"Legally Blonde"-Prequel: Elle Woods hat Besseres verdient als diese Serie
Mit "Elle" bekommt "Legally Blonde" ein Prequel über die junge Elle Woods. Die Serie will zeigen, wie aus der pinken Beverly-Hills-Blondine eine feministische Pop-Ikone wurde – und vergisst dabei, warum das Original überhaupt funktioniert hat.
- Von: Jacqueline Krause-Blouin
- Bilder: Prime Video
Steigen wir gleich mit einer steilen These ein: «Legally Blonde» war ein wichtiger feministischer Film. Lassen wir das kurz sacken. Vielleicht war es sogar die beste Demontage der Figur des «dummen Blondchens» seit Judy Holliday in «Born Yesterday» – und ziemlich sicher eine der wichtigsten Vorlagen auf Greta Gerwigs Moodboard für «Barbie».
Die privilegierte Elle Woods aus Bel Air hatte es 2001 allen Zweifler:innen gezeigt: Mit Charme, Hartnäckigkeit, einem erstaunlich präzisen Wissen über Dauerwellen und einem unerschütterlichen Glauben an sich selbst fuhr sie die Harvard-Elite an die Wand. Was daran feministisch ist? Elle Woods musste sich nicht verändern, um in einer männerdominierten Welt zu reüssieren. Sie musste nicht kälter, härter, männlicher werden. Sie musste sich nicht anders anziehen, anders sprechen oder ihre Liebe zu Pink, Kosmetik und kleinen Hunden ablegen, um als smart zu gelten.
"Elle Woods bewies, dass Femininität nicht das Gegenteil von Intelligenz ist"
Darin lag die Sprengkraft des Films. Elle Woods bewies, dass Femininität nicht das Gegenteil von Intelligenz ist. Dass Oberflächlichkeit oft nur das Etikett ist, das andere Frauen aufkleben, deren Codes sie nicht verstehen. Und dass man Lippenstift, High Heels und Glitzer lieben kann, ohne deshalb weniger ehrgeizig, weniger fähig oder weniger feministisch zu sein.
Der Film stand für einen neuen Feminismus – einen mit Maniküre und Selbstironie. Eine Denkweise, die auch dieses Magazin immer wieder vertreten hat. Heute wirkt es fast absurd, dass es vor nicht allzu langer Zeit noch als Provokation galt, schöne und vermeintlich oberflächliche Dinge zu lieben und trotzdem Feministin zu sein.
Nach der Broadway-Adaption von 2007 kommt nun, 25 Jahre später, ein Prequel über Elle Woods heraus. Die von Reese Witherspoon produzierte Serie «Elle» erzählt, wie die Figur als Teenager war, bevor sie nach Harvard ging und der Welt bewies, dass sie mehr ist als das Klischee, das andere in ihr sehen wollten.
Die Ausgangslage klingt eigentlich vielversprechend: eine klassische Fish-out-of-Water-Geschichte. Weil Elles Vater, ein angesehener Celebrity-Chirurg in Los Angeles, eine Nasen-OP vermasselt hat und nun verklagt wird, muss die Familie untertauchen. Und zwar ausgerechnet dorthin, wo die Sonne niemals scheint: Seattle. Der Zusammenprall zwischen Malibu-Barbie und Grunge-Jünger:innen ist damit programmiert.
Nur: Aus dieser schönen Prämisse macht die Serie erstaunlich wenig. Natürlich kommt es nicht besonders gut an, wenn sich die junge Elle mit den Worten vorstellt: «Ich bin Elle Woods, ich mag Eiskaffee und wenn Leute sich ‹tennis-y› kleiden, ohne Tennis zu spielen.»
Und natürlich stellt sich schnell heraus: In Seattle sind doch nicht alle so «come as you are», wie sie tun. Auch dort gibt es Vorurteile, soziale Hierarchien und eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wer dazugehören darf und wer nicht.
Das hätte ein spannender Konflikt sein können: Elle als Aussenseiterin in einer Welt, die sich selbst für unangepasst hält, aber genauso gnadenlos urteilt wie die optimierte Hollywoodkultur, von der sie sich abgrenzen will.
"Seattle ist vor allem grau, L.A. ist vor allem pink, und dazwischen bewegt sich Elle als Figur, die zwar charmant ist, aber selten wirklich herausgefordert wird"
Doch die Serie kratzt nur an dieser Oberfläche. Der Kulturclash bleibt Kulisse. Seattle ist vor allem grau, L.A. ist vor allem pink, und dazwischen bewegt sich Elle als Figur, die zwar charmant ist, aber selten wirklich herausgefordert wird. Die Konflikte wirken wie hübsch arrangierte Hindernisse, die nur darauf warten, von ihr mit einem kessen Spruch überwunden zu werden.
Lexi Minetree ist dabei passend gecastet. Sie geht als junge Reese Witherspoon durch, hat komödiantisches Timing und hat die kleinen Gesten, die Stimme, die Mischung aus Naivität und messerscharfer Beobachtungsgabe gut studiert. Und man muss zugeben: Ihre Looks sind teilweise der Knaller. Ihr grösstes Problem ist einzig, dass sie nicht Reese Witherspoon ist, was man ihr nur bedingt vorwerfen kann. «Elle» verlässt sich zu sehr darauf, dass wir die Figur schon lieben. Was fehlt, ist der Zauber.
Auch die Dialoge helfen nicht. Sie sind schleppend, manchmal zu sehr damit beschäftigt, wie «Legally Blonde» zu klingen, statt wirklich witzig zu sein («Kennst du Bikini Kill? Nein, aber ich kenne Bikinis die killen»).
Ab und zu sitzen die Sätze, etwa wenn jemand sagt: «Seattle ist kein Kostüm und Pink ist keine Persönlichkeit.» Oder: «Gib nichts auf die Meinung von Leuten, die Lederschmuck tragen.» Solche Momente zeigen, was möglich gewesen wäre: eine Serie, die Elle Woods liebevoll auf die Schippe nimmt, ohne sie zu verraten.
"Das grösste Problem dieser Prequel-Serie ist allerdings, dass sie als Prequel nicht funktioniert"
Aber die Lichtblicke bleiben selten. Dazwischen gibt es viel gefälligen Teenie-Serien-Stoff: einen kniffligen Fall, der gelöst werden muss, sehr amerikanisches Highschool-Drama und eine lauwarme Dreiecks-Liebesgeschichte.
Das grösste Problem dieser Prequel-Serie ist allerdings, dass sie als Prequel nicht funktioniert: Sie nimmt Elle Woods genau die Entwicklung vorweg, die «Legally Blonde» erst so befriedigend machte. Im Film von 2001 besteht Elles Reise darin, dass sie zunächst unterschätzt wird – von ihrem Schwarm Warner, von Harvard, von ihrer Professorin und nicht zuletzt von uns als Publikum. Schritt für Schritt lernt sie, sich selbst ernst zu nehmen.
Wenn die Serie der 16-jährigen Elle diese Erkenntnis aber bereits vollständig gibt, verliert der Film rückwirkend seine Logik. Warum sollte Elle Jahre später noch einmal denselben Weg gehen? Warum sollte sie in «Legally Blonde» erst lernen müssen, dass sie klug, strategisch und wertvoll ist, wenn sie diese Lektion als Teenager schon einmal durchlebt hat? Ein gutes Prequel erweitert eine Figur. «Elle» hingegen wiederholt nur die Grundidee des Originals.
"'Legally Blonde' beginnt für Elle mit dem Wunsch, einen Mann zurückzugewinnen, und endet mit dem Wissen, dass sie sich selbst genügt"
«Legally Blonde» war nie nur deshalb erfolgreich, weil Elle Woods pink trug und unterschätzt wurde. Erfolgreich war der Film, weil er eine klare innere Bewegung hatte. Elle beginnt mit dem Wunsch, einen Mann zurückzugewinnen, und endet mit dem Wissen, dass sie sich selbst genügt.
Dazu kommt: Die Serie tappt ausgerechnet in jene Fallen, die «Barbie» so erfolgreich vermieden hat. «Barbie» wusste, dass Wiedererkennung allein nicht genügt. Der Film nahm seine eigene Ikonografie ernst, hinterfragte sie aber auch, stellte sich den Widersprüchen. «Elle» dagegen ist zufrieden mit sich. Das Ergebnis ist weniger Weiterentwicklung als Rückschritt und für reine 90s-Nostalgie kann man auch einfach «Clueless» schauen.
Die Serie ist ganz süss. Aber das reicht leider nicht, wenn man es mit einer Ikone des modernen Feminismus aufnehmen will.
«Elle» läuft auf Prime Video