Dürfen wir über Ariana Grandes Körper sprechen?
Seit Tagen ist Ariana Grandes Körper Thema. Dabei hatten wir uns doch gerade erst mühsam beigebracht, Körper nicht mehr zu kommentieren. Unsere Autorin erklärt warum es uns aktuell zu Recht die Sprache verschlägt - und wir dennoch dringend sprechen müssen.
- Von: Jasmin Kröger
- Bild: Action Press
Hautenge schwarze Kleidung, ein breiter Gürtel, schulterfreies Top: In einer Hommage an den Look von Sandy aus «Grease» zeigt sich Ariana Grande im Musikvideo zu ihrem neuen Song «Petal». Sie spielt eine Schauspielerin im Casting – eine Situation, die ihrem eigenen Leben heute kaum ferner sein könnte. Den prüfenden Blicken der Menschen ausgeliefert zu sein, dürfte ihr dagegen nur allzu vertraut sein. Wir sehen in «Petal» den glamourös inszenierten, dünnen Körper, sichtbare Rippen, das aus dem Carmenausschnitt hervorstechende Schlüsselbein, Bilder, an denen sich der prüfende Blick festbeisst, von dem das Video selbst erzählen will.
Die Spekulationen über eine mögliche Essstörung bei Ariana Grande lassen nicht nach. Grande-Fans gehen sich seit Tagen gegenseitig an den Kragen, wenden sich ab, bekunden Sorge. In sozialen Medien, Newsoutlets und Tageszeitungen wird darum gerungen, was nun zu tun sei. Was zu sagen sei. Ob es zu verantworten sei, dass Grandes Team weiterhin versichert, die Sängerin sei körperlich gesund und «happy».
"Tatsächlich kursieren Bilder von Grande schon seit Längerem in Pro-Ana-Foren, in denen Magersucht verherrlicht wird"
Instagram blendete bei Beiträgen zum Video zeitweise sogar Hinweise auf Hilfsangebote für Essstörungen ein. Und tatsächlich kursieren Bilder von Grande schon seit Längerem in Pro-Ana-Foren, in denen Magersucht verherrlicht wird. Schon 2023 wandte Grande sich selbst in einer Videobotschaft an die Öffentlichkeit und bat darum, die Kommentare über ihren Körper einzustellen. Mittlerweile hat sie angekündigt, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Ein Dilemma, das keine Gewinnerseite kennt.
Sprechen oder schweigen?
Die Schauspielerin Jameela Jamil war eine der Ersten, die sehr deutlich das Wort ergriffen hat. Ihr Argument: Ja, wenn wir über Grandes Körper sprechen, können wir sie damit verletzen. Tun wir es nicht, riskieren wir jedoch, dieses Körperbild zu normalisieren – und das für Hunderte Millionen Teenager, Kinder und auch Erwachsene, die ihre Bilder konsumieren. Ausserdem erinnert Jamil daran, dass Popstars wie Grande unheimlich viele Ressourcen zur Verfügung stünden, um sich Hilfe zu suchen, anders als womöglich ihre jungen Fans.
Aber gerade für Millennials, die den Magerwahn nun in zweiter Welle erleben, ergibt sich aus dieser Situation eine Schere im Kopf. Für uns, die noch lebhafte Erinnerungen an das Ideal hervorstechender Beckenknochen über Hüftjeans haben und Jahre korrigierender Body Positivity brauchten, um diese Bilder überhaupt als das zu erkennen, was sie waren. Denn ja, Popstars verfügen theoretisch über Ressourcen. Gleichzeitig haben wir zu viele unserer Idole erlebt, die von Teams, Management und schier endlosen finanziellen Mitteln umgeben schienen und dennoch kein schützendes Netz hatten. Im Gegenteil. Paris, Britney, Amy, Lindsay, you name it.
Die Sprachlosigkeit der Millennials
Die Art und Weise, wie vor allem in den Neunzigern und Nullerjahren über ihre Körper geschrieben und gesprochen wurde, hat aus dem Thema ein Minenfeld gemacht. Körper wurden vermessen, bewertet, öffentlich zur Verhandlung gestellt.
"Wir hatten uns geeinigt: So spricht man nicht über Körper"
Jede Zu- oder Abnahme wurde zur Titelgeschichte. Wir hatten uns geeinigt: So spricht man nicht über Körper. Gleichzeitig sehen wir nun, im Zuge des aktuellen Skinny-Comebacks, wieder auffällig dünne Körper in den Medien und merken, dass uns dafür eine Sprache fehlt. Unsere Sprachlosigkeit ist eine Konsequenz jener Jahre. Und zunächst einmal eine richtige. Wir wollen nicht wieder Rippen zählen. Nicht die Körper von Frauen sezieren. Nicht aus einem Foto auf einen Gesundheitszustand schliessen. Wir haben verstanden, dass ein Kompliment über Gewichtsverlust keines sein muss, weil wir nicht wissen, ob jemand Sport gemacht hat, Liebeskummer hat, krank ist oder nichts mehr essen kann. Nur schützt unser Schweigen nicht automatisch vor einem Ideal, das längst wieder wirkt.
"Wie lässt sich über gesellschaftliche Schönheitsideale und mögliche gesundheitliche Risiken sprechen, ohne einzelne Frauen zu diagnostizieren"
Im Fall Grande verzweifeln reflektierte Feministinnen deshalb weltweit an einer Frage: Wie lässt sich über gesellschaftliche Schönheitsideale und mögliche gesundheitliche Risiken sprechen, ohne einzelne Frauen zu diagnostizieren oder ihre Körper erneut zu öffentlichem Eigentum zu machen?
Wenn Sorge zu Bodyshaming wird
Zumal selbst die sorgenvollste Bekundung im Zweifel nicht unschuldig daherkommt. Es ist gesellschaftlich so tief eingeschrieben, Frauenkörper zu bewerten und zu massregeln, dass Bodyshaming gerne das Gewand der Sorge trägt. Die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Lechner nutzt dafür den Begriff «Concern Trolling». Das kennen wir besonders aus der Dickenfeindlichkeit: Menschen geben vor, sich um die Gesundheit einer Person zu sorgen, und verschaffen sich damit die Erlaubnis, deren Körper zu bewerten. Bei Stars kommt die parasoziale Beziehung hinzu. Wer Grande seit Jahren folgt, ihre Musik hört und ihre Krisen miterlebt hat, kann schnell das Gefühl entwickeln, sie zu kennen und deshalb ein Recht auf Einmischung zu haben.
"Die Sorge kann aufrichtig sein. Und trotzdem kann sie als Hintertür für den patriarchalen, prüfenden Blick auf Frauenkörper dienen"
Dabei, sagt Lechner, können auch hier mehrere Dinge gleichzeitig wahr sein. Die Sorge kann aufrichtig sein. Und trotzdem kann sie als Hintertür für den patriarchalen, prüfenden Blick auf Frauenkörper dienen. Für einen Blick, unter dem Frauen es nie richtig machen können: zu dick, zu dünn, zu alt, zu künstlich, zu ungepflegt, zu kontrolliert.
Wer das anzweifelt und beteuert, im Fall Grande gehe es nun wirklich nur um die Sorge angesichts eines vermeintlich ungesunden Erscheinungsbildes, stelle sich bitte die Frage: Wie viele Männer fallen einem ein, deren Körper wir öffentlich in dieser Breite «sorgenvoll» kommentieren?
Nicht Grande schuldet uns eine Erklärung
Immer wieder ist es der weibliche Körper, der als Schlachtfeld für diese Debatten herhalten muss, immer wieder verpassen wir die Chance, strukturelle Kritik zu üben, und greifen uns eine einzelne Frau heraus, sagt auch Lechner. Und sicherlich hat ein inszenierter Popstar mit jungen Fans und 360 Millionen Follower:innen allein auf Instagram eine Vorbildfunktion, aber das bedeutet nicht, dass eine Frau uns ihre Krankenakte schuldet.
Meinen wir wirklich, Grande schuldet uns eine Erklärung – fremden Menschen, die sie noch nie gesehen hat? Wohl kaum. Was wir uns allerdings alle gegenseitig schulden, ist, das Gespräch zu suchen. Über diese gefährlichen Skinny-Ideale und darüber, wie viel Raum sie in unseren Köpfen einnehmen. Darüber, wie wir den Korridor für den akzeptierten Körper wieder weiten. Darüber, warum der ideale weibliche Körper gerade wieder schmaler, zarter und schwächer werden soll. Über eine Industrie, die dieses Bild produziert, und Algorithmen, die es in die Feeds junger Menschen spülen. Und darüber, wie wir all das benennen können, ohne auf eine einzelne Frau zu zeigen.
Zur Gleichberechtigung gehört aber auch, dass Frauen nicht immer die Opferrolle nur zugesprochen bekommen. Es ist ja so schwierig, weil AG sich zwar zu Recht angegriffen fühlt, aber eben auch ihre derzeitige Außenwirkung ziemlich erfolgreich commerziell nutzt. Darf man nicht durchaus darüber diskutieren, wie weit die Verantwortung eines Mega-Stars geht, wie weit die Vorbildfunktion? Eine Diskussion losgelöst davon wird nicht die erreichen, die erreicht werden sollen.
Wie gefällt dir dieser Artikel?
Ich bin praktisch genau so schlank nur im Gesicht nicht so hager.
Bin wesentlich älter. Ich esse sehr gesund, keine Tiere, keinen Zucker und Fett. Ich halte diese Künstlerin nicht unbedingt für zu dünn.
Das Video allerdings finde ich abartig.
Wie gefällt dir dieser Artikel?