Stella Jean

Stella Jean: Die Designerin im Interview

Interview: Barbara Loop, Foto: Andrea Benedetti

Stella Jean: Die Designerin im Interview
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Stella Jean: Die Designerin im Interview
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«Die Welt braucht nicht noch mehr Kleider, die einfach nur schön sind»: Stella Jean im Teatro Armani Mailand

Japan meets Haiti: Stella Jeans aktuelle Herbst-/Winter-Kollektion

Als Kind wollte Stella Jean Präsidentin von Haiti werden. Heute will die Designerin mit Mode das Denken der Menschen verändern.

Stella Jeans Kollektionen sind ein fröhlicher Urknall. Da prallen Konventionen, Kulturen und Dekaden aufeinander und lassen eine neue Welt entstehen. Afrikanische Muster, Ballonjupes, Hawaiiprints, Kimonos und Männerhemden, kräftige Farben und elegante Silhouetten, die an den Capri-Jetset der Sechzigerjahre erinnern – diese unbeschwerte Mischung ist das Markenzeichen der italienischen Designerin mit haitianischen Wurzeln. Die 34-Jährige ist der Shootingstar der italienischen Modeszene. Spätestens seit Giorgio Armani sie letztes Jahr einlud, im Teatro Armani ihre Kollektion zu zeigen, steht ihr Stern hoch am Modehimmel. Die Kritiker sind begeistert, auch weil Stella Jeans Kleider eine persönliche Geschichte erzählen, die gleichzeitig Botschaft ist: In der Mischung der Kulturen liegt Potenzial. Überraschend schlicht gekleidet – beige Bluse, schwarzer Hose – erscheint Stella Jean im International Trade Centre (ITC) in Genf zum Interview. Lediglich die zahlreichen Armreife mit den bunten Steinen zeugen von der Exotik ihrer Mode. Stella Jean lässt sich in einen Sessel fallen, sichtlich aufgewühlt von den Ereignissen des Tages. Am Morgen hatte sie im grossen Auditorium der Uno gesprochen, eben wurde das 50-Jahr-Jubiläum des ITC mit einer Stella-Jean-Modeschau gefeiert. Der Grund für diese Ehre: Stella Jean arbeitet mit der Ethical Fashion Initiative des ITC zusammen, die sich dafür starkmacht, dass Arbeiterinnen in den ärmsten Teilen der Welt ihr traditionelles Handwerk in den internationalen Modemarkt einbringen können – zu fairen Bedingungen.

ANNABELLE: Stella Jean, Sie wurden vom Netzwerk der Uno-Botschafterinnen eingeladen, an der Konferenz «The Power of Empowered Women» zu sprechen. Wie hat es sich angefühlt, an einem so symbolträchtigen Ort aufzutreten?
STELLA JEAN: Es war unglaublich! Bisher kannte ich den Saal ja nur aus den Nachrichten. Als ich aufs Podium trat, begann ich zu zittern, konnte kaum sprechen.

So ganz unvertraut ist Ihnen die Politik ja nicht, Sie haben Politikwissenschaften studiert …
Das stimmt, ich wollte Diplomatin werden. Als Kind sogar Präsidentin von Haiti (lacht).

Heute sassen Sie jedoch als Designerin auf dem Podium.
Die Welt braucht nicht noch mehr Kleider, die einfach nur schön sind. Wir müssen anfangen, unserer Kleidung einen Sinn zu geben. Dieses Bedürfnis haben heute auch die Händler aus den USA, England und Frankreich, die meine Kollektionen kaufen.

Wie hat sich Ihre eigene Arbeit verändert, seit Sie mit der Ethical Fashion Initiative zusammenarbeiten?
Dank der Initiative habe ich viele fremde Kulturen kennen gelernt und dort Handwerk entdeckt, das mir zuvor unbekannt war. Wie etwa die traditionelle Stofffertigung in Mali und Burkina Faso. Meine Arbeit ist dadurch umfangreicher geworden, ich versuche, jeder Kollektion eine neue Kultur hinzuzufügen. So werden Sie in meiner nächsten Frühjahrskollektion viel von meinen haitianischen Wurzeln sehen, vor allem Einflüsse aus der naiven Kunst und dem Schmiede-Handwerk.

Das ist nicht das erste Mal, dass Sie haitianisches Handwerk verarbeiten.
Meine erste Kollektion war von afrikanischen Einflüssen geprägt. Haiti war nach den Sklavenaufständen die erste unabhängige schwarze Republik. Deswegen sind afrikanische Stoffe dort sehr verbreitet. Aber ursprünglich stammen die Wachsstoffe gar nicht aus Afrika, sondern aus Java. Sie kamen über Holland, wo sie noch heute produziert werden, in die Kolonien. Aber das weiss heute kaum jemand. Meine Mode zeigt den Menschen letztlich auch, dass man dem ersten Eindruck nicht trauen soll.

Stella Jean ist in Rom aufgewachsen, wo sie noch heute mit ihren zwei Kindern lebt, wenn sie nicht in Mailand oder in ihrem Atelier bei Rimini arbeitet. Die Liebe zur Mode wurde ihr in die Wiege gelegt: Im Schrank ihres Vaters, einem Turiner Juwelier, gab es keine Jeans, sondern nur Massgeschneidertes. Und die Mutter – Tochter eines haitianischen Botschafters – entwickelte während ihres Schauspielstudiums in Paris ein Faible für französische Mode. Irgendwann war auch Stella Jeans Passion für die Mode stärker als der Reiz einer Diplomatenkarriere, sie brach das Studium ab und modelte für Egon von Fürstenberg, einem Freund ihrer Mutter. Richtig wohlgefühlt hat sie sich jedoch nur bei den Anproben, im Atelier des Designers. Zweimal versuchte sie sich als Designerin und trat mit ihren Entwürfen zum Talentwettbewerb «Who’s On Next» der italienischen «Vogue» an – ohne Erfolg. Da riet ihr Simonetta Gianfelici, Talentscout der römischen Fashion Week Alta Roma: «Sei ehrlich, zeige dich selbst!» Stella Jeans Antwort kam ein Jahr später. 2011 trat sie noch einmal zum Wettbewerb an und konzentrierte sich auf das, was sie heute Wax & Stripes Philosophy nennt: Die farbigen Wachsprints stehen für die afrikanischen Wurzeln ihrer Mutter, die Stripes für die Turiner Herkunft ihres Vaters. Sie überzeugte die Jury, in der auch Mode-Kritikerin Suzy Menkes und Italiens «Vogue»-Chefin Franca Sozzani sassen. Angeblich sollen es diese Frauen gewesen sein, die Stella Jeans Namen in Giorgio Armanis Ohr geflüstert haben. Sicher ist: Seine Einladung zu einer Einzelshow nach Mailand war für Stella Jean der endgültige Durchbruch.

Wie haben Sie reagiert, als Sie erfuhren, dass Armani Sie für seine Show ausgewählt hat?
Als der Anruf kam, war ich im Auto unterwegs. Ich glaubte erst an einen Witz und legte wieder auf. Dann hielt ich an, rief zurück und tanzte vor lauter Freude am Strassenrand über diese wunderbare Bestätigung meiner Arbeit. Dank Armani weiss ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin, nicht dem Mainstream zu folgen, sondern auf die Unverkennbarkeit meiner Entwürfe zu setzen.

Bei Ihnen sind die Entwürfe sehr stark und unmittelbar von der Lebensgeschichte beeinflusst.
Das ist absolut gewollt, denn meine Kleider sollen meine Geschichte erzählen. In Rom als dunkelhäutiges Kind aufzuwachsen, war trotz meiner wohlhabenden Herkunft schwierig. Es gab offenen Rassismus, auch totales Unverständnis. Ständig bekam ich zu hören, dass ich unmöglich Italienerin sein könne. Aber das bin ich, ich bin keine Haitianerin oder Afrikanerin. Man darf seine Zugehörigkeit nicht preisgeben.

Ist Ihre Mode demnach auch ein Statement für mehr Toleranz?
Die Kulturen mischen sich, auch wenn das einigen nicht gefällt. Intoleranz entsteht weniger aus Ignoranz als aus Angst. Ich vereine Italien, Burkino Faso und Japan in einem Look – und es funktioniert! So kann es auch in der Realität gehen. Ich möchte zeigen, dass wir fröhlich und lustvoll mit der Koexistenz von Kulturen umgehen können.

In Ihrer aktuellen Kollektion spielt Japan eine grosse Rolle. Warum?
Japan hat diese Strenge und Klarheit, ganz anders als Haiti oder Afrika, wo knallige Farben und wilde Muster dominieren. Ich wollte diese Gegensätze zusammenbringen. Aus Wolle gestrickte Kimonos – darin steckt letztlich eine gewisse ironische Selbstverständlichkeit, die ich auch meinen Kindern beizubringen versuche, indem ich ihnen sage, sie sollen auf die Frage nach ihrer Herkunft mit Japan, Neuseeland, Deutschland antworten.

Warum ist Ihnen das wichtig?
Weil es mir darum geht, die Wahrnehmung und das Denken der Menschen zu verändern. Mein Sohn sieht mir sehr ähnlich. Als er vor drei Jahren in einem Geschäft gefragt wurde «Woher kommst du?» und der Verkäufer seine Antwort «Italien» partout nicht akzeptieren wollte, sagte ich mir: «Entweder wir verlassen Italien, oder wir bleiben, und ich verändere etwas – mit meiner Mode.»

Für fairen Handel

Die Ethical Fashion Initiative des International Trade Centre (ITC) bietet Menschen in den ärmsten Ländern Afrikas, Asiens und der Karibik Zugang zum internationalen und regionalen Handel mit Mode. Die Initiative setzt auf das Handwerk, das in den Regionen traditionell verankert ist, stellt Infrastruktur, Ausbildung und faire Arbeits- bedingungen sicher. Damit werden Armut und Geschlechterungleichheit bekämpft, aber auch traditionelles Handwerk erhalten. Rund 7000 Menschen, davon neunzig Prozent Frauen, produzieren in Kleinunternehmen für Labels wie Marni, Vivienne Westwood und Stella McCartney.

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