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«Ni Una Menos»-Aktivistinnen: «Es darf keine Utopie sein, dass es keine Feminizide mehr gibt»

Politik

«Ni Una Menos»-Aktivistinnen: «Es darf keine Utopie sein, dass es keine Feminizide mehr gibt»

Die Aktivist:innen von «Ni Una Menos» in Zürich kämpfen gegen die Ermordung von Frauen. Wir haben mit zwei Vertreterinnen über politisches Versagen, gesellschaftlichen Wandel und die Kraft des Kollektivs gesprochen.

Inhaltshinweis: Psychische und physische Gewalt

Redaktioneller Hinweis: Die beiden Gesprächspartnerinnen möchten nur ihre Vornamen bekanntgeben.

 

Was bedeutet «Ni una menos»?
Stine: «Ni una menos» heisst wortwörtlich aus dem Spanischen übersetzt «nicht eine weniger». Das kann man so verstehen: Es soll nicht noch eine weitere Frau ermordet werden. Wir haben den Namen behalten als Anerkennung des weltweiten Kampfes unserer Compañeras – die Bewegung startete ja ursprünglich in Argentinien.

Was motiviert Sie, bei «Ni Una Menos» mitzuwirken?
Nekane: Ich war persönlich auch von patriarchaler Gewalt betroffen und bin Überlebende sexualisierter Folter. Zur Zeit des feministischen Streiks vor vier Jahren habe ich realisiert, dass die Menschen vielerorts nach einem Feminizid auf die Strasse gehen – in der Schweiz aber damals noch nicht. Im Zuge des Streiks haben wir dann mit unseren Protesten angefangen.

In den letzten Jahren etablierte sich langsam der Begriff «Femizid», Sie verwenden jedoch «Feminizid». Welchen Unterschied machen Sie zwischen den beiden Begriffen?
Nekane: «Femizid» bedeutet laut Duden «Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts». In Südamerika wandelte sich der Begriff aber zu «Feminizid». «Femicidio» ist auf Spanisch quasi gleichbedeutend wie «homicidio», was als Begriff alle Morde umfasst – unabhängig vom Motiv. Der Begriff «Feminizid» schliesst zudem die gesellschaftlichen Machtverhältnisse und die staatliche Mitverantwortung mit ein.

Wie wurden Sie auf «Ni Una Menos» aufmerksam?
Stine: Ich hatte die Mahnwachen auf dem «Ni Una Menos»-Platz (dem Helvetiaplatz in Zürich, den Aktivist:innen 2019 nach einer feministischen Protestaktion in «Ni Una Menos»-Platz umbenannten, Anm. der Redaktion) besucht und stiess daraufhin zum Kollektiv, da ich den Kampf gegen Feminizide sehr wichtig finde.

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«Wir setzen kollektiv ein Zeichen gegen das Vergessen der Ermordeten»

Nekane

Nekane: Wenn in der Schweiz ein Feminizid passiert ist, versammeln wir uns am darauffolgenden Donnerstag zur kollektiven Trauer. Da kommen auch Frauen, die einen versuchten Feminizid überlebt haben und das dort verarbeiten oder sich mit uns austauschen wollen. Wir setzen kollektiv ein Zeichen gegen das Vergessen der Ermordeten.

Wie kann ich mir diese Mahnwachen konkret vorstellen?
Stine: Wir haben Transparente dabei, Kerzen, ein Schild mit vorhandenen Angaben des Feminizids. Meist halten wir eine kurze Rede, in der wir der ermordeten Frau gedenken und klarmachen, dass es sich hier um strukturelle Gewalt handelt und nicht um einen Einzelfall. Dann singen wir das mexikanische Lied «Canción sin miedo» («Lied ohne Furcht»).

Nekane: Das Lied signalisiert: Gewalt ist Teil der Realität. Es macht die Systematik von Feminiziden sichtbar. Aber auch, dass es Flinta gibt, die aufstehen und dagegen kämpfen. Für uns ist es motivierend, zusammen zu singen. Aber man kann auch einfach mit seiner Präsenz mitmachen. Schon da zu sein, ist ein Akt gegen Gewalt.

Wie oft geschehen hierzulande Morde an Frauen?
Nekane: In der Schweiz wird durchschnittlich alle zwei bis drei Wochen ein Feminizid verübt. Dieses Jahr sind es bereits 18 uns bekannte Fälle. Man kann daraus mögliche Auswirkungen des gesellschaftlichen Klimas ablesen. Regierungen rutschen tendenziell nach rechts bei Krisen. Dadurch wächst die Gewalt an Frauen, queeren Menschen und Kindern, da ihre Rechte in Gefahr geraten.

Stine: Wir müssen auch von einer Dunkelziffer ausgehen. Denn wir recherchieren die Zahlen aus den Berichterstattungen, sie sind also nicht vollständig. Die Schweiz führt keine offizielle Statistik dazu.

Woran liegt es, dass es hierzulande keine offizielle Feminizid-Statistik gibt?
Stine: Weil Frauen abgewertet werden. Dadurch fehlt das Interesse. Und um das zu ändern, braucht es politische Entscheide. Die staatlichen Institutionen sind Teil der patriarchalen Strukturen, Teil des Problems. Doch diejenigen, die sich in diesem System bewegen, tun nichts dagegen – sie behandeln Feminizide wie ein privates Problem.

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«Gewalt an Frauen wird oft pathologisiert»

Stine

Wie wird das argumentiert?
Stine: Dass der Begriff «Femizid», respektive «Feminizid», juristisch gar nicht existiere. Die Forderung, das zu ändern, um die Morde auch statistisch erfassen zu können, wird vonseiten der Behörden immer wieder abgewiesen. Denn das bräuchte ja Mittel, die nicht gesprochen werden.

Nekane: Dafür müsste sich das System grundlegend ändern. Denn Feminizide sind nicht Privatsache, ihnen liegen politische Entscheidungen zugrunde.

Inwiefern?
Stine: Gewalt an Frauen wird oft pathologisiert. Man weiss von gewalttätigen Männern, versucht ihr Tun aber mit Alkoholismus oder anderem zu begründen. Ich dachte früher auch: «Warum geht die Frau denn nicht einfach?» Antworten darauf fand ich erst, als ich feministisch aktiv wurde.

Nekane: Zudem stellen wir als Aktivist:innen die Frage «Warum ist das passiert?» über die Frage «Wie ist das passiert?».

Braucht es mehr präventive Arbeit, um gegen Feminizide anzukämpfen?
Nekane: Es muss eher ein breiteres Bewusstsein geschaffen werden, das Frauen signalisiert, dass sie nicht alleine sind. Dass Betroffene eine Masse an Unterstützer:innen im Rücken haben. Man muss über toxische Männlichkeit diskutieren, über die finanzielle und emotionale Belastung von Eltern in unserem System. Es braucht zudem sichere Räume für Austausch – gerade für Überlebende von Gewalt. Räume, in denen sie nicht infrage gestellt werden, sondern in denen aus diesen Erfahrungen ein kollektiver Kampf entsteht.

Oft scheint es auch in den Berichterstattungen, das Thema sei sehr weit weg, betreffe nur Einzelne.
Nekane: Genau, doch Feminizide betreffen uns alle. Sie sind lediglich die Spitze des Eisbergs patriarchaler Gewalt. Wir müssen alle bestrebt sein, Feminizide zu vermeiden. Wer nichts tut, macht sich zur Komplizin oder zum Komplizen. Wir wollen dieses Verständnis wecken und einen gesellschaftlichen Druck aufbauen, damit Täter im Fokus stehen – statt die Glaubwürdigkeit der Frauen infrage zu stellen und ihnen eine Mitschuld zu geben.

«Wenn eine Person erniedrigt wird, braucht es oft nur kleine Signale, die zu verstehen geben: Du bist nicht allein»

Nekane

Was kann jede:r Einzelne tun, wenn er:sie vermutet, im Umfeld könnte eine Frau von Gewalt betroffen sein?
Nekane: Aufmerksam sein. In den Berichterstattungen über Feminizide liest man immer wieder von Gewaltspiralen, dass im Umfeld vermutet oder sogar bemerkt wurde, dass etwas nicht gut läuft. Oft gibt es im Familienumfeld auch Kinder – da meint man, diese mit Schweigen zu schützen, und tut damit das Gegenteil. Wenn eine Person erniedrigt wird, braucht es oft nur kleine Signale, die zeigen, dass ihr Leid nicht unbemerkt ist: zum Beispiel an die Türe klopfen gehen und fragen, ob alles in Ordnung ist. Im öffentlichen Raum Kontakt aufnehmen. Ganz einfach signalisieren: Du bist nicht allein.

Was ist Ihre konkrete Forderung für die Zukunft?
Beide: Dass wir nicht mehr auf den «Ni Una Menos»-Platz müssen. Das ist unser Ziel.

Ist das utopisch?
Nekane: Es darf keine Utopie sein, dass es irgendwann keine Feminizide mehr gibt. Das muss irgendwann aufhören. Dafür braucht es grosse gesellschaftliche Änderungen – doch bis dahin leisten wir weiterhin Widerstand im öffentlichen Raum, um alle zu erreichen. Schon jetzt sehe ich, dass wir in der breiten Gesellschaft immer mehr Unterstützung erhalten im Kampf gegen diese Ermordungen. Dass Menschen realisieren, dass sie etwas dagegen tun können. Das wünsche ich mir: dass wir als Gesellschaft aufhören zu schweigen.

Du bist Opfer häuslicher Gewalt oder hast Angst, dass es bald so weit kommen könnte? Hier findest du Hilfe.

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