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Kampagne gegen sexualisierte Gewalt: Warum wir mehr über das Thema sprechen müssen

Politik

Kampagne gegen sexualisierte Gewalt: Warum wir mehr über das Thema sprechen müssen

Heute beginnen die 16 Aktionstage gegen Gewalt an Frauen. Das diesjährige Fokusthema ist sexualisierte Gewalt. Wir haben mit der Schweizer Kampagnenleiterin Anna-Béatrice Schmaltz gesprochen.

Wo fängt sexualisierte Gewalt an und warum ist die Sprache, die wir verwenden, um darüber zu reden, so wichtig? Diese und weitere Fragen beleuchtet die internationale Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen*», die sich in diesem Jahr auf sexualisierte Gewalt fokussiert. In der Schweiz werden die Aktionstage durch die feministische Friedensorganisation cfd koordiniert. Anna-Béatrice Schmaltz, die die Kampagne leitet, sprach mit uns über die Bandbreite von sexualisierter Gewalt, die Wichtigkeit des Diskurses und Lösungsansätze.

Heute starten die internationalen Aktionstage «16 Tage gegen Gewalt an Frauen*». Warum ist diese Kampagne so wichtig?
Anna-Béatrice Schmaltz: Das Ziel der Kampagne ist es, über geschlechtsspezifische Gewalt zu sprechen, zu sensibilisieren und zu informieren. Prävention beginnt damit, dass man überhaupt über das Thema spricht und anerkennt, dass Gewalt an Frauen in unserer Gesellschaft extrem weit verbreitet ist. Und dass es dafür strukturelle Hintergründe wie Sexismus und Misogynie gibt. Es ist wichtig für Gewaltbetroffene zu hören, dass sie nicht allein sind und das Recht haben, sich zu wehren oder Hilfe anzunehmen. Mit der Kampagne wollen wir auch Beratungs- und Anlaufstellen bekannter machen. Wir wollen das Tabu brechen und über Gewalt an Frauen sprechen.

Ein Diskurs über das Thema ist wichtig. Sprechen wir denn – auch nach Bewegungen wie #MeToo – nach wie vor zu wenig über sexualisierte Gewalt?
#MeToo war in diesem Bereich sicher ein Befreiungsschlag, der vielen Menschen bewusst machte, dass es ein gesamtgesellschaftliches Problem ist und nicht einfach traurige Einzelfälle. Die Bewegung hat geholfen, weil sie bewusst machte, dass sexualisierte Gewalt mit Machtverhältnissen und Strukturen zu tun hat. Ich habe schon den Eindruck, dass man mehr darüber redet und #MeToo hat sicher dazu beigetragen. Aber es braucht noch viel, bis das Problem in den tatsächlichen Dimensionen begriffen und anerkannt ist. Denn der Diskurs ist noch immer sehr von spezifischen Vorstellungen über sexualisierte Gewalt geprägt. Es kommt zudem darauf an, wie wir über Gewalt sprechen. Worte schaffen Realitäten. Wenn wir Gewalt spezifisch benennen, dann hat das einen grossen Einfluss.

Inwiefern beeinflusst Sprache denn unser Verständnis von sexualisierter Gewalt?
Ein Beispiel ist, dass wir im Alltag oft von sexueller Gewalt sprechen. Indem wir stattdessen von sexualisierter Gewalt sprechen, machen wir einen wichtigen Unterschied. Denn es ist eine falsche Vorstellung von sexualisierter Gewalt, dass es um Sex, um Lust geht. Tatsächlich geht es um Gewalt und um Machtausübung. Indem man den Begriff «sexualisiert» statt «sexuell» verwendet, wird das klarer ausgedrückt. Klar kann man sagen, es sei eine Spitzfindigkeit von ein paar Feminist:innen, die das wichtig finden. Aber es geht darum, zu erklären, warum man genau dieses Wort benutzt. Um aufzuzeigen, dass es nichts damit zu tun hat, dass jemand seine «Triebe nicht im Griff» hat. Das ist ein erster Schritt, um Gewalt dann auch effektiv verhindern zu können.

Bei sexualisierter Gewalt mögen viele vor allem an eine Vergewaltigung denken – dabei fängt sexualisierte Gewalt schon viel früher an.
Auch das wollen wir mit der Kampagne thematisieren. Fast jede Frau hat schon sexualisierte Gewalt erlebt, – diese reicht von verbaler Belästigung und zu unerwünschten Berührungen wie einer fremden Hand auf dem Oberschenkel bis zu massiven physischen Übergriffen. Oder Belästigung im Netz, wenn man ein unerwünschtes Dickpic erhält. Es gibt Abstufungen von Gewalt – auf der Strasse jemandem «Geiler Arsch!» nachzurufen ist etwas anderes als eine Vergewaltigung. Wir wollen aufzeigen, wie breit diese Form der Gewalt ist. Und dass sie in unterschiedlichsten Konstellationen und Orten vorkommt: Es passiert in Paarbeziehungen, Familien, in der Schule, bei der Arbeit oder Online. Wichtig ist: Die Definition von Gewalt liegt bei der Person, die sie erfahren hat.

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«Nur die betroffene Person kann einschätzen, ob sie eine Situation als übergriffig empfindet oder nicht»

Was bedeutet das?
Es kommt immer sehr auf die Situation an und wer involviert ist: Die Hand auf dem Oberschenkel kann je nachdem etwas ganz anderes sein, – wenn das mein:e Chef:in ist und ich mich aus Angst vor Konsequenzen nicht traue, etwas zu sagen, dann ist das Gewalt. Man spricht noch zu wenig über diese Alltagssituationen. Ich finde etwa das Wort «Graubereich» spannend, weil es oft instrumentalisiert wird, um zu verharmlosen und zu banalisieren. Dadurch wird darauf abgezielt, zu behaupten, dass Tatpersonen gar nicht wussten, dass ihre Handlungen nicht okay sind. Hier wäre es aber wichtiger, ernsthaft über verschiedene Situationen und Kontexte, die von betroffenen Menschen unterschiedlich beurteilt werden, zu sprechen. Nur die betroffene Person kann einschätzen, ob sie eine Situation als übergriffig empfindet oder nicht. Ihre Einschätzung ist entscheidend und muss respektiert werden. Das bedeutet auch, dass Kommunikation wichtig ist und dass ein «Nein» jederzeit sofort akzeptiert werden muss.

Warum ist das Fokusthema der Kampagne ausgerechnet in diesem Jahr sexualisierte Gewalt?
Sexualisierte Gewalt wurde unter anderem wegen der Revision des Sexualstrafrechts gewählt, die aktuell läuft. Wir sind für die «Ja heisst Ja»-Lösung. Das heisst, dass Sex Konsens braucht – ohne ist es eine Vergewaltigung. Mit der Kampagne wollen wir noch einmal auf die Revision hinweisen. Und aufzeigen, dass die Gesetzgebung ein wichtiger Punkt ist, es aber noch viel mehr braucht, um Gewalt nachhaltig verhindern zu können.

Was braucht es noch?
Polizei, die opfersensibel geschult ist, um Betroffene überhaupt so befragen zu können, dass sie sich wirklich dazu äussern können. Es braucht Präventionsangebote, gesamtgesellschaftliche Diskussionen zum Thema Konsens und genug Anlaufstellen für Opfer.

Eine Urteilsbegründung in einem Fall in Olten, wo ein Richter die Vergewaltigung einer 17-Jährigen als «relativ milde» bezeichnete, sorgte vor einigen Tagen für Schlagzeilen. Damit wird suggeriert, dass die Gewalterfahrung nicht «schlimm genug» war, um ernstgenommen zu werden. Welches Signal sendet so eine Urteilsverkündung und wie beeinflusst sie den Diskurs über sexualisierte Gewalt?
Das ist ein verheerendes Signal. Eine Studie von 2019 zeigt, dass nur acht Prozent der Betroffenen von sexualisierter Gewalt eine Anzeige machen. Das ist sehr wenig. Bei solchen Gerichtsurteilen und Begründungen haben viele Gewaltbetroffene das Gefühl, gar nicht erst zur Polizei gehen zu können. Der Gedanke ist: Was bringt das? Denn wenn man eine Anzeige auf sich nimmt, muss man die eigenen Gewalterlebnisse oft stundenlang und mehrfach erzählen. So funktioniert unser Rechtssystem und es ist auch wichtig, dass eine Anzeige gut überprüft wird. Aber wenn eine betroffene Person von einer «milden Vergewaltigung» liest und ihr etwas passiert ist, das im Vergleich und in der persönlichen Einschätzung noch «milder» wirkt, dann wird sie es kaum zur Anzeige bringen. Weil sie das Gefühl hat, keine Chance zu haben. Wir müssen Betroffenen das Signal senden, dass sie das Recht haben, Täter anzuzeigen und gehört zu werden.

Wie können wir dazu beitragen, dass Opfer sexualisierter Gewalt ernster genommen werden?
Das eine ist die Revision des Sexualstrafrechts. Es ist wichtig, dass man die sexuelle Selbstbestimmung in unserem Gesetz festhält und als wichtig erachtet. Ein grosses Thema ist auch der Reflex, dass man Betroffenen schnell eine Mitschuld gibt, ihnen ihre Erfahrung abspricht oder verharmlost. Wir müssen einen bewussten Umgang mit Betroffenen erlernen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben und sich anvertrauen wollen. Wir müssen ihnen zuhören, ihnen glauben und sie ernst zu nehmen. Menschen, die solche Gewalt erleben und sich etwa online öffentlich dazu äussern, erhalten noch immer Morddrohungen. Das darf nicht sein.

Victim Blaming ist gerade bei sexualisierter Gewalt noch weit verbreitet. Ein aktuelles Beispiel ist etwa der deutsche Komiker Luke Mockridge, dessen Ex-Freundin ihm öffentlich Vergewaltigung vorwarf. Auch sie wird bei Instagram übel beschimpft und bekommt Morddrohungen. Woher kommt diese Mentalität und was wäre ein Lösungsansatz, um dagegen vorzugehen?
Wichtig ist, dass wir über Vergewaltigungsmythen sprechen – und über das Bild, das wir vom Verhalten betroffener Personen haben. Das beste Beispiel: Die betroffene Frau, die dem Komiker Vergewaltigung vorwirft, stellt teilweise freizügige Bilder Online. Da kommt dann oft der Vorwurf: «Du bist Opfer sexualisierter Gewalt und zeigst dich so, wie kann das sein?» Das ist absurd, denn das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Wir haben oft die Vorstellung davon, dass Betroffene einerseits sehr klar und glaubhaft erzählen müssen, was ihnen passiert ist. Andererseits müssen sie traumatisiert, zurückgezogen, verletzlich und aufgelöst sein. Wenn dann jemand selbstbewusst auftritt, heisst es schnell, dass die Person zu wenig traurig wirkt für das, was sie erlebt hat. Wie eine betroffene Person reagiert oder wie sich ein Übergriff auf eine Person auswirkt, ist sehr individuell. Wichtig ist auch, dass wir darüber sprechen, was sexualisierte Gewalt bedeutet, wo sie stattfindet und wer die Tatpersonen sind.

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«Es wird fälschlicherweise immer wieder erwartet, Frauen könnten und müssten sich selber schützen»

Warum?
Wir haben oft noch das Bild, dass die Tatperson jemand Fremdes ist. Oft ist es aber eine Person aus dem Umfeld – ein Partner, ein Kollege, ein Familienmitglied. Zudem wird fälschlicherweise immer wieder erwartet, Frauen könnten und müssten sich selber schützen. Die Überlegungen sind dann: Wenn ich mich nur richtig verhalte, kann ich mich vor Übergriffen schützen. Ich ziehe ja keinen Minirock an und flirte nicht mit irgendwelchen Männern in Bars, also bin ich sicher. Wenn man aber thematisiert, dass fast jede Frau sexualisierte Gewalt erlebt, dann muss man sich eingestehen, dass einem das selbst auch passieren kann.

Wie kann denn ein Umdenken stattfinden?
Indem das Problem etwa in der Schule thematisiert wird. Das Thema Konsens könnte im Sexualkundeunterricht behandelt werden. Helfen würden zudem Präventionskampagnen in grösserem Ausmass, auch solche, die vom Bund koordiniert würden. Und indem man das Problem immer wieder zur Sprache bringt und auf Hilfsangebote hinweist. Die beste Prävention aber ist Gleichstellung.

Wie meinen Sie das?
Sämtliche Gleichstellungsmassnahmen der Geschlechter tragen längerfristig dazu bei, dass es weniger Gewalt gibt. Eine Person kann sich beispielsweise eher wehren, wenn sie finanziell unabhängig vom Ehepartner oder der Ehepartnerin ist. Ein Beispiel in der Schweiz ist die Vergewaltigung in der Ehe: Dies war lange nicht strafbar und ist erst seit etwa 2004 ein Offizialdelikt. Das hat viel mit der Stellung der Ehefrau zu tun, welche sich sehr gewandelt hat.

Sie fordern unter anderem nationale Präventionskampagnen, die vom Bund organisiert sind. Welche Ihrer weiteren Forderungen sehen Sie als besonders dringlich?
Gewaltbetroffene, die von Mehrfachdiskriminierung betroffen sind, sollen spezifische Unterstützungsangebote bekommen. Ob das trans Frauen, Frauen mit Fluchtgeschichte oder Frauen mit einer Behinderung sind – bei vielen Massnahmen, auch vom Bund, werden diese Faktoren noch viel zu selten mitgedacht. Für eine Frau ohne Aufenthaltspapiere ist es beispielsweise massiv schwieriger, sich an die Polizei zu wenden. Frauen, die Rassismus erleben, werden oft Opfer von zusätzlicher Gewalt, indem sie exotisiert oder extrem sexualisiert werden. Es braucht genug finanzielle Mittel für die ganze Bekämpfung, – dazu gehört Prävention, Schutz, Beratung, aber auch Täterarbeit.

Wie kann man als Einzelperson dazu beitragen, dass es weniger Gewalt an Frauen und spezifisch weniger sexualisierte Gewalt gibt?
Indem man betroffene Personen ernst nimmt, unterstützt und Zivilcourage zeigt. Als Zeug:in einer Situation ist es wichtig, einzugreifen, sofern man sich selbst nicht gefährdet, oder die Polizei zu rufen. Oder man fragt bei der Freundin nach und bietet Unterstützung an, wenn man das Gefühl hat, dass in ihrer Beziehung etwas nicht stimmt. Wichtig finde ich auch, dass Männer unter sich über sexualisierte Gewalt sprechen. Sie können selbstverständlich auch davon betroffen sein. Statistisch gesehen sind aber die meisten Tatpersonen Männer. Deshalb sollten sie sich gegenseitig in die Verantwortung nehmen. Also zum Beispiel eingreifen, wenn der Kumpel eine sexistische Bemerkung oder einen frauenverachtenden Spruch macht und klar machen, dass man das nicht gut findet.

Sprechen Männer heute untereinander noch zu wenig über sexualisierte Gewalt?
Das ist schwierig zu sagen. Ich erlebe im öffentlichen Diskurs oft vor allem eine Abwehrhaltung – ein Beispiel ist der Hashtag #NotAllMen. Es ist uns allen bewusst, dass nicht alle Männer sexualisierte Gewalt ausüben. Wenn die Reaktion auf Gewalt eine Distanzierung ist, anstatt Betroffene ernst zu nehmen und gemeinsam gegen Gewalt einzustehen, zeigt das, dass wir noch viel zu tun haben.

Mehr Informationen zu den Aktionstagen und zum diesjährigen Programm findet ihr hier.

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Anna-Béatrice Schmaltz ist Kampagnenleiterin und Programmverantwortliche Prävention geschlechtsspezifische Gewalt der feministischen Friedensorganisation cfd.

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