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Die HBO-Hitserie

Die HBO-Hitserie "Euphoria" kehrt zurück: Was steckt hinter der Kritik an der dritten Staffel?

"Pervers", "Desaster", "schmuddelig": Das Drama um die dritte Staffel der Erfolgsserie "Euphoria" war bereits vor Erscheinen der ersten Folge gross. Lohnt sich die Serie?

Wir erinnern uns: Es gab eine Zeit, in der «Euphoria» den Nerv der Zeit traf. Die HBO-Serie mit Emmy-Gewinnerin Zendaya in der Hauptrolle erreichte mit der Ausstrahlung der ersten Staffel in kürzester Zeit Kultstatus: Die Dramaserie um eine Gruppe von Jugendlichen war edgy und prägte mit ihrer Ästhetik den Zeitgeist. Das ist inzwischen sieben Jahre her.

Die ersten beiden Staffeln der Serie lebten von emotionaler Tiefe und einer rauen Düsterheit, etwa wenn schonungslos die harte Realität von Suchterkrankungen, Depressionen, Trauer oder dysfunktionalen Familienverhältnissen gezeigt wurde. Als direkten Kontrast dazu trugen die Figuren auffällige Outfits mit Y2K-Einflüssen sowie das mittlerweile ikonische glitzernde Augen-Make-up, mit knalligen Eyelinern und Strasssteinen, kreiert von Make-up-Artist Doni Davy. Die von der Serie inspirierten Beauty- und Mode-Looks wurden zum Trend, zahlreiche Szenen zu Memes. «Euphoria» war in vielerlei Hinsicht ein einzigartiges popkulturelles Phänomen.

Funktioniert die Serie heute noch?

«Euphoria» hatte mit seinem Storytelling und den melancholischen Bilderwelten, für die massgeblich Fotografin Petra Collins verantwortlich gewesen sein soll, die dafür jedoch nie offiziell Anerkennung erhielt, von Anfang an eine unverwechselbare, eigene Identität. Aber was ist davon übrig geblieben? Und: Funktioniert die Serie heute überhaupt noch?

Es ist gar nicht so einfach, sich die neuen Folgen von «Euphoria» unvoreingenommen anzuschauen. Schliesslich wird das Comeback der HBO-Hitserie aus der Feder von Sam Levinson, einem höchst umstrittenen Filmemacher, auf Social Media seit Monaten heiss diskutiert. Vier Jahre nach der Ausstrahlung der zweiten Staffel gibt es nun das lang erwartete Wiedersehen mit der Clique um Rue Bennett (Zendaya). In der Schweiz ist seit gestern die erste Folge verfügbar.

Rue ist Drogenhändlerin, Cassie ein OnlyFans-Model

Die Teenager der East Highland High School, die zuletzt mitten im Schul-Chaos steckten, sind mittlerweile zu jungen Erwachsenen geworden: Fünf Jahre später ist die drogenabhängige Rue zwar nüchtern, schlägt sich aber als Uber-Fahrerin und Kurierin von Fentanyl zwischen den USA und Mexiko durch, um ihre Schulden bei der Drogenhändlerin Laurie (Martha Kelly) abzuzahlen. Nachdem sie bei einer christlichen Familie im texanischen El Paso unterkommt, findet sie zum Glauben.

Jules (Hunter Schafer) studiert an einer Kunsthochschule und soll als Escort arbeiten, während Maddy (Alexa Demie) Influencer:innen und Schauspieler:innen managt. Lexi (Maude Apatow) schreibt in Hollywood für eine Soap. Und ihre Schwester Cassie (Sydney Sweeney) lebt mit ihrem High-School-Sweetheart Nate (Jacob Elordi) in der Vorstadt-Idylle. In der Beziehung läuft es zwar mässig, dennoch plant das Paar seine Hochzeit. Und Cassie besteht darauf, vor einer Blumendekoration im Wert von 50’000 Dollar zu heiraten – finanziert mit den Einnahmen aus ihren OnlyFans-Nacktfotos.

«Komplett ins Perverse abgedriftet»

Die internationalen Rezensionen der neuen Folgen fallen teils vernichtend aus. Die «New York Post» nennt die Episoden «ein völlig entgleistes Desaster» und eine «aus den Schienen geratene Achterbahnfahrt des Wahnsinns», «BBC» beschreibt das Comeback als «schmuddelig» und «verzweifelt». «Euphoria fühlt sich jetzt an wie die Fantasien eines creepy alten Mannes», bewertet «The Telegraph» die neue Staffel. «Mit der dritten Staffel ist Sam Levinson komplett ins Perverse abgedriftet – und diesmal ist die Serie nicht stark genug, um das aufzufangen.»

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"Und Levinsons Darstellung der weiblichen Figuren ist, einmal mehr, stark sexualisierend"

Und Levinsons Darstellung der weiblichen Figuren ist, einmal mehr, tatsächlich stark sexualisierend. So sieht man von Cassie, die mit freizügigem Content auf TikTok berühmt werden möchte, zunächst den blanken Hintern. Als sexy Dummchen, das nicht unterschätzt werden möchte, verkleidet sie sich unter anderem als sexy Hund und erklärt ihrer Freundin, warum es keine Pornografie ist, sich auf OnlyFans auszuziehen. Schade, dass sich diese Figur auch in fünf Jahren nicht weiterentwickelt oder an Substanz gewinnt: Cassie lässt sich weiterhin objektivieren und hat selbstverständlich auch noch Freude daran – tiefere oder interessantere Eigenschaften schreibt ihr Levinson nicht zu.

Auch die Szene, in der Rue und ihre Freundin Faye Valentine (Chloe Cherry) würgend und mit tränenden Augen Drogenpäckchen zum Schmuggel runterschlucken, wirkt seltsam pornografisch. Die Szene wirkt unnötig nah. Male Gaze anyone?

Später wird einem Huhn der Kopf abgerissen, irgendwann leckt ein Hund Kot von einem Bein – und man fragt sich: Warum? Levinson setzt, zumindest in der ersten Folge, mehr auf Provokation statt auf starkes Storytelling. Und das wirkt vor allem faul und wenig innovativ.

Serien-Aus, Überdosis, Streit am Set

Die dritte «Euphoria»-Staffel schien von Anfang an unter einem schlechten Stern zu stehen: So verzögerte sich die Produktion zunächst aufgrund von Covid und des Autor:innen-Streiks in Hollywood 2023. Levinson hatte den Grossteil der neuen Staffel bereits geschrieben, verwarf ihn allerdings, nachdem Schauspieler Angus Cloud, der in «Euphoria» den Drogendealer Fezco spielte, an einer Überdosis gestorben war.

Neben Fezco fehlt in der Fortsetzung auch Kat Hernandez, gespielt von Barbie Ferreira. «The Daily Beast» berichtete von einem Streit zwischen Ferreira und Levinson, bei dem die Schauspielerin das Set verliess. Sie gab ihr Serien-Aus 2022 bei Instagram bekannt und erklärte vor Kurzem im Interview mit «Collider Ladies Night», dass Kat das Ende ihrer Geschichte erreicht hätte.

Im März distanzierte sich schliesslich auch noch Musiker Labrinth von der Serie und verkündete auf Instagram, dass seine Musik nicht in den neuen Folgen zu hören sein werde: «Ich bin fertig mit dieser Branche. Scheiss auf ‹Euphoria›. Ich bin raus.» Für viele Fans kam sein Ausstieg überraschend, schliesslich wurde Labrinths Sound zu einem der prägendsten Merkmale der Show: Sein Track «All for Us» mit Zendaya brachte ihm 2020 einen Emmy Award ein.

Einer der grössten Kritikpunkte an «Euphoria» dürfte Sam Levinsons Art sein, Frauenfiguren zu schreiben. 2023 sorgt er mit seiner sexuell expliziten HBO-Serie «The Idol» für Schlagzeilen, in der er Lily-Rose Depp als Popsternchen Jocelyn bei einer mageren Storyline und kaum bekleidet durch fünf Episoden stöhnen liess. «Rolling Stone» bewertete die Serie in einer Rezension als «Folter-Porno» und «Vergewaltigungsfantasie» eines «toxischen Mannes». Levinson wurde in der Vergangenheit ausserdem vorgeworfen, Themen wie Sucht oder Sexualität zu voyeuristisch oder glorifizierend darzustellen.

Bei aller Kritik: Immerhin ist die unverwechselbare Kameraführung von Marcell Rév, «Euphorias» langjährigem Director of Photography, eine visuelle Freude. Das breite Bildformat und die weitläufige Landschaft schaut man sich gerne an – wie bereits die zweite Staffel wurden auch die neuen Folgen auf Film aufgezeichnet, was den Bildern die typische Körnigkeit und Textur verleiht. Und auch einige Figuren wiederzusehen, zum Beispiel die schlagfertige Maddy oder Rues Sponsor Ali (Colman Domingo), der ihr auf dem Weg aus der Sucht beisteht, sorgt zumindest für einen gewissen Reiz.

Trotzdem hinterlässt die erste Folge ein Gefühl der Enttäuschung. Die Magie, die «Euphoria» einst zum Streaming-Highlight machte, scheint verflogen. «Euphoria» hat an Relevanz verloren und das Storytelling wirkt erzwungen – da bringt selbst der gehypte Gen-Z-Cast mit Gastauftritten von Sharon Stone und Rosalía nichts. Ein Wiedersehen nach langer Zeit, das man sich hätte sparen können.

«Euphoria» läuft ab sofort auf Sky Show, die nächste Folge erscheint am 20. April.

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