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Sarah Akanji über EM-Finale: «Das sind keine Fans, sondern Rassist:innen»

Leben

Sarah Akanji über EM-Finale: «Das sind keine Fans, sondern Rassist:innen»

  • Text: Sarah Akanji
  • Bild: Vera Hartmann

Sarah Akanji ist Aktivistin, Politikerin und Fussballerin. Die rassistischen Gewalttaten nach dem EM-Finale haben sie schockiert. Das Problem ist aber nicht der Fussball, schreibt Akanji in ihrem Essay für annabelle.

Als ich realisierte, was gerade passiert war, wirbelte es in meinem Kopf. Zuerst dachte ich voller Mitleid: «Oh nein, sie sind noch so jung» – und kurz darauf: «Shit, sie sind alle drei Schwarz»! Und da ahnte ich schon, was passieren würde. Wir sprechen vom letzten Sonntagabend. Italien gewann im Penaltyschiessen gegen England. Italien verschoss zwei Mal, England drei Mal.

Es ist die Hautfarbe. Nur einige Sekunden, nachdem Saka den Ball nicht einnetzen konnte und die Italiener als Sieger zu ihrem Torhüter stürmten, war mir klar, dass die drei verschossenen Penalties der Engländer auf die Hautfarbe der Spieler zurückgeführt werden würden. Dass es hässlich werden würde. Das Ausmass, welches es dann aber annahm, schockierte mich. Nicht, weil solche Vorfälle total neu sind. Sondern weil es mich jedes Mal aufs Neue schockiert, wie Menschen öffentlich zu rassistischen Gewalttaten aufrufen, sich darin bestärkt fühlen, Menschen aufgrund ihres Äusseren zu denunzieren, anzugreifen, zu verletzen. Und dabei auch noch von Mitmenschen unterstützt werden. Es schockiert, dass wir in einer Welt leben, in der sich Menschen wohl genug fühlen, ihren Rassismus an die Öffentlichkeit zu tragen und damit immer wieder ungestraft davonkommen. Es schockiert, dass wir diese furchtbaren Geschehnisse schon kurz nach dem letzten Penalty haben voraussehen können.

Es ist die Leistung. Ich war nicht überrascht. Es ist immer das gleiche Muster, das sich in Westeuropa abspielt: Wenn du als Schwarze:r erfolgreich bist, wirst du akzeptiert, bekommst teils Lob und «nur» ein klein wenig rassistische Kommentare. Versagst du aber in den Augen der Öffentlichkeit, ist der Grund dafür dein Schwarzsein. Dein ganzes Wesen wird auf deine Hautfarbe reduziert. Und du wirst von diskriminierenden Anfeindungen überrollt, fertiggemacht, gedemütigt. Manchmal in so einem Ausmass, dass du Angst vor Gewalt haben musst. Klingt übertrieben? Ist es aber leider nicht.

[Achtung Triggerwarnung]

Menschen in England haben nach dem Finale öffentlich dazu aufgerufen, Schwarze Menschen zu lynchen. Allein dass Menschen öffentlich dafür Stimmung machen, zeigt schon, wie verankert der Rassismus ist. Und all die gut gemeinten Kommentare, die bezeugen, dass Rashford doch so ein guter Mensch sei, der Teenager:innen in Armut unterstützt, verfehlen das Problem eben auch. Denn auch wenn Rashford kein guter Mensch wäre, gäbe es keinen Grund, ihn rassistisch anzugehen. Es gibt nie einen Grund für Rassismus. Egal ob jemand erfolgreich und sozial ist – oder eben nicht.

Es sind alle anderen. Der Aufschrei in der Schweiz war gross, die Menschen in meinem Social Media Feed empört. Doch hätten sie es auf die gleiche Art verurteilt, wäre das in der Schweiz passiert? Denn natürlich ist es einfach, auf England zu zeigen. Oder den Fussball als Sport zu denunzieren. Aber wenn wir ehrlich sind, dann wissen wir, dass es nicht die Sportart ist. Nur ist es nach einem solchen Vorfall einfacher, – insbesondere für solche, die Fussball eh nicht mögen – alles auf den Fussball zu schieben. Aber Rassismus – und hiermit meine ich nicht nur die extreme Form – zieht sich wie ein Netz über alle Sportarten, genauso wie er alle Bereiche der Gesellschaft beeinflusst. Nur wollen wir das so nicht anerkennen und zeigen besser auf andere Länder, andere Bereiche, auf alles, das genug weit entfernt ist von uns und wir ja keine Mitschuld tragen. Solange man sich selbst von dem Ganzen distanzieren kann, einem niemand was anhängen kann, geht kritisieren ganz einfach.

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Es ist der Fussball. «Fussball boykottieren!» wird gefordert. Das ist nicht die Lösung des Problems. Fussball ist nicht der Ort, an dem rechtsextremes Gedankengut geboren wird, es ist ein Ort, an dem extrem viele Menschen zusammenkommen und somit auch extrem viele unterschiedliche Haltungen aufeinanderprallen. Ja, es hat rassistische Menschen in den Fanrängen und auf dem Platz. Und wenn nichts dagegen unternommen wird, wird das Problem grösser. Fussball ist ein Ventil oder eine Reflexion unserer Gesellschaft. Und durch dieses Ventil zeigt sich das rohe Verhalten von denjenigen Menschen, die in ihrem normalen Leben eben genau so rassistisch denken und handeln.

Was aber in diesen Diskussionen oft vergessen geht, ist die Integrationsfunktion und Diversität, welche den Fussball ausmacht. Fussball ist einfach zu spielen, fordert Teamarbeit, braucht nicht viel Ressourcen und begeistert viele. Er führt unterschiedlichste Menschen zusammen, verbindet Kulturen, macht Spass, lässt einen austauschen, träumen, lernen, lachen, abschalten, vernetzen. Deshalb ist diese Sportart auch auf der ganzen Welt so beliebt. Für viele ist Fussball ein Zufluchtsort. Ein Boykott würde der Diversität unserer Gesellschaft nicht nützen – das Gegenteil wäre der Fall.

Es ist England. Wir leben auch in der Schweiz in einer rassistischen Struktur. Auch hier gibt es rassistische Vorfälle, doch wir sind Weltmeister:innen darin, dies zu negieren. Ich habe schon zu genüg rassistische Aussagen von «Fans» in Schweizer Stadien gehört. Und ich wette, ihr auch. Das sind jedoch keine Fans für mich. Denn ein Fan steht für Unterstützung. Menschen, die ihren Rassismus in Fussballstadien äussern, sind keine Fans. Das sind einfach Rassist:innen – und zwar auch ausserhalb des Stadions, ausserhalb von England.

Diskriminierende Vorfälle passieren überall, auch in der Schweiz. Im Kollegenkreis. Bei Familiengesprächen. In Bars. Beim Einkaufen. Auf dem Spielplatz. Bei der Arbeit. In allen Bereichen, in denen wir uns bewegen. Es wird Zeit, vor unserer eigenen Tür zu kehren. Rassismus ist nicht die hässliche Seite des Fussballs oder die hässliche Seite Englands, sondern die hässliche Seite der Gesellschaft. Und von der sind wir alle ein Teil.

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