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Privatschulen, Erbe & Co: Was wir über Klassismus wissen sollten

Politik

Privatschulen, Erbe & Co: Was wir über Klassismus wissen sollten

  • Text: Marah Rikli
  • Bild: 2021 Mario Perez / Home Box Office, Inc. All rights reserved. / Sky

2022 wurden in der Schweiz 90 Milliarden Franken vererbt – und doch tun wir so, als hätten alle Menschen dieselben Chancen im Leben. Ein Gespräch mit Kulturanthropolog:in Francis Seeck über Klassismus und soziale Ungerechtigkeit.

annabelle: Francis Seeck, in Ihrem Buch «Zugang verwehrt – keine Chance in der Klassengesellschaft» schildern Sie, wie Klassismus und Klassendenken unsere Gesellschaft prägen. Werden mit Rassismus, Sexismus oder Ableismus nicht schon genügend Diskriminierungsformen benannt?
Francis Seeck: Klassismus lässt sich nicht einfach ignorieren. Einerseits geht die Diskriminierung aufgrund der Klassenherkunft und -position oft mit anderen Formen der Diskriminierung einher. Andererseits ist es eine Diskriminierungsform, die viele Menschen in unserer Gesellschaft betrifft und sich durch alle Lebensbereiche zieht. Wir leben in einer Gesellschaft, die so tut, als gäbe es keine Klassen mehr – dabei zählt unsere Klassenherkunft vom ersten Atemzug an.

Viele denken bei den Begriffen Klasse und Klassismus an Arbeiter:innen aus dem Bergbau, dem Metallbau oder der Automobil-Industrie.
Anders als in unserer althergebrachten Vorstellung ist die «Arbeiterklasse» nicht nur weiss und männlich, sie umfasst auch weibliche Reinigungskräfte, Paketzusteller:innen oder das Pflegepersonal. Wichtig ist, dass der Begriff Klasse erst einmal die soziale Position benennt, die eine Person oder eine Berufsgruppe in der Gesellschaft einnimmt. Die Diskriminierung aufgrund von Klassenposition und -herkunft wird im Begriff Klassismus zusammengefasst.

Ist der Begriff der Klasse nicht veraltet?
Die Soziologin Chantal Jaquet hat gesagt: Wer den Klassenkampf für überholt hält, gehört der herrschenden Klasse an. Studien zeigen, dass die Klassenherkunft nach wie vor entscheidend ist für die beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten. So kann bereits die Wahl des Vornamens beeinflussen, ob man zum Bewerbungsgespräch eingeladen wird oder nicht.

Warum?
Weil Vornamen oft mit Vorurteilen behaftet sind: Menschen, die Kevin oder Chantal heissen, gelten als dumm und faul. Die Vorurteile sind so gross, dass es dafür sogar einen Begriff gibt: Kevinismus. Auch arabische oder türkische Namen werden aufgrund rassistischer Vorurteile häufig der Arbeiter- oder Armutsklasse zugeordnet.

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«Bildungschancen sollten nicht vom Vermögen abhängen»

Meine Geschwister und ich haben als Kind oft Hochdeutsch gesprochen und uns ganz «edel» bewegt, wenn wir «reiche Damen» spielten.
Die Verinnerlichung von Klasse beginnt sehr früh. Wie man sich je nach Klasse bewegt, erlernen wir oft unbewusst. Früh lernt man auch, wie man spricht und in welchen Räumen man dazugehört. Kinder aus den oberen Klassen erhalten zum Beispiel eher Ballettunterricht. Klassismus zieht sich auch durch alle Bildungsbereiche: Es gibt viele Studien, die belegen, dass Lehrpersonen Kinder aus akademischen Elternhäusern eher für das Gymnasium empfehlen als Schüler:innen aus Arbeiterfamilien und einkommensarmen Familien.

Wie könnte das Bildungssystem gerechter werden?
Erzieher:innen und Lehrer:innen sollten sich bereits in ihrer Ausbildung damit auseinandersetzen und lernen, klassistische Denkweisen zu hinterfragen: Wer bestimmt zum Beispiel darüber, was Bildung ist? Wer kann es sich leisten, Diplome zu erreichen? Wer kommt aufs Gymnasium? Wer kann die Prüfungsvorbereitung und den Nachhilfeunterricht zahlen? Bildungschancen sollten nicht vom Vermögen abhängen. Eine flächendeckende Schulreform und eine Abschaffung von Privatschulen wären wirkungsvolle Mittel, damit keine Unterteilung mehr in Privat- und Volksschulen stattfände.

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«Soziale Unterschiede verstärken sich, die Ungleichheit wächst»

Der Beginn der Corona-Pandemie machte für viele die Klassenunterschiede sichtbarer und auch spür- barer. Medien berichteten oft über Themen wie Armut oder Privilegien. Das ist doch positiv?
Die Berichte waren oft klassistisch. Immer wieder war von sogenannten Brennpunkten die Rede, wo die Corona-Regeln missachtet würden und seit dem Lockdown mehr Gewaltbereitschaft herrsche. In welchem Ausmass hier die Wohnverhältnisse eine Rolle spielten, erhielt hingegen wenig Beachtung. Zudem war oft zu lesen, dass Menschen aus armen Verhältnissen oder mit Migrationshintergrund häufiger an Corona erkrankten und dadurch die Intensivstationen belegten. Die komplexen Gründe dafür wurden aber kaum analysiert. Einkommensarme Menschen suchen zum Beispiel aus Kostengründen Arztpraxen später auf oder arbeiten oft in Berufen, in denen sie mehr Risiken ausgesetzt sind.

Sie sagen, es gibt viele weitere klassistische Narrative. Zum Beispiel?
Dass einkommensarme Menschen mehr Alkohol trinken und Drogen konsumieren oder dass sie weniger umweltbewusst seien, weil sie sich kein Bio-Fleisch oder Bio-Gemüse, keine nachhaltige Kleidung oder kein Bio-Retreat leisten können. Dabei ist der ökologische Fussabdruck von Menschen mit wenig Geld im Durchschnitt tief. Wie eine Oxfam-Studie zeigt, verursachen die reichsten zehn Prozent der Menschheit dreissig Mal mehr klimaschädliche Treibhausgase als der Rest. Sie können es sich leisten, viel zu fliegen, leben in grösseren Wohnräumen und konsumieren generell mehr.

Welches sind die Folgen von Klassismus?
Klassismus führt dazu, dass einkommensarme Menschen durchschnittlich zehn Jahre früher sterben als reiche. Ausserdem sind sie von politischer, kultureller und sozialer Teilhabe ausgeschlossen. Soziale Unterschiede verstärken sich, die Ungleichheit wächst. Das ist gefährlich für eine Gesellschaft.

«Reichtum entsteht heute weniger durch eigene Lohnarbeit, sondern durch Erbschaft»

Inwiefern?
Viele arme Menschen schämen sich und haben Schuldgefühle, was die Psyche belastet und langfristig krank macht. Klassismus führt auch dazu, dass Menschen Gewalt erleben. Erst letztes Jahr prügelte in Zürich ein damals 20-jähriger Passant einen obdachlosen Mann zu Tode. Wegen Klassismus im Bildungssystem ist es schwer, seine Klasse zu überwinden. Dennoch sprechen wir von der sogenannten Leistungsgesellschaft. Tatsache ist jedoch, dass Reichtum heute weniger durch eigene Lohnarbeit entsteht, sondern durch Erbschaft. Wir leben in einer Erbengesellschaft, allein im letzten Jahr wurden in der Schweiz 90 Milliarden Franken vererbt.

Sie sprechen in Ihrem Buch auch vom kulturellen und sozialen Kapital. Was ist damit gemeint?
Der Soziologe Pierre Bourdieu beschrieb in den 1980er-Jahren, dass es bei Klasse um den Zugang zu verschiedenen Formen von Kapital geht. Eines davon ist das kulturelle; etwa ein volles Bücherregal, ein Musikinstrument oder Gemälde. Diese Objekte werden in unserer Gesellschaft bewertet und einer Klasse zugeordnet. Dasselbe gilt für kulturelle Praktiken. Es macht einen Unterschied, ob ich als Kind Cello oder Blockflöte gelernt habe; klassische Musik und Oper werden anders hierarchisiert als Schlager. Kulturelles Kapital kann in Institutionen erworben werden, doch viele können sich so ein Studium kaum leisten. Das soziale Kapital ist das Vitamin B, der Zugang zu wichtigen Personen und Netzwerken. Zudem gibt es das symbolische Kapital.

Und das wäre?
Ein Adelstitel oder eine Wohnadresse in einem Prestige-Quartier. All diese Kapitalarten gehen ineinander über: eine reiche Familie kann ihre Kinder auf eine Privatschule schicken, wo diese mächtige Netzwerke aufbauen können. Klassismus beschreibt, wie Menschen von Ressourcen und dadurch von Macht und Anerkennung abgeschnitten sind.

«Wer arm geboren wird, bleibt meistens arm»

Sind Sie nicht der beste Beweis dafür, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben und jeder Mensch sein Glück selber schmieden kann?
Im Gegenteil, ich bin damit statistisch gesehen eine Ausnahme. Schon in der Schule sagten Lehrer:innen zu uns: Aus euch wird doch eh nichts. Um sich davon nicht entmutigen zu lassen, waren Personen wichtig, die solidarisch gehandelt haben und mir über eine Stufe geholfen haben. Es ist falsch, von einer Leistungsgesellschaft zu sprechen und damit zu sagen, jeder Mensch könne reich werden. Eine OECD-Studie betont: Wer arm geboren wird, bleibt meistens arm, wer reich geboren wird, bleibt reich.

Wie lässt sich das ändern?
Indem man bei sich anfängt: Wo denke und handle ich klassistisch? Wir können Menschen fördern, die nicht aus Akademiker:innenfamilien kommen. Journalist:innen können auf klassistische Berichterstattung verzichten und Armutsbetroffene zu Wort kommen lassen. Zudem müssen wir uns für eine Erhöhung des Mindestlohns und eine gerechtere Besteuerung von Erbschaften und Vermögen einsetzen.

Francis Seeck ist Sozialwissenschafter:in und Kulturanthropolog:in. Als Kind einer alleinerziehenden, erwerbslosen Mutter erlebte Seeck früh die Auswirkungen der Klassengesellschaft. Heute forscht und lehrt Seeck zu Klassismus und sozialer Gerechtigkeit. 2022 erschien das Buch «Zugang verwehrt» (ca. 14 Franken).

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Julie B.

Ich weiß, dass Francis Seeck in Berlin lebt und eine andere Sichtweise auf bestimmte Berufe hat als viele Schweizerinnen und Schweizer. Dennoch ist dies eine Schweizer Zeitschrift. Ich finde es bedenklich, dass Annabelle eine so undifferenzierte Antwort veröffentlicht, die das Ansehen der Pflegepersonen weiter herabsetzt. Anders als in Deutschland sind die Schweizer Pflegefachkräfte hoch qualifiziert. Im französischsprachigen Teil müssen alle Pflegefachkräfte mindestens einen Bachelor-Abschluss haben. Viele studieren anschließend an der Universität Lausanne und machen ihren Master und sogar ihren Doktortitel. In der deutschsprachigen Schweiz haben viele Pflegefachkräfte ebenfalls einen Bachelor-Abschluss. Danach erwerben viele auch einen Master of Science entweder an einer Fachhochschule oder an einer Universität (z.B. Universität Basel). Alle Pflegepersonell mit Reinigungspersonell, die zwar eine sehr wichtige, aber überhaupt nicht akademische Tätigkeit ausüben, in einen Topf zu werfen, untermauert das Narrativ, Pflegefachkräfte seien reine Hilfsarbeiter. Natürlich gibt es auch Nicht-Akademiker, die in der Pflege arbeiten, aber man sollte eine Differenzierung vornehmen, bevor man das gesamte Pflegepersonal als Arbeiterklasse betrachtet. Von Annabelle hatte ich mehr erwartet.

Martina

Grundsätzlich: Die fortschreitende Akademisierung von Berufen ist nicht per se positiv zu werten. Und weiter: Es gibt eine hohe Anzahl von Pflegenden (vor allem in Altersheimen), die nicht mal einen FaGe-Abschluss haben. Diese Menschen sind oft von Armut und Klassizismus betroffen. Spannend ist der Reflex, sich von der Arbeiter*innenklasse abgrenzen zu wollen. Was untermauert, dass das gesellschaftliche Stigma durchaus existiert.

Last edited 10 months ago by Martina
KevinChantal ;-)

Klassifizierung … geht es heute eigentlich noch ohne, ist es nicht gar ein gesellschafftlicher Wille, schlimmer als früher, seiner eigenen Klasse anzugehören, sich aus der Masse selbst mit einer kleinen exklusiven Gruppe emporzuheben ?
Platt ausgedrückt bedeutet keine Klassifizierung alles in einen Topf zu werfen, umzurühren und gleich zu machen. Doch sind wir auch Individuen. Ich beobachte mit Zunahme der gesellschaftlichen Strömungen und Diversifizierung, der lautstarken, zu Recht oder Unrecht empörten ‘Minderheiten von XYZ’, das genaue Gegenteil. Es entstehen immer mehr Klassen, immer mehr Kleinstgruppen, die sich unterdrückt und mißverstanden fühlen, sich nicht dem großen und ganzen (klassenloser Mainstream) zugehörig, sondern anders, speziell fühlen oder sein wollen.
Es scheint mir viel mehr das gesellschaftliche Ziel zu sein, dass jedweder*innen ein exklusives Alleinstellungsmerkmal braucht, um zu einer imaginären Auswahl oder Elite zu gehören, von dem er/sie/es sich abhebt und von dem Podest er/sie/es belächelnd, moralisch so überlegen, von oben auf alles andere herabschauen kann.

PS: Ich bitte um Entschuldigung für den kleinen ironischen Seitenhieb im letzten Satz, klassenlos wollte ich es auf alle beziehen, nicht nur reduziert auf eine gebräuchliche, maskuline Schreibweise. 😉