Heft 03/14

Zurück auf die Strasse: Street Style der Designer

Text: Silke Weichert; Fotos: Imaxtree.com

Zurück auf die Strasse: Street Style
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Als wärs der Streetstyle von einst: Topmodel Hanne Gaby Odiele zwischen zwei Shows in New York im vergangenen September

Erfrischend untypisch: Street Art am Rücken – nicht gerade das, was man von Chanel gewohnt ist

Saint Laurent by Hedi Slimane

Givenchy by Riccardo Tisci

Kenzo

Stella McCartney

Balenciaga

Turnschuhe, Logomania, Street Art als Print: Lange nicht haben sich die Designer so klar am Alltag auf der Strasse orientiert. Was uns das bringt? Ehrliche Mode. Tragbare!

Bei der Grunge-inspirierten Kollektion, die Hedi Slimane vergangenen Winter für Saint Laurent präsentierte, war einer der beliebtesten Kommentare, das müsse man doch alles gar nicht mehr entwerfen. Karohemden, Blümchenhängerchen und Oversize-Cardigans – damit liefe halb Kalifornien sowieso schon rum. Im Nachhinein kann man sagen: Ganz unrecht hatten die Kritiker nicht, gekauft haben es trotzdem alle.

Denn genau so funktioniert Slimanes neues Saint Laurent. Er lässt sich von dem inspirieren, was auf den Strassen seiner Wahlheimat Los Angeles getragen wird, kombiniert es streckenweise mit den Codes von Yves Saint Laurent und macht eine zigmal so teure Luxusversion daraus. Der Look ist gnadenlos jung, sexy, cool, urban. Neu? Muss das alles gar nicht sein, Hauptsache, es trifft den Zeitgeist. So wie die Rock- oder vielmehr Rotzgören, die in der aktuellen Sommerkollektion Glitzerkleider mit Lurexsöckchen und spitzen Vintage-Pumps tragen. Und damit auch wirklich alle kapieren, wie authentisch das Ganze ist, liess Slimane bei der Präsentation in Paris neben all den Topmodels ein Mädchen namens Keyla mitlaufen, das er, na, wo in L. A. entdeckt hatte? Auf der Strasse natürlich.

Mit Gucci im Gym

Auch andere Designer gehen zur Ideenfindung offensichtlich einfach mal wieder vor die Tür, statt gedanklich möglichst weit weg zu reisen. Der Einfluss von Streetculture verschiedenster Art ist bei den Kollektionen für diesen Sommer so gross wie lange nicht mehr. Da wäre zum einen der Sportsweartrend, der sich von Business-Tracksuits bei Stella McCartney bis zu auf elegant getrimmten Basketballshorts bei Emilio Pucci und Balenciaga zeigt. Selbst mit Gucci könnten wir uns demnächst im Gym blicken lassen. Ein naheliegender Impuls, wenn die halbe Welt gerade Turnschuhe trägt und das Sweatshirt zum wichtigsten Teil im Kleiderschrank avanciert.

Bei Prada und Céline geht es traditionell intellektueller zu, die Stossrichtung ist die gleiche: sporty, urban. Phoebe Philo liess sich dabei von Brassaïs Strassenfotografie inspirieren, bei Prada stammen die grossen Frauenporträts auf Kleidern und Jupes von mexikanischen Strassenkünstlern. Zeitgenössische Street Art statt antiquierter Hochkultur. Auch das Styling ist betont lässig. Nail Art, wie man sie eher von ambitionierten Pub-Bedienungen in Manchester erwartet, Vokuhila-Frisuren, derbe Panzerketten. Selbst Alber Elbaz behängte seine Lanvin-Kleider im letzten Winter mit goldenen Logoketten, angelehnt an den Neunzigerjahre-Blingbling-Stil von Hip-Hop-Stars, was wiederum vorzüglich zur Rückkehr der Neunziger-Logomania passt, den unübersehbaren Markenschriftzügen bei Kenzo, Acne oder Alexander Wang.

Grosses Neunzigerjahre-Revival

Man kann die aktuelle Mode also einfach als grosses Neunzigerjahre-Revival sehen. Die sind ja immer noch unverkennbar dran: vergangenen Sommer der neue Minimalismus, dann Grunge, jetzt Sportswear und Logos. Viele der Designer, die diese Trends wiederbeleben, sind in den Neunzigerjahren sozialisiert worden. Carol Lim und Humberto Leon beispielsweise, die mit ihrem mittlerweile über 20 000-mal verkauften Tiger-Sweater für Kenzo als Erste die Logos aus der Versenkung holten. Sie liebten damals selbst Sportswear mit grossen Schriftzügen, wie all die coolen Skater und Hip-Hopper, bevor das Statusgehabe mit falschen Armani-Lettern ein bisschen peinlich wurde. Und der gerade dreissig gewordene Alexander Wang verarbeitet mit den über und über mit seinem Namen versehenen Lederkleidern und Handschuhen womöglich auch einfach nur Eindrücke seiner frühen Teenagerzeit.

Doch der aktuelle Einfluss von Streetculture ist weit mehr als Nostalgie, die Rückkehr auf die Strasse ist für viele Designer schlichtweg: unumgänglich. Denn genau hier müssen ihre Sachen wieder ankommen, sie müssen tragbar sein – etwas, das in Modekreisen in den letzten Jahren absurderweise oft als Schimpfwort galt. Stattdessen war der Laufsteg für das grosse Spektakel zuständig. Je gewagter, je weiter entfernt von der Normalität, desto begehrter. John Galliano bei Dior, Marc Jacobs bei Louis Vuitton waren darin kaum zu schlagen. Dass sie mehr Theorie denn Praxis lieferten – absolut erwünscht. Solange die Zahlen stimmten. Jetzt hat die Krise die Branche ein Stück weit zurück auf den Boden geholt.

Konzentration auf Daywear

Selbst in China geht das Wachstum zurück, Modehäuser werden zunehmend wie normale Konsumgüterkonzerne geführt mit – mon Dieu! – Verkaufszahlen, die auch einem Nicolas Ghesquière bei Balenciaga vorgelegt wurden, bevor er schliesslich gehen musste und man den «Mann der Strasse», Alexander Wang, als neuen Chefdesigner holte. Mag die Vorstellung für manchen Couturier niederschmetternd sein – reale Frauen wollen und können sich nicht dreimal am Tag umziehen. Stella McCartney und Phoebe Philo, berufstätige Frauen und Mütter, entwerfen deshalb schon lange mit Blick auf sich und ihre Bedürfnisse. Ihre Sachen sind keineswegs weniger durchdacht, im Gegenteil, sie funktionieren fast überall, sogar im normalen Leben. Kein Wunder, dass eine grosse Tendenz nun die Konzentration auf Daywear ist.

«Der Tag ist der neue Abend» könnte die Devise lauten. Hemdblusen, luxuriöse Basics, Sweatshirts zu Jupes, flache Schuhe zu egal welchem Kleid, intelligentes Mixen und Downdressen, also das Herunterbrechen von High Fashion auf Tragtemperatur. Kaum jemand beherrscht das so gut wie Givenchy-Designer Riccardo Tisci, übrigens selbst eher ein Kind von der Strasse, der seinen Kollektionen immer irgendwo einen Schuss echte Street Credibility injiziert. Etwa wenn er transparente Jupes, die feminin übers Knie reichen, mit Neopren-Sweatshirts kombiniert, die an der Taille mit einer Art Velo-Spanngurt gerafft sind. Seine Sweatshirts mit Rottweilern, Pin-ups oder Bambis wurden von Jugendlichen, Kanye West und der modebewussten Businessfrau getragen.

Frontrow:  Kim Kardashian

«Das Leben ist so dynamisch geworden, alle arbeiten pausenlos, sind ständig in Aktion», sagte Tisci kürzlich der Zeitschrift «i-D.» «Urbane Kleidung und Sportswear ist das, was die Leute wollen. Mode ist Realität, auch Träume müssen in die Realität übersetzt werden.» Diese Saison holte er Afrikas Strassen mit Tribal-Inspirationen auf den Laufsteg. Und wer sass bei ihm in Paris in der ersten Reihe? Kim Kardashian, ziemlich realer Reality-TV-Star. Hubert de Givenchy, dessen Muse bekanntlich Audrey Hepburn war, wäre wohl hochgradig entsetzt; vorausgesetzt er wüsste, wer Kim Kardashian ist.

Zu dieser Bewegung passt auch das Accessoire, das die begehrtesten Models gerade vor sich hertragen: eine gewisse Strassen-Attitüde. Sie stapfen halb gelangweilt, halb aufmüpfig über den Laufsteg, als ginge der ganze Zirkus ihnen sonst wo vorbei, und verziehen auf Instagram-Selfies lieber das Gesicht, statt brav zu lächeln. Cara Delevingne, Edie Campbell oder Céline-Newcomerin Brogan Loftus heissen die neuen, burschikosen Ikonen. Alle ein bisschen realer als eine Claudia Schiffer oder Lara Stone.

Hanneli Mustaparta

Als Musen werden Hollywoodschauspielerinnen durch Streetstyle-Stars wie Hanneli Mustaparta ersetzt (Calvin Klein) oder vermeintlich nahbarere Popstars wie Rihanna verpflichtet. Selbst Balmain, unter Olivier Rousteing zuletzt eher für hochgeschraubte Kreationen zuständig, wählte die Engländerin als Gesicht der aktuellen Kampagne und fotografierte sie im Neunziger-Blingbling-Look vor – Achtung: einer mit Graffiti bekritzelten Wand. Rousteing spricht nicht umsonst neuerdings gern von «Street Couture» und davon, dass es ihm jetzt weniger um «Abend» gehe, sondern «mehr um Realität».

Eine Marke, die nicht erst so tun muss, sondern die sich tatsächlich organisch aus dem Look einer Gruppe Jugendlicher entwickelte – wie das bei «echter» Streetwear nun mal so passiert –, ist Hood by Air. Mit unübersehbar grossen Logos, Grafiken und deutlichen Oversized-Schnitten entwickelte sich die Linie des 25-jährigen Shayne Oliver in der Streetwear-Szene innerhalb weniger Saisons zu einer festen Grösse. Mittlerweile redet die halbe Branche von HBA, die Logo-Shirts werden von Moderedaktorinnen wie Fan-Devotionalien getragen.

1:1 in Streetstyle-Blogs

Das Ganze ist fast mehr eine Bewegung als nur ein Label. So wie Vivienne Westwood und Malcom McLaren in den Siebzigerjahren aus ihrem Laden an der Kings Road heraus bekannt wurden oder Yves Saint Laurent im Kreis seiner Girl Gang von der Rive Gauche die Couturewelt erschütterte. Damals waren Designer noch sehr viel mehr Teil ihrer direkten Umwelt. So viel Nähe konnten zuletzt vielleicht noch Carol Lim und Humberto Leon mit ihren Opening-Ceremony-Boutiquen vermitteln, die mehr Pilgerstätten sind denn blosse Stores. Auch deshalb wurden die beiden als Chefdesigner zu Kenzo geholt, mit Erfolg. Die Shows des zuletzt kaum relevanten Labels sind plötzlich so etwas wie echte Happenings, vieles vom Laufsteg findet sich sofort 1:1 in Streetstyle-Blogs wieder.

Wenn die High Fashion also zurück auf die Strasse will – wo ist dann noch der Unterschied zur High Street, den grossen Ketten, die sonst vielfach das Übersetzen für den Alltag übernehmen? Das ist die spannende Frage. Bei Material, Verarbeitung und letztlich auch im Preis orientieren sich die Luxuslabels weiterhin nach oben, während sie sich im Look der High Street annähern. Schaut man sich Saint Laurent an, könnte man beinahe sagen: Der Look ist derselbe. Er kopiert die High Street gleich selbst, bevor er dann wieder kopiert wird. Was viele andere Marken angeht, so sind sie aktuell zumindest im wahrsten Sinne des Wortes wieder ready-to-wear, sofort tragbar. Eine der besten Nachrichten für diesen Sommer.

Silke Wichert

Unsere Autorin Silke Wichert ist in den Neunzigern modisch sozialisiert worden. An manche Trends, wie sie nun im Zuge des Streetwear-Revivals zurückkehren, kann sich die Modechefin des Magazins der «Süddeutschen Zeitung» also noch gut erinnern. Zum Beispiel an Logo-Sweatshirts. Damals heiss geliebt: Benetton und Chipie. Nicht an alles erinnert sich die Wahlberlinerin allerdings gern: «Gewisse Dinge sollte man ganz einfach verdrängen.» Auf ein Comeback des Gürtels mit frontaler Versace-Medusa kann sie beispielsweise sehr gut verzichten.

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