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Mein Leben mit dem Tod: Gedanken und Erlebnisse der annabelle-Redaktion

Zeitgeist

Mein Leben mit dem Tod: Gedanken und Erlebnisse der annabelle-Redaktion

Ob theoretisch oder viel zu nah: Der Tod beschäftigt uns alle. Gedanken und Erlebnisse der annabelle-Redaktion.

Das Kaninchen-Debakel

von Sven Broder

Da stand ich also, im weissen Licht des Mondes, hielt in der rechten Hand den Spaten und in der linken den Karton, darin Coco, steif und kalt, und war fast ein wenig böse auf das tote Tier. Innert weniger Monate hatten sie uns verlassen: Zuerst Lele, dann Leo und Lulu – und jetzt auch noch Coco. Kein Jahr alt waren sie geworden, keines von ihnen. Anfangs dachte ich; kommt vor, so ist die Natur, tröstete meine Kinder und fuhr zur Sammelstelle, wo sie Tierkörper entgegennehmen und leere Haarspraydosen. Doch nun fühlte ich mich langsam verraten. Denn ich hatte mir Mühe gegeben. Mit jedem toten Tier noch ein wenig mehr. Halbstundenlang hatten meine Streifzüge durchs Quartier inzwischen gedauert, ich sammelte Löwenzahn und aus fremden Gärten Rüebligrün. Nachts stand ich auf, um nach ihnen zu sehen. Den halben Balkon hatte ich für sie ausgebaut; eine Oase auf zwei Etagen, mit Freilaufzone und isolierter Kuschelecke. Ich hätte geschworen, sie fühlten sich wohl und dann … lagen sie alle eines Morgens ausgestreckt in ihrer Residenz. Einfach so. Es hatte fast etwas Trotziges. Und stets aufs Neue musste ich meine Kinder trösten und mich erklären. Von wegen Natur. Von wegen Virus. Von wegen plötzlicher Hoppelhäschentod. Für meine Kinder war ich einfach nur der Hasentöter, der gemeine. Und ja, auch ich selbst fing an, mich zu hinterfragen – und vor allem den kritischen Blick des Herrn vom Entsorgungshof zu fürchten. Deshalb entschied ich, mein vermeintlich viertes Opfer zu verbuddeln. Seither steht im Innenhof dieses kleine Kreuz. Dort ruht Coco. Und auch meine väterliche Unschuld.

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Besuch in der Nacht

von Ana Martinez

Meine Mutter ist als Bergkind mit Sagen und Geistergeschichten gross geworden, doch es war ihr wichtig, uns Kinder von all dem fernzuhalten. So kennt man mich als rationalen Menschen ohne jede esoterische Ader. Trotzdem rumorte es in meinem Kinderzimmer zünftig. Fast jede Nacht bekam ich Besuch, der verschwand, sobald ein Erwachsener das Licht anmachte. Wenn ich dann doch endlich einschlief, träumte ich von Schlachtfeldern und blutigem Gemetzel – bis ich lernte, im Traum wegzufliegen oder so laut zu schreien, dass ich selbst davon erwachte. Eine zermürbende Situation, auch für meine Eltern. Im Teenager-Alter wurde es langsam besser. Die Besuche kamen nur noch sporadisch vor, waren dafür aber umso intensiver. In meinem Zwanzigern war ich einmal mit meiner Mutter auf Reisen, als mich ein heftiges Rufen die ganze Nacht lang wachhielt. Später stellte sich heraus, dass sich ein Familienfreund erhängt hatte. Meine Mutter erzählte mir, dass zu Grossmutters Zeiten die Familien auf dem Berg ihre Sachen gepackt und sich auf die Reise gemacht hätten, weil jemand «gerufen» habe. Daraufhin habe ich mich in einer ruhigen Nachtstunde bei meinen Geistern bedankt. Ich erklärte ihnen, es sei sehr nett, dass man sich verabschieden wolle, trotzdem verzichte ich liebend gern darauf. Die Nachrichten würden auf einem anderen Telefonkanal ihre Empfänger:innen bestimmt auch erreichen. Von da an war tatsächlich Ruhe. Nur ganz selten erreicht mich im Traum noch eine Information – die jedoch meist mit noch lebenden Familienangehörigen zu tun hat. Das ist mir viel lieber als nächtelanges Rufen.

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«Der Gedanke, dass an meiner Beerdigung ‹Cotton Eye Joe› von den Rednex läuft und alle um meine Urne tanzen, geht für mich völlig in Ordnung. Aber ich finde es eine vertane Chance»

Michèle Roten

Soundtrack eines Lebens

von Michèle Roten

Es vergeht eigentlich kein langer Abend mit Freund:innen, an dem ich nicht irgendwann vorschlage, dass wir Beerdigungslieder hören. Das klingt nach Orgel und Depression, ich meine damit aber etwas anderes: Welches Lied bedeutet dir so viel, fasst dein Lebensgefühl so treffend zusammen, dass es an deiner Beerdigung gespielt werden sollte? Die Reaktionen zeigen, dass die wenigsten je über ihre eigene Abdankung nachgedacht haben. Warum auch, schliesslich ist man dann ja tot. Ich finde die Argumentation, dass dieser Moment den Angehörigen gehört und diese ihn so gestalten sollten, wie es ihnen hilft, absolut legitim. Der Gedanke, dass an meiner Beerdigung «Cotton Eye Joe» von den Rednex läuft und alle um meine Urne tanzen, geht für mich völlig in Ordnung. Aber ich finde es eine vertane Chance – immerhin ist es die letzte Situation, die man noch beeinflussen kann. In der es nur um diese eine Person geht, die man war. It’s all about me! Diese Frage also in eine Runde zu werfen, führt zu mehreren wunderbaren Dingen. Erstens erfährt man etwas Intimes, Wahres von jeder und jedem am Tisch. Zweitens schafft Musik, die auch nur für eine der anwesenden Personen mit so starken Emotionen besetzt ist, eine ganz besondere Atmosphäre. Drittens beruhigt mich der Gedanke, dass ich zumindest mit einer Gewissheit an etwas so Unvorstellbares wie die Organisation der Beerdigung eines geliebten Menschen herangehen könnte.

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Unbewohnte Hüllen

von Claudia Senn

Die erste Tote, die ich leibhaftig sah, war meine 81-jährige Schwiegermutter Jo. Mein Mann und ich besuchten sie in einem eisgekühlten Aufbahrungsraum des Spitals Männedorf, wo sie tags zuvor an einem völlig entgleisten Diabetes verstorben war. Die Stimmung hatte nichts Gruseliges, im Gegenteil. Sie sah so friedlich aus, das tröstete uns. Ich weiss auch noch, wie wir leise kicherten, als wir bemerkten, dass sie sich wieder einmal nur die Nägel der einen Hand lackiert hatte – in jenem unmöglichen Fuchsia, das sie so liebte. Bei der anderen Hand war ihr wohl etwas Wichtigeres dazwischengekommen. Der Tod konnte es nicht gewesen sein, denn der Lack bröckelte bereits. Typisch Jo! Mein Mann weinte und lachte und schnitt ihr heimlich eine Haarsträhne ab, die er seither in einem kleinen Kästchen verwahrt. Die zweite Tote war meine Freundin Ruth, der im Kampf gegen den Krebs nach vielen Jahren die Kraft ausgegangen war. Ich hatte miterlebt, wie sie immer weniger wurde, wie sie es gerade noch geschafft hatte, so lang durchzuhalten, bis ihre beiden Kinder, die eineinhalb Jahre zuvor auch schon den Vater an den Krebs verloren hatten, die Volljährigkeit erreichten. Sie tot zu sehen war kein schöner Anblick. Die papierdünne, wächserne Haut, unter der sich bereits Leichenflecken ausbreiteten. Der ausgezehrte, von der Krankheit gezeichnete Körper. Trotzdem bin ich dankbar dafür, dass mir ihre Kinder ermöglichten, sie noch einmal zu sehen. Denn nur so begriff ich, dass sie wirklich tot war. Dass ihr Körper, der nun nur noch eine unbewohnte Hülle war, einfach nicht mehr konnte. Ihr Sterben war harte Arbeit gewesen. «Hast dus endlich geschafft, du Liebe», sagte ich zu ihr. In meine Trauer mischte sich Erleichterung.

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«Das Konzept vom Leben nach dem Tod finde ich ungemein tröstlich. Wie schön es doch sein wird, wieder mit all den Lieben vereint zu sein, die ich in diesem Leben verloren habe»

Evelyne Emmisberger

Auf Wiedersehen!

von Evelyne Emmisberger

Auch wenn ich ein paar (wie ich meine: gut begründete) Vorbehalte gegen Religionen habe, das Konzept vom Leben nach dem Tod finde ich ungemein tröstlich. Wie schön es doch sein wird, wieder mit all den Lieben vereint zu sein, die ich in diesem Leben verloren habe: Auf ein belgisches Bier mit Chregu, ein Pas de deux mit Prisca, ein Schnittlauchbrot mit Grosi, auf neuen Spuren mit meinem Riesenschnauzer Rüedu und eine kleine Session mit BB King. Leider wird diese Liste immer länger, eine ziemlich entmutigende Nebenwirkung des Älterwerdens. Deshalb, und weil all die anderen Optionen nicht mit meinem Seelenheil kompatibel sind, bin ich von einem Happy End überzeugt. Memo an allfällige Skeptiker:innen: Beweist mir doch das Gegenteil. Wir sehen uns!

Die schwarzen Hosen

von Jacqueline Krause-Blouin

Er lag schwer krank im Spital, aber das hiess ja noch lang nicht, dass er auch sterben würde! Mein Grossvater, ich habe ihn sehr geliebt. Ich war damals 13, und wir wohnten weit weg von ihm, also mussten meine Eltern planen. Für mich bedeutete dieser Umstand, dass ich widerwillig ins Warenhaus geschleppt wurde, um mir eine schwarze Hose für seine Beerdigung zu kaufen. Dabei lebte mein Grossvater doch! Mein Teenager-Ich empfand das als absolute Zumutung. So brach ich heulend in der Umkleidekabine zusammen, umgeben von schwarzen Hosen. Da war er nun also, der Tod, es gab ihn wirklich. Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber irgendwann stirbt sie.

Beerdigen auf Kroatisch

von Vanja Kadic

Ich, Seconda, weiss ganz vieles über die Kultur meiner Eltern nicht. Wie eine traditionelle Beerdigung in Kroatien abläuft, erfuhr ich 2019, als meine Grossmutter starb. Bei der Beerdigung im 800-Seelen- Dorf Lipovac waren meine Geschwister und ich ziemlich überfordert. Während beim katholischen Gottesdienst alle auf Kroatisch beteten, taten wir mangels vorhandener Gebets- und Sprachkenntnisse einfach so, als ob. Wir standen als Familie in der ersten Reihe, alle Augen ruhten auf uns. «Ich habe einfach nur das Abc gemurmelt», gestand mir mein Bruder später vor der Kirche. Solche betretenen Momente, in denen wir uns wie Idioten vorkamen, lockerten alles ein bisschen auf. Für mich war es die erste Begegnung mit dem Tod – sehr seltsam, traurig, schön.

«Keine Ahnung, ob sie verstanden hatte, was wir ihr sagten. Aber wer versteht den Tod schon?»

Barbara Loop

Steine für Neni

von Barbara Loop

Am Sonntagmorgen in aller Früh klingelte das Telefon: Wir sollten kommen, um uns zu verabschieden. Wir spazierten mit unseren beiden kleinen Kindern los, die jüngere Tochter war damals erst wenige Monate alt und brabbelte vergnügt im Kinderwagen, die ältere war zweieinhalb. Mein Mann und ich hatten mit ihr darüber gesprochen, dass ihr Grossvater im Sterben liege und bald nicht mehr da sein würde, in seinem Zimmer im Pflegeheim, wo wir ihn in den letzten Wochen immer wieder besucht hatten. Keine Ahnung, ob sie verstanden hatte, was wir ihr sagten. Aber wer versteht den Tod schon?Als wir ankamen, war mein Schwiegervater wenige Minuten zuvor verstorben. Seine Haut sah blass aus, die Wangen eingefallen, die Finger knochig, und der Körper wirkte irgendwie kleiner als am Tag zuvor. Es umgab ihn eine Aura der Andacht, der Distanz, wir standen still an seinem Bett. Und dann sah ich, wie meine ältere Tochter ihre Hand auf sein Handgelenk legte und ihren Neni anschaute. Ganz ohne Angst und ohne ein Wort zu sagen. Heute, ein gutes Jahr später, sammelt sie manchmal Steine auf, die sie an sein Grab bringen will. Dass ihr Neni gestorben ist, fällt ihr zuweilen ganz plötzlich ein. Zuletzt wollte sie ihn besuchen, als wir gerade in Griechenland im Sand spielten. Wo er heute ist, das ist für sie klar: auf dem Friedhof. Ihre kleine Schwester hingegen hat eine Frage zu ihrem Grossvater, die sie beschäftigt, seit sie sprechen kann: Warum kaufen wir nicht einen neuen?

Gruss aus dem Jenseits

von Monika Macartney-Kohler

In dem Jahr, als mein Vater starb, war ich später in Italien in den Ferien. Ich sass draussen in einem Restaurant, schaute wehmütig aufs Meer hinaus und dachte an ihn, als ich plötzlich am Nebentisch Berndeutsch hörte. Ich schaute mich um und blickte in das Gesicht eines jungen Mannes, der haargenau so aussah wie mein Vater, als er etwa 23 Jahre alt gewesen war. Ein Foto von ihm in diesem Alter hing jahrelang in unserm Elternhaus. Es stellte sich dann heraus, dass der junge Berner im Nachbarort jenes Dorfes lebte, in dem mein Vater geboren war. Ich betrachtete dieses Erlebnis als einen Gruss meines Vaters von drüben. Über die Jahre habe ich noch viele solche Zeichen erhalten.

Keine Herztöne mehr

von Stephanie Hess

Als ich Daumen und Zeigefinger aufspannte, um zu messen, wie gross der Fötus bereits gewesen war – so gross wie eine Kirsche – kam die Traurigkeit. Dunkel und schwer floss sie in mich hinein. Zuvor hatte ich auf dem Untersuchungsstuhl gelegen und dabei zugesehen, wie die Frauenärztin mich mit dem Ultraschallgerät untersuchte. Sie schwieg, zu lang. Dann sagte sie: «Ich kann keinen Herzton finden.» Ich war in der 9. Woche, es war eine ungeplante Schwangerschaft. Ich hatte erst gehadert und mich dann doch gefreut. Ein paar Tage nach der Untersuchung fuhr ich ins Spital, wo der Fötus mit seinem nicht mehr pochenden Herzen aus meiner Gebärmutter herausgeschabt wurde. Mit mir im Zimmer lagen zwei andere Frauen, zwischen uns hellgelbe Vorhänge. Eine telefonierte und schluchzte. Ist das ein Tod, wenn da noch kein richtiges Leben war? Es fühlte sich so an. Ich verabschiedete mich vom kirschgrossen Fötus und von meinen Vorstellungen davon, wie mein, wie unser Leben hätte sein können. Ich verabschiedete mich vom tiefen kindlichen Wunsch, von dem ich gar nicht mehr wusste, dass er noch immer in mir sass: dass mein Leben vom Tod unberührt bleiben möge.

Dieser Text stammt aus der aktuellen annabelle-Sonderausgabe zum Thema Tod. Das Spezialheft ist am Kiosk erhältlich.

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