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Frauen in Afghanistan:

Frauen in Afghanistan: "Manchmal frage ich mich, weshalb wir so gehasst werden"

Seit die Taliban vor fünf Jahren erneut die Macht übernommen haben, werden Frauen in Afghanistan aus dem öffentlichen Leben gedrängt. Zwei Frauen erzählen, wie sie unter dem Regime leben, wovor sie Angst haben und was ihnen Hoffnung gibt – für ihre Töchter und für sich selbst.

Foruzan und Fereshte leben in Herat im Westen Afghanistans, mit über 632000 Einwohner:innen nach Kabul die zweitgrösste Stadt des Landes. Foruzan ist Psychologin, Fereshte Lehrerin, beide sind etwas über dreissig Jahre alt, beide haben Töchter, beide sind bereit, annabelle Einblick zu geben in ihren Alltag unter dem Talibanregime.

Seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 kommt es in Herat wie in anderen Städten Afghanistans immer wieder zu Protesten gegen das islamistische Regime. Erst Anfang Juni sollen die Taliban dreissig Frauen festgenommen haben, weil diese angeblich gegen die rigide Verhüllungspflicht verstossen hatten. Der Fall löste unter afghanischen Menschenrechtsaktivistinnen Empörung aus. «Jede Frau, die in Herat festgenommen wird, ist ein Symbol für das Leid von Millionen Afghaninnen, die im Schatten der Geschlechterapartheid leben», sagte eine Aktivistin gegenüber dem Nachrichtensender Deutsche Welle.

Die Stimmen von Fereshte und Foruzan zeugen von dieser Lebensrealität. Zu ihrem Schutz werden keine persönlichen Details genannt und ihre unmittelbare Umgebung nicht näher beschrieben.

Fereshte: «Bitte ändere meinen Namen nicht. Meinen Namen auszusprechen, gibt mir Kraft. Dann habe ich eine Stimme»

«Ich unterrichte Erstklässlerinnen, siebenjährige Schülerinnen, in Englisch, Informatik und Islamwissenschaften an einer Privatschule. Die Schule liegt in der Nähe meines Hauses, deshalb gehe ich zu Fuss hin. Eigentlich ist es Frauen nicht erlaubt, das Haus ohne männliche Begleitung zu verlassen.

"Sogar Parfüm ist uns verboten"

Wenn ich länger unterwegs bin oder auf den Bazar will, kommt mein Mann mit. Er macht sich Sorgen um mich und begleitet mich, wann immer er kann. Kurze Wege, wie zur Privatschule, lege ich meistens allein zurück, auch wenn ich dabei Angst habe. Ich muss sehr vorsichtig sein, trage Handschuhe, weil man meine Hände nicht sehen darf, und immer geschlossene Schuhe oder Sandalen mit Socken. Sogar Parfüm ist uns verboten.

Ich habe drei Kinder, alles Mädchen. Die älteste Tochter ist elf. Sie geht mit mir auf die Privatschule und ist in der fünften Klasse. Meine zweite Tochter ist sechs, die jüngste zwei Jahre alt.

«Frauen sollen nicht aus dem Haus»

Während der letzten fünf Jahre ist unser Leben stark eingeschränkt worden. Besonders Frauen, die sich aktiv am gesellschaftlichen Leben beteiligen, sind den Taliban ein Dorn im Auge. Sie sagen, dass eine Frau nicht das Recht hat, in der Öffentlichkeit unterwegs zu sein. Frauen sollen nicht aus dem Haus, ausser wenn es unbedingt notwendig ist – zum Beispiel wegen einer Krankheit oder eines Notfalls.

"Im Restaurant schieben wir uns das Essen von unter der Burka in den Mund"

Parkanlagen sind für Frauen und Mädchen nur noch zu bestimmten Zeiten zugänglich und auch nur dann, wenn eine spezielle Genehmigung vorliegt. In Restaurants dürfen wir nur, wenn sie mit sogenannten Familienräumen ausgestattet sind; Bereiche, die mit Vorhängen abgeschottet werden. Zwar sind wir auch in diesen Räumen dazu verpflichtet, unser Gesicht zu verhüllen. Wir schieben uns das Essen von unter der Burka in den Mund.

Musik ist in der Öffentlichkeit oder auf Festen nicht mehr zu hören. Musik gilt als schlecht und ist verboten, sogar an Hochzeiten – es sei denn, man bezahlt einem Beamten der Taliban Geld, der einem dann die Erlaubnis erteilt. Doch selbst dann darf Musik bloss für einen sehr kurzen Moment und nur bei sehr niedriger Lautstärke zu hören sein. Diese Einschränkung gilt im Übrigen auch für Männer.

«Es wird überall an allem fehlen»

Sie würden die Bildung für Mädchen und Frauen nicht beschneiden, das hatten die Taliban versprochen. Aber daran hielten sie sich nicht. Noch 2020, ein Jahr vor der erneuten Machtübernahme der Taliban, waren in Herat gemäss UN Women 59 Prozent der Teilnehmenden an der Universitätsaufnahmeprüfung Frauen. Heute dürfen Frauen und Mädchen ab 12 Jahren keine weiterführenden Schulen und Universitäten mehr besuchen. Ebenso bleibt es Frauen untersagt, für internationale und nationale Organisationen sowie in der Verwaltung tätig zu sein.

Jene Frauen, die in unserem Land überhaupt noch arbeiten dürfen, sind meist Ärztinnen und Lehrerinnen, wie ich, die in der Zeit vor 2021 studiert hatten. Doch irgendwann werden wir älteren Frauen in den Ruhestand gehen, dann wird es niemanden geben, der uns ersetzt und unsere Arbeit fortführt. Ich rechne damit, dass dies schon in zehn Jahren der Fall sein könnte. Die Auswirkungen werden katastrophal sein, denn es wird überall an allem fehlen – gerade im Gesundheitsbereich, da Frauen und Mädchen nur von Ärztinnen und weiblichem Pflegepersonal behandelt werden dürfen. Fehlen wird es aber auch an männlichen Ärzten und Spezialisten; die Taliban sind nicht in der Lage, neue Fachkräfte auszubilden.

Der erzwungene Rückzug aus dem öffentlichen Leben und der Verlust der Bildungschancen wirken sich verheerend auf die Psyche von Frauen und Mädchen aus. Eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung von UN Women hat ergeben, dass bis zu 75 Prozent der afghanischen Frauen ihre psychische Gesundheit als schlecht oder sehr schlecht bezeichnen.

Manchmal frage ich mich, weshalb wir so gehasst werden. Die Taliban betonen immer wieder, dass Frauen schwach seien und dementsprechend behandelt werden müssten. An manchen Orten wird Frauen nicht einmal das Recht zugestanden, ihre Meinung zu äussern oder selbst zu entscheiden, wen sie heiraten wollen. Die Taliban benutzen ihre Religion, den Islam, um diese Haltung zu rechtfertigen und ihre Glaubenssätze ins Extreme zu treiben. Diese pervertierte Denkweise überträgt sich leider auf viele Familien, auch auf Frauen. Ich denke, das liegt daran, dass sie kaum gebildet sind, nie Kontakt zu anderen, vielfältigeren Kulturen hatten oder nichts anderes kennen als die Taliban.

Gewalt gegen Frauen

Ich möchte in diesem Zusammenhang eine Geschichte von einem Mädchen erzählen, das hier, in Herat, mit seiner Familie in einem Lehmziegelhaus lebte. Der Vater ist verstorben, deshalb hat der Bruder die Verantwortung für die Haushaltsausgaben übernommen. Da die Familie sehr arm ist, wurden die Töchter bereits im Alter von zwölf, dreizehn und vierzehn Jahren verheiratet.

Eine ihrer Töchter musste einen Mann aus dem Zentrum des Distrikts heiraten und zog zu dessen Familie in ein Dorf ausserhalb der Stadt. Später erfuhren wir, dass ihre Schwiegermutter sie in einen Brunnen geworfen hatte, weil sie nicht schwanger geworden war.

Ihre Familie, ihre Brüder und die Mutter, waren sofort ins Dorf gefahren und hatten nach dem Mädchen gesucht. Sie hörten, wie ihre Tochter im Brunnen um Hilfe schrie, zogen sie heraus und brachten sie ins Krankenhaus.

"Irgendwann werden afghanische Mädchen und Frauen die Chance haben, eine bessere Welt für sich aufzubauen"

Das Mädchen hatte durch den Sturz eine Verletzung des Rückenmarks erlitten und war von der Hüfte abwärts gelähmt. Seit etwa einem Jahr lebt sie wieder bei der Familie ihrer Mutter. Sie sitzt im Rollstuhl. Ihre Schwiegereltern wollen sie zurückholen. Sie sagen: «Solange unsere Schwiegertochter lebt, muss sie in unserem Haus bleiben. Ihr Mann wird sich nicht von ihr scheiden lassen. Eine Scheidung würde Schande über uns bringen.»

Ihre Familie besteht darauf, dass ihre Tochter bei ihnen bleibt. Sie fürchtet, dass sie getötet werden könnte, sollte sie zu ihrem Mann zurückkehren.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft

Solche Geschichten zu hören, macht mich sehr traurig. Ich fühle mich ohnmächtig. In solchen Momenten bleibt mir nichts anderes übrig, als daran zu glauben, dass schwierige Zeiten nicht ewig dauern, dass sich die Dinge eines Tages ändern können. Irgendwann werden afghanische Mädchen und Frauen die Chance haben, eine bessere Welt für sich aufzubauen. Da bin ich mir sicher.

Ich träume davon, eine sehr gute Englischlehrerin zu werden. Englisch zu lernen, gibt mir Hoffnung auf eine bessere Zukunft, und die Arbeit mit meinen Schülerinnen verleiht mir Sinn und Zweck. Und ich träume davon, ins Ausland zu reisen, mehr Möglichkeiten zu haben, mich weiterzubilden und erwerbstätig zu sein. Mein Mann unterstützt und ermutigt mich dabei. Er ist ein freundlicher, gebildeter Mensch.

Wenn du meine Geschichte aufschreibst, ändere bitte meinen Namen nicht. Uns ist schon so viel genommen worden. Aber ob mein Name genannt wird, darüber kann ich immer noch selbst entscheiden. Ich heisse Fereshte. Meinen Namen auszusprechen, gibt mir Kraft. Dann habe ich eine Stimme.»

Foruzan: «Ich hoffe, dass der Tag kommen wird, an dem ich meiner Tochter sagen kann: 'Geh und gestalte die Zukunft, von der du träumst.'»

«Eine meiner frühesten Erinnerungen stammt aus der Zeit, als ich etwa fünf Jahre alt war: Ich wollte mit meiner Mutter auf den Markt und trug ein T-Shirt mit kurzen Ärmeln. Meine Mutter hielt mich zurück. Sie sagte: «Geh so nicht nach draussen. Die Taliban sind da.» Ich verstand nicht genau, was sie meinte, aber ich sah die Angst in ihrem Gesicht. Und ihre Angst übertrug sich auf mich. Seither weiss ich, dass Mädchen und Frauen in Afghanistan nicht frei sind.

Als ich älter wurde, träumte ich von der Schule. Ich versuchte mir das Lesen und Schreiben selbst beizubringen. Als ich etwa acht Jahre alt war, machte ich eine Aufnahmeprüfung und wurde direkt in die vierte Klasse eingestuft. Ich war sehr glücklich. Ich war zwar nicht immer die Klassenbeste, aber ich liebte es, zu lernen. Doch dann, nach der neunten Klasse, änderte sich alles.

Meine Eltern waren arm, hatten finanzielle Probleme. Zudem stieg der gesellschaftliche Druck, ihre vierzehnjährige Tochter zu verheiraten – mich. Mein Mann war etwa zehn Jahre älter als ich. Aber er war gebildet. Er sagte zu mir: «Hör nicht auf, zu lernen.» Also durfte ich während unserer Verlobungszeit wieder zur Schule. Auch nach der Hochzeit lernte ich weiter. Ich wollte Psychologie studieren.

Nach der Schule machte ich die Aufnahmeprüfung für die Universität. Beim ersten Mal bestand ich die Prüfung nicht. Kurz darauf bekam ich mein erstes Kind. Trotzdem gab ich nicht auf, sondern besuchte Englischkurse, wann immer ich konnte, auch wenn es mit einem Baby schwierig war, regelmässig daran teilzunehmen.

Jahre später legte ich die Abendprüfung ab und begann mein Psychologiestudium. Mein Mann unterstützte und ermutigte mich, gab mir Bücher. Mit einem Kind zu studieren, war aber auch deshalb schwierig, weil die Leute redeten. Sie sagten: «Du bist verheiratet, du hast ein Kind – warum studierst du?»

Das tat weh. Aber ich hörte nicht auf. Arbeitete hart. Hatte gute Noten. Meine Lehrer förderten mich. Sogar in meinem letzten Semester, als ich mit meinem zweiten Kind im sechsten Monat schwanger war, mit meiner Tochter Forugh, ging ich weiter zum Unterricht und schloss mein Studium ab.

Der Abschluss bedeutete für mich Hoffnung und die Möglichkeit, eine bessere Zukunft für mich und meine Kinder aufzubauen.

«Ich wollte das, was ich gelernt hatte, anwenden»

Von einigen meiner Lehrer erhielt ich Jobangebote. Darüber freute ich mich sehr. Ich wollte das, was ich gelernt hatte, anwenden und unabhängig werden.

"Seit ich ein kleines Mädchen war, wurde ich jedes Mal, wenn ich versuchte, voranzukommen, daran gehindert"

Doch ob ich arbeiten ging oder nicht, war in unserer afghanischen Familie nicht nur eine Entscheidung zwischen meinem Mann und mir. Auch die Meinung der Eltern und anderer Familienmitglieder war sehr wichtig. Mein Mann unterstützte mich, wo er konnte, aber es gab Grenzen. Letztlich durfte ich keines dieser Stellenangebote annehmen. Ich blieb zu Hause und kümmerte mich um die Kinder. Trotzdem hatte ich immer Bücher bei mir. Las zu Hause weiter. Dachte, dass ich vielleicht eines Tages arbeiten, unterrichten oder meine Ausbildung fortsetzen könnte.

Dann kehrten die Taliban an die Macht zurück. Für mich war es, als wäre ich in einem ewigen Teufelskreis gefangen. Seit ich ein kleines Mädchen war, wurde ich jedes Mal, wenn ich versuchte, voranzukommen, daran gehindert. Ich versuchte zu lernen. Ich versuchte, Englisch zu lernen. Ich versuchte zu arbeiten. Ich versuchte, für meine Familie und mich eine andere Zukunft aufzubauen. Aber immer wieder stellte sich mir ein neues Hindernis in den Weg.

«Vielleicht bin ich die Nächste»

Seit die Taliban wieder an der Macht sind, ist der Druck auf Frauen immer stärker geworden. Auch bei uns in Herat. Alle paar Monate gibt es eine neue Regel.

Immer wieder halten die Taliban Frauen und Mädchen in der Stadt an, weil sie vermeintlich nicht korrekt gekleidet oder ohne männliche Begleitung, den Mahram, unterwegs sind. Manchmal zerren sie Frauen einfach in Fahrzeuge und bringen sie weg. Das macht uns grosse Angst. Wenn man sieht, wie eine Frau angehalten oder weggebracht wird, beginnt man zu denken: «Vielleicht bin ich die Nächste.» Das geht auch mir so. Ich wage mich kaum auf die Strasse.

Es gibt eine Geschichte, die ich nicht vergessen kann. Da war ein siebzehnjähriges Mädchen, das mit seiner Grossmutter auf den Bazar ging. Das Mädchen trug einen Hijab, ein Kopftuch, das ihr Haar vollständig bedeckte, wie es vorgeschrieben ist. Ausserdem trug sie einen Mantu, ein langes Kleid.

Trotzdem hielten die Taliban sie an. Sie sagten, dass ihre Kleidung nicht ausreiche. Sie müsse eine Burka tragen.

Das Mädchen war mutig. Sie entgegnete ihnen, dass ihr Haar bedeckt sei und sie ein langes Kleid trage. Sie sagte, sie würde sich an jenem Tag eine Burka kaufen. Und so hatten die Taliban sie und ihre Grossmutter gehen lassen.

Trotzdem folgten sie den beiden stundenlang durch den Bazar und beobachteten sie. Das ging bis etwa fünf Uhr nachmittags weiter.

Das Mädchen und ihre Grossmutter nahmen ein Tuk-Tuk und fuhren nach Hause, denn die Grossmutter war sehr erschöpft.

Doch die Taliban folgten ihnen bis vor die Haustür und nahmen das Mädchen mit.

Die Familie des Mädchens weiss bis heute nicht, was mit ihm geschehen ist. Die Mutter wurde vor Angst und Sorge um ihre Tochter sehr krank. Ihre Grossmutter war von dem Geschehen derart erschüttert, dass sie kurz darauf einen Herzinfarkt erlitt und starb.

Stell dir vor, du bist eine Mutter und weisst nicht, wo deine siebzehnjährige Tochter ist. Das ist die Angst, mit der Familien in Afghanistan leben müssen.

Die Angst um die Zukunft der Töchter

Aber die Angst hat noch viel mehr Gesichter. So haben etwa viele Mütter Angst, dass ihre Töchter ihre Ausbildung nicht fortsetzen können. Seit der erneuten Machtübernahme der Taliban sind die meisten Schulen und Klassen für Mädchen über 12 Jahre geschlossen. Einige Mädchen versuchen, Privatunterricht zu nehmen. Doch oft werden auch diese Kurse geschlossen.

Das beeinträchtigt ihre psychische Gesundheit. Wir hören von Mädchen, die depressiv werden. Wir hören schreckliche Geschichten von jungen Frauen, die versuchen, sich das Leben zu nehmen, weil ihre Zukunftsträume zerstört wurden und sie keinen Weg mehr für sich sehen. Ihre Träume sind verschwunden.

"Wird es einen Tag geben, an dem meine Tochter ihre Träume aufgeben muss?"

Meine Tochter Forugh geht in die vierte Klasse. Forugh ist ein begabtes Mädchen. Sie liebt die Schule, wie ich es tat. Sie möchte Sprachen lernen, Bilder malen, Sport treiben und sogar bergsteigen gehen. Wenn sie mir von ihren Träumen erzählt, sehe ich so viel Hoffnung, Freude und Begeisterung in ihren Augen. Und dann frage ich mich:
Wie lange wird sie ihre Ausbildung fortsetzen können? Wird sie die Chance haben, ihre Träume zu verwirklichen? Oder wird es einen Tag geben, an dem sie ihre Träume aufgeben muss?

Manchmal stellt mir Forugh Fragen, die für mich als Mutter sehr schwer zu beantworten sind.

Sie fragt mich: «Mama, warum sagen sie uns in der Schule, wir sollen unsere Hijabs weiter nach vorne ziehen, damit man unsere Haare nicht sehen kann?»

Manchmal fragt sie auch: «Mama, einige Mädchen sagen, dass wir nur bis zur sechsten Klasse lernen dürfen. Werde auch ich nur bis zur sechsten Klasse zur Schule gehen? Was passiert danach?»

Ich möchte ihr klare Antworten geben. Antworten, die ihr Hoffnung machen. Aber, ehrlich gesagt, weiss ich manchmal nicht, was ich sagen soll.

«Ich habe keine Antwort für sie»

Am schwersten ist es für mich nachts. Wenn Forugh schläft, schaue ich in ihr friedliches Gesicht und denke über all die Fragen nach, die sie mir tagsüber gestellt hat. Meine Kehle schnürt sich zu, mir steigen Tränen in die Augen. Warum muss dieses kleine Mädchen schon um seine Zukunft bangen? Warum kann ich ihr als Mutter nicht einfach voller Zuversicht sagen: «Meine Tochter, mach dir keine Sorgen. Du kannst so viel lernen, wie du möchtest?»

Forugh ist erst neun Jahre alt. Sie sollte mit ihren bunten Stiften malen, neue Sprachen lernen, Sport treiben, sich darauf freuen, Berge zu besteigen, und von ihrer Zukunft träumen.

Doch was, wenn Forugh mich eines Tages fragt: «Mama, warum konnte ich nicht weitermachen?» Davor fürchte ich mich jetzt schon. Denn ich habe keine Antwort für sie.

Ich wünsche mir für meine Tochter kein besonderes oder gar luxuriöses Leben. Ich möchte nur, dass sie die Chance bekommt, zu lernen, sich zu entfalten, ihre Talente weiterzuentwickeln und ihre Zukunft selbst zu bestimmen.

Wenn Forugh ihr Schulbuch aufschlägt, sehe ich in ihren Händen nicht nur ein Buch. Ich sehe ihre Zukunft.

Und wenn ich sie nachts anschaue, sehe ich nicht nur ein schlafendes Mädchen.
Ich sehe ein Kind mit tausend Träumen in seinem Herzen.

Denn Forugh ist nicht nur meine Tochter. Sie ist eine Zukunft voller Chancen, die gelebt werden will.

Ich hoffe, dass der Tag kommen wird, an dem ich keine Angst mehr um ihre Zukunft haben muss. Der Tag, an dem Frogh mich fragt: «Mama, darf ich weitermachen?» Und ich ihre Hand halten und sagen kann:

«Ja, meine Tochter, du kannst. Der Weg steht dir offen. Geh und gestalte die Zukunft, von der du träumst.»

 

 

 

*Die Gespräche mit Foruzan und Fereshte entstanden mit der Unterstützung der afghanischen Menschenrechtsaktivistin Aresu Rabbani, die Frauen in Afghanistan mit ihrem Podcast «Her Voice, Our Echo» eine Plattform gibt. Auch die Stimmen von Foruzan und Fereshte sind darauf zu hören.

Aresu Rabbani (31) stammt aus Herat. 2008 floh sie mit ihrer Familie aus Afghanistan in die Schweiz, kam in eine Asylunterkunft in Chiasso, ging dort zum ersten Mal zur Schule. Später absolvierte sie das Gymnasium auf Italienisch und studierte danach Biomedizin an der Universität Zürich. Nebst ihrem Podcast gründete sie das Unternehmen bibisafran, um safranverarbeitende Frauen in Afghanistan zu unterstützen. Sie lebt mit ihrem Partner in Zürich und befindet sich in den letzten Zügen ihrer Ausbildung zur Hebamme.
Bis heute pflegt sie in Herat zahlreiche persönliche Kontakte zu Frauen.

Am 17. September 2026 hat SVP-Nationalrat Gregor Rutz in einer ausserordentlichen Session mittels einer Motion eine Änderung der Asylpraxis für afghanische Frauen und Mädchen verlangt. Der Vorstoss beauftragt den Bundesrat, die seit Juli 2023 geltende Praxis rückgängig zu machen, gemäss der sich Afghaninnen für die Anerkennung als Flüchtlinge und damit für Asyl in der Schweiz qualifizieren. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) trägt damit der systematischen Verfolgung und Diskriminierung von Frauen und Mädchen durch die Taliban Rechnung. Gregor Rutz fordert, dass Asylgesuche von Afghaninnen wieder stärker individuell geprüft werden und dass das Herkunftsland und nicht die Staatsangehörigkeit für den Asylentscheid ausschlaggebend sei. Damit zielt er vor allem auf afghanische Frauen ab, die mehrere Jahre im Iran, in Pakistan oder der Türkei verbracht haben, bevor sie in die Schweiz kamen. Der Bundesrat hält dagegen, dass die geltende Praxis bereits eine Einzelfallprüfung vorsieht. Dennoch nahm der Nationalrat die Motion an. Nun muss der Ständerat darüber entscheiden.

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