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Verhüllungsverbot: Das Pro und Kontra zweier Musliminnen

Politik

Verhüllungsverbot: Das Pro und Kontra zweier Musliminnen

  • Text: Helene Aecherli
  • Bild: Shutterstuck

Die Initiative zum Verhüllungsverbot polarisiert und wird so emotional diskutiert wie wohl kaum eine Initiative zuvor – gerade unter Frauen in der Schweiz. Auch bei Frauen muslimischen Glaubens gehen die Meinungen auseinander. Ein Pro und Kontra.

Pro Verhüllungsinitiative

Layla Ibrahim-Staubli (47), Humangeographin, Unternehmerin und Moderatorin

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«Um es gleich vorwegzunehmen: Ich unterstütze die Absender der Verhüllungsinitiative nicht. Sie stehen ganz rechts, und das erfüllt mich mit Unbehagen. In den sieben Jahren, in denen ich in der Schweiz lebe, habe ich zu oft erfahren, dass gerade aus dieser Ecke Ressentiments gegen Minderheiten kommen. Trotzdem bin ich klar für das Burka-Verbot. Denn warum sollen sich muslimische Frauen überhaupt verhüllen? Warum gelten wir als Verführerinnen oder als Süssigkeiten, die man bedecken muss, um die Fliegen fernzuhalten? Warum verschleiern sich die muslimischen Männer nicht? Sie verführen uns Frauen ja auch.

Da die Vollverschleierung nirgendwo im Koran verbrieft ist, also nicht einmal ein religiöses Gebot ist, gibt es hierfür nur eine Antwort: Frauen wird eine Macht zugestanden, die es um jeden Preis zu kontrollieren gilt. Burka und Nikab dienen einzig dazu, Frauen zu erniedrigen, sie zu minderwertigen Wesen zu degradieren. Die Verhüllung ist somit weder ein Statement für weibliches Selbstbewusstsein noch für weibliche Ermächtigung, wie es in der aktuellen Debatte manchmal zu hören ist, sondern Ausdruck einer patriarchalen Macht über Frauen, gleichzeitig wie sie Symbol ist für eine extremistische Ideologie, den Islamismus. Und das kann ich nicht akzeptieren.

Mir ist bewusst, dass es viele Feministinnen gibt, die gegen das Verhüllungsverbot sind, weil sie der Ansicht sind, dass jede Frau das Recht dazu hat, sich so zu kleiden, wie sie will, selbst wenn es bedeuten sollte, dass sie sich von Kopf bis Fuss verhüllt. Ich verstehe diese Haltung und teile sie auch. Aber die Frauen, die hier in der Schweiz die Burka beziehungsweise, das Recht auf Verhüllung verteidigen, tun dies als Bürgerinnen einer freien Gesellschaft, in der die individuelle Entfaltung über allem steht. Sie müssen sich nicht überlegen, was sie anziehen.

Umso mehr sollten sie sich in die Haut jener Frauen versetzen, die nicht frei entscheiden können, ob sie heute lieber im Bikini oder im Nikab in den Park gehen wollen; die die Verhüllung verabscheuen, sich aber verhüllen müssen, weil sie sonst als schlechte Musliminnen gelten oder als Aufwieglerinnen, die gegen die Normen ihrer Gesellschaften verstossen – und dafür nicht selten mit ihrem Leben bezahlen. Dass der Nikab aber allem voran auch ein Symbol für den Islamismus ist, wird in den Debatten zum Verhüllungsverbot fast gänzlich ausgeklammert.

Ich weiss nicht, ob dies einer Naivität oder Ignoranz geschuldet ist, aber die Diskussion ist unvollkommen, wenn wir diesen Aspekt nicht ernst nehmen. Denn der Islamismus ist ein globales politisches Projekt, das darauf abzielt, einen Staat auf den Gesetzen der Scharia zu errichten, und die Islamisten haben eine Mission: Sie lassen Moscheen bauen, verteilen Lehrmittel, bekehren «Ungläubige» zum Islam, dies alles dient der Ausdehnung ihrer Macht. Zurzeit gibt es in der Schweiz zwar erst kleine islamistische Gruppierungen, aber was wird in zwanzig oder dreissig Jahren sein?

Ich habe den wachsenden Einfluss der Islamisten in Aleppo miterlebt: Meine heute 60-jährige Schwester schloss 1980 ihr Studium ab. Auf dem Abschlussfoto ihrer Klasse trugen bloss zwei, drei Frauen ein Kopftuch. Eine Generation später, in meiner Klasse, waren es bloss zwei, drei Frauen ohne Schleier. Mit dem Kopftuch kam auch der Nikab, beides Symbole des politischen Islam, und je stärker er sich ausbreitete, desto radikalisierter wurde auch die Gesellschaft – was letztlich dem IS den Nährboden bereitet hat.

Ich bin nicht gegen den Islam, ich bin ja selber Muslimin. Aber heute wird man aus der Community ausgeschlossen und gilt als Feind, wenn man sich nicht zur fundamentalistischen Weltanschauung bekennt – und diese Tendenzen beobachte ich auch hierzulande. Als zum Beispiel der französische Präsident Emmanuel Macron vergangenen Oktober die Mohammed-Karikaturen verteidigte, gab es in meinem muslimischen Umfeld nur zwei Fronten. Entweder man war für Macron oder für den Islam. Wer Macron unterstützte, galt als antiislamisch. Dazwischen gab es kaum etwas. Das macht mir Sorgen.

Wir, als Muslime, haben in unseren Heimatländern sehr unter dem politischen Islam gelitten. Ich will in der Schweiz, in diesem schönen Land, in Frieden leben. Übrigens, in Mekka, der heiligsten Stätte des Islam, gilt seit jeher ein Verhüllungsverbot. Im Koran steht, dass es Frauen untersagt ist, Gesicht und Hände während der Pilgerfahrt zu bedecken, und Prophet Mohammed hat das Verbot bestätigt. Bislang haben sich alle religiösen Autoritäten daran gehalten – selbst die Salafisten.»

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Kontra Verhüllungsinitiative:

Aslihan Aslan (27), Junior Marketing Managerin

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«Wenn ich könnte, würde ich gleich ein dreifaches Nein zum Verhüllungsverbot einlegen – und zwar je eines aus politischer, feministischer und aus muslimischer Sicht: Mein politisches Nein richtet sich gegen die Initianten des Verhüllungsverbots, das Egerkinger Komitee. Ich will hier keineswegs ein simples SVP-Bashing machen, die SVP ist nicht einfach gleich Egerkinger Komitee. Doch ist das Egerkinger Komitee unweigerlich auch Teil der SVP, und diese Partei hat sich noch nie sonderlich für Gleichstellungsfragen interessiert, geschweige denn sich für Frauenrechte eingesetzt.

Wenn die sechs Vorstandsmitglieder des Egerkinger Komitees nun also plötzlich die Ungleichbehandlung von Frauen zum Thema machen, ist das scheinheilig und heuchlerisch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Herren je eine verschleierte Frau gesehen und mit ihr gesprochen haben. Vielmehr geht es ihnen darum, mit Kleidervorschriften, also über den Körper der Frau, Politik zu machen. Ich wundere mich, ob ihnen bewusst ist, wie widersprüchlich und unbedarft ihre Kampagne ist.

Zudem ist für mich nicht ersichtlich, was das Komitee tatsächlich über den Islam und vor allem über den politischen Islam weiss. Wenn es sich schon das Recht herausnimmt, den politischen Islam zu kritisieren, dann bitte aufgrund von konkreten Zahlen, Daten und Fakten, die für alle nachvollziehbar sind. Bevor sie mit dem Finger auf andere zeigen und Kleidervorschriften in der Verfassung verankern wollen, sollten sie erst mal gründlich vor ihrer eigenen Haustüre kehren.

Mein feministisches Nein ist eine Absage an die Vorstellung, dass man Frauen vorschreiben kann, wie sie sich anzuziehen haben. Feminismus bedeutet für mich, dass wir Frauen alle frei sind – frei, so zu leben und uns so zu kleiden, wie wir es wollen. Kleidervorschriften sind unfeministisch und gehören definitiv der Vergangenheit an. Natürlich – ich mache mir durchaus Gedanken darüber, ob tatsächlich alle Frauen, die hier in der Schweiz einen Nikab tragen, ihn auch freiwillig tragen. Es ist nicht auszuschliessen, dass einige dazu gezwungen werden, sei es von ihrem Ehemann oder von ihrer Familie.

Aber ich weiss es nicht, und selbst wenn ich es wüsste, hätte ich nicht das Recht, diese Frauen zu bevormunden. Was ich hingegen tun kann, ist, sie zu unterstützen. Das heisst, wenn es die einzige Freiheit einer Frau ist, verhüllt aus dem Haus zu gehen, dann setzte ich mich für genau diese Freiheit ein. Denn welche Freiheiten blieben ihr, wenn ihr der Gesichtsschleier verboten würde? Dann dürfte sie gar nicht mehr auf die Strasse. Wäre das dann okay?

Mein muslimisches Nein zum Verhüllungsverbot werfe ich ein, weil die Diskussion an mir als junge Muslimin nicht einfach so vorbeigeht. Sie verunsichert mich, obwohl ich den Islam selber nicht aktiv praktiziere. Aber ich frage mich, weshalb diese Debatte so viel Platz einnimmt, weshalb das Thema derart polarisiert und alle anderen Abstimmungsvorlagen an den Rand drängt. Dabei sind die E-ID und das Freihandelsabkommen mit Indonesien doch viel relevanter für unser Land als die Frage, ob eine Handvoll Frauen in der Schweiz ihr Gesicht verhüllen darf oder nicht.

Klar, die Burka oder besser der Nikab ist ein Thema, bei dem alle mitreden können, über das alle Bescheid zu wissen glauben und das vielleicht sogar Ängste weckt. Ich kann das verstehen. Gerade deshalb hätte ich mir eine fairere Wahlkampagne gewünscht. Eine, die nicht auf Frauen abzielt, sondern neutral gestaltet und weder mit Propaganda noch furchteinflössenden Bildern beladen ist. Mittlerweile finde ich die Debatte nur noch ermüdend.

Ich hatte als Tochter türkischer Immigranten das Glück, sehr frei aufzuwachsen und den Islam so kennenzulernen, wie ihn mir meine Mutter beigebracht hat. Sie lehrte mich, niemandem wehzutun, den Gesetzen zu gehorchen und den Menschen um mich herum mit Liebe und Offenheit zu begegnen. Und sie lehrte mich, leben und leben zu lassen. Dieses Vermächtnis will ich mir bewahren, nicht nur für mich, sondern auch für alle anderen. Es ist letztlich die Basis unserer Demokratie. «Jeder Mensch hat das Recht auf Leben und auf persönliche Freiheit.» So steht es im Artikel 10 der schweizerischen Bundesverfassung. Das soll so bleiben. Entweder wir sind alle frei – oder niemand.»

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