Influencerin Xenia Tchoumi über ihr erstes Buch

«Als ich im Spital lag, bekam alles eine andere Wichtigkeit»

Interview: Vanja Kadic; Bilder: Instagram/Xenia

e
f

Xenia Tchoumi ist Influencerin, Digital-Unternehmerin und neu Autorin.

In ihrem Ratgeber «Empower Yourself» gibt sie Tipps, wie man selbstbewusster und unabhängiger wird, effizienter arbeitet und Niederschläge für sich nutzen kann.

«Das Buch habe ich nicht als PR-Gag geschrieben. Ich will damit meine eigenen Erfahrungen und Tricks teilen», sagt sie.

In ihrem Buch schreibt Xenia Tchoumi über ihren Burn-out, den sie vor einigen Jahren verarbeiten musste: «Ich brannte aus, komplett. Mein Körper schaltete einfach ab.»

Ihr Buch «Empower Yourself: How to Make Lemonade When Life Gives You Lemons» ist ab dem 8. Dezember 2020 erhältlich.

Xenia Tchoumi ist eine der erfolgreichsten Influencerinnen der Schweiz. In ihrem ersten Buch gibt sie Tipps, wie man selbstbewusster wird und Niederschläge für sich nutzen kann. Sie spricht aus Erfahrung: Vor einigen Jahren hatte sie einen Burn-out. 

Als Digital-Unternehmerin und Influencerin hat Xenia Tchoumi ein Millionen-Publikum. Mit  «Empower Yourself: How to Make Lemonade when Life Gives You Lemons» veröffentlicht sie jetzt ihr erstes Buch. In ihrem Ratgeber gibt die Tessinerin mit russischen Wurzeln Tipps, wie man selbstbewusster und unabhängiger wird, effizienter arbeitet und Niederschläge für sich nutzen kann. Xenia Tchoumi wurde 2006 als Vize-Miss-Schweiz und Model bekannt und absolvierte nach einem BWL-Studium in London ein Praktikum bei der Grossbank JPMorgan Chase. Heute lebt sie in London und gilt als eine der grössten Schweizer Influencerinnen.

Mit annabelle sprach sie über ihren Burn-out, Krisen als Chance, ihre persönliche Überlebensstrategie in der Pandemie – und gibt sechs persönliche Tipps.

annabelle: Xenia Tchoumi, Sie sind eine der grössten Influencerinnen der Schweiz und erfolgreich als Digital-Unternehmerin. Ihr neustes Projekt erscheint da beinahe ein wenig oldschool. Warum haben Sie ein Ratgeber-Buch geschrieben?
Xenia Tchoumi: Ich werde oft um Rat gebeten – von meinen Followern, von Freunden oder meiner Familie. Jedem einzeln zu antworten liegt aber leider oft nicht drin. Auch auf Social Meida ist es schwierig, in wenigen Worten die eigene Mentalität und die eigenen Visionen zu teilen. Ich habe das Buch nicht als PR-Gag geschrieben. Ich will damit meine eigenen Erfahrungen und Tricks teilen. Und ich hoffe, dass es nachhaltig und noch in fünf Jahren hilfreich und relevant sein wird.

Sie schreiben in Ihrem Buch: «Meine Arbeit ist mein Baby.» Was hat Ihre Arbeitsmoral geprägt?
Die Schweiz. Ich fing als Teenager an, zu arbeiten, und ich glaube, dass mich die Schweizer Mentalität stark beeinflusst und mir in puncto Professionalität oder Pünktlichkeit viel beigebracht hat.

Gab es einen Schlüsselmoment für Sie?
Es sind viele kleine Momente. Aber ich erinnere mich, als ich zwölf war und mit meinen Eltern zu einer Modelagentur ging. Wir unterschrieben einen sehr schlechten Vertrag, aus dem ich nach Jahren nur sehr schwierig wieder rauskam. Ich war gefangen in einer Situation, in der ich nicht sein wollte. Das war sehr prägend, denn ich lernte, dass es viele Menschen gibt, die einen täuschen wollen. Und ich lernte, dass es wichtig ist, keine Angst davor zu haben, etwas zu versuchen – und auch mal zu scheitern.

In «Empower Yourself» thematisieren Sie auch die Pandemie. Corona hat sich auch auf den Influencer-Markt ausgewirkt. Inwiefern hat Sie das persönlich beeinflusst?
Alles hat sich verändert. Es war am Anfang sehr hart und ein Schock für alle. Sie müssen sehen: Zum einen lebe ich ein sehr ruhiges, simples Leben in London. Ich gehe im Park spazieren, lese und mache meine Work-outs. Dann gibts es die andere, verrückte Seite meines Lebens: Red Carpets, Reisen um die ganze Welt, Fashionshows, Projekte mit Brands – ich bin ständig unterwegs. Das war eine gute Balance, und ein Teil davon wurde mir weggenommen. Anfänglich fühlte ich mich deshalb sehr eingeengt, ich musste mich anpassen.

Wie?
Was mir geholfen hat, ist körperliche Arbeit. Ich kümmerte mich um mein Haus – oder um meinen Körper. Das half, um mich nützlich und produktiv zu fühlen in einer Zeit, in der ich mir manchmal nutzlos vorkam.  

Und beruflich?
Natürlich hat sich auch da alles verändert. Ich hatte Angst und dachte: Jetzt kommt kein Einkommen mehr. Und man weiss nicht, ob sich das je wieder ändert. Verträge wurden aufgelöst, Budgets wurden gestrichen. Jede Sicherheit, die man als Unternehmerin für das Jahr hatte, hat sich verändert. Anfänglich ist das sehr beängstigend, aber dann muss man innehalten und sich überlegen: Wie kann ich diese Angst nutzen, um etwas Neues zu schaffen? Man muss die eigene Situation analysieren und eine eigene neue Welt erschaffen.

Und wie sieht Ihre neue Welt aus?
Neben meinem Job als Influencerin habe ich ein paar neue Onlineunternehmen gestartet, die sehr gut laufen. Unter anderem habe ich im Lockdown ein Consulting-Business gegründet. Ich war sehr überrascht, denn ich hätte nicht gedacht, dass ich diese Fähigkeit besitze, so etwas komplett anderes zu machen. Aber ich bin sehr dankbar für diese Zeit, weil ich jetzt noch mehr Glauben in mich selbst habe. Mir wurde bewusst, dass man auch dann, wenn alles auseinanderfällt, immer etwas Neues ausprobieren und damit Erfolg haben kann.Veränderungen sind im Leben unausweichlich. Klar ist es nicht angenehm, ich hätte mir das nicht ausgesucht. Aber wir können die Situation alle nutzen, um uns neu zu erfinden.

Diese Einstellung gelingt nicht allen. Viele Leute haben im Moment Angst oder leiden an einer Pandemie-Müdigkeit. Was ist Ihr Rat?
Ich finde es wichtig, Schmerz oder Angst zuzulassen und nicht zu leugnen. Es gibt Leute, die diese Emotionen mit allen Mitteln unterdrücken wollen, sei es mit Alkohol oder sonst einer Ablenkung. Sich traurig oder schlecht zu fühlen, ist okay. Es ist sogar gut. Man kann dem Gefühl, sich manchmal niedergeschlagen zu fühlen, nicht entkommen. Aber man sollte auch nicht darin verharren. Mein Rat: Geben Sie sich ein Zeitlimit. Ist dieses überschritten, sollten Sie Dinge tun, die gut für Sie sind und Ihnen helfen, sich gut zu fühlen. Es geht um die Balance, zu akzeptieren, dass wir alle auch mal fragil sind, aber auch die Mittel dazu haben, uns selbst zu helfen. Das können kleine Sachen sein wie mit Freunden zu lachen, spazieren zu gehen, etwas Gutes zu essen. Diese kleinen Dinge können einen grossen Effekt haben.

Krisen als Chance zu sehen – das tönt alles sehr positiv und optimistisch. Es ist aber auch eine Einstellung, die an gewisse Privilegien gebunden ist. Wie sehen Sie das?
Manchen von uns ist das Ausmass unserer Vorteile und unseres Komforts nicht wirklich bewusst – und wie dankbar wir täglich dafür sein sollten. Doch jeder Mensch ist anders: Wenn für jemanden ein kleiner Rückschlag keine grosse Sache ist, könnte jemand anderes sehr darunter leiden. Und umgekehrt begegnen manche Menschen extremen Herausforderungen wie Kriegen und Krankheiten mit unglaublichem Mut und unglaublicher Kraft. Deshalb glaube ich nach wie vor, dass das Konzept, persönliche Schmerzen als Treibstoff zu nutzen, wirklich auf jeden Menschen zutreffen kann – auf allen Ebenen. In meinem Buch spreche ich auch über das wissenschaftliche Konzept des posttraumatischen Wachstums – einer positiven psychologischen Veränderung, die als Folge von Not eintritt.

Sie thematisieren im Buch auch offen Ihren Burn-out, an dem Sie vor einigen Jahren erkrankt sind.
Damals arbeitete ich gleichzeitig im Finanzwesen und im Showbusiness. In der Schweiz hatte ich eine erfolgreiche Karriere, die ich nicht aufgeben wollte, und gleichzeitig hatte ich einen Vollzeitjob in Investmentbanking. Wenn man jung und ehrgeizig ist, vergisst man, dass der Körper eine Pause braucht. Ich brannte aus, komplett. Mein Körper schaltete einfach ab.

Was ist passiert?
Ich kam wochenlang nicht mehr aus dem Bett. Ich hatte Fieberschübe und kein Arzt konnte mir helfen. Ich landete im Spital, verlor an Gewicht. Es war schlimm. Ich hatte Angst um mein Leben, weil es einfach nicht besser wurde. Als ich im Spital lag, bekam ich starke Antibiotika und schlief die ganze Zeit. Da bekam alles eine andere Wichtigkeit.

Was meinen Sie damit?
Meine Prioritäten änderten sich. Ich dachte: Das wars, das ist nichts für mich, ich kann das nicht. Also liess ich alles hinter mir und beschloss, eine Pause einzulegen. In dieser Pause lag ich auf dem Sofa meiner Mutter, und nach einiger Zeit, in der ich einfach mal nichts tat, beschloss ich, ins Onlinebusiness einzusteigen und ein Web-Magazin zu gründen. So kam ich ins digitale Business. Diese Pause und der Schrecken dieser Krise machten mir klar, dass ich eine Veränderung brauche.

Haben Sie aus dem Burn-out etwas gelernt? 
Ja – dass ich mir Pausen geben muss und mich nicht so hart pushen darf. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Produktivität sollte in Wellen kommen. Ich erinnere mich stets daran, dass es okay ist, wenn ich mal faul bin. Nach einer unproduktiven Phase bin ich wieder fokusiert. Balance ist wichtig.

 

In Ihrem Buch thematisieren Sie Ihr Engagement als Feministin. Sie schreiben, dass Sie regelmässig Onlinemobbing erfahren, weil Sie sich in Ihrer Instagram-Bio als Feministin bezeichnen.
Die Leute regen sich über das Wort auf, der Begriff ist ein Trigger. Ich höre oft den Kommentar: Alles, was du erreicht hast, hast du Männern zu verdanken. Ich bin froh, dass ich mit meiner Plattform auf das Thema aufmerksam machen kann, um zu beweisen, dass es Feminismus noch immer braucht. Leute sagen mir oft, dass wir längst gleichgestellt sind. Die Kommentare, die ich erhalten, beweisen das Gegenteil. Viele Leute wollen einfach nicht, dass Frauen Rechte haben. Und Rückschritte passieren schnell – schauen Sie sich die Situation in Polen an. Deshalb ist es mir wichtig, vor allem junge Frauen und Männer daran zu erinnern, wie wichtig der Kampf um Gleichberechtigung auch heute noch ist.

Sie reflektieren in Ihrem Buch auch Ihre Wirkung auf andere Menschen. Haben Sie das Gefühl, aufgrund Ihres Aussehens nicht als Geschäftsfrau ernst genommen zu werden?
Ja, das kommt vor. Und genau darum gehts. Ich kleide mich gern gut, bin modisch und liebe schöne Taschen und Schuhe. Ich muss doch keinen Anzug tragen oder langweilig aussehen, nur um ernst genommen zu werden! Eine Frau kann sich kleiden, wie sie will.

 

6 persönliche Tipps von Xenia Tchoumi:

1. Bauen Sie sich ein Selbstbewusstsein auf, das nicht auf der Zustimmung anderer basiert. Entwickeln Sie positive Selbstgespräche! Erinnern Sie sich etwa an Ihre bisherigen Erfolge, egal, wie klein sie auch sein mögen – sie sind wichtig. Denken Sie an Ihre Stärken, die Sie als Mensch ausmachen: Die einfachsten sind oft die wichtigsten Eigenschaften.  

2. Seien Sie mutig! Bauen Sie Ihre Selbstachtung auf, indem Sie etwas tun, das Ihnen schwerfällt. Der beste Weg, Ihre Angst zu bewältigen, ist, sie zu spüren – und das, was Ihnen Angst macht, trotzdem zu machen. Nur wenn Sie akzeptieren, dass Sie Angst haben, aber trotzdem mutig genug sind, es zu versuchen, werden Sie sich selbst mehr respektieren. Es ist besser, etwas nur suboptimal zu meistern, wenn Sie sich unwohl fühlen, als es gar nicht zu tun.

3. Verzichten Sie auf Multitasking. Ich persönlich arbeite gern in der Stille (Noise Cancelling Headsets sind Gold wert) und konzentriere mich nur auf eine Sache. Wenn ich ein E-Mail schreibe, hat diese Aufgabe meine volle Aufmerksamkeit – das gilt auch in der Freizeit. Ich schenke meinen Freunden ungeteilte Aufmerksamkeit ohne Technologie und Ablenkungen. Unser Hirn ist nicht für Multitasking ausgelegt – unser Fokus wechselt einfach sehr schnell von einer Sache zur anderen, ohne sie bestmöglich zu erledigen. Arbeiten Sie ungestört und gelangen Sie in den Arbeits-Flow: Schliessen Sie die Registerkarten auf dem Laptop und schalten Sie Ihr Telefon in den Flugzeugmodus.

4. Kontrollieren Sie Ihre digitale Abhängigkeit. Beschränken Sie Ihre Bildschirm-Zeit pro Tag: Verzichten Sie zumindest ein paar Stunden pro Tag darauf, aber definitiv einige Stunden, bevor Sie zu Bett gehen. Grelles Bildschirmlicht kann mit der Zeit die Qualität Ihres Schlafes verschlechtern. Es ist auch viel gesünder, ein richtiges Gespräch zu führen oder ein Buch zu lesen, als in einen Überfluss an Informationen zu verfallen, von denen man glaubt, sie sehen zu wollen – die man aber nicht wirklich braucht.

5. Fake it til you make it! Verhalten Sie sich so, als würden Sie dazugehören, auch wenn Sie sich nicht so fühlen. Lernen Sie von den Menschen, die es in Ihrem Umfeld bereits geschafft haben, und imitieren Sie deren Schritte. Sprechen, gehen und verhalten Sie sich so, wie sie es tun würden. Wenn Sie niemanden haben, zu dem Sie aufschauen, können Sie mental eine «ideale», starke und gewinnende Version von sich selbst erschaffen. Fragen Sie sich in Situationen, in denen Sie das Gefühl haben, nicht dazuzugehören: Wie würde sich mein ideales Selbst jetzt verhalten? Ich bin sicher, dass Sie die richtige Antwort erhalten werden.

6. Akzeptieren Sie Niederschläge und Fehler. Nutzen Sie Schmerz und unangenehme Gefühle, um sich selbst weiter zu bringen. Trauer, Wut und Negativität sind ein unausweichlicher Teil des Lebens. Es ist das Beste, diese Emotionen zu akzeptieren und sie zu durchleben, als sich davon abzulenken. Aber verharren Sie nicht darin. Geben Sie sich ein Zeitlimit für negative Gefühle. Wenn diese Zeit abgelaufen ist, stehen Sie auf und helfen Sie sich selbst. Nutzen Sie diesen Rückschlag als eine wichtige Lektion – und als Sprungbrett für Ihren nächsten Schritt.

Erhältlich ab dem 8. Dezember 2020: Xenia Tchoumi: Empower Yourself: How to Make Lemonade When Life Gives You Lemons. Watkins Publishing, 224 Seiten, ca. 20 Fr.

Empfehlungen der Redaktion

ESSAY: Pandemic Fatigue

Diese Pandemie zermürbt uns – was nun dagegen helfen kann

Von Kerstin Hasse

Mehr aus der Rubrik

Best of

9 Buchempfehlungen für den Winter

Von Claudia Senn