Heft 14/15

Die Unzähmbare: Hermès-Chefdesignerin Nadège Vanhee-Cybulskis

Text: Lisa Armstrong; Foto: Inez van Lamsweerde & Vinoodh Matadin, Imaxtree.com

Die Unzähmbare: Hermès-Chefdesignerin Nadège Vanhee-Cybulskis
Die Unzähmbare: Hermès-Chefdesignerin Nadège Vanhee-Cybulskis
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«Ich fühle mich beim Entwerfen von Kleidern zu Integrität verpflichtet»: Nadège Vanhee-Cybulski

Moderne Weiblichkeit: Nadège Vanhee-Cybulskis erste Kollektion für Hermès

Nadège Vanhee-Cybulskis erste Prêt-à-porter-Kollektion für Hermès ist – ganz Hermès. Erstaunlich, denn die Chefdesignerin selbst ist irgendwie – so gar nicht Hermès.

Als Nadège Vanhee-Cybulski nach der Präsentation ihrer ersten Kollektion für Hermès etwas zögernd auf den Laufsteg trat, trug sie keine Hermès-Turnschuhe, sondern Nikes. Natürlich stürzten sich die wartenden Journalisten mit Wonne auf diesen Fauxpas.

Als ich die Designerin am nächsten Tag im Hauptquartier von Hermès treffe, stammt auch ihr Hosenanzug nicht von Hermès, sondern von Martin Margiela, dem zurückgezogen lebenden Designer, für den sie nach seiner Zeit als Kreativchef der Hermès-Frauenmode gearbeitet hatte. Und gleich noch ein Schock: Sie trägt keine Uhr von Hermès, sondern eine Reverso von Jaeger-Le Coultre. Spuk, Wahnsinn, Teufelswerk! Denn eigentlich wird vor allem von Designerinnen erwartet, dass sie wandelnde Werbeträgerinnen des eigenen Labels sind. Nadège Vanhee-Cybulski sieht das offensichtlich anders.

Und jene, die das Sagen haben, wohl auch: Die Nachfahren der Hermès-Gründer, die Familie Dumas, die das Unternehmen mit – milde gesagt – beträchtlichem Erfolg leitet (Hermès soll über 13 Milliarden Franken wert sein), dürften sich des Unabhängigkeitsbedürfnisses von Vanhee-Cybulski bewusst gewesen sein, als sie sie anstellten. Es stimmt zwar, dass der Grossteil des Hermès-Umsatzes – rund 5 Milliarden Franken – mit Leder-Accessoires (die Wartelisten für die Birkinbags sind legendär lang), den berühmten Halstüchern sowie Krawatten und Uhren erwirtschaftet wird. Doch die Frauenmode ist das Paradepferd dieses dem Reitsport verpflichteten Hauses. Es soll nicht nur mit seinen Auftritten glänzen, sondern sich auch mit seinen Stallgefährten vertragen.

«Hermès», erklärt Vanhee-Cybulski, «funktioniert auf ganz ungewöhnliche Weise. Es ist, als dirigiere man ein Orchester.» Jede Abteilung – Leder, Halstücher – wird von einem anderen Designer geleitet. Pierre Hardy beispielsweise hatte die auf den ersten Blick so unauffälligen Wildlederstiefel entworfen, die zu den Stars von Vanhee-Cybulskis erster Kollektion wurden. «Ich habe mich in sie verliebt», sagt die Designerin. «Aber ich fragte, ob man zusätzlich zur Ausführung in Wildleder auch eine in Krokodilleder produzieren könnte. Deren Blicke hätten Sie sehen sollen! Technisch konnte man die Stiefel nicht aus einem einzigen Stück fertigen, aber Nähte kamen nicht infrage. Sie mussten also bei der Gerberei nach Krokodilleder fragen, das flexibel genug wäre, um daraus einen Stiefel aus einem einzigen Stück ohne Naht zu fertigen.» Vanhee-Cybulski setzte sich durch.

Andere hätten sich an diesem Punkt aus dem Getümmel zurückgezogen, zufrieden mit ihrem ersten Sieg. Doch die 37-Jährige verlangte als Nächstes, dass man die Wollgabardinehose wasserabstossend mache. «Da haben sie gefragt: Warum?», erinnert sie sich. Ja, Nadège, warum? «Ich habe in New York gelebt und weiss, wie es sich anfühlt, wenn es heftig regnet und der Hosensaum nass wird.» Die Hose ist jetzt wasserabstossend.

Solche Angelegenheiten sind Lust und Last einer Stelle bei Hermès: Es stehen einem unglaubliche Möglichkeiten zur Verfügung. Es werden aber auch höchste Anforderungen an einen gestellt, denn Hermès ist, neben Chanel, die einzig wirklich heilige Kuh der Modewelt. Als wäre der Druck nicht schon gross genug, liess Pierre-Alexis Dumas, Creative Director von Hermès, Vanhee-Cybulski völlig freie Hand. «Die einzige Anweisung lautete, man wolle angenehm überrascht werden.»

Das sei ein bisschen, als würde man auf die Spitze eines Bergs geführt, und dann würde einem gesagt, man könne jede beliebige Abfahrt wählen, solange es eine schwarze Piste sei, sage ich. «Genau», erwidert Vanhee-Cybulski lachend, ihr sei schwindlig geworden. Deshalb habe sie höflich abgesagt, als Hermès das erste Mal angerufen hat.

Doch aller Bewegungsfreiheit zum Trotz ist Vanhee-Cybulski für ihre erste Kollektion den Wurzeln von Hermès treu geblieben: Mäntel mit Ledertaschen, die wie Satteltaschen geformt sind; Oversize-Kleider aus bedruckten Foulardstoffen; Pferdedeckencapes; ein Gurtband als Henkel des neuen Octogone-Bag; Gabardinecapes im Stallburschenstil und schlichte Abendkleider. Manche mögen darüber gestaunt haben, wie getreulich da bekannte Hermès-Formeln abgewandelt wurden, doch niemandem konnte entgehen, wie viele vollendete Stücke dabei waren: von der schmal geschnittenen Lederhose (weder schlampen- noch rockchick- noch gestapohaft anmutend) bis zu den üppigen marineblauen Strickwaren. Sie mögen auf den ersten Blick konservativ wirken, aber, wendet Vanhee-Cybulski ein, «die Stoffe sind extrem innovativ. Ein Kleidungsstück braucht nicht drei Ärmel, damit es experimentell ist.»

Den Stellenwert von Mode bei Hermès zu definieren, muss für Vanhee-Cybulski besonders schwer sein. Nicht zuletzt ist Hermès eine Firma, die Zeitlosigkeit verspricht. «Ich glaube nicht, dass Mode ein Verfallsdatum haben muss», sagt sie. «Ich glaube eher, dass es darum geht, Kleidungsstücke zu schaffen, die Statements sind, wenn auch diskrete.» Vanhee-Cybulski ist in Wahrheit eine Frau des Understatements – und extrem zurückhaltend. Vor dem Interview hatte man mir gesagt, sie wolle nicht einmal darüber reden, wo sie aufgewachsen sei. Doch die Designerin erwies sich als entspannt und zugänglich: Sie hat flämische Vorfahren und ist in einer Kleinstadt im Nordosten von Frankreich aufgewachsen.

Sie trägt kein Make-up, ist fast durchsichtig blass, ihr rotes Haar wird offensichtlich nicht sklavisch oft geföhnt, überhaupt hat sie etwas Erdiges. Sie habe als Heranwachsende eine kurze Goth-Phase gehabt, erzählt sie. Davon abgesehen sei sie «immer eine ziemliche Minimalistin gewesen». Ihren persönlichen Stil entwickelte sie in Manhattan, wo alle immer in Eile und um eine (luxuriöse) Uniform bemüht sind, die dies auch deutlich macht. Dort hat sie das Frauenmode-Designteam von The Row geleitet, dem begehrten Label der Olsen-Zwillinge. Dies und ihre Zeit bei Margiela (einem weiteren Minimalisten) weisen sie als waschechte Vertreterin einer Ästhetik der Reduktion aus. Da hat eigentlich nur noch Céline gefehlt. Und prompt …

Als sie nach London zog, um bei Céline zu arbeiten (Phoebe Philo, die britische Kreativchefin, hatte das Atelier des französischen Labels von Paris nach London verlegt), sagte sie der Personalabteilung: «Besorgen Sie mir eine Wohnung im Zentrum. Die Bahn kommt für mich nicht infrage.» Diese fast divenhafte Forderung verrät die Kompromisslosigkeit, die sich hinter dem bodenständigen Auftreten verbirgt. «Doch das ist nun mal ein so stressiger Job, dass ich unmöglich jeden Tag durch ganz London hätte gondeln können», sagt sie zur Entschuldigung. Die Liebe aber brachte sie dazu, ihre Angst vor den Aussenbezirken zu überwinden: Nadège Vanhee-Cybulski lernte ihren heutigen Mann kennen, einen britischen Künstler, und zog ins East End. Vielleicht ist es gut für ihre Kundinnen, dass dies geschehen ist. «Meine Kollektionen sind sehr auf einen wirklichkeitsnahen Lebensstil ausgerichtet, und das ist teilweise auch mein Lebensstil. Ich will Frauen nicht in Klischees verwandeln.»

Creative Director Pierre-Alexis Dumas meinte dazu: «Wenn Hermès in den letzten paar Jahren etwas gefehlt hat, dann war das weibliche Sensibilität.» Nadège Vanhee-Cybulski bringt die auf jeden Fall mit. Aber ihre Weiblichkeit wird sich auf ruhige und nachdenkliche Weise ausdrücken. «Ich fühle mich beim Entwerfen von Kleidern zu Integrität verpflichtet», sagt sie. «Ich glaube, es gibt ein Einverständnis zwischen der Designerin und der Frau, die ihre Kleider trägt.»

— Aus dem Englischen von Thomas Bodmer

NADÈGE VANHEE-CYBULSKIS STILPRINZIPIEN

— Bequemlichkeit ist entscheidend. Ich trage gern Turnschuhe zu einem Hosenanzug.
— Vorsicht bei Mainstream-Mode. Sie hat für mich etwas Brutales. Es ist erschreckend, wie viel Wegwerfkleider es gibt.
— Hermès-Halstücher sind Alleskönner. Ich verwende sie auch gern als Gürtel.
— Frauen in Manhattan haben eine Vorliebe für Kontrolle und sehen gern auch so aus. Ich habe drei Jahre in New York gelebt und entwickelte dort meine Stilsicherheit. Mein Stil wurde immer einfacher.
— Ich trage ständig Mäntel, sogar drinnen. Ich liebe auch Hemden. Beim Designen verfremde ich sie gern: Ich entwerfe ein Männerhemd aus Crêpe de Chine, oder ich mache aus Manschettenknöpfen Frauenschmuck.
— Und Hosen: Frauen brauchen Hosen!

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