ETH-Professorin Consuelo De Moraes: "Ohne Pflanzen können wir nicht überleben"
Die renommierte Pflanzenforscherin Consuelo De Moraes erklärt im Gespräch zum Film "Unter Pflanzen – Ein Perspektivenwechsel", weshalb wir die Flora unterschätzen – und warum sie Pflanzen trotzdem nicht als intelligent bezeichnen würde.
- Von: Stephanie Hess
- Bild: Filmstill
Sind Pflanzen schlicht unbeteiligte Gewächse oder zentrale Mitgestalterinnen dieser Welt? Im preisgekrönten Dokumentarfilm «Unter Pflanzen - Ein Perspektivenwechsel» zeigt die Zürcher Regisseurin Antshi von Moos, welches ungeheure Leben in der Flora steckt und dass die westliche Weltsicht seit Aristoteles – wonach der Mensch über der Natur steht und Pflanzen bloss passive Organismen seien – überholt werden muss.
Die Filmemacherin tut dies in ihrem ersten langen Dokumentarfilm, indem sie verschiedene Zugänge nebeneinander bestehen lässt. Zu Wort kommen sowohl das Künstler:innen-Duo Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger, deren Arbeiten sich um hybride Organismen drehen, die Biologin und Sachbuchautorin Florianne Koechlin, wie auch Professorin Consuelo De Moraes, Leiterin des Biocommunicationlabors an der ETH Zürich.
Die gebürtige Brasilianerin gilt als eine der international bedeutendsten Forscherinnen im Bereich der Pflanzenkommunikation. Wir haben mit ihr über die verborgene Sprache der Flora gesprochen – und weshalb sie Pflanzen trotzdem keinesfalls als intelligent bezeichnen will.
annabelle: Können Sie uns – vereinfacht – erklären, wie Pflanzen miteinander kommunizieren?
Consuela De Moraes: Pflanzen kommunizieren nicht nur miteinander, sondern auch mit anderen Organismen, indem sie Informationen austauschen – insbesondere über chemische Signale.
"Wir fanden heraus, dass eine Pflanze gewissermassen erkennt, welcher Schädling sie angreift"
Wie genau tun sie das?
Auf viele Arten. Wir fanden in unserer Forschung etwa heraus, dass eine Pflanze gewissermassen erkennt, welcher Schädling – etwa eine Raupe – sie angreift und sodann entsprechende chemische Botschaften aussendet. Diese können nicht nur von anderen Pflanzen wahrgenommen werden, sondern auch von Insekten, die den Schädling fressen oder ihn als lebenden Wirt für ihren Nachwuchs nutzen. Diese Duftstoffe können von anderen Pflanzen wahrgenommen werden; Nachbarpflanzen beginnen dadurch teilweise bereits, eigene Abwehrmechanismen zu aktivieren, noch bevor sie selbst angegriffen werden. Unsere Forschung hat gezeigt, dass diese Signale in manchen Fällen sogar Informationen über die konkrete Schädlingsart vermitteln können, die sich von der Pflanze ernährt.
Eine spezielle Rolle scheint laut Ihrer Forschung auch den Hummeln zuzukommen.
Unsere neueren Arbeiten zeigten, dass Hummeln auf unerwartete Weise mit Blättern interagieren. Wir stellten fest, dass Hummeln Pflanzenblätter auf eine bestimmte Weise beschädigen, indem sie hineinbeissen – und dass dies dazu führen kann, dass Pflanzen früher zu blühen beginnen, als sie es sonst würden.
Im Film sagt einer der Forscher aus Ihrem Team, der «Heilige Gral der Pflanzenforschung» bestünde darin, einen blütenauslösenden Stoff zu finden. Viele seien auf der Suche danach. Warum ist es so wichtig?
Ich würde eher sagen, das Entscheidende besteht darin, den Zeitpunkt der Blüte zu verstehen. Eigentlich beeinflussen wir die Blüte bereits heute mit Pflanzenhormonen in Gewächshäusern – eine blütenauslösende Substanz wäre einfach eine präzisere Form davon. Die Entdeckung einer solchen hätte weltweite Auswirkungen auf die Landwirtschaft und im Gartenbau. Es könnte Erträge steigern, zu präziseren Züchtungen führen und zu Klimaanpassungen bei Nutzpflanzen beitragen.
"Wegen des Klimawandels beginnen manche Pflanzen früher zu blühen, während Insekten noch nicht geschlüpft sind"
Es wäre also auch ein Mittel im Umgang mit dem Klimawandel?
Ja. Ein grosses Problem der Klimakrise ist die Asynchronität zwischen Pflanzen und Insekten. Eigentlich wären sie perfekt aufeinander abgestimmt: Pflanzen blühen zu einem Zeitpunkt, an dem bestimmte Insekten aktiv sind, und Insekten wiederum richten ihre Entwicklung und Fortpflanzung danach aus, wann Nahrung wie Nektar oder Pollen verfügbar ist. Durch den Klimawandel, insbesondere durch die steigenden Temperaturen, gerät diese Synchronität durcheinander.
Inwiefern?
Manche Pflanzen beginnen früher zu blühen, während bestimmte Insekten noch nicht geschlüpft sind – oder umgekehrt. Eine Gefahr des Klimawandels besteht darin, dass Pflanzen und ihre Bestäuber ihre Entwicklung möglicherweise anhand unterschiedlicher Umweltreize steuern.
Wo sehen Sie die Risiken einer blütenauslösenden Substanz?
Auf Anhieb sehe ich keine. Weil es nicht so funktioniert, dass man einfach kommen kann, den Stoff auf ganze Felder sprüht und dann alles zu blühen beginnt. Man muss jede Pflanze einzeln einschneiden und behandeln. Aber es ist natürlich so, jede Entdeckung kann von jemandem auf eine Art und Weise genutzt werden, die man nicht erwartet hätte.
"Ich denke nicht, dass Pflanzen intelligent sind"
Viele Universitäten weltweit forschen daran, eine solche Substanz zu finden. Wie weit sind Sie davon entfernt, eine zu entdecken?
Was ich sagen kann: Wir sind nahe dran. Aber es ist zu früh, mehr dazu zu sagen. Das würde Spekulationen auslösen.
Was der Film und Ihre Arbeit zeigen: Pflanzen sind unendlich komplexer, als wohl vielen Menschen bewusst ist. Was denken Sie, kann man sagen, dass Pflanzen intelligent sind?
Für mich ist die Antwort sehr klar: Nein. Ich denke nicht, dass Pflanzen intelligent sind.
Obwohl Sie in Ihrer Forschung Verhalten festgestellt haben, das man als clever bezeichnen könnte?
Ja. Pflanzen verfügen nicht über die komplexen kognitiven Fähigkeiten von Tieren oder über jene schnelle Reaktionsfähigkeit in Echtzeit, die wir gewöhnlich mit Intelligenz verbinden. Was manche als Pflanzenintelligenz bezeichnen, würde ich eher als Anpassung verstehen. Ich glaube, viele haben das Bedürfnis, Dinge oder Lebewesen menschlicher zu machen. Das verdeckt jedoch jene Eigenschaften, die Pflanzen auf ihre eigene Weise interessant machen.
"Um den Wert von Pflanzen zu erkennen, sollte das Wissen darum ausreichen, dass wir ohne sie nicht überleben können"
Vielleicht ist die Zuschreibung von Intelligenz auch ein Versuch, Menschen stärker für die Pflanzen einzunehmen – gerade in Zeiten der Klimakrise. Wenn wir Pflanzen als Teil unseres menschlichen Systems betrachten, schützen wir sie vielleicht besser?
Das kann sein. Vielleicht fühlen sich Menschen stärker mit ihnen verbunden, wenn sie Pflanzen menschliche Attribute zuschreiben. Ich bin aus mehreren Gründen skeptisch gegenüber dieser Idee. Argumente für Umwelt- und Naturschutz sollten auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen. Ich glaube nicht, dass die Vorstellung, Pflanzen seien wie Menschen, ein breites Publikum überzeugen wird. Ausserdem verschleiert es, inwiefern Pflanzen tatsächlich einzigartig und wichtig sind. Meiner Ansicht nach sind Pflanzen gerade deshalb so faszinierend, weil sie nicht wie wir sind – und genau diese Andersartigkeit inspiriert mich. Um ihren Wert zu erkennen, sollte es meiner Meinung nach ausreichen zu wissen, dass wir ohne Pflanzen nicht überleben können.
Was hat Sie dazu bewogen, bei diesem Film mitzumachen?
Die Beharrlichkeit von Antshi? (lacht) Und natürlich ist es mir ein Anliegen, dass die Forschung unseres Labors auch in die Öffentlichkeit getragen wird.
Weshalb?
Wissenschaft wird mit öffentlichen Geldern finanziert, wir haben also die Verantwortung zu erklären, weshalb sie wichtig ist. Wissenschaftler:innen erklären Dinge oft so, dass sie für viele Menschen schwer zugänglich sind. Das können ein Film wie «Unter Pflanzen – Ein Perspektivenwechsel» oder auch ein Interview wie dieses auf eine andere Weise tun. Gleichzeitig ist mir sehr wichtig, dass die Wissenschaft selbst rigoros bleibt.
Was meinen Sie damit?
Dass wir mit wissenschaftlichen Daten arbeiten, harte Fragen stellen und akzeptieren, dass Experimente scheitern können. Dazu gehört auch, ein Problem aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Forschung ist langsam. Sie braucht Zeit. Ist harte Arbeit. Wenn ich etwas veröffentliche, muss es korrekt sein. Deshalb fühle ich mich unwohl dabei, Pflanzenkommunikation in vereinfachten oder mystischen Begriffen zu beschreiben – eine solche Sprache greift dem voraus, was wir tatsächlich über ihr Interagieren wissen.
Der Film «Unter Pflanzen – Ein Perspektivenwechsel» – produziert von Mira Film, in Koproduktion mit Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und der SRG SSR – läuft aktuell in den Deutschschweizer Kinos. Er wurde mit dem DOK.talent Award beim Dok.fest München sowie dem Dokumentarfilmpreis der Alexis Victor Thalberg-Stiftung ausgezeichnet.
Spezialvorstellungen
- Samstag, 23. Mai um 18.00 Uhr, Cameo, Winterthur in Anwesenheit von Antshi von Moos
- Mittwoch, 27. Mai um 20.30 Uhr, Stattkino, Luzern in Anwesenheit von Antshi von Moos
- Dienstag, 2. Juni um 18.30 Uhr, Stadtkino Basel in Anwesenheit von Florianne Koechlin (Protagonistin) und Antshi von Moos
- Dienstag, 9. Juni um 20.00 Uhr, Neues Kino, Freienstein, in Anwesenheit von Antshi von Moos