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Crans-Montana: Das Geschäft mit den Tränen

Crans-Montana: Das Geschäft mit den Tränen

Warum die Berichterstattung aus Crans-Montana eine Grenze überschritten hat – ein Kommentar.

Es war ein schreckliches Erwachen in ein neues Jahr für unser Land. Eben noch hoffnungsvoll und vorsatztrunken wurden wir kollektiv auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. In Crans-Montana hatte es in dieser Nacht gebrannt; mehrere Dutzend vorwiegend jugendliche Menschen wurden auf grauenvollste Weise aus dem Leben gerissen, viele der Überlebenden werden für immer von dem Unglück gezeichnet sein. Ein Land in Schockstarre – zumindest hätte ich mir genau das gewünscht.

Mich irritierte, dass für diese Tragödie, die uns allen die Stimme verschlug, ohne Zögern so viele Worte gefunden wurden. Gierig über diesen erstklassigen Content, über die Chance auf so richtig viele Klicks, stürzten sich die hiesigen Medien auf alles und jeden. In einer Art, für die sich renommierte Institutionen bisher zu schade gewesen waren, wurde die Katastrophe ausgeschlachtet, als gäbe es kein Morgen. Augenscheinlich traumatisierte Menschen wurden für Interviews vor Kameras gezerrt, Objektive auf verzweifelte Gesichter gerichtet und Liveticker gefüttert in einer morbiden Emsigkeit.

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"Ich fühlte mich in die Rolle der Voyeurin gedrängt – ohne mein Einverständnis"

Ich bin sicher, dass das ausgezeichnet funktionierte. Die Klick-Statistiken dürften erfreulich nach oben geschnellt sein. Die gesamte Schweiz schien sich am metaphorischen Strassenrand zu drängen, um den besten Blick auf den Abtransport der Leichen zu ergattern. Bei mir und sicher nicht nur bei mir, hinterliess diese Herangehensweise allerdings eine gewisse Ratlosigkeit und eine zunehmende Wut. Es war unmöglich, eine Nachrichten- oder Social Media-App zu öffnen, ohne direkt in die leeren Augen eines Jugendlichen zu blicken, der über den Geruch seiner verbrannten Freunde sprach, in das gebrochene Gesicht einer seit neustem kinderlosen Mutter. Ich fühlte mich in die Rolle der Voyeurin gedrängt, ohne mein Einverständnis – genötigt mir all dieses Elend reinzuziehen.

Als Mutter einer kleinen Tochter will ich mir nicht vorstellen, wie es sein muss, sein Kind zu verlieren. Auf die schrecklichstmögliche Art – und die ganze Nation schaut zu. In Crans-Montana gab es keine medienfreien Zonen, erzählte mir eine Fotografin bestürzt, keinerlei Rückzugsorte. Sie beschreibt eine regelrechte Schlacht um Tränen, sah sich aber ebenfalls gezwungen, die Kamera auf das Leid zu halten – der Auftraggeber will Emotionen sehen. Und so stehen dann alle pünktlich im Takt der Nachrichtenproduktion um das Kerzenmeer und hoffen, den einen oder die andere Trauernde:n zu erwischen. Ist das, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen wollen?

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"Der Brand wurde behandelt wie ein faszinierender Krimi, und die Nation fieberte gebannt mit"

Ich glaube, es ist diese Erwartungshaltung, die mich am meisten angewidert hat. Als hätten wir ein Anrecht auf die Details dieser Tragödie. Als ginge es uns irgendetwas an, was Mädchen (16) darüber denkt, dass ihre Freundin jetzt tot ist oder wo Junge (21) behandelt wird. Und dann diese kreativen Anti-Formate, «der andere Blick», der süffisant die Frage aufwirft, ob vielleicht nicht doch die jungen Menschen selbst schuld seien an dem Ganzen? Das ist an Pietätlosigkeit kaum zu überbieten.

Das klingt jetzt ein wenig so, als hätte ich etwas gegen Medien. Aber im Gegenteil, realitätsgetreue, unabhängige Berichterstattung ist zentral, die Basis unserer Demokratie! Und auch Liveticker haben durchaus ihre Berechtigung – für Fussballspiele zum Beispiel. Aber die Infos aus Crans-Montana hatten nicht die gleiche unmittelbare Dringlichkeit wie die leicht verderblichen Resultate eines Fussballspiels. Der Brand war zu Ende, als wir unsere Augen aufschlugen an diesem Neujahrsmorgen. Trotzdem wurde er behandelt wie ein faszinierender Krimi, und die Nation fieberte gebannt mit.

"Ich hätte gerne durchdachte Abhandlungen gesehen darüber, wie man als Nation trauern kann, ohne Betroffene noch zusätzlich zu verstören"

Ich sehe ein, dass der kollektive Hyperfokus auch gute Folgen hatte. Es wurden wichtige Debatten ausgelöst über die Verantwortung von Gemeinden und Kanton, über die Wichtigkeit von Brandschutz und Notausgängen. Soforthilfen wurden angekündigt, Strafuntersuchungen eingeleitet und politische Konsequenzen in Aussicht gestellt. Aber ich komme nicht umhin, darüber nachzudenken, ob das nicht auch anders möglich gewesen wäre.

Das erste Argument sind immer die Klicks. Man muss mitziehen heute, die Medien haben es schon schwer genug. Aber ganz ehrlich, mein Bild von gewissen Publikationen ist von dieser Geschichte nachhaltig geschädigt. Man kann das Thema doch auch anders aufgreifen, beispielsweise mit Fotostrecken zum absurden Medienansturm statt dem 385. Bild von verzweifelten Gesichtern während des Trauermarsches. Ich hätte gerne durchdachte Abhandlungen gesehen darüber, wie man als Nation trauern kann, ohne direkt Betroffene noch zusätzlich zu verstören. Die saubere, unaufgeregte Aufarbeitung des Geschehenen, die Sensibilisierung für unbekannte Gefahren, eine völlig freiwillige Plattform für Betroffene.

In diesen schnelllebigen Zeiten, in denen alles Content ist und nichts tabu, müssen wir unbedingt neu verhandeln, wer wir als Gesellschaft sein wollen. Es ist ein schmaler Grat zwischen Anteilnahme und Sensationsgier, zwischen Aufklärung und Übergriff. Ich wünschte mir von den Schweizer Medien und meinen Landesgenoss:innen etwas mehr Fingerspitzengefühl.

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Marlene

danke, dass Sie dieses Thema aufgreiffen! Auch das kollektive mediale Einprügeln auf Gemeinde und Kanton fand ich daneben. Die Justiz soll ihre Arbeit machen können ohne dass vorher schon Schuldzuweisungen gemacht werden.

Dorothea

Liebe Rebekka Bräm, Sie sprechen mir sehr aus dem Herzen! Danke für den guten und sehr nötigen Artikel, ich wünsche mir, dass ihn möglichst viele Menschen lesen.

Natascia Zullino

Liebe Frau Bräm, besten Dank für diesen sensiblen, einfühlsamen und doch rationalen Bericht. Sie habe die richtigen Worte gefunden, um dem Tsunami von Taktlosigkeit, Abstumpfung und mangelnder Empathie entgegenzutreten! Bitte schreiben Sie weiter!

Nadia

Ich weiss nicht, über welche Medien Sie Information beziehen. Ich lese den “Tagesanzeiger” und die “NZZ”, manchmal auch “The Guardian” und dort habe ich all das, was Sie bemängeln, nicht gefunden. Vielleicht müssten Sie Ihre eigene Medienwahl überdenken … und auch, ob Insta tatsächlich ein Informations-Medium ist.

Sabina

Es geht hier ja nicht darum, wer seine Informationen in welchen Formaten bezieht. Sondern, dass es generell Medien gibt die solch Berichterstattung pflegen.

Anonymous

Liebe Rebekka. Erlaube mir zwei Gedanken dazu:
(1) Menschen trauern unterschiedlich. Es gibt Kulturen – und damit meine ich nicht nur abstrakt «das Ausland», sondern auch Milieus innerhalb der Schweiz –, in denen Eltern bewusst und offen über den Verlust ihrer Kinder sprechen wollen, um deren Andenken zu bewahren oder zu vergrössern. Ich war Reporter beim Blick und musste das selbst lernen, als ich einmal gebeten wurde, mit einer serbischen Mutter in der Schweiz über den Tod ihrer Tochter zu sprechen. Ich fragte sie nach dem Gespräch, leicht verstört, weshalb sie so offen darüber rede. Sie reagierte mit Unverständnis und entgegnete, was es mir einfalle, ihre Trauer zu hinterfragen: Sie sei keine dieser Rabenmütter, die nach dem Tod eines Kindes schweigen. Solche Begegnungen hatte ich mehrfach, und sie lehrten mich, was Kulturrelativismus für mich als Journalist bedeutet: Ich muss akzeptieren, dass es Menschen gibt, denen Blickeske Schlagzeilen mit trauernden Müttern helfen. Dein Text blendet diese Realität völlig aus. Ebenso unterschlägt er, dass viele Journalist:innen dieser Arbeit mit grosser Zurückhaltung und Pietät nachgehen, ohne voyeuristische Motive zu verfolgen oder von einem spezifisch schweizerisch-bürgerlichen Trauerideal auszugehen, das stillen Rückzug zur Norm erklärt.

(2) Was mich ebenfalls irritiert: Du lässt in deinem Text keinen Raum dafür, dass es so etwas wie «Schockstarre» in der journalistischen Arbeit nicht geben darf, weil gerade dann Raum für schwierige Entscheidungen entsteht (spannende Literatur dazu: Die Schock-Strategie von Naomi Klein). Journalist:innen, die trauernde Eltern kurz nach einer Katastrophe nicht kontaktieren, verpassen den Zugang zu Verfahrensbeteiligten und deren Anwält:innen. Wer nicht mit Überlebenden spricht, verpasst wichtige Einblicke in die Katastrophennacht – auch deshalb, weil von der Staatsanwaltschaft niemand diese Stimmen aktiv hören will. Wir leben in einem Land, in denen solche Kontakte überlebensnotwendig für den Journalismus an sich sind: Anders als in anderen Staaten können wir nicht zur Gerichtskanzlei rennen und einfach so Verfahrensakten einsehen.
Ich habe deshalb den Eindruck, dass du mit deinem Text stellvertretend für «die Angehörigen» einen pauschalen Angriff auf die Medien führst. Dieser Reflex gehört derzeit offenbar zum guten Ton. Tatsächlich aber spiegelt dein Kommentar die Vielfalt der Reaktionen innerhalb der betroffenen Familien nicht wider. Diese wird erst sichtbar, wenn man als Journalist:in selbst vor Ort ist, wie in Crans-Montana, und den direkten Kontakt mit Angehörigen sucht.

Der Text spiegelt nicht wider, dass den hässlichen Voyeurismus nur einzelne, wenigen Journalist:innen ermöglicht haben. Sie kamen nicht primär von Schweizer Medien, wie du es in deinem Text suggerierst, sondern von Unternehmen wie. Mediaset oder BFMTV.

Du wirst mit deinem Text Applaus von Menschen erhalten, die die Arbeit von Journalist:innen nur vom Hörensagen oder aus Texten wie deinen kennen. Am Ende kassierst aber auch du ein Texthonorar oder einen Lohn dafür, vermeintlich fehlende Empathie pauschal ohne Fingerspitzengefühl zu kritisieren – oder anders gesagt: ein Geschäft mit den Tränen zu betreiben.