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Meinung: Warum Trychler nichts mit Freiheit zu tun haben

Politik

Meinung: Warum Trychler nichts mit Freiheit zu tun haben

Unsere Redaktorin Helene Aecherli hat vom Thema Pandemie die Nase voll. Erst recht gilt jetzt: Durchhalten, nicht durchdrehen!

Würde ich an die Kraft des Kosmos glauben, wäre dies die Bestätigung dafür gewesen: Ich brütete gerade über der Frage, ob es für mich ein Problem war, dass sich eine Kollegin, die ich an einem Dinner treffen würde, als ungeimpft geoutet hatte, da läutete mein Telefon. Am anderen Ende war eine Bekannte, die nach den üblichen Höflichkeitsfloskeln meinte, sie nehme eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft wahr. Eine Kluft zwischen Befürwortenden der Corona-Massnahmen, sprich der Impfung, und jenen, die – aus welchen Gründen auch immer – dagegen seien. Sie sorge sich um unsere Demokratie, sagte sie.

Ich antwortete, dass es mir genauso gehe. Gab unumwunden zu, dass ich die plakative Renitenz vieler Impfgegner:innen nicht nachvollziehen könne, und machte auch keinen Hehl daraus, dass ich die Aufmärsche der Freiheitstrychler als zutiefst bedrohlich empfände, da sie traditionelles Kulturgut mit einer ideologisierten Vorstellung von Freiheit und Heimatliebe verknüpften und sich anmassten, sich als «wahre» Stimmen der Schweiz in der Debatte Gehör zu verschaffen.

Meine Bekannte schwieg. Dann offenbarte sie mir, dass sie an einer Demonstration ebendieser Trychler teilgenommen hatte – aus Neugier, wie sie betonte, und «aus Liebe zur Schweiz», weil sie an ein anderes Narrativ glaube als an jenes, das von Wissenschaft, Politik und Leitmedien verbreitet würde. Und sie fragte mich, ob ich bereit wäre, mit ihr und ein paar Mitstreitenden zusammenzusitzen, um ihre Sicht der Dinge zu hören, aber auch, um meine Haltung darzulegen.

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Ich hätte ihr am liebsten «Fuck off!» in den Hörer geschrien

Ehrlich gesagt, ich hätte ihr am liebsten «Fuck off!» in den Hörer geschrien. Ich verspürte nicht die geringste Lust darauf, mich geduldig mit Denkweisen auseinanderzusetzen, die – meiner Ansicht nach – in einer Zeit der globalen Pandemie absolut nicht zielführend sind. Aber ich war auch wütend, weil ich mich ertappt fühlte. Und zwar dabei, wie ich drauf und dran war, meine eigenen Ansprüche zu verraten. Für gewöhnlich werde ich nämlich nicht müde, für eine Debattenkultur zu plädieren, die auf eine Pluralität der Meinungen setzt, die Nuancen fördert und auch Fragen und Momente des Zweifelns zulässt – gerade auch bei schwierigen Themen.

Das Gespräch in der Runde der Freiheitstrychlerin, das wusste ich, wäre da mein persönlicher Lackmustest. Aber mehr noch, ein Übungsfeld, um jene Grundfähigkeiten zu trainieren, die eine demokratische Gesellschaft vom Individuum abverlangt: hinhören, argumentieren, sich infrage stellen lassen. Das Essen mit meiner ungeimpften Kollegin würde in diesem Sinne ein Warm-up sein, insofern war der Anruf der Freiheitstrychlerin gerade richtig gekommen (eben, der Kosmos).

Ich werde mich also auf das Experiment einlassen – wenn auch nicht grenzenlos. Krude Verschwörungstheorien sind eine rote Linie. Zudem wird sich mein Unbehagen gegenüber Trycheln kaum mildern lassen. Denn die Glocken übertönen jegliche Zwischentöne und verunmöglichen damit die Diskussion, die sie eigentlich einfordern. Ob von ihren Trägern beabsichtigt oder nicht – sie sind für mich der Sound eines dekadenten Individualismus.

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Ulrich

Und, was kam dabei raus?