"Mullholand Drive" wird 25 Jahre alt: Wie wirkt der Mystery-Thriller heute?
David Lynchs "Mulholland Drive" feierte 2001 an den Filmfestspielen in Cannes Premiere und gilt bis heute als einer der rätselhaftesten Filme des Jahrhunderts. Unsere Autorin hat den Film zum ersten Mal gesehen und findet: 25 Jahre später wirkt der Hollywood-Fiebertraum weniger unverständlich als erstaunlich gegenwärtig.
- Von: Sarai Bach
- Bild: Universal Pictures / Studio Canal
«Mulholland Drive» war für mich immer dieser sagenumwobene Filmklassiker, der von all meinen filmbegeisterten Freund:innen derartig angepriesen wurde, dass er sich fast schon zu gross angefühlt hat, um ihn sich mal eben als Abendprogramm reinzuziehen.
Ein weiterer Grund, warum ich mich eine Zeit lang vor «Mulholland Drive» gescheut habe – laut BBC einer der 100 besten Filme des Jahrhunderts – war seine unangefochtene Rätselhaftigkeit.
Bis heute häufen sich Reddit-Beiträge über mögliche Symbole im Film und deren Bedeutung. Zuschauer:innen diskutieren Szenen über Szenen, die bis zuletzt ungeklärt bleiben und von dem 2024 verstorbenen Regisseur David Lynch nie mehr in jener Ausführlichkeit beantwortet werden können, die ihnen gebühren würde.
Und trotzdem gewann der Film den Regie-Preis 2001 in Cannes. Wie passt das zueinander? Es blieb mir fast nichts anderes übrig, als mir selbst ein Bild davon zu machen.
Verlorene Erinnerungen, jähzornige Cowboys und klassische Hinweise
Beinahe fieberhaft wird man durch die erste halbe Stunde des Mystery-Thrillers geführt und erleidet ein halbes Schleudertrauma, so schnell wie zwischen den verschiedenen Charakteren – deren Beziehungen später zumindest noch ansatzweise aufgearbeitet werden – hin- und hergeschnitten wird.
Zu Beginn stolpert eine junge Frau im kleinen Schwarzen durch die breit angelegten Strassen von Los Angeles, entlang gigantischer Villen, nachdem sie bei einem Autounfall beinahe ums Leben gekommen wäre.
Was tatsächlich nicht überlebt hat, ist ihre Erinnerung. So gibt sie sich wenige Minuten später, als sie auf die Schauspielerin Betty trifft, kurzerhand als Rita aus, nachdem sie zufällig ein Poster der amerikanischen Schauspielerin Rita Hayworth entdeckt hat.
Kurz zuvor wird Betty noch von einem alten Paar, mutmasslich ihren Grosseltern, zum Flughafen begleitet, um bei ihrer Tante in Los Angeles zu leben und dort den Traum ihrer grossen Hollywoodkarriere zu verfolgen.
Parallel dazu schauen wir einem Regisseur dabei zu, wie sein Leben den Bach runtergeht, nachdem er die Nachricht erhält, bankrott zu sein und seine Frau beim Fremdgehen mit dem Poolreiniger (Funfact: Der Schauspieler ist Billy Ray Cyrus, der Vater von Miley Cyrus) erwischt.
Und auch vereinzelte Auftritte eines jähzornigen Cowboys und eines Monsters hinter einem Fastfood-Restaurant namens Winkie’s bleiben uns nicht erspart. Dazu kommen rätselhafte blaue Schlüssel und kleine Boxen, die sich anfühlen wie die klassischen Hinweise in einem Krimi.
Vorreiter der MeToo-Debatte
Obwohl der Film mit dieser stark fragmentierten Erzählweise spielt, die wir heute längst en masse aus modernen Produktionen kennen, schaffen es die langen, ungeschnittenen Szenen trotzdem, die Zuschauer:innen ungewöhnlich nah an das Empfinden der Figuren heranzuziehen.
So auch die Szene, in der Betty mit einer Überzahl an Männern auf engstem Raum gedrängt steht und für eine Rolle vorspricht. Nicht nur wird sie mit penetranten Blicken förmlich ausgezogen, sondern auch mehr als einmal unsittlich berührt.
"Vor lauter Progressivität könnte man fast meinen, der Film spiele in der Gegenwart"
Einige Zuschauer:innen werden mit dieser Szene später Parallelen zur im Jahr 2017 aufflammenden MeToo-Bewegung ziehen, weil «Mulholland Drive» Hollywood bereits damals als düstere Traumfabrik entblösst, in der Machtmissbrauch und die Ausbeutung junger Schauspielerinnen gang und gäbe sind. Vor lauter Progressivität könnte man also fast meinen, der Film spiele in der Gegenwart.
Doch der auffällig weichzeichnende Look, der in der Branche auch Dreamy Neo-Noir genannt wird, gepaart mit dem typischen Y2K-Style, holt einen immer wieder zurück in die frühen 2000er: pinke, etwas zu kleine Cardigans mit Perlenstickerei, dünngezupfte Augenbrauen und die Tatsache, dass niemand ständig ein Smartphone aus der Tasche zieht.
Letzteres fällt vor allem dann auf, wenn Betty und Rita das Rätsel von Ritas Vergangenheit lösen wollen und dafür erstmal eine halbe Ewigkeit über einer verknitterten Landkarte grübeln.
Muss man die Rätsel wirklich lösen?
Erst in der zweiten Hälfte – mit einer sich anbahnenden Liebesgeschichte zwischen Betty und Rita – zeichnet sich langsam ab, dass «Mulholland Drive» seine losen Handlungsfäden eigentlich nie wirklich zusammenführen möchte.
Stattdessen zieht David Lynch die Zuschauer:innen – bildlich, aber auch emotional – immer tiefer in eine Realität hinein, die sich zunehmend fieberhaft verschiebt. Figuren tauchen plötzlich in anderen Rollen wieder auf, Beziehungen kippen scheinbar grundlos, aus Betty wird Diane, aus der geheimnisvollen Rita eine erfolgreiche Schauspielerin namens Camilla.
"Das, was hier passiert, passiert nicht wirklich"
Selbst kleine Nebenfiguren – die Bedienung aus dem Diner, der Cowboy und der verstörende Mann hinter Winkie’s – kehren bruchstückhaft zurück und übernehmen neue Rollen in, wie es scheint, anderen Realitäten.
Und so unübersichtlich alles zwischenzeitlich auch wird: In dem Moment, als Betty und Rita ein Varieté besuchen, dessen Magier wiederholt betont, dass alles eine Illusion sei (woraufhin die Stimme einer dort auftretenden Sängerin trotz deren Zusammenbruchs weitersingt), habe ich zumindest diese eine Symbolik des Films verstanden: Das, was hier passiert, passiert nicht wirklich.
Man könnte es sich zwar zur Aufgabe machen, die einzelnen Handlungsstränge zu einem logischen Bild zu verknüpfen, aber darum geht es nicht. Es geht um die Reise der Protagonistin Diane, die sich in eine romantisierte Realität flüchtet, in der ihre Träume von Hollywoodruhm und die Liebesbeziehung zu Camilla – in ihrem Traum die amnestische Rita – wahr werden.
Denn in der Realität kann sich Diane nicht als Schauspielerin behaupten und muss dabei zusehen, wie Camilla ihr die für sie wichtigste Rolle vor der Nase wegschnappt. Zu allem Übel ist sie auch noch in einer glücklichen Beziehung mit dem gefeierten Regisseur dieses Films – und nicht mit Diane.
Um diese fast tranceartig verzerrte Entwicklung zu unterstreichen, arbeitet der Film wiederholt mit – aus heutiger Sicht betrachtet – nostalgisch-schwarzen Abblenden. Warum sich Lynch für genau diese Übergänge entschieden hat, werde ich wohl nicht mehr erfahren; aber für eine gewisse Irritation, die immer erstaunlich gut zu den jeweiligen Szenen passte, haben sie in jedem Fall gesorgt.
Schuldgefühle und Sehnsüchte
Was ist also mein Fazit? Vielleicht genau das, was ich vor dem Schauen am wenigsten erwartet hätte: «Mulholland Drive» ist deutlich weniger unverständlich, als sein Ruf vermuten lässt. Zumindest emotional.
Natürlich bleiben nach dem Abspann noch immer mehr als genügend Fragen unbeantwortet, um sich stundenlang durch Reddit-Threads zu klicken oder gegenseitig die Bedeutung der blauen Schlüssel zu erklären, die tatsächlich bis zum Ende nicht aufgelöst wird.
Doch die eigentliche Wirkung des Films entsteht woanders: nämlich in dieser fieberhaften Verdrängung von Dianes Scham, ihrer Zurückweisung und Verletztheit, die sich unter der künstlich glänzenden Oberfläche Hollywoods langsam aber sicher ihren Weg nach oben bahnt. Und da Emotionen nicht linear verlaufen, tauchen diese immer wieder bruchstückhaft auf und kreisen um bestimmte Erinnerungen, Schuldgefühle und Sehnsüchte.
Um dieses Gefühl zu verstehen, muss man weder diverse Rätsel vorab entschlüsseln noch vor 25 Jahren gelebt haben. Denn die Sehnsucht, sich in eine schönere Version des eigenen Lebens hineinzufantasieren, hat spätestens mit der Generation Social Media noch mal an Aktualität gewonnen.
«Mullholand Drive» läuft bei Mubi
Die diesjährigen Filmfestspiele Cannes dauern noch bis zum 24. Mai