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Anna Rossinelli: «Natürlich ist der Bauch nicht gleich nach der Geburt weg wie bei Heidi Klum!»

Literatur & Musik

Anna Rossinelli: «Natürlich ist der Bauch nicht gleich nach der Geburt weg wie bei Heidi Klum!»

Anna Rossinelli bringt am Freitag ihr neues Album «Mother» heraus. Mutter geworden ist die 36-Jährige auch zum ersten Mal, aber auf dem Album geht es um viel mehr: ein Gespräch über das eigene Körpergefühl, Freundschaft mit dem Ex und darüber, warum es schon mal eine Katastrophe sein kann, wenn der Zug Verspätung hat.

annabelle: Anna Rossinelli, wussten Sie von Anfang an, dass Ihr neues Album eine Art «Familienalbum» werden würde?
Anna Rossinelli: Nein, zuerst gab es den Song «Mother» über meine Mutter und als ich den geschrieben habe, war ich auch gar nicht schwanger. Der Begriff Mutter bedeutet für mich Ursprung, ein Zurück zu den Wurzeln – ich habe mich gefragt, woher komme ich eigentlich, was sind meine Wurzeln? Als Mensch und als Musikerin. Dann hatte ich plötzlich auch noch den positiven Schwangerschaftstest in der Hand und da war klar: Der Kreis schliesst sich, das Album musste «Mother» heissen.

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«Muttersein ist anstrengend, kompliziert und wunderschön»

Anna Rossinelli

Neuanfang bedeutet auch oft Abschied von etwas Altem. Wie finden Sie sich bisher zurecht in diesem neuen Lebensabschnitt?
Muttersein ist alles auf einmal: anstrengend, kompliziert und wunderschön. Es ist aber kein Ponyhof und definitiv harte Arbeit. Besonders als Selbstständige muss man sich sehr gut organisieren. Aber wenn ich etwas bin, dann ist es organisiert! (lacht) Und ich hole mir Hilfe: Tanten, Grosseltern, Freund:innen – alle helfen mit. Mein Mann arbeitet 90 und bei mir sind es zwischen 60 und 70 Prozent. Es wird sich zeigen, wie das alles wird, wenn ich auf Tour gehe.

Ihre Bandkollegen haben jetzt auch schon alle Kinder …
Ja, wir machen demnächst unsere eigene Kita auf. (lacht)

Mit Ihrem Bassisten Georg Dillier waren Sie lange Zeit zusammen. Wie ist das, mit dem Ex in einer Band zu sein?
Es ist zum Glück schon eine Weile her, aber die Trennung war natürlich nicht nur rosig. Ich war 15 Jahre alt, als wir zusammenkamen und hatte ab einem gewissen Punkt einfach das Bedürfnis nach Freiheit. Wir haben viel gestritten, geweint, diskutiert – aber die Musik ging immer weiter. Und heute bin die Patentante eines seiner Kinder. Die Liebe hat sich in eine wunderbare Freundschaft verwandelt.

Was ist das Überraschendste am Muttersein?
Allen gerecht zu werden, ist wirklich anspruchsvoll: meiner Band, meinem Partner, meiner Tochter.

Und sich selbst!
Ja, stimmt. Ich muss immer achtgeben, dass ich mich selbst nicht verliere in dem ganzen Trubel. Aber ich weiss schon gar nicht mehr, wie das Leben ohne meine Tochter war. Naja, doch – chillig war es! (lacht)

Gibt es etwas am Muttersein, von dem Sie wünschten, dass man es Ihnen vorher gesagt hätte?
Die Sache mit dem eigenen Körper ist komplexer, als ich dachte. Ich bin gerade nicht so zufrieden mit meinem Körpergefühl und das stresst mich. Ich fühle mich immer noch nicht, als ob ich wieder in meinem eigenen Körper zu Hause bin. Ich setze mich da wohl auch zu sehr unter Druck. Man hört ja immer, dass Frauen nach der Geburt sagen, dass sie nun endlich ihren Körper wertschätzen können. Aber ich kann jetzt erst meinen Körper von vor der Geburt wertschätzen. Da hatte ich auch immer etwas zu mäkeln und merke erst jetzt, wie toll er eigentlich war. (lacht) Ich weiss, mein Körper ist bewundernswert, weil er Leben erschaffen hat, aber wenn ich mich im Spiegel anschaue, frage ich mich trotzdem: Wer ist diese Frau?

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«Körper sollten nicht kommentiert werden»

Anna Rossinelli

Das ist selbst gemachter Druck, oder?
Nein, es gab auch fiese Kommentare – sogar während der Schwangerschaft. Oder: Einige Wochen nach der Geburt wurde ich gefragt, ob ich schwanger sei, obwohl ich das kleine Baby auf dem Arm hatte. Natürlich ist der Bauch nicht am ersten Tag nach der Geburt weg wie bei Heidi Klum. Die Brüste tun weh und ich litt unter Geburtsverletzungen, da ist es nun mal nicht die oberste Priorität, zurück in Shape zu kommen. Dieses Beurteiltwerden verletzt schon und zeigt auch, dass man Körper einfach generell nicht als Aussenstehende ohne Vorwissen kommentieren sollte.

Sie haben nach 14 Wochen wieder angefangen zu arbeiten. Wie war das?
Ich fand es furchtbar, dass mein Partner nur zwei Wochen Vaterschaftsurlaub hatte, das ist nichts. Und dann muss man als Frau im Wochenbett alleine zurechtkommen, da hat die Schweiz einfach wirklich noch Aufholbedarf. Nach den drei Monaten, die mir zustanden, ist es auch nicht einfach, sich wieder in der Arbeitswelt zurechtzufinden, auch jetzt fühle ich mich manchmal noch ein bisschen verloren. Man muss erst einmal lernen, mit diesem schlechten Gewissen umzugehen, wenn man nicht beim Kind sein kann. Das ist ein Prozess, in dem ich immer noch stecke. Auch die Zerrissenheit, das Gefühl, dass man immer auf Abruf sein muss, dass man nur noch rennt und es eine kleine Katastrophe sein kann, wenn der Zug mal Verspätung hat. Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich die ganze Zeit auf einem Laufband bin und es einfach nie aufhört.

Es ist Ihnen ein Anliegen, ehrlich über Mutterschaft zu sprechen.
Ja, ich finde es total wichtig, dass man benennt, dass so ein Kind das ganze Leben verändert. Man schläft nicht, man ist verletzlich, man ist erschöpft, manchmal will man nur noch weinen und sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Die Beziehung verändert sich, die Belastung steigt für alle. Ich halte es für wichtig, dass man jungen Frauen nicht suggeriert, dass das alles total easy ist. Man kann sich aufs Muttersein wirklich nur bedingt vorbereiten, verstehen kann man es erst, wenn es so weit ist.

Wussten Sie immer, dass Sie einmal Mutter werden möchten?
Ja, eigentlich schon. Lediglich mit Anfang 30 war ich mir nicht mehr so sicher. Dann wurde ich schwanger und hatte eine Fehlgeburt. Das war sehr schmerzhaft, hat mir aber auch klargemacht, wie sehr ich Mami werden wollte. Kinderbekommen ist für ganz viele Menschen ein sehr schmerzhaftes Thema und ich finde, wir sollten etwas behutsamer damit umgehen. Die Fragerei nach Kinderwunsch und Schwangerschaft kann sehr viel auslösen und ist sehr privat, das sollte uns bewusst sein.

«Die Fehlgeburt hat mir klargemacht, wie sehr ich Mami werden wollte»

Anna Rossinelli

Wie hat sich die Beziehung zu Ihrer eigenen Mutter verändert, seit Sie selbst eine Tochter haben?
Es hat sich sehr viel getan, man beschäftigt sich ja schon in der Schwangerschaft mit seiner Kindheit und was diese für die eigene Mutterschaft bedeuten könnte. Meine Mutter war früh alleinerziehend, weil mein Vater starb, als ich sechs Jahre alt war. Ich bin ihr gegenüber heute vielleicht milder gestimmt, weil ich weiss, dass sie in jeder Situation ihr Bestes gegeben hat. Deswegen ist der Song «Mother» auch ein Dankeschön an sie. Mein Ziel ist, dass meine Tochter irgendwann denkt: «Meine Mutter hat in jeder Situation ihr Bestes gegeben, damit es mir gut ging.» Ich möchte mit ihr zusammen herausfinden, wer sie sein will und sie dann darin bestärken.

Sie sind seit 15 Jahren dabei – wie hat sich die Situation für die Frauen in der Schweizer Musikbranche verändert?
Wir Frauen sind leider immer noch eher rar in der Schweizer Musikbranche, und ich meine damit auch Technikerinnen, Produzentinnen, Bookerinnen. Wir müssen uns noch mehr gegenseitig pushen und dafür setze ich mich ein.

Wie tun Sie das?
Auf der nächsten Tour habe ich noch eine zweite Frau auf der Bühne und ich arbeite bei meinem Artwork ausschliesslich mit Fotografinnen zusammen. Ich nehme das schon sehr ernst und telefoniere auch mal noch fünf Tage länger, um eine Frau für einen Job zu engagieren. Aber nach wie vor ist das Musikbusiness männlich dominiert. Die einzige Veränderung ist, dass man das Problem heute wahrnimmt und benennt. Wenn bei einem Festival nur 10 Prozent Frauen im Line-up sind, wird das heute kritisiert. Der Besucherrekord am Gurtenfestival in diesem Jahr zeigt, dass es funktioniert, wenn man gleichberechtigt bucht. Aber es gibt noch viel Potenzial, denn es gibt auch Alibiaktionen – man bucht Frauen, die dann aber am schlechtesten Slot um 14 Uhr spielen müssen. Ich will nicht irgendwo auftreten, weil sie noch eine Frau brauchen, sondern weil ich tolle Musik mache und den Raum auf der Bühne einnehmen möchte.

Auf Ihrem Albumcover sieht man Sie als moderne Marienfigur. Dabei wollen wir doch wegkommen von der Idee der alles umarmenden Mutter, die sich für alle aufopfert.
Den Anspruch, dass man es als Frau allen recht machen muss, stelle ich weder an mich noch an andere Frauen. Im Gegenteil: Jede soll das machen, was sie für richtig hält, ich würde es mir nie anmassen, über andere Mütter zu urteilen.

Warum dann dieses Artwork?
Das Sujet habe ich ausgesucht, weil ich mich auf diesem Album mit der Rolle der Mutter beschäftige – und sie natürlich auch sehr hinterfrage. Und «Mother» steht dafür, was eine Frau alles sein kann – dazu gehört auch die Möglichkeit, nicht Mutter zu werden. Es gibt so viele Leute, die mir gesagt haben, dass ich erst als Mutter voll erfüllt sein würde. Das ist doch Quatsch und ein gefährliches Narrativ – ich war schon vorher erfüllt. Und es ist auch nicht die Aufgabe meiner Tochter, mich zu erfüllen. Es ist mein Job, zu schauen, dass sie zu einer eigenständigen Frau heranwachsen und für sich ein erfülltes Leben führen kann.

«Mother» (Sony Music) erscheint am 22.9.2023.

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Martina

Die Muttergottes als sich ewig aufopfernde Gestalt bedingungsloser Mutterliebe ist für mich eine instrumentalisierte Figur der katholisch-christlichen Kirche.
Viel spannender finde ich den Aspekt der Gottesgebärerin, eine Verkörperung mystischer, schöpferischer Energie, die das Göttliche in die Welt gebiert. Das Bild hat für mich darum nicht primär mit (biologischer) Mutterschaft zu tun, sondern mit kreativer Schöpfungskraft.