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«Der gekränkte Mann»: Ein Streitgespräch auf der Redaktion

Politik

«Der gekränkte Mann»: Ein Streitgespräch auf der Redaktion

annabelle-Reportage-Chef Sven Broder findet den Feminismus oft zu aggressiv – und warnt davor, all die gekränkten Männer zu ignorieren. Redaktorin Marie Hettich sagt: Es gehört zum Feminismus, dass es für Männer ungemütlich wird. Ein Streitgespräch.

Marie Hettich: Bevor wir starten, möchte ich dich um möglichst kurze Antworten bitten, damit ich auch zu Wort komme. Dein Text, den du über die Kränkung der Männer geschrieben hast, ist lang genug. 

Sven Broder: Uff, das wird schwierig.

Marie: Ja, das wird sicher nicht einfach für dich. Aber das ist ja genau etwas, was du als selbst ernannter Feminist üben kannst. Denn viel reden heisst ja, viel Raum einzunehmen.

Sven: Ja, das stimmt wohl – fuck. Dann nehme ich in der Tat wahnsinnig viel Raum ein. Prinzipiell stört mich aber, dass zurzeit alles immer so kurz und reisserisch formuliert werden muss – nur um möglichst viele Kommentare zu generieren. Das macht der «Thumbs up Thumbs down»-Feminismus eben auch. Dabei sind gerade solche gesellschaftlichen Themen enorm komplex und haben es verdient, nicht nur schwarz oder weiss betrachtet zu werden.

«Auch in meinem privaten Umfeld blocken Männer oft ab, sobald es für sie persönlich unbequem wird»

Marie Hettich

Marie: Das stimmt – aber das kannst du nicht dem Feminismus vorwerfen. In der Debattenkultur, die du ansprichst, wird aktuell jedes erdenkliche Thema so knapp abgehandelt. Kommen wir doch auf deinen Text zu sprechen. Gibt es etwas Bestimmtes, was du damit erreichen wolltest?

Sven: Mein Text soll ein Versöhnungsangebot sein und die Debattenkultur öffnen. So verstehe ich auch das Buch «Der gekränkte Mann» von Tobias Haberl, mit dem ich mich in München getroffen habe. Ich hoffe, dass ich mit dem Artikel einen Blickwinkel aufzeigen kann, den gewisse Feminist:innen bisher zu wenig beachtet oder bewusst ausgeblendet haben.

Marie: Ich muss dich da enttäuschen. Für mich ist es nicht überraschend, dass es gekränkte Männer gibt. Sie sind für mich ständig spürbar, off- und online. Auch in meinem privaten, vermeintlich woken Umfeld erlebe ich oft, dass Männer abblocken, sobald es für sie persönlich unbequem wird. Mittlerweile sehe ich das aber etwas entspannter. Denn wenn Männer gekränkt sind, zeigt das doch auch, dass der Feminismus vorankommt. Plötzlich kritisiert zu werden, Privilegien abgeben zu müssen – logo, dass da einige bockig werden. 

Sven: Das erstaunt mich jetzt. Aber vielleicht bist du auch nicht die richtige Adressatin für den Text. Was mir wichtig ist zu betonen: Im Buch von Tobias Haberl und in meinem Text geht es nicht einfach nur darum, dass es gekränkte Männer gibt. Sondern darum, aufzuzeigen, woran das liegt und wie gefährlich das werden kann. Amokläufe, Terroranschläge, Kriege – die Kränkung der Männer ist der Grund für so vieles, was schiefläuft.

Marie: Und daran soll der Feminismus schuld sein, weil er die Männer provoziert? So kannst du doch nicht ernsthaft argumentieren. Der Feminismus strebt ja genau eine friedlichere Gesellschaft an – unter anderem, indem auch Männer aus ihrem Rollenkorsett befreit werden. Dass es heftige anti-feministische Gegenreaktionen und Backlashes gibt, gehört in einer starken feministischen Strömung wohl leider dazu. Aber die können ja unmöglich ein Grund für uns sein, sanfter zu werden. Im Gegenteil. 

Sven: Trotzdem wehre ich mich gegen die Verbissenheit, wie den Männern im dogmatischen Feminismus immer wieder zugeschrien wird «Werdet endlich besser! Stellt das Toxische ab!». Das führt nur zu einer Verhärtung der Fronten – und wir kommen keinen Schritt weiter.

Marie: Was sollen Feminist:innen deiner Meinung nach denn konkret anders machen? 

Sven: Sie sollten die gekränkten Männer nicht einfach ignorieren. Und vor allem sollten sie nicht alle Männer pauschal zum Feindbild deklarieren. Der Dialog zwischen den Geschlechtern muss freundschaftlicher werden, wohlwollender – und vor allem pragmatischer. Es braucht mehr Ruhe und Gelassenheit. Sonst verliert der Feminismus auch progressive Männer wie mich. In meinem Freundeskreis winken schon ganz viele bei dem Thema ab – sie haben die Schnauze voll. Und übrigens nicht nur Männer. Ich kenne auch einige Frauen, die sich zunehmend abgehängt fühlen.

«Wenn ich immer wieder bei Adam und Eva anfangen muss, bin ich raus»

Marie Hettich

Marie: Bei mir bewirkt deine Forderung das Gegenteil: Wenn mir Männer sagen, ich soll doch bitte gelassener sein – oder, noch schlimmer, den Humor nicht verlieren – werde ich erst recht sauer. Wer nicht betroffen ist, muss im Gespräch doch vor allem die Zuhörer:innen-Rolle einnehmen, alles andere ist anmassend. Oder würdest du zu einer Schwarzen oder queeren Person auch sagen, sie soll in puncto Rassismus oder Queerphobie gechillter werden? 

Sven: Ja, ich glaube, ich würde das so sagen. Das ist doch auch eine Strategiefrage: Es bringt nichts, wenn ich mein Kind die ganze Zeit anschreie, es soll mehr lernen oder sich endlich besser benehmen. Die Umstände sollten mich interessieren: Woran liegts, dass es mir nicht zuhört, dass es nicht lernt? Der Feminismus verlangt doch auch von mir, empathisch zu sein und zuzuhören – dann darf ich das ebenfalls verlangen.

Marie: Dein Vergleich mit den Eltern geht nicht auf. Denn natürlich werden wir FLINTA* auch emotional, wenn es um feministische Themen geht – wir sind es ja auch, die strukturell benachteiligt werden! Zu erwarten, dass wir stets einen kühlen Kopf bewahren und liebevoll aufs Gegenüber eingehen, ist utopisch – und im Übrigen auch sexistisch. Exakt das wird von Personen, die als Frauen gelesen werden, ja immer verlangt: Verständnis zeigen, für Harmonie sorgen, schauen, dass es allen gut geht, – auch wenn sie dabei selbst unter die Räder kommen.  

Sven: Eigentlich sprichst du mir gerade das Recht ab, über feministische Themen zu reden, weil mir die Innenperspektive der Frau fehlt.

Marie: Nein, ich habe gegen konstruktive Gespräche mit Männern überhaupt nichts einzuwenden. Aber wenn ich immer wieder bei Adam und Eva anfangen und das gekränkte Männerego besänftigen muss, bin ich raus, – dafür fehlt mir die Lust, die Zeit und die Energie. Mein Leben als Frau ist anstrengend genug.  

Sven: Hast du meinen Text also nicht als konstruktiv empfunden?

«Vom Konzept des moralisch einwandfreien Übermenschen halte ich überhaupt nichts»

Sven Broder

Marie: Nur stellenweise. In erster Linie blieb bei mir hängen: «Ihr Feminist:innen, seid mal netter, sonst höre ich euch überhaupt nicht mehr zu.» Und dass du ein paar eklige Seiten an dir hast, die du aber auch nicht loswerden willst. Habe ich dich da richtig verstanden: Ein bisschen sexistisches Arschloch willst du weiterhin bleiben? 

Sven: Sagen wir es so: Ich habe gewisse Seiten an mir, auf die ich nicht gerade stolz bin. Und einige davon werde ich wohl kaum aus mir rauskriegen. Würde ich das wollen, wäre ich ständig mit mir im Konflikt. Ob mich das gleich zum sexistischen Arschloch macht, sollen andere beurteilen.
 
Marie: Das würde meiner Meinung nach einen Feministen aber eben genau auszeichnen: Ständig mit sich selbst im Dialog und auch im Konflikt zu sein. Ich kann mich als weisse Person doch auch nicht als anti-rassistisch bezeichnen – ohne die Bereitschaft, hart an mir selbst zu arbeiten.  

Sven: Aber wir sind doch letztlich alle nur Menschen! Vom Konzept des moralisch einwandfreien Übermenschen halte ich überhaupt nichts. Im Übrigen weiss ich sehr wohl, was es heisst, hart an sich arbeiten zu müssen. Sonst könnte ich nicht seit über 20 Jahren eine Beziehung mit einer selbstbewussten, emanzipierten Frau führen und mit ihr drei Kinder grossziehen.

Marie: An sich arbeiten müssen – oder an sich arbeiten wollen: Das ist ein Unterschied! Auch Feministin zu sein, ist Arbeit. Dann darf man das von Männern, die sich so bezeichnen, doch umso mehr verlangen. 

Sven: Inwiefern ist es Arbeit, Feministin zu sein?

Marie: Auch ich bin, genau wie du, in einem sexistischen System sozialisiert worden und entdecke bei mir selbst immer wieder Blindspots. Seit einer Weile achte ich zum Beispiel darauf, nicht mehr – oder sagen wir: deutlich weniger – über andere Frauen zu lästern. Gar nicht so einfach, eine derart verinnerlichte Angewohnheit loszuwerden. 

Sven: Eben – es ist überhaupt nicht einfach!

Marie: Das hat auch niemand behauptet. Es ist verdammt komplex und anstrengend. Apropos: Bei mir ist langsam die Luft raus. Wollen wirs mal so stehen lassen?

Sven: Okay. Lassen wirs mal so stehen.

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