Interview mit Einsamkeitsforscher

«Wie einsam sich jemand fühlt, ist oft Typsache»

Text: Marie Hettich; Bild: Stocksy

Wir sind mitten in einer Pandemie, die Festtage stehen an. Kein Wunder, ist Einsamkeit gerade ein grosses Thema. Um wen müssen wir uns Sorgen machen – und um wen nicht? Das haben wir den Einsamkeitsforscher Marcus Mund gefragt.

annabelle: Herr Mund, was ist Einsamkeit eigentlich ganz genau?
Marcus Mund: Wichtig ist erst mal, Einsamkeit vom Alleinsein zu unterscheiden. Das Alleinsein wird häufig als positiv empfunden, weil es ein selbstgewählter Zustand ist, der jederzeit beendet werden kann. Wenn der Zustand nicht selbst gewählt ist und länger andauert, spricht man von sozialer Isolation. Personen, die einsam sind, nehmen ihr soziales Leben als defizitär wahr, als nicht innig genug. Sie fühlen sich von anderen Menschen abgetrennt. Oft wird Einsamkeit als sozialer Schmerz beschrieben – das finde ich sehr treffend.

Kennen alle Menschen das Gefühl von Einsamkeit?
Wahrscheinlich schon. Zumindest die Einsamkeit als Zustand, als Episode, die vorübergeht – beispielsweise, wenn man neu in einer Stadt ist oder auch, wenn man einen geliebten Menschen verloren hat. Es gibt aber noch eine weitere Art der Einsamkeit, die nichts mit den äusseren Umständen zu tun hat.

Nämlich?
Einsamkeit als Persönlichkeitsmerkmal. Es gibt Menschen, die sich immer einsamer als andere fühlen – unabhängig von ihrem Alter oder ihrer Lebenssituation.

Einsamkeit kann also auch Typsache sein?
Ja. Wie einsam sich Menschen fühlen, ist sogar sehr oft Typsache – das zeigt die Einsamkeitsforschung deutlich. Es gibt Menschen, die nur sehr wenige soziale Kontakte haben und überhaupt nicht einsam sind.

Was weiss man über Menschen, die sich ständig einsam fühlen?
Oftmals handelt es sich um schüchterne, introvertierte Personen mit einem eher geringen Selbstwert. Sie bewegen sich tendenziell wenig und neigen zu Übergewicht sowie zu einem hohen Tabak- und Alkoholkonsum. Ausserdem weisen sie eher ängstliche Bindungsstile auf.

Heisst?
Sie reagieren häufig sehr sensibel auf soziale Interaktion. Die Erwartungen an das Gegenüber sind oft hoch – und gleichzeitig ist die Angst gross, zurückgewiesen zu werden. Das sieht man mittels MRI-Untersuchungen sogar im Gehirn. Hin und wieder werden dann auch Signale fehlinterpretiert, die gar nicht als Zurückweisung gemeint waren. Es ist ein Teufelskreis: Man will aus der Einsamkeit raus, schafft es aber nicht so richtig, Nähe zuzulassen – aus lauter Angst, verletzt zu werden.

Was hilft chronisch einsamen Menschen?
Früher hat man fälschlicherweise zu sozialen Kompetenztrainings geraten. Heute weiss man, dass langfristig Psychotherapie sehr gut helfen kann – vor allem dann, wenn Einsamkeit in eine Depression übergeht.

Das kann passieren?
Ja, chronische Einsamkeit erhöht das Risiko, psychisch zu erkranken. Ausserdem ist das Stresssystem im Körper sehr aktiv, was beispielsweise Herzkreislauf-Probleme zur Folge haben kann. Eine grosse Studie hat gezeigt, dass Menschen, die chronisch einsam sind, auch früher sterben. Daraus hat sich die Schlussfolgerung ergeben: Chronische Einsamkeit ist in etwa so gefährlich wie 15 Zigaretten am Tag.

Woran liegt es, dass sich manche Menschen trotz vieler Kontakte so einsam fühlen?
Einsamkeit hat eine erbliche Komponente – genauso wie Intelligenz oder Geselligkeit. Zusätzlich kann die Kindheit eine grosse Rolle spielen: Wie war die Bindung zu meinen Eltern? Welche Erwartungen habe ich an meine Mitmenschen? Wie habe ich gelernt, Beziehungen aufrechtzuerhalten?

Nehmen wir an, meine Grossmutter oder ein guter Freund verbringt dieses Jahr die Festtage ganz allein. Muss ich mir Sorgen machen?
Das hängt ganz davon ab, ob die Person zu den Menschen gehört, die sich chronisch einsam fühlen. Falls man das vermutet oder weiss: Lieber nochmal anrufen, einen Brief schreiben – einfach irgendwie zeigen, dass man an sie denkt. Im besten Fall kommuniziert die Person ihre Bedürfnisse selbst. Man könnte auch den Laptop auf den Tisch stellen und gemeinsam Znacht essen. Es braucht kein reales Treffen, um Nähe herzustellen.

Und wenn die Grossmutter oder der Freund nicht zu den chronisch einsamen Menschen gehören?
Dann muss man sich auch keine Sorgen machen – für die allermeisten Menschen ist es sicher keine Katastrophe, Weihnachten mal allein zu verbringen. Wir wissen zum Beispiel, dass die Anzahl an Einpersonenhaushalten in den letzten zehn Jahren stark gestiegen ist – mehr Einsame gibt es trotzdem nicht. Gerade alleinstehende Menschen sind ja auch sehr geübt darin, ihre Tage für sich zu strukturieren.

Stimmt es aber, dass die Menschheit immer einsamer wird?
Nein. Das heisst es zwar immer, wissenschaftliche Hinweise gibt es dafür aber keine. Einzig in den USA scheinen junge Menschen zwischen 18 und 30 heute einsamer zu sein als vor vierzig Jahren. Warum das so ist, muss noch untersucht werden. An Social Media liegt es schon mal nicht – sogar das Gegenteil ist der Fall: Wir wissen, dass soziale Medien Einsamkeit mindern können.

Aber durch die Pandemie hat Einsamkeit doch sicher zugenommen?
Interessanterweise sieht es nicht danach aus. Eine grosse US-Studie hat gezeigt, dass sich viele Menschen sogar weniger einsam fühlen als vor der Pandemie.

Woran könnte das liegen?
Viele haben in diesem Jahr gemerkt, welche Beziehungen ihnen wirklich wichtig sind und diese vertieft. Zudem hat die wahrgenommene soziale Unterstützung zugenommen. Entgegen der allgemeinen Annahme erleben wir momentan also definitiv keine Einsamkeitsepidemie.

Marcus Mund forscht an der Universität Jena zum Thema Einsamkeit.

 

Anlaufstellen für Menschen, die sich einsam fühlen:

  • Die Dargebotene Hand – Unterstützung per Mail, Chat oder Telefon
  • Sanasearch – krankenkassenanerkannte Therapeutinnen und Therapeuten finden
  • Mal reden – ein telefonisches Gesprächsangebot des Vereins Silbernetz für ältere Menschen; voraussichtlich ab Frühling 2021
Marie Hettich ,
Redaktorin
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