Neues Buch von Sophie Passmann: Wie schlimm steht es um uns Frauen?
Die feministische Autorin schreibt in "Wie kann sie nur?" über die weibliche Obsession mit dem eigenen Äusseren – und den missgünstigen Blick auf andere Frauen. Offen bleibt die Frage, was Sophie Passmann mit ihrem neuen Buch sagen möchte.
- Von: Marie Hettich
- Bild: Max Strohe
Es gibt eine besonders pikante Textstelle in «Pick me Girls», Sophie Passmanns vielbesprochenem Buch, mit dem sie 2023 an die Spitze der Spiegel-Bestseller-Liste schoss: «Ich weiss, dass ich heute besser aussehe, als mit Anfang zwanzig. Ich weiss das, weil ich heute oft sexuell belästigt werde.»
Wie sehr die deutsche Autorin, Podcasterin und Schauspielerin polarisiert (und warum sie auf Instagram mittlerweile 400'000 Follower:innen hat), liegt auch an Sätzen wie diesem.
Grob zusammengefasst stellte Sophie Passmann in «Pick me Girls» die These auf, dass Frauen im Patriarchat nur Sichtbarkeit erlangen können, indem sie sich für den männlichen Blick herausputzen. Damit begründet die Autorin dann auch, warum ihr selbst, als Frau – insbesondere als Frau in der Öffentlichkeit – gar nichts anderes übrig bleibe, als Nerven, Zeit und Geld in ihre Optik zu stecken, beispielsweise zur Falten-Prävention in Form von Botox.
Sie möchte ja gesehen und gehört werden auf dieser von Männern dominierten Welt. Also: Spiel mitspielen. Ein bisschen Spass macht es ja auch.
Doppelte Publicity
Und dieses Spiel funktioniert in Passmanns Fall prima: Vergangenen Sonntag wurde die 32-Jährige als neues Gesicht der Deutschland-Kampagne von Mac Cosmetics bekannt gegeben. Der Look auf den Fotos: platinblonde Haare, hauchdünne Augenbrauen, brauner Lidschatten, Lipgloss – das Comeback der Nullerjahre, auch in der Beauty-Industrie.
Und, zack, ein paar Tage später, am heutigen Donnerstag, erscheint ihr neues Buch «Wie kann sie nur?», das ebenfalls vom Comeback der Nullerjahre handelt: Passmann beschreibt darin, wie es sich als mittlerweile erwachsene Frau anfühlt, aufs Neue mit dem Schlankheits- und Schönheitswahn ihrer Jugendzeit konfrontiert zu werden.
Nur dass es heute Social Media gibt und mit den modernen Hilfsmitteln so gut wie alle schön und schlank sein können. Oder gar müssen?
Das kann auch nur das Popkultur-Phänomen Passmann: Als feministische Autorin gleichzeitig zur Buchneuerscheinung für eine Beauty-Kampagne modeln, so quasi als Anschauungsmaterial, passend zum Buchthema. Sie bestätigt damit ihre eigene These aus «Pick me Girls»: Es lohnt sich, das Spiel mitzuspielen. Ihr Buch dürfte sich durch die Mac-Kampagne sicher besser verkaufen.
Von clean girls und tradwifes
Was thematisch in «Pick me Girls» schon sehr viel Raum einnahm, wird im neuen Buch bis ins schwindelerregende Nirvana fortgeführt: 240 Seiten lang geht es um Botox, Fillers, Ozempic und wahnhaftes Insta-Shopping, ja generell um das Aussehen und die Selbstdarstellung von Frauen im digitalen Zeitalter – und auch wieder um Sophie Passmann selbst. Die Lektüre ist vor allem eines: erschöpfend.
"Es gibt kein Ende der Bewertung, kein Gewinnen eines Spiels, an dessen Ende gar kein Preis wartet"
Von clean girl Hailey Bieber über tradwife Nara Smith bis hin zur alterndern Sarah Jessica Parker aus «Sex and the City» analysiert Passmann Optik und Image – mit dem Fazit: «Es gibt keine richtige Art, eine Frau zu sein.» Frauen in der Öffentlichkeit seien stets «erst eine Inspiration, später eine Enttäuschung», resümiert die Autorin.
«Die Dinge, die gerade richtig sind, können nächstes Jahr bereits zu etwas umgedeutet sein, das falsch ist. Mein Körper entsprach vor vier Jahren einem Schönheitsideal im Internet. Jetzt gelte ich als zu dick (...) Ich war früher zu unverschämt, jetzt gelte ich als zu brav», so Passmann.
Wenn das Leben als Frau im Internet ihr eines vor Augen geführt habe, dann, dass es kein Ende gäbe, «kein Ende der Bewertung, kein Gewinnen eines Spiels, an dessen Ende gar kein Preis wartet.»
Das ewige Auseinandernehmen
«Wie kann sie nur?», der Titel des Buchs, spielt auf dieses ewige Auseinandernehmen von Frauen anderer Frauen an. Passmann meint damit auch sich selbst – als diejenige, die auf Instagram in jeden Winkel der anderen Frauenkörper zoomt und urteilt, aber eben auch als diejenige, deren Körper ununterbrochen bewertet und kommentiert wird. Richtig wohl fühlt sie sich in keiner der beiden Rollen.
Im Interview mit der «Zeit» sagte sie: «Follower zu haben, öffnet Türen. Gleichzeitig geht mit dieser Öffentlichkeit ein Anspruchsdenken einher: Leute finden, ich soll immer genau so sein, wie sie mich gerade haben wollen.» So wurde Passmann etwa, als sie 2023 ihre Botox-Eingriffe öffentlich machte, heftig kritisiert. «Es schien für viele ein Synonym zu sein für feministischen Hochverrat», stellt sie in ihrem neuen Buch fest.
Gedanken über Bauchnabel
Mutig ist, wie offen die Autorin in «Wie kann sie nur?» über ihre Scham und Unsicherheiten schreibt. Wie leicht sie beispielsweise als längst erwachsene und reflektierte Frau aus dem Konzept zu bringen war, als der Algorithmus eines Morgens die Videos der wiederauferstandenen Victoria's-Secret-Show zu ihr ins Bett spielte: «Ehe ich Gelegenheit hatte, aktiv darüber nachzudenken, ob ich diese Frauen sein wollte, hatten meine Gefühle bereits auf sie reagiert. Die Differenz zwischen ihnen und mir war der Grund für ihr Glück und mein Unglück.»
An jenem Morgen hob Sophie Passmann die Bettdecke, um ihren Bauchnabel mit derer der Models zu vergleichen – und dachte im Anschluss darüber nach, wie ihr Leben aussehen könnte, wenn sie doch nur einen schöneren hätte.
«Heute ist es mein Bauchnabel, morgen die Menge an Wasser, die ich täglich trinke, in ein paar Wochen die Frage, ob ich gut darin bin, einen schimmernden Lidschatten zu verblenden. Ich schaffe es nicht, mich dagegen zu wehren, dass das Ganze aufregend und schrecklich gleichermassen ist.»
"Was bis auf ein paar wenige Andeutungen gänzlich fehlt im Buch: Wut, Aufbruchstimmung"
Was bis auf ein paar wenige Andeutungen gänzlich fehlt im Buch: Wut, Aufbruchstimmung. Ein: Schluss jetzt mit diesem Theater, im Leben sollte es doch um die wirklich wichtigen Dinge gehen! Zur «Zeit» sagte Passmann: «Ja, ich bin resigniert. Mein Buch beschäftigt sich mit der Frage, wie man in dieser Welt überlebt, und nicht damit, wie man eine neue baut.»
Als feministische Autorin von «Überleben» zu sprechen, ohne damit Altersarmut oder gar Femizide zu meinen, sondern die Optimierung des Äusseren – das ist wieder mal so eine typische Passmann-Provokation. Die Absicht des Buches bleibt bis zur letzten Seite ein Rätsel.
«Higly relatable?»
In der Pressemitteilung wurde Passmanns Buch als «highly relatable» angepriesen. Und tatsächlich gibt es starke Passagen, welche die Ambivalenzen, die viele weiblich sozialisierte Personen mit sich herumschleppen, gut auf den Punkt bringen. Zum Beispiel hier:
«Frauen versuchen, dazuzugehören, ohne das Spiel zu sehr mitzuspielen, sie versuchen, zu konsumieren, ohne ein Konsumopfer zu sein, sie versuchen, sich schön zu fühlen, ohne zu schön zu sein, sie versuchen, andere Frauen zu bewundern, ohne sich zu sehr mit anderen zu vergleichen.»
Andere Zeilen im Buch lesen sich wie ein verstörender Fiebertraum. Immer wieder stellt Sophie Passmann rhetorische Fragen, die sich wie in einem inneren Monolog aneinanderreihen:
«Hätte ich mich ohne Social Media jemals für Teppichreinigung interessiert? Und Sauerteig? Sonnenschutz? Hätte ich eine Skincare-Routine?» «Wäre ich ohne das Internet dünner? Oder dicker? Wäre ich überhaupt jemand?». «Kann eine Frau, die operiert-wunderschön ist, interessant genug sein für einen talentierten Mann? Wie schön müsste eine Frau sein, um auszugleichen, dass sie uninteressant ist? Gibt es das überhaupt: uninteressante Frauen?» «Macht es einen Unterschied, ob ich einer Influencerin kritisch folge? Oder ironisch?»
Frauen als von Komplexen zerfressene Wesen
Passmann zeichnet die Gegenwart dystopisch: Frauen als oberflächliche, missgünstige und von Komplexen zerfressene Wesen; stets um die männliche Aufmerksamkeit buhlend – auch wenn Männer in all dem vermeintlich gar keine Rolle spielen.
"Trifft diese zwanghafte Obsessivität wirklich den Nerv der Zeit?"
Ein weibliches Leben, das zu grossen Teilen im Internet stattfindet und sich in erster Linie um das eigene Aussehen und das der anderen dreht.
Trifft diese zwanghafte Obsessivität wirklich den Nerv der Zeit? Steht es so schlimm um uns Frauen?
Rätselraten
Und will Passmann uns nun darin bestärken, das Spiel einfach mitzuspielen – oder will sie ganz im Gegenteil, dass wir aufwachen? Überspitzt sie, weil sie uns das Ausmass des Backlashes umso deutlicher vor Augen führen möchte?
Das Buch könnte tatsächlich wie eine Art Aversionstherapie funktionieren: Konfrontation bis zum Erbrechen – und dann entsteht Widerstand.
Passmann ist Taylor-Swift-Fan; in ihrem neuen Buch beschreibt sie, wie klug sich Swift mit dem Rätselraten rund um ihre Songs zum Gesprächsthema macht. Zumindest das könnte Passmann im Fall von «Wie kann sie nur?» gelingen. Und vielleicht ist ihr das schlussendlich auch wichtiger als die eigentliche Aussage des Buches.
«Wie kann sie nur?» von Sophie Passmann ist ab heute im Handel erhältlich.
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