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Darf man Kinder auf den roten Teppich mitnehmen?

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Darf man Kinder auf den roten Teppich mitnehmen?

Victoria Monét hat es bei den Grammys getan. Beyoncé auch. Und die Kardashians tun es dauernd. Sie alle bringen ihre Kinder ganz selbstverständlich mit auf den roten Teppich. Editor-at-Large Jacqueline Krause-Blouin fragt sich: Gehören die Kleinen ins Blitzlichtgewitter?

An der Grammy-Verleihung vergangenen Sonntag sorgte «Best New Artist» Victoria Monét für Aufregung, weil sie ihre zweijährige Tochter Hazel mit auf den roten Teppich nahm. Und schon sind wir – mal wieder – mittendrin in der Debatte darum, ob man nun Minderjährige auf so ein Fest der Eitelkeiten mitnehmen darf oder nicht.

Angesichts der Tatsache, dass man als Mutter schon geshamed wird, wenn man seine Kinder mit in ein Restaurant nimmt, das keine Skihütte oder McDonald’s ist (wobei man da wiederum aus anderen Gründen geshamed wird), dürfte die öffentliche Meinung ziemlich klar sein: Nein. Kinder gehören ins Kinderzimmer. Dorthin, wo das non-toxische Holzspielzeug ist.

Aber die Sache ist doch etwas komplexer. An den Grammys waren nicht nur die kleine Hazel, sondern auch Della Rose (8) und Remy Anne (6), die Töchter von Billy Joel, Kelly Clarksons Sohn Remington (7) und natürlich Blue Ivy (12), die Tochter von Jay Z und Beyoncé, mit von der Partie.

Und hier in den USA ist man sich weitgehend einig: «It’s the cutest thing ever!» – man findet die Mini-Mes entzückend. Aber hier wird auch das perfekte Familienbild zelebriert wie noch in den Fünfzigerjahren. Zudem gibt es hier auch Misswahlen für Dreijährige.

Ich bin sehr dafür, Elternschaft zu normalisieren und Kinder nicht zu verstecken, und ich möchte Kinder auch nicht nur auf Spielplätzen zu Gesicht bekommen. Ausserdem gilt natürlich: Alle Eltern machen das, was sie für richtig halten. Während eines kurzen Auftritts an einer Diskussionsrunde habe ich sogar selbst schon mein Baby im Tragetuch mit auf die Bühne genommen. Da war Vereinbarkeit allerdings auch Thema des Panels und ich hatte einen Plan B – hätte das Kind keine Lust gehabt oder gar geweint, stand mein Mann hinter der Bühne bereit, um die Kleine sicher nach Hause zu bringen.

Victoria Monéts Mann war auch auf dem Grammy-Teppich und hielt Hazel im Arm. Als das Kind allerdings anfing zu weinen, einen Trotzanfall hatte, partout nicht wie geplant lächeln wollte und selbst die Bestechungsgummibärchen (we’ve all been there!) nicht mehr halfen, tat der Mann nichts. Er blieb bedröppelt stehen und stopfte sich die Gummibärchen selbst in den Mund, schaute fragend bis genervt zu seiner Frau, die immer wieder vergeblich versuchte, das Kind zu einem Foto zu überreden. Das erinnert an das Chaos um die kleine, weinende Frances Bean, das Kurt Cobain und Courtney Love bei den MTV Music Awards 1993 auslösten.

Die kleine Hazel Monét hatte technisch gesehen übrigens durchaus ihre Berechtigung, auf der Grammy-Verleihung aufzutauchen – sie war nämlich als jüngste Künstlerin überhaupt für einen Preis nominiert, weil Mama sie auf ihrem Album gefeatured hatte. Der Titel des Songs? Passenderweise «Hollywood». Und hier ist ja bekanntlich nichts normal.

Aber was ist überhaupt normal? Wenn deine Mama Beyoncé ist, ist so eine Awardshow vermutlich so spektakulär wie für andere Tante Trudis Geburtstagsfeier. Trotzdem, der rote Teppich der Grammys ist einer der verrücktesten der Welt, man hat es nicht mit ein paar wenigen Fotograf:innen zu tun, sondern mit einer Wand aus Blitzlichtgewitter, Geschrei von allen Seiten und grellen Scheinwerfern.

Das ist sogar für Erwachsene eine einschüchternde Erfahrung. Selbst wenn das Kind also riesige Lust hat, mit Mami Verkleiden zu spielen – was durchaus sein kann, sehr vielen Kindern macht das Spass –, liegt es nicht in der Verantwortung der Eltern, die Kids vor so einer Atmosphäre zu schützen? Sie können schliesslich nicht selbst einschätzen, was sie erwartet.

«Wenn deine Mama Beyoncé ist, ist so eine Awardshow vermutlich so spektakulär wie für andere Tante Trudis Geburtstagsfeier»

Am meisten stört mich an der ganzen Sache die Idee eines perfekt trainierten Mini-Mes. Muss ein Kind wirklich eine kleine Version meiner selbst sein? Weil ich so unfassbar toll bin, dass es zwei von mir geben muss? «Twinning» heisst das dann. Monét hüllte sich und ihre Tochter in feinste, goldene Seide von Atelier Versace. Beyoncé hat es bereits getan, die Kardashians selbstredend und schon vor viel längerer Zeit auch Demi Moore. Erst kürzlich besuchte Kylie Jenners Tochter Stormi mit Mama die Couture-Schauen in Paris. Bei Valentino tauchten sie zusammen in einem Albtraum aus schwarzen Marabu-Federn auf.

In Jenners Fall steckt aber natürlich auch das Geschäft dahinter, sie bringt bald ihre eigene Modekollektion heraus. «Ich habe Stormi Mini-Versionen der Stücke aus unserer ersten Kollektion gemacht», sagte sie stolz im Interview mit «Elle». Das Business, genau! Natürlich weiss auch Victoria Monét, dass ihr dank des Kindes die Aufmerksamkeit der Fotograf:innen sicher ist. Aber auch wenn es um Stil geht, sollten Kinder ihren eigenen Weg finden dürfen, ihre Individualität und ihren eigenen Geschmack, und nicht einfach Mami kopieren müssen. Ich gebe zu, wenn wieder einmal absolut gar nichts zusammenpasst, ist das mitunter schwer auszuhalten.

Mein Fazit also: Das Kindesalter ist sicher ein entscheidender Faktor. Blue Ivy ist zwölf Jahre alt, sie kann so ein Event mittlerweile anders einordnen – obwohl auch sie aussah, als ob sie sich maximal unwohl fühlte, während sie so neben ihrem Vater Jay Z auf der Bühne stand.

Und wie immer im Leben kommt es auf das Wie an. Ich kann verstehen, dass Monét diesen grössten Moment ihrer Karriere mit ihrer Familie feiern wollte, und es ist natürlich ein Wahnsinnsbild fürs Familienalbum. Man muss sich trotzdem fragen: Profitiert eine Zweijährige davon? Oder schadet es ihr gar? Muss sie wirklich derart aufgestylt werden? Und selbst wenn – sobald das Kind, wie Hazel, ganz klar signalisiert, dass es sich unwohl fühlt, sollte das respektiert werden.

Wir sind mittlerweile so sehr auf die Bedürfnisse von Kindern fokussiert, dass wir vergessen, dass es manchmal auch okay ist, wenn ein Kind mal nicht die Zeit seines Lebens hat, ihm vielleicht langweilig ist und es beleidigt ist, weil es lieber im Matsch spielen würde. Es gehört zum Leben, dass sich nicht immer alles nur um sie dreht.

Aber so ein Red-Carpet-Event ist kein Museumsbesuch. Und es gibt einen Grund, warum es heute kaum noch Kinderstars gibt, wie früher Shirley Temple und später Drew Barrymore oder Macaulay Culkin. Wir haben begriffen, dass das Showbusiness kleinen Menschen auf Dauer nicht guttut (grossen womöglich auch nicht, aber das besprechen wir ein andermal).

«Kinder dürfen niemals zum Accessoire werden»

Kinder sollen überall dabei sein dürfen, auch ruhig mal in einer vermeintlich nicht kindgerechten Umgebung (wobei die Definition davon sehr subjektiv ist), und es darf auch mal Ausnahmen vom Alltag geben. Vorausgesetzt, die Kids fühlen sich einigermassen wohl und sicher.

Und auch wenn sie noch so süss und wir noch so stolz auf sie sind – Kinder dürfen niemals zum Accessoire werden. Vielleicht hätte Victoria Monét auch selbst den Abend mehr geniessen können, wenn sie sich ganz auf sich und ihren Erfolg konzentriert hätte. Es wäre für alle Beteiligten vermutlich besser gewesen.

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