Wie ist es eigentlich

Wenn man ein Jahr keinen Sex in einer Beziehung hat

Aufgezeichnet von Kerstin Hasse; Foto: GettyImages

Wie ist es eigentlich ein Jahr keinen Sex zu haben

Sex gehört normalerweise zu einer Beziehung dazu. Was aber, wenn aus Wochen ohne Sex plötzlich Monate werden? Wenn man sich körperlich immer mehr voneinander entfernt und irgendwann nicht mehr weiss, wie man sich nahe kommen soll? Wir haben nachgefragt. 

Ich kann mich noch an das letzte Mal erinnern. Wir waren in den Ferien. Alle reden immer davon, dass sie in den Ferien so viel Sex haben, weil sie da so entspannt sind, weil sie Zeit haben und Lust. Wir setzten uns beide ziemlich unter Druck. Und mit jedem Tag, der verging, an dem wir nicht miteinander schliefen, wuchs er. Als wir dann doch Sex hatten, war ich so verkrampft, dass es sich nicht gut anfühlte. Er tat mir weh und ich musste abbrechen. Dieser Moment war der Startpunkt für unser Jahr ohne Sex.

Ihm tat es natürlich sehr leid, er wollte mir keine Schmerzen zufügen, er war verunsichert und mit der Situation überfordert. Ich zog mich zurück und er tat dasselbe. Wir sprachen nie darüber, entfernten uns einfach voneinander. 

Doch die Krise begann natürlich nicht erst damals in jenen Ferien. Wir hatten schon vorher kaum mehr Sex. Wir waren noch nie ein Paar, das sehr verschmust miteinander umging, wir schlafen grundsätzlich nicht ineinander verschlungen ein und wir kleben auch sonst nicht so aneinander. Das war aber nie ein Problem. Ich hatte immer gern Sex, ich finde Sex toll. Aber ich glaube, wir haben es im Stress – und manchmal auch im Streit – nach und nach vernachlässigt, körperlich miteinander zu sein. Und je seltener wir miteinander schliefen, desto verkrampfter wurde unser Umgang mit dem Thema Sex. Wir entfremdeten uns voneinander.

Heute weiss ich, dass wir damals in einem Teufelskreis steckten. Ich konnte mich nicht auf ihn einlassen, weil mir die emotionale Nähe zu ihm fehlte, er wiederum brauchte die körperliche Nähe, um mir die emotionale Nähe zu geben.

Ein halbes Jahr später probierten wir es wieder. Doch schon nach den ersten Berührungen sprang ich aus dem Bett. Ich konnte einfach nicht mit ihm schlafen. Wie sehr ihn das verletzte, war deutlich spürbar.

Jede Berührung war zu viel für mich – und ich glaube, auch für ihn. Lagen wir früher noch nah beieinander auf der Couch, war es ihm nun plötzlich zu warm. Hatten wir früher einen sehr unkomplizierten Umgang miteinander, empfand ich plötzlich jede zärtliche Berührung unter dem Shirt als Vorspiel. Wir hatten es verlernt, uns körperlich zu verstehen.

Dazu kam, dass wir schon seit vielen Jahren zusammen waren und mit der Zeit natürlich auch die Spannung ein wenig nachlässt. Meist kamen wir nach der Arbeit nachhause, schlüpften in den bequemen Trainer und das war es dann. Klar, muss das kein Grund sein, nicht mehr miteinander zu schlafen, aber die Routine des Alltags hat sicher dazu beitragen. Wir hatten eine Krise, und die Tatsache, dass wir keinen Sex hatten, machte alles noch komplizierter.

Getrennte Wohnungen war der einzige Ausweg. Ich wollte mich nicht trennen, ich wollte mehr Abstand. Wir hatten Dates, an denen wir sehr bewusst Zeit miteinander verbrachten. An einem sehr schönen Abend war ich bei ihm zu Hause und da wusste ich: Jetzt müssen wir es tun. Eigentlich hatte ich nicht viel Lust, aber ich wusste: Wenn ich es jetzt nicht anpacke, dann mache ich es nie mehr.

Ich war nervös. Ich hatte Angst, dass es schmerzhaft wird, dass ich noch mal abbrechen müsste. Doch die Angst war unbegründet. Es tat nicht weh. Ich fühlte mich erleichtert.

Er war sehr überrascht, dass wir Sex hatten. Damit hatte er nicht gerechnet. Das Schöne war, dass das auch bei ihm etwas auslöste. Er wurde wieder selbstsicherer, vor allem wenn es darum ging, mich zu berühren. Einige Tage später packte er mich und gab mir einen langen Kuss. Das war so leidenschaftlich und so unverkrampft wie schon lange nicht mehr. Zwei Tage später lagen wir auf dem Sofa und er fing plötzlich an, mich auszuziehen. Wir hatten Sex. Ich war fasziniert davon, wie sehr er aufblühte. Auch ich hatte endlich wieder Spass. Klar, es war alles noch immer ein wenig holprig. Körperlichkeit ist ein sehr filigranes Konstrukt. Aber ich wusste, wir hatten es geschafft, den Teufelskreis zu durchbrechen.

Mein Ratschlag an Paare, die eine ähnliche Situation erleben? Es ist wichtig, es einfach wieder zu tun, sich zu trauen. Es klingt komisch, aber Lust auf Sex lässt sich wieder herstellen, selbst dann, wenn sie verloren geglaubt scheint. Wie ein Muskel, den man trainieren muss, damit er sich nicht zurückbildet.

Noemi S.*, 31, aus Zürich

*Name der Redaktion bekannt

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Kerstin Hasse

Die Online-Reporterin interessiert sich für die Fragen, die sich ihrer Generation gerade stellen. Sie schreibt über Politik und Popkultur, über Feminismus und Gleichstellung, über Beziehungen und – typisch Millennial – manchmal auch über sich selbst.

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