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Faravaz: Singen als Widerstand gegen das iranische Regime

Faravaz: Singen als Widerstand gegen das iranische Regime

Im Iran kann eine Frauenstimme zur Straftat werden. Faravaz wurde verhaftet, bedroht und vor Gericht gezerrt – weil sie sang. Heute steht sie in Berlin auf der Bühne und kämpft mit ihrer Musik für das, was ihr einst verboten wurde: Freiheit.

Tausende Menschen tummeln sich auf dem Oranienplatz in Berlin. Frauen halten selbstgemalte Schilder mit Aufschriften wie «Smash the Patriarchy» oder «Fight like a Girl». Es ist der 8. März, Weltfrauentag. Eine junge Frau, Anfang 30, mit langen, dunklen Locken steht auf der Bühne.

«Ich dachte, als dicke, migrantische Frau verdiene ich das Stück Kuchen nicht.» Ihre Stimme hallt über den Platz. «Aber dann habe ich mich entschieden, es zu essen, denn ich verdiene es.» Die Musik setzt ein. Faravaz bringt den Platz mit ihrer Stimme zum Beben. «Dessert, I deserve it» schallt durch die Menge, viele beginnen, sich zur Musik zu bewegen. Dass sie heute hier steht, auf einer grossen Bühne mitten in der Stadt, vor so vielen Menschen singt – das war für sie lange ein weit entfernter Traum.

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"Je mehr weibliche Stimmen, desto schwerer ist es, sie alle zum Schweigen zu bringen"

Faravaz Farvardin ist in Teheran aufgewachsen. Schon als Kind liebt sie Musik. Nachts klettert sie gemeinsam mit ihrer älteren Schwester – ohne Hijab – auf das Motorrad ihres Vaters. Sie fahren durch die Strassen, die Haare im Wind, und singen laut.

Wenn sie mit ihrem Vater im Auto unterwegs ist, singt sie ihm oft etwas vor. Er greift dann in sein Portemonnaie und steckt ihr ein paar Scheine zu. Das sind ihre ersten bezahlten Auftritte. «In meinem Leben dreht sich bis heute alles um Musik. Selbst wenn ich durch die Strassen schlendere, singe ich», sagt sie.

Dass das im Iran für eine Frau gefährlich ist, begreift sie als Kind kaum. Ihr Traum: ein eigenes Album, Konzerte vor grossem Publikum. Doch die Realität ist eine andere. Singen ist für Frauen im Iran nicht explizit verboten – stattdessen arbeitet das Regime mit Fatwas, Deutungsspielräumen und konstruierten Anklagen. Offiziell dürfen Frauen auftreten, aber nur vor einem weiblichen Publikum. «Komplett bescheuert», sagt Faravaz. «Ich habe das einmal gemacht und nie wieder.»

Mit 18 ist sie auf dem Weg zu einem illegalen Auftritt im Café eines Freundes, als die Sittenpolizei sie aufgreift – noch bevor sie überhaupt gesungen hat. Auf dem Revier wird sie wie eine Schwerverbrecherin fotografiert: Schild vor der Brust, Blitzlicht im Gesicht. Ihr Outfit entspricht nicht den Vorstellungen der Behörden. Ihre Eltern müssen kommen und dafür bürgen, dass sie ein solches Verhalten nicht wiederholen wird. Als sie freikommt, bringt ihr der Pianist der Band ein neues Outfit. Sie zieht sich um – und geht direkt von der Polizeistation ins Café und auf die Bühne.

Jeden Moment könnte sie wieder verhaftet werden. Das ist ihr klar. Doch die Liebe zur Musik ist grösser als ihre Angst. Immer wieder gerät sie in Konflikt mit den Behörden.

Zwischen Widerstand und Repression

Faravaz beginnt, ihre Musik auf Facebook zu veröffentlichen. Eines ihrer Videos geht viral. Sie gehört zu den wenigen Sängerinnen, die seit der Islamischen Revolution öffentlich singen – ohne Genehmigung, ohne Einkommen, ohne Möglichkeit, ein Album zu verkaufen oder Konzerte zu geben. Nächtelang nimmt sie in den Tonstudios von Freunden Musik auf. Tagsüber gibt sie Gesangsunterricht, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren – und um andere Frauen zu ermutigen.

«Ich wollte mehr Soldatinnen ausbilden», sagt sie. «Je mehr weibliche Stimmen, desto schwerer ist es, sie alle zum Schweigen zu bringen.»

Mit Mitte 20 findet sie eine Vorladung der Polizei im Briefkasten. Auf der Wache erfährt sie, dass sie wegen ihrer Musikvideos angeklagt wird – Videos, in denen sie im Hijab singt. Der Vorwurf: «provokativer und sexueller Inhalt». Im Gerichtssaal laufen ihr die Tränen über das Gesicht. «Ich habe mich sogar für das Singen entschuldigt. Sie hatten mich so weit, dass ich selbst dachte, ich hätte etwas falsch gemacht», sagt sie.

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"Wenn alle in diesem Raum dich als schlechte Frau sehen, fängst du irgendwann an, es selbst zu glauben"

«Wenn alle in diesem Raum dich als schlechte Frau sehen», fährt sie fort, «fängst du irgendwann an, es selbst zu glauben.» Der Richter Mohammad Moghiseh erklärt ihr, eine anständige Frau würde nicht für Fremde singen – so etwas täten nur Huren. Faravaz wird zu einer Haftstrafe verurteilt. Sie geht in Berufung und kommt gegen Kaution frei. Dass Moghiseh Jahre später in seinem Büro erschossen wird, kommentiert sie knapp: «Es war ein wirklich schöner Tag.»

Während sie auf das Berufungsverfahren wartet, wird sie zu einem Festival nach Berlin eingeladen. Um ausreisen zu dürfen, muss sie eine Bürgschaft hinterlegen. Eigentlich will sie nur ein paar Tage bleiben. Dann klingelt ihr Telefon. Ihr Anwalt rät ihr, nicht zurückzukehren. Im Iran wartet eine einjährige Haftstrafe. Faravaz hat nur einen Koffer bei sich. Sie konnte sich nicht verabschieden. Von einem Moment auf den anderen verliert sie ihre Heimat.

Ankommen und weitermachen

Sie beantragt Asyl in Bayern. Sie kennt niemanden, hat keine Freunde – und fühlt sich schrecklich allein. Selbst ihre grosse Liebe, die Musik, verliert ihren Halt. «Es hat zwei, drei Jahre gedauert, bis ich akzeptiert habe, dass ich nicht zurück kann», sagt sie. Fast fünf Jahre singt sie nicht mehr. Heute lebt sie in Berlin – einer Stadt, die sich für sie wie Heimat anfühlt. Wegen der Vielfalt, der Offenheit und der queeren Community, in der sie eine neue Familie gefunden hat.

Sie gründet die Initiative «Right to Sing», die iranische Sängerinnen finanziell unterstützt. In Workshops zeigt sie Frauen, wie sie ihre Musik aufnehmen und verbreiten können. Wenn jemand durch das Regime in Gefahr gerät, versucht Faravaz gemeinsam mit anderen Organisationen, die Sängerin ausser Landes zu bringen. Einen grossen Traum hat sie sich inzwischen erfüllt: Ihr erstes Album ist erschienen. Es heisst «Azadi» – Freiheit auf Farsi. Elf Tracks, politisch und tanzbar zugleich. «Manchmal merken die Leute gar nicht, dass meine Musik politisch ist», sagt sie und lacht. «Sie tanzen einfach. Und ich denke: Gut so. Ihr seid jetzt trotzdem ein Teil davon.»

Doch die Gegenwart bleibt belastend. «Seit dem Krieg bekommen wir immer weniger mit, wie viele Hinrichtungen parallel stattfinden», sagt sie. Internet gibt es oft kaum, von ihren Eltern hat sie seit Wochen nichts gehört. «Musik ist mein Ventil. So kann ich meine Emotionen teilen.» Woher sie die Kraft nimmt? «Ich habe Depressionen. Ich habe Angst. Und ich finde die Welt oft unerträglich.» Aufhören kommt trotzdem nicht infrage. Sie singt weiter. Auf Bühnen, vor Menschen, die ihre Stimme hören wollen. Das Regime hat ihr vieles genommen – ihre Heimat, ihre Sprache, fast ihre Stimme. Aber eben nur fast.

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