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Lukas Bärfuss:

Lukas Bärfuss: "Ich habe nicht verstanden, wie schwach meine Mutter war"

Eine Kindheit ohne Liebe, mit 15 obdachlos: Der Autor Lukas Bärfuss wuchs in schwierigen Verhältnissen auf. Nun hat er ein Buch über seine Mutter geschrieben.

Lukas Bärfuss steigt vom Stuhl, auf dem er im Zürcher Restaurant Rosso eben noch für den Fotografen posiert hat. Er greift nach dem feuchten Lappen des Servicepersonals und wischt die Sitzfläche sauber, bevor er sich für eine weitere Pose hinstellt. Höflichkeit und Pünktlichkeit – zwei Sekundärtugenden, die er auf der Strasse mitbekommen habe, sagt der gebürtige Thuner später. «Nicht durch schlechtes Benehmen die eigene Lage zu verschlimmern, war für mich überlebenswichtig.»

Wie prekär diese gewesen ist als Kind und Jugendlicher, erzählt Bärfuss in seinem neuen Roman «Königin der Nacht: Ein kurzes Buch über meine Mutter». Keine Abrechnung, vielmehr erscheint es wie ein Versuch, zu verstehen: die Frau, die Bärfuss geprägt, verletzt und immer wieder im Stich gelassen hat.

Wie bereits im Buch über seinen Bruder, der sich mit einer Überdosis Heroin das Leben nahm («Koala»), und in dem über den kriminellen wie abwesenden Vater, der seinem Sohn ausser Schulden wenig hinterliess («Vaters Kiste»), wird auch aus der Geschichte der Mutter eine über Herkunft, Armut und die Kräfte, die ein Leben formen.

annabelle: Lukas Bärfuss, Ihre Mutter bezeichnete Sie als «Kollateralschaden» und setzte sich ohne Vorwarnung erst in eine andere Stadt, später dann ins Ausland ab. Ihrem Schicksal allein überlassen, landeten Sie mit 15 in der Obdachlosigkeit, hatten «kein Geld, keine Wohnung, keine Liebe», wie es in «Königin der Nacht» heisst. Heute sind Sie ein erfolgreicher Schriftsteller und Vater dreier Kinder. Gab es irgendwas in Ihrer Kindheit, das Sie im Guten geprägt hat?
Lukas Bärfuss: Dass ich keiner elterlichen Kontrolle unterlag und tun und lassen konnte, was ich wollte, gehörte zu den tollen Dingen meiner Jugend. Der polnische Pädagoge Janusz Korczak sagt, jedes Kind habe das Recht auf den eigenen Tod. Als ich das las, waren meine Kinder klein, und ich fand das verstörend. Aber es stimmt. Denn sonst haben sie auch kein Recht auf ein eigenes Leben. Und ich glaube durchaus, dass Kinder die freie Wildbahn brauchen und ohne Eltern Erfahrungen sammeln müssen.

Steckt in der Überbehütung der Generation Helikoptereltern eine Form von Gewalt?
Eltern sollen sich kümmern. Es geht um das Wohl der Kinder, nicht um die Seelenruhe der Eltern. Aber: Der Gedanke, meine eigenen drei Kinder hätten unter denselben prekären und lieblosen Verhältnissen aufwachsen müssen wie ich, bricht mir das Herz. Niemand sollte so seine Kindheit verbringen müssen.

Sie bestanden mit 15 die Aufnahmeprüfung zur Primarlehrerausbildung, erhielten sogar ein Stipendium. Dieses Geld aber «sackt Mutter ein. Als Entschädigung. Ein Kind kostet.» Obendrein zog sie damals ohne Vorwarnung in die Dominikanische Republik, um mit dem gestohlenen Geld einen Neuanfang zu machen. Die Ausbildung konnten Sie deshalb nicht antreten. Was ging damals in Ihnen vor?
Auch wenn ich mich bei meiner Mutter nie in Sicherheit gewähnt hatte, war dieser Moment besonders bitter. Zum Gefühl, die halb leergeräumte Wohnung zu betreten, kann ich jederzeit zurückkehren – und ich denke, dass hier einer der Bezugspunkte meiner Literatur liegt. In der totalen Ambivalenz dieser Situation – jetzt bist du frei, aber auch: jetzt bist du Freiwild – liegt alles. Insofern hat meine Mutter mich zu einem Schriftsteller gemacht, auch wenn das sicher nicht ihre Absicht war.

Ihr Halbbruder hat sich 2011 mit Mitte vierzig das Leben genommen, eine Überdosis Heroin. Haben Sie sich gefragt, warum Sie selbst nicht in die Drogensucht abgerutscht sind?
Darauf habe ich keine endgültige Antwort. Drogen waren in meiner Jugend überall. Mein Bruder hatte ein stabiles Zuhause, eine Ausbildung, er glaubte, den Konsum kontrollieren zu können. Mir wäre das nicht möglich gewesen. Ich hatte nichts und wusste, wo es enden würde. Im Knast und im Grab. Ich wollte mir selbst ein Freund sein. Und ich liebe das Leben, in jedem Augenblick.

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"Ich nahm die Lieblosigkeit meiner Mutter nicht persönlich. Ich wusste, dass das Problem bei ihr liegt"

Sie hatten keinerlei finanzielle Unterstützung. Wie haben Sie sich damals versorgt?
Ich habe mir über ein Temporärbüro kleine Jobs besorgt, drei Tage gearbeitet und hatte genug für zwei Wochen. Mundraub kam auch vor, ich habe mich in den Schrebergärten am Gemüse bedient. Ich bitte um Nachsicht!

Die Miete war von Ihrer Mutter drei Monate im Voraus bezahlt worden, danach waren Sie auf sich allein gestellt und wurden obdachlos. Was passierte mit Ihrem Plattenspieler, Ihren Büchern, kurz: den Habseligkeiten aus Ihrem Zimmer?
Die gingen mit den Jahren verloren. Ich konnte nichts behalten. Manches habe ich verkauft.

Sie haben in jungen Jahren sehr viel Lieblosigkeit erfahren. Haben Sie trotzdem Liebe annehmen können?
Die Liebe stellt immer Fragen, leichte und schwere. Aber ich nahm die Lieblosigkeit meiner Mutter nicht persönlich. Ich wusste, dass das Problem bei ihr liegt. Und ich habe viel gelernt durch das negative Beispiel. Meine Mutter suchte die Konkurrenz, ich wusste, dass ich nur durch Kooperation überleben würde. Ich hatte das Talent für Freundschaften, und viele Menschen meinten es gut mit mir. Die Lehrer:innen und die Eltern meiner Freund:innen, bei denen ich Unterschlupf fand. Und natürlich meine Grossmutter.

Die Grossmutter mütterlicherseits?
Ja.

Und die konnte Liebe schenken?
Ja, keine zärtliche, eher auf eine herbe Art. Meine Oma war ein armutsbetroffene Frau, in einem Mass, das kann man sich heute kaum vorstellen. Sie hat als Heimarbeiterin ihr Geld verdient und hatte nach einer Krebserkrankung zwei Brustamputationen hinter sich, dazu litt sie an Diabetes. Sie war mit dem Leben verbunden auf eine ursprüngliche Weise: Sie war Teil einer Gemeinschaft, ihres Dorfes. Sie war klar, verlässlich und hat nie geschwankt. Das hat mich gerettet. Bei meiner Mutter war ich immer verwirrt, ich wusste nie, wie etwas gemeint war – und so blieb es bis zum Schluss.

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"Mich interessiert, wie Abweichungen von der Norm gelesen werden. In der Regel nicht als Reichtum, sondern als Defizit"

So wie bei Ihrem letzten Besuch in der Dominikanischen Republik, als Ihre Mutter ein Strandbordell als Treffpunkt wählt und nicht verstehen kann, dass Sie den angebotenen Sex mit Prostituierten ablehnten?
Möglicherweise hat sie das als Geschenk verstanden. Vielleicht wollte sie Nähe aufbauen. Gestört, neurotisch, nicht dechiffrierbar.

Die emotionale Stabilität eines Kindes wird von der Gesellschaft nach wie vor an der ihm zuteilwerdenden Mutterliebe gemessen. Ist diese in Ihren Augen nur ein Mythos?
Die französische Philosophin Élisabeth Badinter hat hinreichend entlarvt, dass Mutterliebe kein biologisches Gesetz, sondern eine gesellschaftliche Konstruktion ist, die Frauen durch die Mutterrolle in ihrer Selbstbestimmung einschränkt. Die Lieblosigkeit meiner Mutter habe ich trotzdem für mich behalten. Ich fürchtete, die Menschen würden es nicht verstehen und glauben, dass ich einen Schaden habe.

Und? Haben Sie?
Ich fühle mich körperlich und mental gesund.

Sie schreiben, Sie hätten die ICD-10 – ein medizinisches Klassifikationssystem der WHO, das psychische und auch sexuelle Störungen erfasst – durchgearbeitet und gelten nach eigener Aussage als unverdächtig. Haben Sie das wirklich gemacht?
Mich interessiert, wie Abweichungen von der Norm gelesen werden. In der Regel nicht als Reichtum, sondern als Defizit. Je starrer die Normen, desto auffälliger die Abweichung und das Bedürfnis, sich zu befreien. Zum Beispiel durch Sexualität. Ich habe in meiner eigenen Familie gesehen, dass man ein sexuell freies Leben führen kann – und trotzdem ein armes Schwein ist. Meine Mutter lebte ihre Beziehungen zu Männern wie zu Frauen – entgegen den damaligen Konventionen – sehr selbstbewusst. Aber diese Form von Freiheit sagt nichts darüber aus, ob ein Leben gelingt. Sie kompensierte die Ödnis und Härte ihres Lebens.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie sich Ihre Mutter abends in die Königin der Nacht verwandelte: Make-up, Kleider, Haar, alles wurde in Szene gesetzt, um nur nicht als Hausmütterchen gesehen zu werden. Hure versus Heilige – warum dieses Narrativ? Konnte sie nicht beides sein?
Es gab Momente, in denen sie die gute Hausfrau sein wollte. Dann räumte sie das ganze Haus auf, sie war ordentlich. Aber es gab nur diese starren Formate der Weiblichkeit, und sie war nicht in der Lage, aus diesen Stereotypen auszubrechen. Die männerverschlingende, rebellische Frau oder das Hausmütterchen. Das war die Auswahl, mehr gab es nicht.

Wieso nicht?
Bis Ende der Achtzigerjahre entschied in der Schweiz der Ehemann, ob eine Frau ein Bankkonto eröffnen oder arbeiten durfte. Meine Mutter hat die Hälfte ihres Lebens in einem Land gelebt, in dem sie nach der Heirat zentrale Rechte verlor. Diese Verhältnisse dauern an. Es ist schwer, in der Schweiz gleichberechtigt zu leben. Die Norm bleibt bestehen: Der Vater arbeitet, die Mutter kümmert sich um die Kinder. Eine andere Rollenverteilung wird wirtschaftlich und gesellschaftlich behindert. Emanzipation setzt zuerst wirtschaftliche Unabhängigkeit voraus. Alles andere ist Blabla. Die Individualbesteuerung über die wir im März abgestimmt haben, ist deshalb ein wichtiger Schritt Richtung Gleichstellung.

"Wie kann man von einem Mann auf einer Harley verlangen, dass er seine Freiheit der wirtschaftliche Stabilität opfert?"

Ihre Mutter wanderte in die Dominikanische Republik aus. Warum?
Sie wäre in der Schweiz in die Altersarmut abgerutscht. Aufgrund ihrer prekären Arbeitsverhältnisse – Barfrau, Wäscherin, Fabrikarbeiterin – hatte sie keine zweite Säule, und die AHV ist in der Schweiz nicht existenzsichernd. Sie wollte keine feste Anstellung. Das hätte sie als Niederlage empfunden, sie wollte unabhängig bleiben. Vielleicht hatte sie dabei den eigenen Vater als Vorbild.

Was meinen Sie?
Er war Sattler mit einem eigenen Betrieb, eine unsichere wirtschaftliche Basis. Meine Grossmutter soll ihn gedrängt haben, eine Arbeit beim Bund zu suchen, und es hiess, dass er sie deswegen verprügelt habe. Meine Mutter hat ihren Vater vergöttert. Wie kann man von einem wilden, schönen Mann, der auf der Harley durchs Land fährt, verlangen, dass er seine Freiheit der wirtschaftliche Stabilität opfert?

Das erklärt ihren Glaubenssatz, unangepasst zu bleiben?
Meine Mutter fand, dass sich ein Leben daran misst, wie schnell man alles zurücklassen kann.

Wie kommt es, dass gerade Menschen ohne Geld, ohne Wohnsitz, ohne feste Arbeit schnell als asozial stigmatisiert werden?
Das ist eine Frage meines Buches. Woher kommt die Scham? Die Schweiz hat armutsbetroffene Menschen bekämpft und verfolgt. Das eugenische Gedankengut war und ist präsent bis heute. Man erkennt das am Nothilferegime für Menschen ohne Aufenthaltsstatus (das wegen Verletzung der Menschenwürde stark unter Beschuss geraten ist und laut einer schweizweiten Untersuchung der Eidgenössischen Migrationskommission von 2024 insbesondere Kinder psychisch gefährdet, Anm. d. Red.). Man wird nicht einfach so zum reichsten Land. Die Ordnung unseres Landes ist nur durch eine Übersteigerung von Härte haltbar.

Wie meinen Sie das?
Der Druck, produktiv zu sein, lastet schwer auf den Menschen. Jeder weiss, was ihm blüht, wenn er nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Man kann die Schweiz unter kolonialen Verhältnissen betrachten und findet viele Parallelen. Die Verdingung, die administrativen Massnahmen, die Verfolgung der Fahrenden, die eugenische Politik. Arbeitsscheue, wie man sie nannte, sollten sich dem Fortschritt unterwerfen oder untergehen. Meine Mutter war ein Opfer dieser Haltung, nicht tauglich, knapp produktiv, ohne Wert. Sie hat das nicht erkannt und den Druck nach unten abgebaut, sich noch Schwächere gesucht und konsequent nach unten getreten.

Ein hilfloser Versuch, sich als wertvolle Schweizerin zu positionieren?
Meine Mutter war eine stolze Frau, die keine Möglichkeit hatte, einen gesunden Selbstwert zu entwickeln. Um ihren Stolz zu bewahren, brauchte es Menschen, auf die sie herabblicken konnte – und das waren jene, die noch weniger hatten als sieselbst. Sie gefiel sich in einem vulgären Rassismus.

"Was mit meiner Mutter geschehen ist, hat mit dem Fehlen von Geld zu tun. Das hat ihre Persönlichkeit zertrümmert"

Sie schreiben im Buch, dass sie die Einheimischen in der Dominikanischen Republik als dumm und faul bezeichnete, die Weiber seien strohdumm …
Unerträglich. Und auch eine Einstellung, die gesellschaftliche Zustimmung findet und ihr eine Form der Zugehörigkeit vermittelte.

Was ist mit der – gerade im Christentum verankerten – Vorstellung, Armut veredle?
Die halte ich für gefährlich. Was mit meiner Mutter geschehen ist, hat mit dem Fehlen von Geld zu tun. Das hat ihre Persönlichkeit zertrümmert.

Ihre Mutter verliess Ihren Vater, da waren Sie vier Jahre alt. Wenig später verpasste Sie Ihnen den Namen des Stiefvaters. Waren Sie darüber wütend?
Thun ist eine kleine Stadt und mein Vater war als Verbrecher bekannt, ein halbseidener Betrüger, der im Knast sass. Und ich war der Sohn dieses Verbrechers. Sie dachte wohl, sie könne mich beschützen.

Als Sie 14 waren, versuchte Ihr Vater Kontakt aufzunehmen, Sie wiesen ihn ab. Warum?
Weil ich verstand, dass er mir nichts zu geben hat. Ich hatte nie das Bedürfnis, kaputte Beziehungen zu retten, und nur weil es sich um meinen leiblichen Vater handelte, wollte ich keine Ausnahme machen.

Trotzdem holten Sie sich wenig später seinen Namen zurück. Warum entschieden Sie sich wieder für Bärfuss?
Mit der Pubertät sah ich meinem Vater immer ähnlicher, was kein Vorteil war, weder in der eigenen Familie noch nach aussen. Den Namen anzunehmen, war ein Akt der Selbstbehauptung. Ja, ich bin der Sohn eines Verbrechers. Aber ich wollte mich von diesem Stigma befreien und mich als eigenständige Persönlichkeit beweisen.

Wer waren Ihre Vorbilder?
Die Männer in meiner Familie waren der Totalausfall, entweder tot, im Knast oder hatten sich abgesetzt. Mich haben Frauen erzogen. Zum Beispiel Nina Hagen. Ich verstand durch sie etwas über den Feminismus, die weibliche Autonomie und das Problem der Mutterschaft: In ihrem Song «Unbeschreiblich weiblich» heisst es etwa: «Ich war schwanger, mir ging es zum Kotzen. Ich wollte es nicht haben, musste gar nicht erst nachfragen.»

"Liebe ist nicht zuerst ein Gefühl, sie ist eine Handlung und zeigt sich in der Sorgfalt und in Präsenz"

Selbst in «verwehren» steckt das Wort ehren. Muss ein Kind, dem die elterliche Liebe verwehrt wird, Vater und Mutter ungebrochen ehren? Oder anders: Wird es ob Ihrer veröffentlichten Lebensgeschichte Kritik hageln mit dem Verweis auf die ungehörige Blossstellung der Familie?
Vielleicht. Die Frage, ob sich das gehört, stellt sich auch mir. Aber es geht nicht um die private Geschichte. Es geht um die Frage, in welcher Gesellschaft diese Geschichte möglich ist. Es ist ein intimes, ein hartes und ein ehrliches Buch, aber es ist nicht respektlos. Ich wollte meine Mutter nicht in die Pfanne hauen. Vielmehr wollte ich zeigen, wie schwer sie es hatte ohne Bildung in einem Leben, das von harter Arbeit geprägt war. Und wenn es eine Kritik gibt, dann trifft sie zuerst mich.

Inwiefern?
Ich habe mich nicht um sie gekümmert. Bei ihrem Tod hatte sie sechzig Franken auf dem Konto und die nächste Rente war weit. Hätte ich sie retten können? Ich habe nicht verstanden, wie schwach meine Mutter war. Wieviel Angst sie hatte, bettlägerig zu werden, auf andere angewiesen zu sein. Das Buch ist von einer grossen Trauer geprägt. Wir konnten keine Beziehung haben, viele Fragen blieben unbeantwortet. Meine Kinder konnten ihre Grossmutter nicht kennenlernen.

Fragt man den Vater Lukas Bärfuss: Was wünschen Sie sich für Ihre Kinder?
Liebe. Eine Aufgabe. Jetzt sind sie gross und schön und stark. Als sie klein waren, habe ich mich an die jüdische Tradition gehalten. Liebe ist nicht zuerst ein Gefühl, sie ist eine Handlung und zeigt sich in der Sorgfalt und in Präsenz. Bei mir geht Liebe zudem eindeutig durch den Magen, und ich war immer besorgt, dass jede Mahlzeit lecker war. Darüber hinaus halte ich den Einfluss der Eltern auf die Kinder für überschätzt. Wir können ihnen zeigen, was Freude bereitet, unsere Ideale vorleben.

Sie haben sowohl über den Suizid Ihres Bruders, die geerbten Schulden durch den verstorbenen Vater und die fehlende Liebe Ihrer Mutter geschrieben, teilen also offen viel Privates. Wie tritt man Ihnen zu nahe?
Ach, ich mag es nicht, wenn die Leute rücksichtslos sind und keine Manieren haben. Ich habe nicht den Eindruck, etwas schützen zu müssen.

Sie schreiben nicht nur, sondern leiten auch Podiumsdiskussionen wie etwa zur Zukunft der Demokratie im Hamburger Schauspielhaus.
Ja, das ist das Schönste: Einladungen auszusprechen, klugen Menschen Fragen zu stellen und durch die Welt zu reisen. Ich habe eine existenzielle Heimatlosigkeit, fühle mich nirgendwo zuhause – ausser bei den Menschen, die ich liebe, und beim Schreiben.

Gibt Ihnen das als Schriftsteller Hoffnung?
Ich bin ein Mensch ganz ohne Hoffnung. Wir müssen alle sterben. Wer will, dass etwas Gutes geschieht, muss etwas tun.

«Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter» (ca. 30 Fr.) ist im Rowohlt-Verlag erschienen. Lukas Bärfuss (54) wurde 2019 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet.

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