Roxane Gay: "Du bist keine schlechte Feministin. Du bist einfach überhaupt keine Feministin"
Lieber eine schlechte Feministin als gar keine: Mit diesem Satz wurde Roxane Gay berühmt. Heute zieht die Autorin manche Grenzen schärfer. Ein Gespräch über klare Werte in widersprüchlichen Zeiten.
- Von: Darja Keller
Die US-amerikanische Autorin Roxane Gay kommt ein wenig zu spät in den Zoom-Call und entschuldigt sich mehrmals. Sie trägt ein schwarzes V-Neck von Lacoste und strahlt eine Aura entspannter Professionalität aus. Als die verabredete Zeit vorbei ist, besteht sie darauf, dass die übrigen Fragen noch gestellt werden, auch wenn sie dafür, wie am kurzen Tippen auf ihrer Tastatur zu erkennen ist, einen Termin verschieben muss.
2014 erschien ihr Essayband «Bad Feminist». Damals arbeitete Roxane Gay als Dozentin für Kreatives Schreiben, hatte einen Doktortitel und schon zwei Bücher veröffentlicht. «Bad Feminist» prägte den Zeitgeist: In den Prä-Me-Too-Zehnerjahren konnten sich viele junge Frauen nicht mit dem Begriff Feminismus identifizieren. Er wirkte streng, wie ein weiteres implizites Regelwerk für Frauen.
Mit dem selbstironischen Ausspruch «lieber eine schlechte Feministin als gar keine» drückte Gay ihre Zugehörigkeit zu einer Bewegung aus und holte gleichzeitig die ab, die diese scheuten. «Ich will unabhängig sein, aber ich will auch, (…) dass ich jemanden habe, zu dem ich nach Hause kommen kann», schrieb sie zum Beispiel, und: «Auf dem Weg zur Arbeit höre ich oft sehr lauten, aggressiven Rap, auch wenn die Texte Frauen erniedrigen und mich aufs Übelste beleidigen.»
2017 veröffentlichte Gay den Erzählband «Difficult Women» (auf Deutsch «Schwierige Frauen», 2021) und das Memoir «Hunger» (auf Deutsch ebenfalls «Hunger», 2019). Beide Bücher wurden zu Bestsellern. In den Folgejahren war sie als Herausgeberin, Autorin und Kolumnistin tätig. Sie gewann zahlreiche Preise und hält die Gloria-Steinem-Stiftungsprofessur an der Rutgers University in New Jersey. 2023 erschien «Opinions. A Decade of Arguments, Criticism, and Minding Other People’s Business», eine Sammlung politischer Kommentare, Kulturkritiken, Ratgeber-Kolumnen aus den letzten zehn Jahren des Schaffens der 51-Jährigen.
Das Buch liegt nun auf Deutsch vor, der Titel: «Ungefragter Rat in einer angespannten Gegenwart». Die Texte sind Beispiele für Gays Lust an der Beweglichkeit des Denkens, ohne, dass sie zu intellektuellen Übungen verkommen – dafür sind die Themen zu ernst und zu aktuell: Gay schreibt unter anderem über rassistische Polizeigewalt, strukturelle Diskriminierung, sexualisierte Gewalt, die Ungleichbehandlung Schwarzer Bürger:innen im Justizsystem.
Roxane Gay ist eine Meisterin der Zwischentöne und Selbstironie, ohne dabei ihre Haltung zu verlieren – eine Mischung, die in unserer Gegenwart wichtiger denn je erscheint.
annabelle: Roxane Gay, was sich wie ein roter Faden durch Ihr Werk zieht, ist die engagierte Haltung: Sie warnen davor, sich trotz der Missstände, die Sie analysieren, nicht der Desillusionierung hinzugeben. Sie halten daran fest?
Roxane Gay: Nun, ich sage nicht, es sei falsch, sich desillusioniert zu fühlen. Gerade bei den Themen, über die ich schreibe, ist Desillusionierung durchaus eine vernünftige Reaktion. Es ist jedoch ein Privileg, die Hände in die Luft zu werfen und zu sagen: «Ich glaube an nichts mehr. Ich gebe auf.» Dann lassen wir die Menschen im Stich, die uns am meisten brauchen, nicht nur im westlichen Kontext, sondern auf der ganzen Welt.
Es geht darum, was nach der Verzweiflung kommt?
In meiner Arbeit versuche ich, Raum zu schaffen, um die Desillusionierung anzuerkennen, aber auch zu fragen: «Okay, was können wir sonst noch tun?» Wie stellen wir sicher, dass wir gegenüber Gräueltaten nicht so abgestumpft werden, dass wir anfangen, wegzuschauen?
"Ich bin heute davon überzeugt, dass wir uns als Feministinnen in bestimmten Dingen einig sein müssen"
Anfang 2026 führte die US-Einwanderungsbehörde ICE auf Anordnung von Präsident Donald Trump gewaltsame Razzien gegen Migrant:innen durch. Zwei Personen wurden bei solchen Einsätzen getötet; bis Juni starben 19 weitere in ICE-Gewahrsam. In der «New York Times» schrieben Sie, dass wir uns angesichts dieser Grausamkeit umso mehr auf unsere Werte besinnen sollten. Was meinen Sie damit?
Online las ich ein paar Kommentare von Linken, die schrieben: «Sobald die Amtszeit dieser Regierung vorbei ist, soll die Todesstrafe für sie alle gelten.» Einer unserer Grundsätze als Linke ist, dass wir gegen die Todesstrafe sind, Punkt. Deshalb wollte ich diejenigen mahnen, die an Gerechtigkeit und eine bessere Welt glauben, dass wir uns nicht dazu herablassen dürfen, solche Aussagen zu treffen. Wir können nicht sagen, wir seien gegen die Todesstrafe, ausser bei diesen Leuten. Das ist nicht nur inkonsequent oder widersprüchlich, sondern viel schlimmer.
Inwiefern ist es schlimmer?
Es bedeutet, dass wir für nichts stehen. Nun, ICE ist abscheulich. Aber ich bin gefestigt genug in meinen Überzeugungen, dass ich weiss: Wir können nicht vorschlagen, dass wir jemanden töten sollten. Das wird nicht verhindern, dass diese Renaissance des Faschismus, die wir gerade erleben, weitergeht. Mein Kommentar war ein Aufruf: Bleiben wir unseren Werten treu und leisten wir weiterhin Widerstand. Das ist schwer. Aber ich glaube fest daran, dass wir dazu in der Lage sind.
Vor zwölf Jahren erschien «Bad Feminist». Das Buch fühlte sich damals für viele junge Frauen an wie ein Aufatmen. Es schien uns die Erlaubnis zu geben, kompliziert und widersprüchlich zu sein. Was löst das Buch heute in Ihnen aus?
Ich bin sehr stolz darauf. Mir ist klar, dass ich mit den Fähigkeiten und Informationen, die ich damals hatte, mein Bestes gegeben habe. Und ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass wir besonders im Feminismus Raum schaffen müssen, damit Menschen einfach Menschen sein können. Ich denke, das bedeutet auch, dass sie in ihren Meinungen inkonsequent sein dürfen.
Aber?
Seit «Bad Feminist» hat sich etwas geändert: Ich bin heute davon überzeugt, dass wir uns als Feministinnen in bestimmten Dingen einig sein müssen. Manchmal kommen Frauen auf mich zu und sagen fast scherzend: «Ich bin eine schlechte Feministin, haha, weil ich pro-life bin.» (Gegen das Recht auf Abtreibung, Anm. d. Red.) Da muss ich sagen: «Du bist keine schlechte Feministin. Du bist einfach überhaupt keine Feministin.» Man kann nicht Feministin sein und anderen Frauen das Recht absprechen, über ihren Körper zu entscheiden.
Es gibt also für Sie heute klarere Grenzen davon, wer eine Feministin ist und wer nicht?
Ich glaube, dass wir gemeinsame Standards brauchen und für unsere Entscheidungen Verantwortung übernehmen müssen. Unsere Entscheidungen sind menschlich, aber sie sind manchmal antifeministisch. Eines der Dinge, über die ich in «Bad Feminist» schreibe, ist meine Liebe zu Hip-Hop, auch Hip-Hop mit frauenverachtenden Texten. Ich liebe die Musik immer noch! Aber ich denke auch an Angebot und Nachfrage: Solange wir dieses Angebot konsumieren, gibt es für die Künstler keinen Grund, es zu ändern.
"Sie sehen also, meine Grosszügigkeit hat Grenzen"
Sie gelten nach wie vor als die feministische Denkerin, die mit Widersprüchen leben kann, Ambiguitäten aushält – jemand, der eigene Fehler zugeben, seine Meinung ändern kann. Aber Sie sind auch dafür bekannt, starke Meinungen und klare Werte zu haben. Wie schaffen Sie es, eine klare Position einzunehmen und gleichzeitig grosszügig mit sich selbst und anderen zu sein?
Was ich für grundlegend wahr halte – mein Sinn für Anstand und Integrität, für Gerechtigkeit, Antirassismus, die Ablehnung von Intoleranz –, das wird sich nicht ändern. Da gehe ich keine Kompromisse ein. Ich erkenne gleichzeitig, dass klare Werte nicht bedeuten, dass man unfreundlich und kleinlich sein muss. Nun bin ich aber an einem Punkt in meinem Leben angelangt, an dem ich gewisse Dinge nicht mehr mache.
Zum Beispiel?
Pro Jahr rede ich auf etwa dreissig bis fünfzig Veranstaltungen, vor allem an Unis. Eine der häufigsten Fragen ist: «Können Sie Feminismus definieren?» Heute sage ich: Nein. Entweder weisst du, was Feminismus ist, oder du weisst es nicht. Es ist 2026, wenn du es nicht weisst, dann ist das eine persönliche Entscheidung, die ich nicht mit einer Antwort beheben kann. Ausserdem ist es keine echte Frage.
Wie meinen Sie das?
Hinter «definieren Sie Feminismus» steckt: Brauchen wir Feminismus überhaupt noch? Und schauen Sie sich um – ja, wir brauchen ihn. Sie sehen also, meine Grosszügigkeit hat Grenzen. Eine Form der Grosszügigkeit, die mir jedoch wichtig ist, ist die Unterstützung von Nachwuchsautor: innen. Das kostet mich nichts, und ich empfinde es als Verantwortung. Man kann nicht ein gewisses Mass an Erfolg erreichen und dann alle anderen vergessen. Und ich bin grosszügig, wenn es darum geht, mit Menschen zusammenzuarbeiten, um ihnen ein tieferes Verständnis für soziale Gerechtigkeit und die Themen zu vermitteln, die mir am wichtigsten sind; im Rahmen des Zumutbaren werde ich das tun. Aber ich bin nicht die Person, die herumsitzt und mit einem Rassisten redet. Ich werde nicht versuchen zu beweisen, dass mein Leben wertvoll ist. Das ist eine Aufgabe, die er oder sie mit jemand anderem erledigen muss.
An einer Stelle in Ihrem neuen Buch schreiben Sie, dass das Genre des persönlichen Essays – für das Sie bekannt sind – Leser:innen dazu einlade, nach Widersprüchen in Werk und Leben der Autorin zu suchen, nach Beweisen, dass diese selbst nicht konsequent war. Tun Ihre Leser:innen das auch?
Das tun sie. Und das ist okay. Es liegt in der menschlichen Natur. Ist es nervig? Zu tausend Prozent. Was mich wirklich frustriert, ist dieses Triumphale: «Oh, da hab ich dich!» Obwohl ich behaupte, relativ konsistent in meiner Weltanschauung zu sein – ich mache natürlich Fehler. Es ist schmerzhaft, darauf hingewiesen zu werden, aber ich komme darüber hinweg. Ich versuche, mich mit dem Feedback auseinanderzusetzen und es besser zu machen. Nicht alle, aber viele Menschen haben Schwierigkeiten mit Nuancen und Komplexität. Ich hoffe, dass wir diesem Drang nach Eindeutigkeit immer häufiger widerstehen können.
"Hochkultur und Popkultur sind für mich auf demselben Spektrum, die Unterscheidung erscheint mir willkürlich"
Abgesehen von politischen Essays schreiben Sie witzige und geistreiche Betrachtungen zu Filmen, Serien, Reality-TV. Ist die Beschäftigung mit Popkultur für Sie Weltflucht – oder glauben Sie vielmehr, dass die gesellschaftlichen Probleme, die Sie untersuchen, sich in der Popkultur spiegeln?
Hochkultur und Popkultur sind für mich auf demselben Spektrum, die Unterscheidung erscheint mir willkürlich. Jede Form von Kultur spiegelt unsere Werte wider und das, was wir als Gesellschaft wichtig finden oder zurückstellen. Populäre Formen der Kultur erzählen oft ähnliche Geschichten und vermitteln ähnliche Werte wie Theater, Oper, Ballett, nur in einem zugänglicheren Medium. Deshalb ist es wichtig, sie anzuschauen.
Was ist mit Unterhaltung?
Die «Real Housewives»-Reihe zum Beispiel ist lächerlich, aber unterhaltsam. Dafür ist sie da. Manche von uns wollen ab und zu gerne der Realität entfliehen. Meine Frau Debbie schaut kein Reality-TV. Ich habe ihr lange vorgepredigt, was wir daraus lernen können, aber sie interessiert sich nicht dafür, und das ist völlig in Ordnung. Aber ich glaube schon, dass viele von uns Reality-TV auf eine Weise verachten, die unfair ist. Man kann nicht so tun, als wären diese Sendungen unwichtig. Viele Leute haben keine Ahnung, wie beliebt diese Formate sind.
In «Ungefragter Rat» beschreiben Sie Ihren Weg als Autorin und wie Ihre Texte in Ihren Zwanzigern und Dreissigern meist abgelehnt wurden. Heute gelten Sie als eine der bekanntesten feministischen Denkerinnen der Gegenwart. Wie haben Sie es geschafft, nicht aufzugeben?
Es gab Zeiten, in denen ich aufgeben wollte. Aber ich hatte gute Freund:innen, die mich bestärkt haben. Und die Liebe zum Schreiben und Lesen, die mich am Ball gehalten hat. Ich bin in einer sehr privilegierten Mittelschichtsfamilie aufgewachsen, aber nicht im kunstaffinen Milieu. Mein Vater ist Ingenieur, ein Onkel ist Arzt, ein anderer ebenfalls Ingenieur. Niemand in meiner Familie kannte Schriftsteller:innen. Meine Eltern ermutigten mich zu schreiben, rieten mir jedoch davon ab, Autorin zu werden. Mein Traum war, ein gutes Buch zu veröffentlichen und dass vielleicht ein paar Leute dieses Buch lesen. Ich konnte mir nichts darüber hinaus vorstellen, weil ich nicht wusste, was ich mir vorstellen sollte. Wissen Sie, das alles ist immer noch eine Freude und eine Überraschung für mich.
Roxane Gay: Ungefragter Rat in einer angespannten Gegenwart. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2026, 400 Seiten, ca. 40 Fr. ist jetzt im Handel erhältlich