen, das fortan immer wieder auftauchte.

An der Diplommittelschule in Zug, die damals als Reformschule galt, mit Fächern wie «Denken lernen», «Persönlichkeitsbildung» oder «Gesellschaftskunde», klärte man uns später eindringlich darüber auf, wie und weshalb sich Frauen finanziell eigenständig absichern müssen. Die Kunstgeschichtslehrerin sprach in der Wir-Form von der Frauenbewegung in den 1980er-Jahren. Wir besprachen aktuelle Abstimmungsvorlagen, obwohl wir gar noch nicht an die Urne durften, etwa die Fristenregelung zum Schwangerschaftsabbruch.

Und ich erkannte erstmals, dass es übergeordnete Gründe gibt für dieses Unbehagen, das ich spürte, seit ich die Schnürchenschrift lernte. Dass es so was gibt wie althergebrachte Rollenbilder und gesellschaftliche Strukturen. Und dass wir an diesen rütteln müssen, damit wir alle freier sein können.

Reporterin Helene Aecherli: Frauen, die keine Stimme haben, hör- und sichtbar machen

Die Bilder werde ich nie vergessen: Anfang der 90er-Jahre berichtete CNN-Reporterin Christiane Amanpour über Massenvergewaltigungen im Bosnienkrieg. Über 50’000 Frauen sollen in speziell errichteten Lagern systematisch vergewaltigt worden sein. Ich hatte damals eben mein Studium abgeschlossen, als ich die Reportage auf CNN sah, war ich erschüttert.

Ich spielte mit dem Gedanken, mich den UNO-Blauhelmtruppen anzuschliessen (was ich dann aber nicht tat). Und wusste augenblicklich, dass ich mich als Journalistin auf Frauenrechte spezialisieren, Frauen, die keine Stimme haben, hör- und sichtbar machen würde. Diese Überzeugung treibt mich noch immer an. Jetzt, in Zeiten des grassierenden Nahostkonflikts mehr denn je.

Co-Leiterin Digital Marie Hettich: Der Male-Gaze-Horror

Ich muss etwa 15 gewesen sein, als mir mein Vater bei einem gemeinsamen Hundespaziergang eindringlich riet, ich solle aufpassen, «welche Signale» ich an Männer sende, gerade auch mit meiner Kleidung. Männer hätten sich eben oft nicht im Griff, sagte er; sie könnten meine «Signale» schnell falsch verstehen. Das müsse ich immer im Hinterkopf haben.

Zur selben Zeit war ich frisch verliebt und mit meinem Date im Kino. Wir schauten «The Fast & The Furious». Jedes Mal, wenn wieder ein Frauenkörper im Bikini durchs Bild lief, hörte er auf, meine Hand zu streicheln – so abgelenkt war er offenbar von all der Nacktheit, die er in dem Blockbuster serviert bekam. In mir machte sich ein tiefes Unbehagen breit. Und die Ahnung: Irgendwas läuft hier falsch.

Bis heute macht es mich wütend, wenn Frauen in einer gnadenlosen Selbstverständlichkeit zu Objekten degradiert werden – so, als wäre es ein Naturgesetz, dass es Männern zusteht, sich immer und überall ein bisschen an uns aufzugeilen.

Filmabende mit mir können ein schwieriges Unterfangen sein – des öfteren bin ich schon aufgestanden, weil ich den Male Gaze und die quasi inexistenten Redeanteile von Frauen nicht ausgehalten habe. Dank des Feminismus weiss ich mittlerweile aber: Das muss ich auch nicht.

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