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Maryam Touzani:

Maryam Touzani: "Solange man atmet, ist es nie zu spät für ein neues Leben!"

In "Calle Málaga" erzählt die marokkanische Regisseurin Maryam Touzani von einer 80-jährigen Frau, die sich gegen das Verschwinden wehrt – und stattdessen noch einmal neu beginnt.

Transformation im hohen Alter, ist das möglich? Die marokkanische Regisseurin Maryam Touzani beweist in ihrem neuen Film «Calle Málaga», dass Sinnlichkeit und Lebensfreude nicht nur jungen Menschen vorbehalten sind. Die Tragikomödie, die im vergangenen Jahr auf der Biennale Venedig Weltpremiere feierte und den Publikumspreis gewann, beleuchtet das Leben der Seniorin María Ángeles (Carmen Maura).

Die 80-Jährige ist tief verwurzelt im spanischen Viertel der marokkanischen Hafenstadt Tanger, ihre Wohnung in der Calle Málaga ihr Heiligtum. Als ihre erwachsene Tochter Clara (Marta Etura) sie in ein Seniorenheim drängen will, um aus Geldnot die Wohnung verkaufen zu können, droht sich für María Ángeles alles zu ändern.

«Calle Málaga» ist Maryam Touzanis dritter Spielfilm. Ihr Regie-Debüt «Adam» (2019) wurde als offizieller marokkanischer Oscar-Beitrag eingereicht. «The Blue Caftan» (2022) gewann weltweit über sechzig Preise und erzielte die bislang höchsten internationalen Kinoeinnahmen eines marokkanischen Films. Wir sprachen mit der 45-jährigen Filmemacherin über Trauer und Schmerz, aufopfernde Mütter und die Freiheit, lustvoll zu altern.

annabelle: Maryam Touzani, «Calle Málaga» ist eine liebevolle Ode an das Altsein. Den Film haben Sie Ihrer Abuela Juana gewidmet. Inwiefern war Ihre Grossmutter ein Vorbild für Sie?
Maryam Touzani: Sie war eine sehr starke Frau, besonders für die damalige Zeit. Sie war sehr mutig, ziemlich avantgardistisch und hatte keine Angst davor, Risiken einzugehen. Als ich geboren wurde, lebte sie mit meinen Eltern in Tanger. Wie viele Spanier:innen war sie als Kind hierhergekommen und für den Rest ihres Lebens geblieben. Nachdem ihr zweiter Ehemann gestorben war, lebten alle sechs Kinder aus ihren beiden spanisch-marrokanischen Ehen mit ihr zusammen unter einem Dach. Ich badete also von klein auf in beiden Kulturen. Als Kind hat mich das sehr geprägt, weil ich sah, wie sehr meine Grossmutter Tanger liebte und gleichzeitig der spanischen Kultur und ihren Traditionen treu blieb.

Was ist Ihnen von dieser Verbundenheit zu Tanger und den spanischen Wurzeln geblieben?
Für mich war es normal, dass man all diese Identitäten zur gleichen Zeit sein konnte, ohne sich entscheiden zu müssen. Erst als ich älter wurde, wurde mir klar, wie sehr wir versuchen, Menschen in Schubladen zu stecken. Als Kind ging ich oft mit meiner Grossmutter einkaufen. An Orten, an denen man sie nicht kannte, wurde sie manchmal für eine Fremde gehalten, die kein Arabisch spricht, weil sie unter anderem wegen ihrer Kleidung sehr spanisch aussah. Für mich war sie keine Aussenseiterin, und sie selbst fühlte sich auch nicht so.

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"Als meine Mutter starb, fühlte ich mich, als wäre ein Teil von mir amputiert worden"

Sie sagen, dass «Calle Málaga» aus dem tiefen Wunsch entstanden sei, mit Ihren eigenen Erinnerungen in Kontakt zu treten. Was genau meinen Sie damit?
Es war eine Herausforderung, diesen Film zu machen und sehr schmerzhaft. Ich schrieb das Drehbuch aus einer tiefen Trauer heraus, nach dem Verlust meiner Mutter. Unsere Bindung war sehr stark und ihr Tod vor drei Jahren kam völlig unerwartet. Als sie starb, fühlte ich mich, als wäre ein Teil von mir amputiert worden. Ich vermisste sie so sehr. Ich glaube, dass ich diesen Film schrieb, weil ich meine Mutter in meinem Kopf weiterhin hören und das Gespräch auf Spanisch lebendig halten wollte. Ich musste diese Sprache hören, die uns beide so stark verbunden hatte. Sie ist für mich sehr tröstlich. Der Film führte mich zurück in meine Heimatstadt Tanger – der Ort, der für mich so sehr von meiner Mutter geprägt ist.

Und wie war es für Sie, sich diesem Schmerz zu stellen, in der Stadt, in der Sie aufgewachsen sind?
Tanger bedeutet für mich, nach Hause zu kommen. Doch ohne meine Mutter – jene Person, die das Zuhause verkörpert – konnte ich mir das gar nicht vorstellen. «Calle Málaga» zwang mich dazu, mich mit ihrer Abwesenheit auseinanderzusetzen. Ich musste mich neu finden. Dieser Prozess war intensiv, er führte mich zurück zu den Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend. All diese Jahre, in denen ich dort gelebt habe, all diese Orte, die mir so viel bedeuteten – es half mir, meine Liebe zu Tanger neu zu erleben. Natürlich werden wunderschöne Erinnerungen durch die Abwesenheit derer, die sie geprägt haben, auch sehr schmerzhaft. Manchmal traf ich Leute von früher, die sich nach meiner Mutter erkundigten, weil sie nicht wussten, dass sie gestorben ist. Das war sehr hart, doch dann wischt man die Tränen weg und dreht weiter. Durch die Dreharbeiten gelang es mir, diesen Ort Tag für Tag in etwas zu verwandeln, das ich immer noch liebe. Das war auch sehr heilsam.

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Dass der Film aus Ihrer Trauer entstanden ist, überrascht mich: Er ist so sinnlich, feiert die ganze Fülle des Lebens.
Ich glaube, wenn man einen geliebten Menschen verliert, versucht man, auf die Dinge zurückzugreifen, die man mit der Person verbindet. Das Essen meiner Mutter schaffte es auf ganz natürliche Weise in den Film, weil es für mich wichtig war, es wieder zu sehen. Für mich ging es auch darum, Frieden zu finden und meinen Schmerz in etwas zu verwandeln, das am Ende eine Hommage an das Leben wird. Kino bedeutet für mich auch immer Transformation.

"Wir können Menschen, die wir am meisten lieben, verlieren, ohne es überhaupt zu merken"

Sie selbst hatten eine enge Beziehung zu Ihrer Mutter. Das Verhältnis von María Ángeles und ihrer Tochter Clara hingegen ist distanziert und angespannt. Was hat Sie an dieser abgekühlten Mutter-Tochter-Beziehung interessiert?
Es ist wahr: Von jemandem, der sich glücklich schätzen kann, eine schöne Bindung zur eigenen Mutter gehabt zu haben, würde man vielleicht eine andere Darstellung erwarten. Ich habe oft gesehen, wie Eltern und Kinder sich verlieren. Meist nicht aus einem Mangel an Liebe, sondern weil das Leben schwierig sein kann. Clara liebt ihre Mutter, aber kämpft mit vielen Problemen und ist komplett überlastet, mit Geldsorgen, ihrem Job, den Kindern. Ihr Alltag ist so komplett anders als María Ángeles’, dass sich die beiden voneinander entfernt haben. Es ist, als würden sie in zwei verschiedenen Realitäten leben. Ich glaube, dass wir die Menschen, die wir am meisten lieben, verlieren können, ohne es überhaupt zu merken – und manchmal gar nicht erkennen, wie stark wir auseinanderdriften.

Sie beleuchten auch das stereotype Bild der sich aufopfernden Frau: Clara würde ihre Mutter am liebsten als unterstützende Grossmutter sehen, die ihre Zeit vor allem mit ihren Enkelkindern verbringt. Fast vorwurfsvoll schlägt sie ihr vor, doch in ihre Nähe zu ziehen.
Von Elternteilen und vor allem von Müttern wird stets erwartet, immer nur zu geben und jederzeit alles für die Kinder zu tun. Ganz so, als wäre man eine schlechte Mutter, wenn man eine Grenze zieht. Doch María Ángeles beschliesst, dass sie sich lebendig fühlen will. Dass sie an ihr eigenes Glück denkt, macht sie nicht zu einer schlechten Mutter. Vielleicht müssen sich erwachsene Kinder irgendwann fragen: Wann höre ich auf, von meinen Eltern Dinge zu verlangen? Und wann ist es Zeit, Verantwortung für mich selbst zu übernehmen?

"Alles, was mit Sexualität bei älteren Menschen zu tun hat, wird ausgeklammert, als wäre es etwas Beschämendes"

María Ángeles lebt auch mit achtzig Jahren voller Genuss. Sie zelebriert Essen, trägt roten Lippenstift auf und lackiert sich sorgfältig die Nägel, hört gern Schallplatten in ihrem liebevoll dekorierten Zuhause. Eigentlich verrückt, dass man solche älteren Frauenfiguren kaum auf der Leinwand sieht.
Ja, es beschäftigt mich, dass wir kaum weibliche Figuren sehen, die in diesem Lebensabschnitt noch Freude am Leben haben, das Beste aus den Umständen machen und ihren Körper geniessen. Diese marginalisierende gesellschaftliche Haltung zeigt sich auch darin, wie wir über ältere Menschen sprechen: Alles, was mit Sinnlichkeit und Sexualität zu tun hat, wird ausgeklammert, als wäre es etwas Beschämendes. Doch wie fühlt man sich als älterer Mensch, wenn man dieses Begehren verspürt, es aber nicht mehr ausdrücken darf? Ich stelle mir das schwierig vor, wenn man gezwungen ist, sich dem Bild zu beugen, das die Gesellschaft einem vorgibt.

Im Film zeigen sie alte Menschen, die miteinander intim werden. Welche Reaktionen erhielten Sie auf diese Bilder?
Das Feedback war positiv. Viele Menschen sagten mir, dass sie solche Szenen noch nie zuvor gesehen hätten. Ich wollte alternde Körper feiern und ihre Schönheit betonen. Diese Falten, diese Spuren auf der Haut, für mich sind sie etwas wirklich Schönes. Sinnlichkeit einzufangen, war besonders wichtig, denn María Ángeles sollte sich von all den Zwängen befreien, die den Menschen ihres Alters auferlegt werden. Man sieht kaum, wie Frauen in diesem Alter Lust verspüren oder gar darüber sprechen. Ich wollte, dass María Ángeles Worte dafür hat.

Warum?
In einer Szene erzählt sie ihrer Freundin, wie intensiv sie einen Orgasmus erlebte und ihr Liebhaber sie oral befriedigte. Diese Aussagen hört man selten aus dem Mund einer älteren Frau. Sie entdeckt neue Seiten an sich und an ihrer Sexualität, die sie zuvor nicht kannte. Im Kern wollte ich in diesem Film von einer Wiedergeburt erzählen.

"Wir verstecken unsere Falten, dabei sind sie ein Beweis für das Leben, das wir gelebt haben"

Eine Wiedergeburt?
Für mich ist das Leben ein konstanter Neubeginn. Solange man atmet, gibt es nicht einen Moment, in dem es zu spät wäre für ein weiteres Kapitel. Erst wenn das Herz aufhört zu schlagen, ist es endgültig vorbei – bis dahin kann man sich immer wieder neu erfinden. Es ist ein grosses Privileg, alt zu werden. Wir verstecken unsere Falten, weil wir sie nicht ästhetisch finden, dabei sind sie ein Beweis für das Leben, das wir gelebt haben. Ich bin überzeugt davon, dass Altern eine Kraft, ja befreiend sein kann.

Inwiefern hat dieser Film Ihre Sicht auf das Altern verändert?
Das Thema hat mich immer fasziniert. Im Kino wird ein hohes Alter oft als Zerfall porträtiert, als Moment, in dem man das Leben nicht mehr begehrt. Ich aber glaube, dass diese Lebensphase anders aussehen kann und es viele verschiedene Arten gibt, alt zu werden – und manche von uns haben das Glück, geistig und körperlich gesund zu altern. Deshalb wollte ich darüber sprechen, welche Möglichkeiten uns offenstehen. Ich glaube, dass das Alter durchaus nicht immer eine einfache Zeit im Leben ist, aber eine wunderschöne sein kann.

Jetzt im Kino: «Calle Málaga»

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