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Meinung: Warum wir dringend ändern müssen, wie wir reisen

Leben

Meinung: Warum wir dringend ändern müssen, wie wir reisen

Für einen Wochenendtrip nach Berlin fliegen? Toll fürs Gemüt, schlecht fürs Klima. Dass viele weitermachen wie eh und je, macht unsere Autorin Melanie Biedermann wütend. Sie fordert: «Wir müssen den Gürtel enger schnallen.»

Letztens fand ich mich in einer vertrauten und doch befremdlichen Situation wieder: ein Znacht unter Freunden. Unser Tischthema: Reisepläne. «Wir fliegen bald für eine Hochzeit nach Sizilien», sagt ein Paar. «Oh, schön!», tönt es entgegen. «Ich geh mit einem Kumpel nach Berlin.» Selbstredend im Flugzeug. «Cool!» Dann kommts: «Schon nicht so ideal mit dem Klimawandel, aber ja…» Ich koche innerlich, bleibe aber still.

Seit die coronabedingten Reiserestriktionen grossflächig purzeln, gehört Ferienplanung für viele von uns wieder zum Alltag. Mit ihr Kurzstreckenflüge für Wochenendtrips. Denn Fliegen ist bequem und oft günstiger als der Zug. Und wir lechzen nach Erholung und Abwechslung. Auch ich. Aber wir kommen nicht darum herum: Wie wir reisen, muss sich ändern.

Viele von uns schieben die Verantwortung ab

Laut aktuellstem UNO-Bericht leben derzeit 3,3 bis 3,6 Milliarden Menschen in höchst vulnerablen Klimagebieten, also nahezu die Hälfte der Erdbevölkerung. Der entsprechende Report schlägt konkrete Massnahmen vor, an Regierungen gerichtet, aber auch direkt an uns. Letzteres wird gern unter den Teppich gekehrt – und das ist es, was mich wütend macht: Dass viele von uns die Verantwortung abschieben und einfach weitermachen wie eh und je.

Reminder: Individuen haben Einfluss auf den Klimawandel! Und gar nicht mal wenig. Gemäss «The Jump», einer Initiative aus England, die Daten der Universität Leeds analysierte, beträgt er 25 bis 27 Prozent. Wenn man zusätzlich berücksichtigt, dass politische Prozesse und Systemwechsel viele Jahre in Anspruch nehmen – und ohne Druck der Öffentlichkeit oft wenig passiert –, sei der individuelle Einfluss weit grösser. Mich motivieren solche Zahlen.

«Eine Kurzstrecke alle drei, Langstrecke alle acht Jahre»

Zumal «The Jump» auch konkrete Lifestyle-Hacks vorschlägt. Beim Fliegen etwa: «Eine Kurzstrecke alle drei, Langstrecke alle acht Jahre». Ich musste schlucken, als ich das las, immerhin sass ich im letzten Jahr selber für einen Familienbesuch im Flieger. Na gut, dachte ich, das wars für eine Weile.

Dann sagte mein Freund etwas, das mir ebenfalls nahe ging: «Wenn ich mich daran halte, sehe ich meine Eltern vielleicht noch ein, zwei Mal in meinem Leben.» Er ist Neuseeländisch-britischer Doppelbürger, in Schottland geboren, seine Familie lebt in Auckland, er fühlt sich aber in London, wo auch ich seit fünf Jahren wohne, daheim.

Es braucht Disziplin, klimaschonend zu leben

Fakt ist: Migration ist Teil der heutigen Weltordnung und der Klimawandel wird sie weiter vorantreiben. Fakt ist auch: Unsere moderne Welt stellt klimaneutralem Verhalten unendlich viele Hürden. Es braucht Disziplin, klimaschonend zu leben. Die Augen davor zu verschliessen, kann natürlich trotzdem nicht die Lösung sein. Das wäre nicht nur egoistisch, sondern schlichtweg dumm und fahrlässig.

Warum sag ich also nichts, wenn an Abenden wie dem oben beschriebenen die Wut aufkommt? Diskussionen ums Klima gleichen oft jenen zum Krieg: Sie bringen keine wirkliche Lösung, aber schlechte Stimmung. Beim Klima seh ich allerdings Hoffnung, denn wenn ich mich ausserhalb grosser Runden mit Leuten unterhalte, wird oft klar, dass die meisten gern mehr tun wollen, aber nicht wissen, wo anfangen; vom Aktivismus fühlen sie sich eingeschüchtert, von der Politik im Stich gelassen.

Wir müssen darüber sprechen, was unser individuelles Handeln wirklich nützt

Das führt mich zurück zum Ursprungsgedanken: Wir müssen dringend darüber sprechen, was unser individuelles Handeln denn nun wirklich nützt oder schadet. Im «Oxford Flying Less Podcast» hörte ich von Klimabudgets: Man müsse Klimakosten budgetieren wie Gelder, meint Dr. Matt Watson, Dozent für Humangeographie an der Universität Sheffield. Heisst: Wir müssen klimaschädliches Verhalten in Zahlen messen und ein Limit setzen, das sich am Klimaziel orientiert.

Auch «The Jump» argumentiert so: Wer nicht komplett aufs Fliegen verzichten kann oder will, soll in anderen Bereichen ausgleichen, etwa bei der Ernährung («möglichst vegan, gesunde Portionen, möglichst nichts verschwenden»), beim Kleiderkauf («maximal drei neue Kleidungsstücke pro Jahr») oder im Energieverbrauch («zu einem grünen Anbieter wechseln»). Insgesamt schlägt die Initiative sechs Lifestyle-Hacks vor.

Klimaflüchtende sind kein Zukunftsszenario

Wenn ich in meinem Umfeld von diesem Modell erzähle, höre ich oft Dinge wie: «Ja, logisch! Wenn ich wüsste, wie stark ein Flug oder ein Steak aufs Klima schlägt, wärs so viel einfacher.» In vielen Fällen kennen wir die konkreten Klimakosten individueller Handlungen noch nicht, aber klar ist: Wir müssen den Gürtel enger schnallen. Mit Leitlinien vertrauenswürdiger Quellen wie «The Jump» können wir durchaus haushalten und zwar schon jetzt.

An der Stelle ein weiterer Reminder: Klimaflüchtende sind kein Zukunftsszenario, in Asien und Afrika sind sie bereits Alltag. Wir sehen diese Krise kommen und wir wissen, wie wir sie abfedern können. Dazu müssen wir nicht einmal verzichten, sondern einfach bewusster mit unseren Ressourcen umgehen. Ich denke dabei an Diäten: Wer abnehmen will, zählt Kalorien, rationiert die Sünden für ganz besondere Momente. Wir haben die Wahl. Ich hoffe, wir entscheiden uns für das lebenswertere Leben.

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Melanie Biedermann (36) ist Kulturredaktorin bei annabelle und lebt «zu 90 Prozent» vegan. Ihre Familie besucht sie nur noch mit dem Zug.

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Othmar Iten

Wieso WIR.Es gibt viele andere Sachen die man abstellen muss als uns EINSCHRAENCKEN.Zum Beispiel die vielen Lastwagenfahrten über die Alpen.

nina coo

Vielen Dank für diesen Text!! Ich hoffe, er erreicht möglichst viele Personen und lässt die eine oder den anderen nachdenken.