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Kinotipp: Warum mich «Mi país imaginario» so berührt hat

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Kinotipp: Warum mich «Mi país imaginario» so berührt hat

«Mi país imaginario» erzählt von den Massenprotesten, die 2019 Chile in ein neues Zeitalter katapultiert haben. Praktikantin Isabel Gajardo hat den Volksaufstand verfolgt – und sich den Film angeschaut.

Am 19. Oktober 2019 stand ich morgens auf und die Welt war eine andere. Tags zuvor brachen in Chile Massenproteste aus, die sich zum grössten Aufstand der chilenischen Geschichte entwickeln sollten. Jahrzehntelang angestaute Unzufriedenheit und Wut entluden sich in Demonstrationen, wie sie Chile noch nie zuvor erlebt hatte.

Mein Facebook-Feed, mein Instagram und meine Whatsapp-Chats waren in den kommenden Monaten voll von Bildern der Demonstrationen, aber auch von der unvorstellbaren Repression, die darauf folgte. Wochenlang stand ich dauernd unter Strom, hörte stundenlang chilenische Radiosender, schrieb mit Freund:innen und Familie und ärgerte mich innerlich grün und blau, dass ich am anderen Ende der Welt festsass und zum passiven Zuschauen verdammt war.

Im Februar 2020 erlebte ich endlich eine Demonstration mit. Ich war auf Heimatbesuch bei der Familie meines Vaters, der in den 1970er-Jahren vor der Militärdiktatur in die Schweiz geflüchtet war. Ich erkannte mein Land fast nicht wieder. In der notorisch gespaltenen chilenischen Gesellschaft herrschte plötzlich ein Gefühl der Einigkeit und Einheit, das ich noch nie zuvor erlebt habe. Im Familien- und Freundeskreis diskutierten wir stundenlang über eine neue Verfassung und wie diese aussehen könnte. Wir begannen, den chilenischen Staat, der immer noch von der Militärdiktatur geprägt ist, komplett neu zu denken.

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«Die Welt war erfüllt von Aufbruchstimmung – in eine Welt, in der alles möglich war»

Für hunderttausende Chileninnen und Chilenen, die unter der Militärdiktatur verfolgt, gefoltert oder ins Exil gezwungen worden waren, schien sich plötzlich einzulösen, was der gestürzte Präsident Salvador Allende 1973 am Tag des Militärputsches vorausgesagt hatte: «Seid gewiss,  dass sich die grossen Strassen eher früher als später wieder öffnen werden, auf denen der freie Mensch schreitet, um eine bessere Gesellschaft aufzubauen.» Die Welt war voller Hoffnung und erfüllt von einer Aufbruchstimmung – in eine Welt, in der alles möglich war.

Drei Jahre später, am 5. September 2022, stand ich morgens auf und diese Welt lag in Scherben. Das chilenische Volk hatte den neuen Verfassungsentwurf, das Resultat des Aufstands von 2019, mit deutlicher Mehrheit abgelehnt. Enttäuschung, Trauer, Konsternation und das Gefühl einer einmaligen, für immer verpassten Chance vermischten sich – und lassen mich bis heute nicht ganz los.

Mit diesen Gefühlen im Hintergrund setzte ich mich am diesjährigen Zurich Film Festival in den Dokumentarfilm «Mi país imaginario» des chilenischen Filmemachers Patricio Guzmán. Er hielt zwischen 2020 und 2021 den Aufstand, den daraus resultierenden verfassungsgebenden Prozess und die Wahl des sozialdemokratischen Präsidenten Gabriel Boric Font bildlich fest.

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«Diese Bewegung hat das Gesicht und die Stimme der Frau»

Guzmán ist der Grand Seigneur des chilenischen Dokumentarfilms. Bekannt für seine poetische Erzählweise und Bildsprache, hat er schon zahlreiche Auszeichnungen für seine Werke bekommen, die stark von seinen eigenen Erfahrungen während der Militärdiktatur geprägt sind. Er hatte die volle Härte des Regimes zu spüren bekommen, bis er nach Frankreich ins Exil ging.

Guzmán ist auch die Erzählstimme seines Films. Er beschreibt aus dem Off seine Gedanken und Fragen, seine Zweifel und seine Hoffnungen und illustriert sie mit Bildern der riesigen Demonstrationen, die in der Hauptstadt Santiago de Chile stattfanden. Eindrücklich zeigt er auch die gewalttätige Antwort des Staats, der mit allen Mitteln versuchte, die Proteste niederzuschlagen, und mit Tränengas, Schlagstöcken und gezielten Gummischrot-Schüssen auf Augenhöhe auf die Demonstrierenden losging. Diese Bilder verwebt Guzmán mit Interviews, in denen die Beteiligten der Proteste zu Wort kommen.

Die Gesprächspartnerinnen sind ausschliesslich Frauen. Aktivistinnen, Journalistinnen, Sanitäterinnen, Soziologinnen, Politikerinnen – sie alle sprechen über die Gründe für die Massenproteste, über ihre Beteiligung und warum der Status quo nicht länger zu ertragen ist. «Lange Zeit hielten wir es für normal, dass bestimmte Leute durch billige Arbeitskräfte reich werden. Jetzt glauben wir nicht mehr, dass dies normal ist», sagt beispielsweise die Ärztin Natalia Henríquez. 

Frauen, das wird deutlich, sind die Pfeiler der chilenischen Gesellschaft und tragen deren grössten Lasten. Sie sind struktureller Gewalt ausgesetzt und tragen dennoch in einer Mehrheit der Haushalte die alleinige Verantwortung. Für finanzielle Angelegenheiten genauso wie für die Care-Arbeit. Sie berichten in den Interviews von wirtschaftlicher Ausbeutung, unbezahlbarer Bildung und einem nicht funktionierenden Rentensystem.

Sie sind es aber auch, die im Zentrum der Proteste stehen und das Fundament legen werden für ein neues, ein gerechteres Chile. Die Künstlerin Sibila Sotomayor vom Künstler:innen-Kollektiv Las Tesis formuliert es so: «Diese Revolte kommt von der Basis, sie hat keine Anführer:innen. Wir wollen, dass sich die Dinge ändern, Punkt.» Allen Protagonistinnen gemeinsam ist die Euphorie darüber, dass Veränderungen plötzlich möglich scheinen. Und die felsenfeste Überzeugung, dass sich alles zum Guten wenden kann und wird. 

Guzmán schafft es auf seine meisterhafte Weise, die Hoffnung einzufangen, die eine Gesellschaft der Resignierten mit einem Schlag zum Leben erweckt. «Es war sehr seltsam, die U-Bahn zu betreten und sie in einem ganz anderen Chile wieder zu verlassen. In einem Chile, in dem ich schon lange leben wollte», beschreibt die Studentin Catalina Garay, wie sie sich bei den Demonstrationen fühlte.

«Der Film zeigt die Hoffnung, die grösser ist als die Angst»

Der Volksaufstand mündete 2021 in der Einberufung der verfassungsgebenden Versammlung. Sie hatte den Auftrag, dem Volk einen Vorschlag für eine neue, nicht von den Militärs geschriebene Verfassung vorzulegen. Ebendieser Vorschlag wurde am 4. September 2022 abgelehnt. Wie es dazu kommen konnte, ist eine eigene Geschichte. Mit «Mi país imaginario» hat Patricio Guzmán aber einen einzigartigen Moment der chilenischen Geschichte auf berührende Weise festgehalten.

Selten habe ich im Kino so viele Taschentücher verbraucht. Die Proteste noch einmal zu erleben, ist für alle, die so viel Hoffnung in die Abstimmung vom 4. September 2022 gesetzt haben, eine höchst emotionale Angelegenheit. Das Gefühl, das Land unserer Träume sei greifbar nah, machte das Erwachen in der Realität umso bitterer. Aber Guzmán und seine Protagonistinnen lassen keinen Zweifel daran, dass da ein Prozess ins Rollen geraten ist, der nicht mehr aufgehalten werden kann.

Dies macht auch die grosse Stärke dieses Films aus. Er erzählt von der Kraft, welche die Marginalisierten und Diskriminierten einer Gesellschaft haben, wenn sie diesen Zustand nicht länger hinnehmen. Er zeigt die Hoffnung, die grösser ist als die Angst, und welche die Menschen immer wieder aufs Neue der Gewalt von Militär und Polizei entgegentreten lässt. Und er erzählt nicht zuletzt von der Macht der Träume – und wie sie real werden, wenn genug Menschen sie teilen.

 

«Mi país imaginario» läuft seit dem 6. Oktober u.a. in folgenden Kinos: 

Zürich: Kino Xenix
Bern: Kino Rex
Basel: Kult.Kino
St. Gallen: Kino Kinok
Chur: Kinocenter

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