Review: "Der Teufel trägt Prada 2" ist deprimierend perfekt
"Der Teufel trägt Prada 2" ist nicht einfach eine Fortsetzung. Es ist ein Film, der so sehr in der Realität angekommen ist, dass er sie gleich mitvermarktet.
- Von: Jacqueline Krause-Blouin
- Bild: ZVG / Disney
Eine goldene Regel in Hollywood lautet: Eine Fortsetzung ist selten so gut wie das Original. Aber eine Fortsetzung bringt Geld. Die Fortsetzung von «Der Teufel trägt Prada» kommt fashionably late – nach 20 Jahren – aber Geld hat sie schon in den ersten zwei Tagen fleissig eingespielt: Branchenbeobachter erwarten einen deutlich stärkeren Start als beim Original – das 2006 mit rund 27,5 Millionen Dollar ins Wochenende ging. Für die Fortsetzung werden aktuell rund 70 bis 100 Millionen Dollar am ersten Wochenende prognostiziert.
Ist ja auch kein Wunder – der Film ist überall. Vom billigen Amazon-Merch mit bemüht ironischen Sprüchen, die Miranda Priestly übrigens niemals abgesegnet hätte, bis hin zum Schockmoment der Modewelt: Anna Wintour höchstpersönlich gemeinsam mit Meryl Streep auf dem Cover der «Vogue» – das Sell-out scheint perfekt. Wintour war zwar offiziell nicht am Film beteiligt – soll aber laut «People Magazine» dennoch mehrmals am Set gewesen sein, um ein paar «sehr konkrete kreative Hinweise» zu geben. Zum Beispiel zu den Blumenarrangements in einer Dior-Büroszene. Natürlich.
Der Film soll immerhin der Publikumshit des Sommers werden. Offizielle Zahlen gibt es zwar nicht, doch der Vergleich zeigt die Dimensionen: Beim ersten Film mit einem Budget von rund 35 bis 40 Millionen Dollar dürfte das Marketing noch im Bereich von 20 bis 40 Millionen gelegen haben – heute, bei geschätzten 100 Millionen Produktionskosten, spricht man eher von 50 bis 100 Millionen für die Kampagne. Ein Teil davon wird diesmal direkt von Marken mitgetragen, die sich in die Welt des Films einkaufen – Werbung und Inhalt verschwimmen zusehends – wie im Modejournalismus selbst.
«Das Marketing könnte ruhig noch ein bisschen mehr tun, findet ihr nicht?», witzelt Stanley Tucci während der Pressekonferenz in Richtung seiner Kolleg:innen. Auf die Frage, wann wohl der nächste Film komme, kontert Anne Hathaway trocken: «In etwa 20 Jahren – die Leute können uns ja jetzt schon kaum mehr sehen, wir sind überall!»
Wo ihre Figur dann stehen werde, will man von der 76-jährigen Streep wissen. Ihre Antwort fällt gewohnt lakonisch aus: «In einem anderen Raum – wenn Sie verstehen, was ich meine.» «Dann könnt ihr ja im Film unser Grab besuchen!», wirft Tucci in Richtung Emily Blunt und Hathaway ein. Gelächter. Entweder sind die vier tatsächlich bestens befreundet – oder echt gute Schauspieler:innen.
"Der Film kommt zu einer Zeit, in der die Medienbranche unter Beschuss steht, Magazine eingestellt werden und Tech-Milliardäre Zeitungen kaufen, um kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen"
Miranda Priestly macht Spässe und Anna Wintour betreibt Marketing für einen Popcorn-Blockbuster, der ihre heilige Welt auf die Schippe nimmt. Da wären wir auch schon beim grössten Unterschied zum ersten Film. Damals war der Blick durchs Schlüsselloch in die Welt der «Vogue» und ihrer Chefin noch heikel, fast tabu. Seitens Redaktion schwieg man – und erst recht hätte niemand öffentlich eingeräumt, dass das Drehbuch irgendetwas mit der legendären Modezeitschrift zu tun haben könnte.
Heute veranstaltet das Magazin einen Buchclub zum Originalroman, und im Film läuft «Vogue» von Madonna. Anna Wintour hat sogar selbst mitgespielt, liess sich aber anschliessend herausschneiden. Ein Schelm, wer Drama vermutet.
Der Film kommt zu einer Zeit, in der die Medienbranche wie selten zuvor unter Beschuss steht, Magazine eingestellt werden und Tech-Milliardäre Zeitungen kaufen, um kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen. Darum geht es auch in «Der Teufel trägt Prada 2». Andy Sachs ist mittlerweile eine erfolgreiche Journalistin und wird ausgerechnet an einer Preisverleihung, an der sie für ihre herausragende Arbeit ausgezeichnet wird, gefeuert. Message: Das will keiner mehr lesen. Und wenn, dann sicher nicht für Geld.
"Loyalitäten sind flüchtig – und Macht verschiebt sich schneller, als ein Saum neu gesteckt ist"
Selbst im Umfeld von Miranda Priestlys Magazin «Runway» läuft es nicht besser – dort droht angesichts eines aufziehenden Shitstorms der Verlust des letzten Rests an Glaubwürdigkeit. Zu lange hat man versucht, die Anzeigenkunden glücklich zu machen und damit seine Leserschaft vergrault. «No us without them», sagt Priestly und tut bereitwillig alles, was die gierigen Luxusmarken von ihr verlangen.
Ausgerechnet Emily (Emily Blunt) sitzt nun bei Dior an den Hebeln der Macht – und datet nebenbei einen dauerkichernden Tech-Milliardär, der sich auffallend stark für Medienhäuser interessiert. Für einen Moment scheint es, als könnte sich die Geschichte zur späten Rache der einstigen Assistentinnen entwickeln. Doch wie so oft in dieser Welt gilt: Loyalitäten sind flüchtig – und Macht verschiebt sich schneller, als ein Saum neu gesteckt ist.
Es sind Insiderwitze einer Branche, bei denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Priestly ist derart verzweifelt, dass sie sogar eine Ausstellung mit dem Thema «Florals for Spring» aufzieht. Wir erinnern uns an den berühmten Satz im ersten Teil.
Sie beschwert sich darüber, wie dünn die Septemberausgabe geworden sei – «so dünn wie Zahnseide», und Andy Sachs, die «Runway» mit tiefgründigem Journalismus die Glaubwürdigkeit zurückgeben soll, schreibt sich die Nächte um die Ohren, nur um zu merken, dass ihre deepen Gedanken keine Klicks bringen.
"Der Film ist ein einziger grosser Seufzer"
Der Film ist ein einziger grosser Seufzer. Fantastisch gemacht und grossartig gespielt, mit einer Fülle an Liebhaberreferenzen zum ersten Film, aber nachdenklich stimmt er trotzdem. Es sei «eine Liebeserklärung» an den Journalismus, sagt Anne Hathaway in der Pressekonferenz, und Emily Blunt ergänzt über die Modebranche, die ebenfalls in der Krise steckt: «Mode bleibt eine kreative Kraft, die aus der Vision eines Menschen entsteht. Das ist immer noch zutiefst inspirierend – und nichts, was man mit KI erschaffen kann.»
Solche Mantras gegen KI und Verleger, die sich nicht die Bohne für Inhalte interessieren, muss man natürlich einbauen, aber die Wahrheit ist, dass der Film einen ratlos bis traurig zurücklässt – über die Zukunft der Mode, des Films, der Künste, der Medien und leider auch der Menschlichkeit.
«Runway» wird zum Schluss (Achtung: Spoiler-Alert!) von jemandem gekauft, der im Geld schwimmt, aber immerhin von einer Frau. Und noch dazu einer, die tatsächlich die Werte des Journalismus hochzuhalten scheint. Nur wie lange? «Wir halten uns am letzten Stück Holz fest, das noch neben der Titanic schwimmt», sagt Priestly zu Andy Sachs und stellt in Frage, wie lange es noch Platz für beide geben wird.
Denn ein Team, das waren sie nie. In einer Branche, in der die Positionen immer weniger werden, die Büros und die Budgets immer kleiner, schaut jeder nur noch für sich. Sogar wenn man in einem «schwachen» Moment ein paar Kohlenhydrate teilt.
Am Ende verkommt selbst das einst mächtigste Modemagazin zur belanglosen Spielerei – zu einer kleinen Aufmerksamkeit, die sich in dieser Welt jeder kaufen kann, der genug Geld hat und dessen Freundin gerade ein neues Hobby braucht. Dass man sich dabei im Zweifel gleich selbst aufs Cover hievt, ist da nur der nächste logische Schritt.
Aber keine Sorge, das steht natürlich überhaupt nicht mit der echten «Vogue» in Zusammenhang. So etwas würde Anna Wintour ja niemals tun. «That’s all».
Im Kino: «Der Teufel trägt Prada 2»