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Comedian Michael Elsener:

Comedian Michael Elsener: "Lass mich mal neu ausprobieren, neu scheitern"

Michael Elsener ist bekannt für seine Parodien von Politiker:innen – jetzt macht er sich selbst zum Gegenstand seiner Comedy. Ein Gespräch mit einem Mann, der uns einlädt, zu hadern und zu zweifeln.

Gespannt wie eine Feder, mit diesen wachen blauen Augen springt er auf die Bühne. Draussen neigt sich ein heisser Frühsommertag dem Ende zu, der Heinrich-Saal in Hünenberg, Zug, ist ausverkauft. Jener Saal, auf dessen dunkelbrauner Bühne Michael Elsener mit 18 Jahren seine allererste Comedy-Show aufführte.

Und jener Saal auch, in dem er die grossen Feste einer Dorfkindheit – Turnerchränzli, Musikschulkonzerte, Schultheateraufführungen, Fasnachtsbälle – mit Sinalco und Pommes aus der Saalküche feierte, genauso wie ich.

Im gleichen Dorf aufgewachsen

Michael Elsener (40) und ich sind gleich alt, im selben Dorf aufgewachsen, besuchten dieselbe Primarschule, hatten denselben Schulweg, aber nicht denselben Freundeskreis. Dennoch kennen wir uns, wie man sich kennt in einem Dorf mit knapp 9000 Einwohner:innen. Wenn wir uns Jahre später nach den sonntagabendlichen Essen bei den Eltern in der S-Bahn Richtung Zug oder Zürich trafen, plauderten wir.

Ich verfolgte seinen Erfolg aus der Ferne, seine abendfüllenden Bühnenprogramme, die Imitationen berühmter Persönlichkeiten, sein politisches Onlineformat «Elsener erklärt’s», in dem er Abstimmungsthemen erörtert, seinen Podcast «Politkuchen», in dem er mit Gästen wie SP-Nationalrätin Jacqueline Badran oder SVP-Bundesrat Albert Rösti spricht. Ebenso seine TV-Auftritte in Formaten wie «Late Update» im Schweizer Fernsehen.

Aber als ich dann auf Empfehlung einer Kollegin nach langer Zeit wieder in meinem Heimatdorf im Heinrich-Saal sitze, erlebe ich einen Michael Elsener, den ich so nicht kannte – und eine andere, neue Art von Comedy: Auf dieser dunkelbraunen Bühne steht ein politischer Comedian. Aber auch ein Mann, der seine ganze Verletzlichkeit offenbart.

Nachdenklich zwischen Lachern und Parodien

Ein Mann, der zwischen all den Lachern und Parodien laut und ernsthaft darüber nachdenkt, welcher Mensch er eigentlich sein will. Der darüber spricht, wie schwierig es bisweilen ist, anderen Männern in Freundschaften näherzukommen. Darüber, wie es war, als homosexueller Junge aufzuwachsen, über seine Ängste, über den Tod.

Er, der sich als politischer Satiriker insbesondere mit den Geschehnissen im Aussen beschäftigte, richtet den Blick nun nach innen – und stösst damit auch im Publikum etwas an. Wie ein trojanisches Pferd, das auf seiner Tour durch kleine Gemeindesäle und grosse städtische Hallen Lachen bringt – und dabei unmerklich etwas Grösseres transportiert: Das Nachdenken darüber, wer man ist und wie man leben möchte.

Wir führen das Interview in zwei Videocalls, weil Michael Elsener den ganzen Sommer in London verbringt, wo er Auftritte und Engagements hat, unter anderem moderiert er den Sommeranlass der Schweizer Botschaft. Er schaltet sich pünktlich ein, mit dem gleichen wachen Blick wie auf der Bühne.

annabelle: Michael, du packst in deine aktuelle Show «Gute Entscheidung!» neben klassischer Comedy auch Ernsthaftigkeit und erstaunlich viel Verletzlichkeit. War das ein bewusster Entscheid, ein solches Programm zu machen?
Michael Elsener: Es war ein bewusster Entscheid, aber es war auch ein Weg, dahin zu kommen, dass ich über mein Inneres ehrlich und auf leichte, witzige Art reden kann. Ganz am Anfang meiner Arbeit habe ich mich nur in sehr kleinen Teilen verletzlich gezeigt. Weil du als Comedian alle dreissig Sekunden spürst, ob das Publikum noch bei dir ist, ist es auch von grosser Bedeutung, souverän zu wirken.

Was meinst du mit «souverän»?
Einen saftigen Konter auszuteilen an einen Politiker, der Mist gebaut hat, wirkt meist souverän. Doch irgendwann merkte ich, dass ich mich so nicht weiterentwickle. Und dass da noch so viel mehr sein könnte. Ich fing auf der Bühne an, mehr Fragen zu stellen, und mein Humor bekam einen neuen Dreh. Eine Pointe ist für mich die eloquenteste Art, eine tiefe und oft auch schmerzhafte Wahrheit – auch über mich selbst – auszusprechen. Damit öffne ich einen Raum für mein Publikum, sich ebenfalls zu öffnen, sich diese Fragen auch zu stellen und sich zusammen mit mir auf den Weg zu machen.

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"In meinem Programm lasse ich die Menschen an dieser Unsicherheit teilhaben"

Was macht guten Comedy-Stoff aus?
Wenn ich über mein eigenes Scheitern und meine Unzulänglichkeiten spreche, wenn ich zugeben kann: Ich weiss es doch auch nicht; aber lass mich mal neu ausprobieren, neu scheitern. In meinem Programm lasse ich die Menschen an dieser Unsicherheit teilhaben. Gleichzeitig ist es natürlich ein schmaler Grat. Öffnet man sich, kann es schnell cringe werden. Und peinlich will ich selbstverständlich nicht sein. Aber es interessiert mich, wie ich Pointen machen kann über mich und mein Verhalten, die sich stimmig anfühlen.

Und wann sind sie stimmig?
Es gibt diese ziemlich verbreiteten Diss-Jokes, wo Comedians Witze über ihren dicken Bauch oder ähnliche vermeintliche Makel reissen. Wir lesen das als selbstironisch und cool, aber für mich ist es ein Kratzen an der Oberfläche. Richtig spannend wird es doch dann, wenn es darum geht, wer ich wirklich bin, wo ich hadere und zweifle.

Warum wird es dann spannend?
Weil ich davon ausgehe, dass wir alle nicht wissen, was das hier alles soll. Warum wir das hier eigentlich alles machen. Was uns genau antreibt, auch in der Freizeit so pedantisch Büro-Mails zu beantworten, und warum uns in Partnerschaften Kleinigkeiten plötzlich unglaublich aufregen. Ich schliesse Menschen sofort ins Herz, die mir vermitteln: «Ich weiss es doch auch nicht.» Und ich bin überzeugt, mit dieser verletzlichen Offenheit finden wir dann gemeinsam wieder ein kleines bisschen mehr über uns selbst raus.

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"Unsere Zeit ist so begrenzt, da möchte ich mich eigentlich nicht mit Oberflächlichkeit begnügen"

Du sprichst in der aktuellen Show unter anderem auch von Männerfreundschaften. Davon, dass es manchmal schwierig ist, einem Freund wirklich nahezukommen.
Ja, ich habe solche Freundschaften geführt, wo ich nach einem Treffen nicht wusste, wie es dem anderen wirklich ging. Ich habe bewusster angefangen, mich selbst zu öffnen und zu schauen, ob so die Fassade des anderen ebenfalls etwas anfängt zu bröckeln. Ich denke mir einfach oft, unsere Zeit ist so begrenzt, es kann so schnell vorbei sein, da möchte ich mich eigentlich nicht mit Oberflächlichkeit begnügen.

Die Endlichkeit ist auch Thema in deinem Programm. Du liest deinen eigenen Nachruf vor, streckenweise absolut ernsthaft.
Hinter der Idee, meinen eigenen Nachruf vorzutragen, stand diese Überlegung: Wenn ich mein Leben durchgehe und meine eigene Verletzlichkeit, meine eigene Sterblichkeit, mein eigenes Mich-im-Kreis-Drehen zum Thema mache, kann ich in acht Minuten mehr über wichtige Lebensentscheidungen erzählen, als wenn man drei Entscheidungsratgeber lesen würde.

Wie fiel der Entscheid, ein Programm übers Entscheiden zu machen?
Da haben mehrere Dinge reingespielt. Ein Gedanke war, dass ich es sehr zu schätzen weiss, in einer Demokratie zu leben und somit über die Zukunft mitentscheiden zu können. Doch es beteiligen sich an diesem Prozess weniger als die Hälfte jener, die eigentlich mitentscheiden könnten, üblicherweise 45 Prozent. Ich fragte mich: Wie kann ich dazu beitragen, dass mehr Menschen an diesen Entscheidungsprozessen teilnehmen?

Du hast einen Master in Publizistik und Politologie, beschäftigst dich seit Jahren mit Politik und erklärst Abstimmungsvorlagen.
Ja, aber ich wollte die politische Entscheidung auch auf eine persönliche, lebensnahe Ebene herunterbrechen. Denn dann geht sie einen noch mehr an. Wie trifft man überhaupt Entscheidungen? Ich stellte fest, dass wir die wirklich wichtigen Dinge oft vor uns herschieben. Ich fragte mich: Warum entscheiden wir nicht? Warum entscheide ich nicht?

Ja, warum?
Aus Angst! Und die wollte ich ergründen. Ich dachte mir, ich könnte das gut aufzeigen an meiner eigenen Entscheidung, ob ich mich outen soll, und der damit verbundenen Angst vor möglichen Folgen, vor Ausgrenzung, vor Hass. Ich wollte damit zeigen, dass, wenn ich keine Entscheidung treffe – in diesem spezifischen Fall oder auch in vielen anderen –, es so ist, als ob ich mit angezogener Handbremse durchs Leben ginge. Ich werde am Ende nicht jenes Leben gelebt haben, das ich hätte leben wollen. Psychologische Studien zeigen ausserdem, dass klare und mutige Entscheidungen ganz grundsätzlich glücklich machen, unabhängig davon, wie es am Ende herauskommt. Denn jede unserer Entscheidungen ist Ausdruck der eigenen Persönlichkeit; ich kann mit jedem Entschluss zeigen, wer ich bin.

"Es reizt mich, durch eine Öffnung von mir in eine grössere Verbundenheit zu kommen mit den Menschen"

Verändert die Offenheit, mit der du von dir erzählst, auch die Art, wie das Publikum dir begegnet?
Ich spüre bei diesem Programm tatsächlich viel stärker, wie es die Leute anregt, in ihrem eigenen Leben Dinge zu verändern. Ich erhalte viele Nachrichten über Instagram oder per Mail. Das Programm ist vielleicht einfach der letzte kleine Tropfen. Da sagt ein Freund nach meiner Show zu seinem Kumpel: Du sagst doch schon seit vier Jahren, dass dir dein Job nicht gefällt. Und am Montag kriege ich per Mail ein Foto von seinem Kündigungsbrief.

Echt?
Ja! Und ich schrieb: «Gratuliere, dass du dich entschieden hast!» Ob es besser oder schlechter wird, weiss man nicht. Aber wenn einen eine Frage vier Jahre lang umgetrieben hat, ist es doch gut, diesen Entscheid schliesslich gefällt zu haben. Ich hatte das bei keinem anderen Programm bisher, dass es so ins Leben der Menschen gelangt. Jemand schrieb mir, dass er einen Termin mit seinem Vater ausgemacht habe und sie zum ersten Mal wirklich miteinander geredet hätten, über die Kindheit, übers Aufwachsen.

Mir stand während der Show das Bild eines trojanischen Pferdes vor Augen: Ein Mann, der für laute Lacher steht, die Leute damit lockt, dann aber untergründig ein leises Plädoyer der Nachdenklichkeit ausbreitet.
(lacht) Schön von dir beschrieben. Nur: Ein trojanisches Pferd ist mir etwas zu martialisch. Ich will den Leuten nichts vorgaukeln, um sie dann zu erobern. Die Leute kommen in meine Show, um zu lachen. Gleichzeitig ist es so, dass ich sie mit meiner Offenheit konfrontiere und sie im Laufe des Programms wohl nicht umhinkommen, selbst offen zu sein. Ich weiss nicht genau, welches Bild ich deinem Pferd gegenüberstellen würde. Vielleicht dieses: Ich sehe mich als Kind, das die Leute an der Hand nimmt und sagt, kommt mal mit, ich habe da was entdeckt.

Du sagtest, der Weg zu diesem Programm war ein Prozess. Wirst du hier weitergehen, in diesem so Nahen, Persönlichen, oder kommt danach etwas ganz anderes?
Ich glaube, dieser Weg ist der einzige, der mich momentan reizt: Durch eine Öffnung von mir in eine grössere Verbundenheit zu kommen mit den Menschen und der Welt. Gerade in Hünenberg, wo ich die Leute kenne, sehe ich im Publikum den Handwerker, neben ihm die Managerin, und sie lachen über dasselbe; dasselbe stimmt sie auch nachdenklich. Das interessiert mich: eine Comedy-Show zu machen, wo sich Verbundenheit spüren lässt, wo man sie wirklich erleben kann.

Michael Elseners Tour «Gute Entscheidung!» spielt in verschiedenen Schweizer Städten und gastiert unter anderen vom 4. bis 8. 11. in Bern und vom 26. 11. bis 5. 12. in Zürich.

 

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