Werbung
Andy, Carrie, Bridget: Warum das Working Girl nie wirklich alles haben durfte

Andy, Carrie, Bridget: Warum das Working Girl nie wirklich alles haben durfte

Die Fortsetzung von "Der Teufel trägt Prada" hat eine alte Liebe neu entfacht: die der Working-Girl-Romcom. Höchste Zeit, die Protagonistinnen noch einmal genau anzuschauen. Was hat uns dieses Genre eigentlich beigebracht?

Keine Frage, ein Grossteil der Gen X und Millennials hat anhand romantischer Karrierefrauen-Komödien gelernt, wie Arbeit bestenfalls auszusehen hat. Dabei ist unser Working Girl meistens Single und ambitioniert, lebt in einem überdimensionierten New Yorker Apartment (finanziert durch eine wöchentliche Kolumne, easy) und hört leicht enttäuscht beim Heimkommen den Anrufbeantworter ab: «You have zero messages», während sie sich mit einer Hand Ohrclips abstreift.

Mit ihren Freundinnen werden Datingfails und Jobstruggles in wahlweise hippen Cafés, beim Lunch oder im Grossraumbüro-Cube mit Skylineblick besprochen. Merke: In dieser Welt wird sich von Salat, Light-Getränken und Martinis ernährt. Kohlenhydrate sind beim Working Girl nur etwas für Nervenzusammenbrüche und Notfälle.

Nicht selten ist unsere Hauptfigur Journalistin, möchte endlich an die grossen politischen Themen, darf aber doch nur über Make-up, Schuhe und Männer sinnieren. Merke: das Working Girl und was sie eigentlich will, ist nicht so wichtig. (Hallo «Wie werde ich ihn los in 10 Tagen?») Nicht selten arbeitet sie unter einer herrischen Chefin im Powersuit, die ihr das Leben zur Hölle macht und gleichzeitig genau das verkörpert, was sie selbst werden könnte. Wenn sie nur endlich aufhören würde, sich so anzustellen.

«Der Teufel trägt Prada» hat daraus eine eigene Ästhetik gemacht, war aber längst nicht der erste Film, der den spitzen Ellbogen von Frauen untereinander 90 Minuten widmet. Die Blaupause für das Genre kommt schon 1988 ins Kino: «Working Girl». Golden-Globe-prämiert, Oscar-nominiert, ein grosser Publikumserfolg: Melanie Griffith spielt darin Tess, eine Sekretärin aus Staten Island, die sich ihren Weg in die New Yorker Börsenwelt bahnt. Ihre Waffen: Schulterpolster und Know-how. Ihre Gegnerin: Sigourney Weaver als Bürodrache.

Werbung

"Das Versprechen: alles ist möglich. Die Fussnote: wenn du es nicht schaffst, liegt es vermutlich an dir"

Der Film trifft einen Nerv in den Achtzigern: Selbstoptimierung und neoliberale Aufstiegsfantasien greifen um sich. Zum Sound von Madonnas «Material Girl» drängen damals immer mehr Frauen in den Arbeitsmarkt, versuchen sich einen Platz in männlich dominierten Sphären zu sichern. Und weil es bekanntlich «nur eine schaffen kann», wie Heidi Klum bis heute mantraartig wiederholt, wird Solidarität gar nicht erst eingeplant. Jede für sich. Jede gegen jede.

Aber bitte nebenbei noch Mutter, Partnerin und makellos sein. Der Ratgeber «Having It All - Love, Sex, Success» von der damaligen «Cosmopolitan» Chefredakteurin Helen Gurley Brown wird zum Bestseller. Das Versprechen: alles ist möglich. Die Fussnote: wenn du es nicht schaffst, liegt es vermutlich an dir.

Dabei bekommt das Working Girl in den seltensten Fällen wirklich «alles». Und bevor sie überhaupt eine Chance auf «irgendwas» hat, braucht sie, wer hätte es vermutet, ein Makeover. Zehn Kilo weniger, Kontaktlinsen statt Hornbrille, gezähmte Augenbrauen: wow, who is she?

Zur Not helfen ein paar Spanx, die notdürftig eine Karriere beim Fernsehen und Dating zusammenhalten – aber mit Hosengrösse 38 (!) eine Wackelpartie, wie uns Bridget Jones in den Nullerjahren zeigt. Merke: Abschluss von einer Elite-Uni sichert den Zugang, aber das Aussehen ist letzten Endes liebes-, karriere- und lebensentscheidend.

Werbung

"Emanzipation ja, aber bitte mit Rückfahrkarte"

Nun gibt es mindestens noch einen zweiten Typus des Working Girl: die, die es schon geschafft hat. Sandra Bullock in «Selbst ist die Braut» oder Cameron Diaz in «Liebe braucht keine Ferien». Die bereits erfolgreiche, männlich codierte Version. Ihr Körper ist längst optimiert, Salatbar und Coke Zero gestählt. Keine Reiterhosen, keine schlackernden Unterarme. Dafür gilt sie als emotional verkrüppelt, wer es als Frau nach oben schafft, so die Logik, zahlt einen Preis und der ist privat. Weinen? Nicht vorgesehen. Nähe? Erst recht nicht.

Spätestens beim Besuch bei seiner Familie schmilzt das Cool Girl. Wahlweise passiert das auch bei der Rückkehr in die Heimat, erschöpft vom Job in New York, wenn sie beschliesst, die Karriere an den Nagel zu hängen, um die alte Drei-Tage-Bart-Liebe im Karohemd zu heiraten.  (Hallo, «Sweet Home Alabama»?).

Emanzipation ja, aber bitte mit Rückfahrkarte. Merke: Das Working Girl spricht sich für Gleichberechtigung aus, aber in der Praxis muss sie oft so lange justieren, bis alles irgendwie unter einen Hut passt. Die strukturellen Probleme bleiben. Ihre Lösung wird individualisiert.

"Familie oder Karriere? Warum kann ich nicht beides lassen?"

Umso erstaunlicher wirkt die Wendung im ersten «Der Teufel trägt Prada», als Andy sich für ihren Job und gegen ihren Freund entscheidet. An diesem weiblichen Sonderweg wird auch in der Fortsetzung – zumindest in Teilen – festgehalten. Andy Sachs wird als moderne, kinderlose, zufriedene Mittvierzigerin erzählt, die ihren Job liebt.

Zeitgemäss hat sie ihre Eizellen eingefroren. Having it all, irgendwann halt. Und ja, wenn Andy und Miranda Priestly sich am Ende darüber einig sind, wie sehr sie ihre alles verschlingende Arbeit lieben, trotz der Kosten, dürfte es eine Reihe an Gen-Z-Vertreterinnen geben, die mit den Augen rollen und fragen: Familie oder Karriere? Warum kann ich nicht beides lassen?

Aber genau diese Skepsis verändert das Genre seit einigen Jahren. Das Working Girl, wenn überhaupt, kämpft nicht mehr allein. Kein Catfight, sondern weibliche Allianzen. Filme wie «Late Night» oder Serien wie «Hacks» und «The Bold Type» erzählen so unterhaltsam wie konfliktreich davon, wie Frauen für- statt gegeneinander arbeiten können. Jüngere lernen von Älteren und umgekehrt.

An diese Entwicklung knüpft auch die neue «Prada»-Erzählung an. Im Finale verschiebt sich der Gegner: weg von der anderen Frau, hin zu einem Tech-Milliardär, der Kultur zur Plattformware macht und Medien aufkauft. (Huch, wer kommt denn auf solche Ideen?) Damit landet das Sequel einen erstaunlich zeitgemässen Kommentar auf die sich wandelnden Machtverhältnisse.

Und das ist tatsächlich alles andere als zufällig: Denn Working-Girl-Erzählungen, das hat die Filmwissenschaftlerin Kathrina Glitre untersucht, werden immer dann besonders erfolgreich, wenn Macht- und Geschlechterverhältnisse im Umbruch sind. Sie reagieren auf diese gesellschaftlichen Verschiebungen wie ein Seismograf und verpacken sie in persönliche Geschichten. Kein Wunder also, dass der «Teufel trägt Prada» gerade jetzt so ein erfolgreiches Comeback hinlegt.

Und auch wenn nicht jedes Working Girl in der Praxis als Vorbild taugt und wir gut beraten sind zu sortieren, welche ihrer Botschaften wir wirklich übernehmen wollen, bleibt ihre Kern-DNA: ein trotziges «nicht mit mir». In ihren besten Momenten kündigt sie impulsiv vor versammelter Redaktion, schmeisst das Diensthandy in den Brunnen oder bleibt im pinken Kostüm, während sich alle anderen grau anziehen.

Ob im Powerlook der Achtziger oder mit eingefrorenen Eizellen und Vape in der Hand, am Ende läuft alles auf einen Satz hinaus, den schon Tess McGill 1988 in «Working Girl» formuliert. Einer, der bis heute erstaunlich wenig an Aktualität verloren hat und den wir uns am besten mit Lippenstift auf den Badezimmerspiegel schreiben: «Ich habe keine Lust nach Regeln zu spielen, die ich nicht selbst gemacht habe».

Abonniere
Benachrichtigung über
guest
0 Comments
Älteste
Neuste Meistgewählt
Inline Feedbacks
View all comments