Das neue Heft ist da: Barbara Loop über die Natur
Ab heute liegt die neue Ausgabe der annabelle am Kiosk. Lest hier das Editorial von Chefredaktorin Barbara Loop.
- Von: Barbara Loop
- Cover: Luca Strano; Collage: annabelle
Während ich diese Zeilen schreibe, rollt der Donner. Durch das geöffnete Fenster höre ich den Regen fallen. Die Nachtluft weht kühl ins Zimmer.
Es ist Ende August, die Hitze wird allmählich weniger. Doch der Regen bringt kaum Entspannung. Noch immer stehen die Pegel der Seen auf Rekordtief. Die Böden sind so ausgetrocknet, dass sie kaum Wasser aufnehmen können, das Risiko von Sturzfluten ist gross. Die Meeresspiegel steigen.
Das sind Fakten. Messungen und Hochrechnungen lassen keinen Raum für Zweifel. Zu den düsteren Prognosen gesellte sich in diesen Monaten eine Angst: eine, die sich im Bauch breitmacht. Die Hitze dieses Sommers legte die Verwundbarkeit unserer Gesellschaft als Ganzes offen.
Für einen Bruchteil der Menschheitsgeschichte haben wir geglaubt, die Natur beherrschen zu können. Man müsste darüber lachen, wenn es nicht so ernst wäre. Wenn es nicht so heiss wäre.
"Wir können die Natur weder als machtloses Opfer schützen noch als Gegner bezwingen"
Die Komik liegt im Moment des Scheiterns, sagt Comedian Michael Elsener im Interview im neuen Heft. Guter Comedy-Stoff sei, wenn man über seine Misserfolge, Unsicherheiten und Defizite sprechen kann. Und auch Gardi Hutter, die Erfinderin des weiblichen Clowns, sagt im annabelle-Podcast «Queens», dass der Komik die menschliche Unzulänglichkeit zugrunde liege – in letzter Konsequenz gar unsere Sterblichkeit.
Wir können die Klimakrise nicht weglachen. Aber vielleicht hilft Humor, etwas auszuhalten, was wir nur ungern wahrhaben: dass wir nicht allmächtig sind. Dass wir die Natur weder als machtloses Opfer schützen noch als Gegner bezwingen können. Dass sie auf uns reagiert, mit uns interagiert.
Die holländische Forscherin Carolien Kraan, die wir für diese Ausgabe interviewt haben, nennt die Natur unsere Tanzpartnerin. Es gehe darum, einen gemeinsamen Rhythmus zu finden – ohne sich gegenseitig auf die Füsse zu treten.
Vielleicht haben wir in diesem Sommer ein bisschen tanzen gelernt. Wir haben gesehen, was die dicken Mauern eines Altstadthauses bedeuten. Wie viel Kühle der Schatten eines Baumes bringt und wie schnell ein Betonplatz zur Hitzehölle wird.
Die Klimakrise stellt uns vor die Frage: Wie wollen wir eigentlich leben? Auch davon handelt unser Wohnen-Spezial im aktuellen Heft: Von Räumen, Farben, Materialien und Dingen, mit denen wir uns umgeben wollen. Von der kleinen und konkreten Welt, in der wir leben und die wir gestalten können.