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"Es geht nicht um Leben und Tod" – Schluss mit der Gymiprüfungs-Panik

Wenn die Gymiprüfung naht, kippt in vielen Familien die Stimmung – dabei stehen Jugendliche ohnehin unter enormem Leistungsdruck. Was es jetzt braucht, ist ein Perspektivwechsel, schreibt unsere Autorin.

Morgen ist es wieder so weit: In vielen Kantonen der Schweiz finden die Aufnahmeprüfungen fürs Gymnasium statt. Dass die betroffenen Prüflinge bibbern – bedauernswert wie verständlich. Dass aber Eltern schon Monate vorher unverhohlen nervös eine Art Ausnahmezustand ausrufen, daran gilt es zu rütteln.

Stress haben unsere Kinder nämlich schon mehr als genug. Laut der Pro-Juventute-Jugendstudie gaben dreissig Prozent der Befragten zwischen 14 und 25 Jahren an, sich häufig müde und erschöpft zu fühlen. Einer der Haupt Stressfaktoren: Leistungsdruck.

Unser Sohn war vier, als wir nach Zürich zogen und das erste Mal von der Gymiprüfung hörten. Aus dem Abitur-Discounter Hamburg kommend, war ich recht konsterniert ob der Aussicht, dass meinem Prinzchen hierzulande aufgrund von Aufnahmehürden eines Tages die Freuden der Studienjahre verwehrt bleiben könnten.

Dann erinnerte ich mich, dass eben dieser Sohn erst im Zipfelwitz-Alter war und beruhigte mich. Das Thema Gymnasium aber gärte weiter. Im Laufe der Jahre bekamen wir mit, wie Nachbarskinder leichenblass die Ferien durchbüffelten. Wir sahen Primarschüler: innen Etuis schleudernd ihr junges Leben als beendet betrachten, weil sie trotz all der Vorbereitungen und Mühen durchgefallen waren (wie rund die Hälfte aller Kandidat:innen).

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"Im Dauerstress der Gymivorbereitung wurden Eltern und Kinder zu Schatten ihrer selbst"

Und Monate brauchten, um wieder Freude an der Schule und sich selbst zu finden. «Wird schlimm», raunten uns Prüflingseltern zu, die angesichts der innerfamiliären Streitereien rund um zusätzliche Frühstunden, Extrahausaufgaben und private Vorbereitungskurse (natürlich wäre allein dieser Kurs als Chancengleichheit torpedierendes Eintrittsticket der Privilegierten zur höheren Schule einen eigenen Artikel wert…) zu Schatten ihrer selbst geworden waren.

Ich war also mit gewisser Sorge um meinen Sohn erfüllt, als er das Kurzzeitgymi ansteuerte und versicherte ihm, dass es gute Alternativen zur Kantonsschule gibt. Dankenswerterweise landeten wir vor Beginn der Prüfungszeit beim Kinderarzt meines Sprösslings. «Wie geht es dir?», fragte der. Und mein Teenager erzählte von seiner Angst, im Stress zu versinken.

Der Arzt entgegnete: «Wer sagt denn überhaupt, dass die nächste Zeit schlimm wird? Du bist doch bislang immer mit allen Anforderungen gewachsen. Lass dir nicht einreden, dass alles furchtbar wird, die Chancen stehen gut, dass du das tipptopp wegsteckst.»

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"Der Perspektivwechsel war wie eine kleine Rebellion gegen den kollektiven Panikmodus"

Ich war baff. Der Perspektivwechsel war wie eine kleine Rebellion gegen den kollektiven Panikmodus, den auch ich befeuert hatte. Ich kann ein dermassen den Leistungsdruck förderndes Schulsystem nicht gutheissen und wünsche mir in Zürich einen prüfungsfreien Gymieintritt wie im Jura oder in Luzern.

Doch den durchzusetzen, liegt nicht in meiner Hand. Ohnmächtig sind wir Eltern aber dennoch nicht. Laut Pro Juventute geben knapp neunzig Prozent der Teenager an, sich in schwierigen Zeiten auf ihre Eltern verlassen zu können. Also liegt es in unserer Verantwortung, Zuversicht zu üben statt unnötig Druck aufzubauen.

«Es geht hier nicht um Leben und Tod», begrüsste uns wenige Wochen später der Direktor der Winterthurer Kantonsschule Im Lee beim Orientierungsmorgen für das Kurzgymnasium. Danke für den Reminder – bitte weitersagen.

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