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7 Mythen aus der Arbeitswelt im Check

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7 Mythen aus der Arbeitswelt im Check

  • Text: Stephanie Hess, Vanja Kadic
  • Bild: Stocksy

Unsere Studie «annajetzt» zeigt: Die wichtigsten Forderungen der befragten Frauen beziehen sich auf die Arbeitswelt. Die Schuld für diese Situation wird gern den Frauen zugeschoben. Wir haben sieben Mythen zur Gleichberechtigung für euch gecheckt.

Die mangelnde Gleichstellung in der Arbeitswelt ist für Schweizerinnen ein besonders wunder Punkt. 60 Prozent der Teilnehmerinnen unserer Studie «annajetzt» fühlen sich im Berufsleben schlechter gestellt, unter den 25- bis 34-Jährigen sind es gar 75 Prozent. 85 Prozent der Befragten sehen den dringendsten Handlungsbedarf bei der Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit. Es ist die unangefochten wichtigste Forderung der Frauen – unabhängig ihres Alters, ihres Bildungsstandes, ihrer politischen Orientierung oder ob sie Kinder haben oder nicht.

Und trotzdem wird Ungleichheit in der Berufswelt noch immer angezweifelt – oder die Schuld dafür den Frauen selbst zugeschoben. Solche Aussagen begegnen Frauen ständig, auch wir bei annabelle müssen sie uns immer und immer wieder auf Social Media anhören. Wir haben für euch sieben Stereotypen und Aussagen unter die Lupe genommen.

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«Die Frauenquote ist ein Eingriff in die Unternehmensfreiheit.»

Das ist so. Legitim wird er dadurch, dass dieser Forderung Jahrzehnte vorausgingen, in denen Unternehmen frei entscheiden konnten, wer in ihren Schaltzentralen sitzt – und dabei die eine Hälfte der Menschheit nicht miteinbezogen haben. Eine lange Zeit, in der sie durchaus von sich aus hätten aktiv werden können. In denen Frauen hätten gezielt gefördert werden können. Was offenlegt: Freiwilligkeit trägt hier keine Früchte.

Seit Januar dieses Jahres gilt in der Schweiz eine Frauenquote light, offiziell spricht man dabei von Geschlechterrichtwerten. Grosse börsenkotierte Unternehmen – was schon mal viele Unternehmen ausschliesst – mit Sitz in der Schweiz sollen künftig ihr Kaderstellen mit mehr Frauen besetzen. Das Gesetz verlangt 30 Prozent Frauen im Verwaltungsrat und 20 Prozent in der Geschäftsleitung. Die Unternehmen haben nun fünf (Verwaltungsrat) respektive zehn Jahre (Geschäftsleitung) Zeit, diese Richtwerte zu erreichen. Man muss also sagen, es ist eher ein Eingriffchen als eine OP am offenen Herzen. Und: Betroffen sind davon gerade mal 200 der rund 600 000 Firmen in der Schweiz.

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«Obwohl sich viele Paare grundsätzlich eine egalitäre Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit wünschen, ist dies oft nicht einfach möglich»

«Sobald eine Frau Kinder hat, interessiert sie sich nun mal weniger für den Beruf. Das ist in ihren Genen so angelegt.»

«Diese Aussage greift zu kurz und ist dementsprechend nicht richtig. Ein Kind bringt für die Frau – und für den Mann – eine grosse Veränderung mit sich, aber das hat keine genetischen Gründe», sagt Sandra Zurbuchen, Stv. Geschäftsleiterin der Fachstelle «UND», Kompetenzzentrum für die Umsetzung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie/Privatleben. «Es gibt selbstverständlich viele Frauen, die nach dem Mutterschutz wieder arbeiten wollen und sich auf ihren Job freuen. Das Problem ist, dass sie dort nicht immer auf die erforderlichen Strukturen treffen, die einen stressfreien Wiedereinstieg in den Beruf ermöglichen.

Obwohl sich viele Paare grundsätzlich eine egalitäre Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit wünschen, ist dies oft nicht einfach möglich. Die fehlenden flexiblen Strukturen führen dazu, dass viele ins alte, teiltraditionelle Familienmodell zurückfallen. Dazu kommt die Problematik, dass Frauen in der intensiven Elternphase, also bis die Kinder zirka 12 Jahre alt sind, oft Teilzeit arbeiten und deshalb bei Beförderungen und Weiterbildungen weniger berücksichtigt werden. Dementsprechend schlechter können sie sich im Job weiterentwickeln.

Es braucht ein neues Führungsverständnis. Wir haben noch immer eine gewisse Präsenzkultur, obwohl Corona diese etwas auflockern konnte. Solang Leistung zu einem grossen Teil an der Präsenz gemessen wird, ist es für Mütter schwierig. Frauen fühlen sich aufgrund der fehlenden Flexibilität im Spagat zwischen Beruf und Kind oft zerrissen und sind in beiden Sphären unbefriedigt. Nicht selten reagieren sie darauf mit dem teilweisen Rückzug aus dem Erwerbsleben – oft nachdem sie sich erfolglos für ihre Anliegen eingesetzt haben.

Ohne grundlegende kulturelle und institutionelle Veränderungen wird es noch dauern, bis Frauen ein problemloser Wiedereinstieg in den Job ermöglicht wird. Viele Faktoren kommen hier zusammen: Dass typische Frauenberufe oftmals schlechter bezahlt sind, trägt oft nicht unwesentlich zur Entscheidung bei, zuhause zu bleiben. Rollenbilder müssen sich verändern. Es liegt auch an den Frauen, sich zu solidarisieren, bei Arbeitgebenden bessere Bedingungen einzufordern und dabei hartnäckig für ihre Anliegen einzustehen. Und es liegt am Willen in den Führungsetagen, die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen. Nicht zuletzt braucht es die Bereitschaft der Väter, bei der Familienarbeit substanziell mitanzupacken. Es geht nur gemeinsam – die Fachstelle UND erlebt in der Arbeit mit Paaren und Arbeitgebenden, dass viele auf einem guten Weg sind.»

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«Es gibt keine Ungleichberechtigung in der Schweiz. Ich kenne keine Frau, die weniger verdient als ein Mann in der gleichen Position»

Lassen wir an dieser Stelle die Zahlen für sich sprechen: Das Bundesamt für Statistik erhebt alle zwei Jahre die Löhne, die neusten Zahlen stammen von 2018. Das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen betrug damals in der Gesamtwirtschaft 11.5 Prozent, in der Privatwirtschaft waren es sogar 14 Prozent. Ein Teil dieser Differenz lässt sich mit schlechterer Ausbildung, weniger Arbeitserfahrung oder tieferer beruflicher Stellung begründen, doch es bleiben immer noch etwa 40 Prozent, die als «nicht erklärbar» gelten. Frauen verdienen also weniger, weil sie Frauen sind. Insgesamt entgeht den Schweizer Arbeitnehmerinnen dadurch jedes Jahr eine niedrige zweistellige Milliardensumme. 2016 lag der Lohnunterschied in der Gesamtwirtschaft noch ein halbes Prozent höher, also bei 12 Prozent, im Jahr 2014 bei 12.5 Prozent. Ein Anlass zur Freude ist das nicht: Wenn es im selben Tempo weitergeht, sind wir nämlich in 45 Jahren bei der Lohngleichheit angekommen, also im Jahr 2066.

Gemäss aktueller Daten des Bundesamts für Statistik leben hierzulande 8 655 118 Menschen, davon sind 50.4 Prozent weiblich. Also etwas mehr als die Hälfte. 57 Prozent der Maturitätszeugnisse werden von Frauen erworben, ebenso wie 53 Prozent der Bachelor- und 51 Prozent der Masterabschlüsse. Wiederum mehr als die Hälfte. Fazit: Es gibt in der Schweiz grundsätzlich mehr Frauen und vor allem mehr gut ausgebildete Frauen als Männer. Dieses Bild müsste sich im Prinzip längst auch in Führungsgremien von Unternehmen widerspiegeln. Tut es aber nicht: Laut Schillingreport 2020 liegt der Frauenanteil in den Geschäftsleitungen der hundert grössten Schweizer Arbeitgeber bei 10 Prozent. In knapp der Hälfte der Unternehmen sitzen gar keine Frauen in den Teppichetagen.

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«Frauen sind mit ihrer emotionalen Art halt nicht für die Arbeitswelt gemacht»

Dass erfolgreiche Frauen nicht auch noch sympathisch sein können oder ihre Emotionen nicht im Griff haben, ist ein weit verbreitetes Vorurteil. Die Verhaltensökonomin und Harvard-Professorin Iris Bohnet erforscht, warum es noch immer so wenige Frauen in Spitzenpositionen gibt. Im Interview mit annabelle sprach sie 2017 über die Klischee-Falle: «Wenn eine Frau gemocht werden will, dann sollte sie lieber nicht zu selbstbewusst und wettbewerbsorientiert auftreten, sondern kooperativ, warmherzig und sanftmütig. Denn was bei einem Mann als Unternehmergeist, Selbstbewusstsein und visionäre Kraft gelobt wird, kommt bei einer Frau als Arroganz und Aggressivität rüber.»

Unbewusste Vorurteile legen auch erfahrene Personalverantwortliche nicht ab, so Bohnet. Das Problem beginnt bereits in den Bewerbungsprozessen. «Das fängt schon bei den Jobinseraten an, die oft so formuliert sind, dass sie vor allem Männer ansprechen und auf Frauen abschreckend wirken. Umgekehrt gilt das ebenso: Verwendet man in einer Annonce, mit der man eine Kindergärtnerin oder einen Kindergärtner sucht, stereotype Adjektive wie warmherzig, kooperativ und empathisch, werden sich weniger Männer bewerben. Zum Glück gibt es aber bereits Software, die mithilfe von Algorithmen feststellen kann, wie frauen- oder männerfreundlich ein Inserat formuliert ist und die bei Bedarf Vorschläge für neutralere Wörter macht.» Das Problem liegt also weniger beim Klischee der emotionalen Frau, sondern darin, was dieses Klischee beim Gegenüber auslöst.

«Die Forschung zeigt, dass Frauen ausgezeichnete Verhandlungsführerinnen sind, wenn es darum geht, nach Dingen für andere Menschen zu fragen»

«Frauen können einfach nicht verhandeln»

«Das Problem ist nicht, dass wir Frauen nicht verhandeln könnten. Das können wir sehr wohl, nur nicht für uns selbst. Wir müssen an unseren Mindset-Blocks arbeiten. Das heisst zum Beispiel, zu verinnerlichen, dass man nicht gierig ist, wenn man mehr Geld verlangt. Der Lohn ist schlicht Ausdruck für den Wert, den ein Unternehmen unserer Arbeit zuschreibt», erklärte die Holländerin Wies Bratby 2018 im Gespräch mit annabelle. Sie ist die Gründerin von Women in Negotiation, ein Coaching-Unternehmen das darauf spezialisiert ist, Frauen beizubringen, ihre Karriere und ihren Lohn zu verhandeln.

«Die Forschung (und unsere eigene Erfahrung!) zeigt, dass Frauen ausgezeichnete Verhandlungsführerinnen sind, wenn es darum geht, nach Dingen für andere Menschen zu fragen. In der Tat: Unter diesen Umständen sind wir im Durchschnitt sogar besser als Männer. Wir haben kein Problem damit, das zu bekommen, was wir für unsere Unternehmen, unsere Mitarbeiterinnen oder unsere Kinder brauchen. Aber wenn es darum geht, für uns selbst zu verhandeln, sieht es etwas anders aus, nicht wahr?»

Bratby weiter: «Viele Frauen verhandeln nicht gern für sich selbst – sei es für Lohnerhöhungen, Beförderungen oder Rabatte. Gerade bei der Lohnverhandlung spielt eine konkrete Sorge eine besonders grosse Rolle: Die Befürchtung, dass sie das Verhältnis zur Vorgesetzten schädigen könnte. Das höre ich bei meiner Arbeit immer wieder. ‹Meine Chefin wird mich für gierig halten!›, heisst es. Oder: ‹Sie wird denken, dass ich schwierig und kein Teamplayer bin, wenn ich nach mehr Geld frage.› Und eine gute Beziehung zu Vorgesetzten ist wichtig, warum also sollte man diese gefährden? Meine Erfahrungen sind jedoch: Wenn Sie lernen, wie Sie mit Ihrer Chefin oder Ihrem Chef ein sinnvolles Gespräch darüber führen, was Sie brauchen und wollen, verbessern Sie sogar die Beziehung zu ihr oder ihm.»

«Auf unserer Watchlist stehen rund tausend Namen von qualifizierten Frauen»

«Es wurde halt einfach keine passende Frau für die Stelle gefunden.»

Esther-Mirjam de Boer, die mit ihrem Unternehmen Get Diversity gezielt Frauen für Kaderpositionen sucht, sagt im Interview mit der annabelle: «Diese Erfahrung kann ich nicht bestätigen. Auf unserer Watchlist stehen rund tausend Namen von qualifizierten Frauen. Auch für die schwierigsten Anforderungsprofile – dazu gehört, möglichst jung zu sein und viel Tech-Erfahrung zu haben – können wir fünf bis zehn Frauen vorschlagen. Bezüglich Erfahrung, Wissen und Ausbildung sind sie alle auf derselben Stufe wie die Männer in gleichen Positionen.»

Ausserdem: Wenn nicht genügend qualifizierte Frauen für eine Kaderstelle in einer Firma verfügbar sind, lässt sich auch die Frage stellen: Warum? Sind vielleicht keine Teilzeitstellen für Frauen (und Männer) verfügbar, damit sie ihre Laufbahn auch als Elternteil weiterverfolgen können? Die Umfrage «annajetzt» von annabelle zeigt: Jede zweite Frau schätzt ihren Arbeitgeber als nicht familienfreundlich ein. Und für 61 Prozent der Befragten stehen die Arbeitgeber für eine bessere Vereinbarkeit in der Pflicht. Sie sollen dafür sorgen, dass sich die Berufstätigkeit besser mit der Familie vereinbaren lässt.

«Wer Frauen vorwirft, dass sie die Umstände nicht ändern, schiebt in erster Linie Verantwortung ab»

«Frauen jammern immer, das ist einfach. Dann sollen sie halt einfach was ändern.»

Ein sehr beliebter Spruch, wenn Frauen gesellschaftliche Missstände anprangern – ein satter Rundumschlag, ein Totschläger. Wie schon Alberto Brandolini, ein italienischer Software-Ingenieur, gemäss «Tages-Anzeiger-Magazin» sagte: «Die Menge an Energie, die nötig ist, um Bullshit zu widerlegen, ist zehnmal so gross wie die Energie, die nötig ist, um Bullshit zu behaupten.»

Wer Frauen vorwirft, dass sie die Umstände nicht ändern, schiebt in erster Linie Verantwortung ab. Indem negiert wird, dass äussere Einflüsse unser Leben stark prägen und fortwährend beeinflussen. Denn das Individuum ist immer eingebunden und Teil einer Gesellschaft, einer Wirtschaft, eines Staates – die eine relativ feste Struktur bilden. Ändern lässt sie sich nur sehr langsam oder im Verbund.

In der Aussage steckt ebenso eine weitere Abschiebung von Verantwortung, nämlich dass Diskriminierungsopfer ihre Diskriminierung selber beenden müssen. Und dahinter lauert eben auch dieser Vorwurf: dass es gar nicht stimmt, dass Frauen überhaupt diskriminiert werden. Vielleicht ist das sowieso der Kern vieler Aussagen, die sich an Frauen richten.

Was man dem ausser Zorn entgegensetzen kann? Dass 72 Prozent der Frauen gemäss «annajetzt» – unabhängig von Alter, Wohnort und politischer Zugehörigkeit – klar der Meinung sind, dass Männer mehr Vorteile haben. Und die vielleicht etwas kraftlose Frage, in welcher Welt wir leben wollen. Frauen machen die Hälfte der Gesellschaft aus. Dieser 50-Prozent-Anteil widerspiegelt sich nicht annähernd in den führenden Rollen in Politik und Wirtschaft. Und die Arbeit, die Frauen leisten, wird weniger wertgeschätzt, will heissen: weniger oder gar nicht bezahlt. Sehr viele Menschen investieren schon seit Jahrzehnten sehr viel Zeit und Energie, dass sich das ändert. Je mehr sie werden und je mehr auch Männer dazu bereit sind, ihre Privilegien zu teilen, desto weniger wird man Frauen hören, die die Ungleichheit anklagen. Versprochen.

«annajetzt – Frauen in der Schweiz» ist die grosse Frauenbefragung von annabelle und Sotomo. Über 6200 Frauen zwischen 16 und 89 Jahren haben an der repräsentativen Umfrage teilgenommen.

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