Glücksheft

Kopenhagen macht glücklich: Hygge Städte-Trip

Text: Niels Anner, Fotos: Florina Schwander

Tipps für einen Städtetrip nach Kopenhagen: Insel der Glückseligen
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Glücklich in Kopenhagen
 

Fahrräder zum Ausleihen gibt es in Kopenhagen an jeder Ecke.
 

Die Häuser im Viertel Nyboder wurden ursprünglich für die königliche Marine gebaut.

Eine der vielen Uferpromenaden in Kopenhagen

Wasser ist in Kopenhagen allgegenwärtig.
 

Gemütlich: Café Norden in der Østergade

Es ist offiziell: In der dänischen Hauptstadt Kopenhagen sind die Menschen am zufriedensten. Nichts wie hin!

Velofahren ist auch an anderen Orten schön. Wer es aber in Kopenhagen tut, begreift, warum die Leute dabei glücklich werden. Wir stehen vor der Königlichen Bibliothek und blicken aufs Wasser. «Du kommst gar nicht darum herum, diesen Artikel mit dem Velofahren anzufangen», sagt Rikke, eine Freundin, die in Kopenhagen aufgewachsen ist. Rikke hat Recht. Und so beginnen wir dort, wo man auf zwei Rädern übers Wasser schwebt: Cykelslangen, Veloschlange, heisst die Brücke, die sich sanft zwischen modernen Glas- und Stahlkomplexen übers Wasser windet. Auf Pfeilern schlängelt sie sich in luftiger Höhe über den ehemaligen Hafen und erzählt dabei so viel über diese Stadt. Sie ist Kopenhagen durch und durch, erfüllt alle Ansprüche an gutes Design, Funktionalität und schlichte Eleganz.

Von der Brücke öffnet sich der Blick auf das Hafenareal, das sich in den letzten zwanzig Jahren von einer Industriebrache zu einem gefragten Wohn- und Geschäftsviertel wandelte, zur Spielwiese moderner Architekten. Hier liegen zwei beliebte Hafenbäder für einen Sprung ins heute saubere Wasser, und die Promenade von Islands Brygge, wo im Sommer die Kopenhagener ihr Bier in der Abendsonne trinken und muskelbepackte Typen Beachball spielen. Jetzt, im Winter, tollt meine vierjährige Tochter auf dem Spielplatz herum. Ich trinke Espresso und schaue den vorbeiziehenden Schiffen nach.

Wasser zieht sich wie ein Band durch die Stadt, verbindet durch die historischen Hafenkanäle Alt und Neu. Da sind die bunten 300-jährigen Postkartenhäuser in Nyhavn und gegenüber, im Stadtteil Christianshavn, Packhäuser aus der Zeit, als Dänemark noch eine Weltmacht der Schifffahrt war. Geblieben ist das Gefühl von Weite und Weltoffenheit.

Am Wasser liegen aber auch moderne Zeugen der Architektur- und Designhochburg Dänemark: der kantige, schwarz glänzende Anbau der Königlichen Bibliothek, der «Schwarze Diamant», und das neue Schauspielhaus mit seiner leichten Glasfassade. Nicht zuletzt findet man am Wasser auch einige der schönsten grünen Lungen der Stadt, bei den ehemaligen Befestigungsanlagen oder auf der grossen Insel Amager im Süden. Und natürlich den Strand – den erreicht man vom Stadtzentrum in 20 Minuten per Velo, zum Beispiel über die Schlangenbrücke. Die 220 Meter lange Cykelslangen war mit Abstand die teuerste Variante für das fehlende Verbindungsstück einer Route, die vom In-Viertel Vesterbro mit seinen vielen Bars und Kleiderläden Richtung Uniquartier und Strand führt. Heute radeln täglich 12 000 Personen darüber. In Kopenhagen geniesst das Velo Vorfahrt, es ist das Transportmittel für Studierende, Banker, Grossmütter, Familien. 41 Prozent aller Fahrten zu Job oder Ausbildung werden in der topfebenen Stadt mit dem Velo zurückgelegt. Umweltbewusstsein ist nur zu einem kleinen Teil der Grund dafür; Velofahren ist praktisch, Gratissport, ein reines Frischluftvergnügen. Auch für Touristen: An zwanzig Dockingstationen in der Stadt können Velos ausgeliehen werden, für rund vier Franken pro Stunde.

Mir gefällt besonders, wie man hier mit genialen Tricks das Leben auf zwei Rädern versüsst. Es gibt die grüne Welle, die auf das Tempo der Velofahrer abgestimmte Lichtsignalschaltung. Und die Plauderstreifen: so breit, dass mehrere Velos nebeneinander Platz haben.

Für Kristine ist das Velo zentral, als ich sie nach den Gründen frage, warum sie in Kopenhagen glücklich ist. Die 38-jährige Dozentin an einem Lehrerseminar setzt ihre Zwillingsbuben am Morgen in ihr dreirädriges Transportvelo und fährt erst zur Kinderkrippe, dann zur Arbeit. «Kopenhagen bietet mir die Möglichkeit, Job und Familie problemlos zu vereinbaren», sagt Kristine. Dazu tragen kurze Distanzen bei: Die Hauptstadt ist mit knapp 600 000 Einwohnern überschaubar, vor allem aber sind Krippen immer nur wenige Strassen entfernt. Sie sind grösstenteils vom Staat finanziert – ein Angebot, das die allermeisten Familien wahrnehmen: Der Anteil der Mütter, die nicht oder nur Teilzeit arbeiten, ist klein. Kristine und ihr Partner holen die Kinder abwechslungsweise aus der Krippe ab – vor 16 Uhr. Kurze Bürozeiten, effiziente und flexible Arbeitstage sind Standard. Deshalb bekommt man in Kopenhagen immer wieder zu hören: Eine ausgeglichene Work-Life-Balance, dank der Karriere und Kinder Platz haben, ist ein entscheidender Glücksfaktor.

Wenn es um Glück geht, macht den Dänen so schnell niemand etwas vor. Seit Jahrzehnten zeigen internationale Untersuchungen, dass die Menschen hier am glücklichsten sind. So auch die umfassendste Studie, der World Happiness Report, den die Columbia University in New York für die Uno erstellt. Der Report fragt nach selbst empfundenem Glück, aber auch nach der Qualität des Arbeitsmarkts und der Sozialsysteme, er bezieht Lebenserwartung und Wohlstand mit ein. Im aktuellsten Bericht von 2013 liegt Dänemark vor Norwegen und der Schweiz an der Spitze.

Die Dänen wollten es genauer wissen. Gemäss einer detaillierten Analyse haben gesellschaftliche Faktoren den stärksten Einfluss auf ihr Glück. Dazu gehören Demokratie und Freiheit, etwa liberale Gesetze, die die Rechte von Homosexuellen und die Gestaltung der Familienform betreffen. Patchworkfamilien sind in Kopenhagen völlig normal. Dann sind da die Kinderwägen, die an jeder Ecke vor den Cafés und den vielen kleinen Läden stehen: Weil drinnen kein Platz ist, schläft das Baby draussen – ein Sinnbild für das Sicherheitsgefühl in dieser Stadt.

Die Dänen weisen das weltweit höchste Vertrauen in den Staat auf. Dazu gehört auch, dass sie enorm hohe Steuern bezahlen – und sie tun es gern. Thomas, ein 41-jähriger Berater, weiss, dass es merkwürdig klingt: «Wir zählen einfach zusammen, was wir erhalten – und die Rechnung geht auf.» Gute Kinderbetreuung, gute Schulen, ein kostenloses Studium; die Studierenden erhalten erst noch einen staatlichen Beitrag an die Lebenshaltungskosten – eine Art Lohn fürs Studieren. Der stark ausgebaute Wohlfahrtsstaat bedeutet auch Gratisgesundheitsversorgung, ein stabiles Auffangnetz bei Jobverlust, ein Jahr Elternurlaub.

Die Stadt Kopenhagen wiederum investiert sichtbar in die Lebensqualität ihrer Bewohner. Nicht nur in Velowege, auch in eine elegante Metro, die neue Quartiere erschliesst. Und in Spielplätze, die besten weit und breit. Zum Beispiel im Fælledparken, wo es nicht weniger als sechs grosszügige Spielplätze und Skateranlagen gibt. Auf dem Favoriten meiner Tochter sind die bunten Türme der Kirchen und Schlösser Kopenhagens nachgebildet; ich selber bin am liebsten auf dem Trampolinspielplatz; da hüpfen nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern auf in den Boden eingelassenen Gummi-Netzen herum.

Auch Wohlstand, das zeigt die Länder-Rangliste, macht glücklich. Als Wirtschaftszentrum Dänemarks zieht Kopenhagen gut Ausgebildete an. Nicht zuletzt dank ihnen blühen die attraktiven sogenannten Brückenquartiere Vesterbro, Nørrebro und Østerbro, die das Stadtzentrum in einem Halbkreis umfassen. Wer die Stadt wirklich sehen will, muss hierher – zehn Minuten Velofahrt vom Zentrum. Man ist konsumfreudig in diesen aufgefrischten Altbau-Wohnquartieren und setzt auf hochstehende Produkte, seien das nun Designerlampen oder Kulinarisches. Da kommt es nicht von ungefähr, dass das «Noma» bereits viermal zum besten Restaurant der Welt gekürt wurde. Seine nordische Küche und das hohe Niveau befeuern eine hochwertige Gastroszene in Kopenhagen. «Zu meinem Glück gehört», sagt Thomas, «dass in der Stadt in hohem Mass Qualität und Biofood gefragt sind und angeboten werden.» Dies durchaus verhältnismässig günstig und als Take-away, wie die leckeren Gerichte bei Cofoco oder Meyers Deli beweisen. Oder in den Torvehallerne im Zentrum, der Traum einer Markthallengastronomie nach dem Prinzip «lokal und gut».

Doch die Stadt is(s)t nicht nur edel. Das Vielkulturenquartier Nørrebro bietet Kebabs an jeder Ecke, schummrige Bars, simple Cafés. Man erreicht es über die Dronning-Louise-Brücke, der beste Treffpunkt für ein gemütliches (Dosen-)Bier, einen Schwatz, einen Flirt. Mir hat es der zentrale Kongens Have, der Königsgarten, angetan, eine Mischung aus Schlosspark (bemützte Wachsoldaten inklusive) und Tummelplatz für Studierende, Spazierende, Verliebte und Bürogummi.

Für all dies steht der urdänische Begriff hygge, der mit Gemütlichkeit nur annähernd umschrieben ist. Hygge bedeutet eine nette Zeit mit Familie, Freunden, Nachbarn oder Wildfremden, schwatzen, trinken, sozial sein. Hygge ist ein glücklicher Idealzustand, den die Dänen rasch erreichen: Es braucht dazu gute Lebensbedingungen, klar, aber ebenso Leichtigkeit, Humor, eine Prise Selbstironie und einen Schuss Pragmatismus. Kopenhagen ist vielerorts eine laute, nicht besonders saubere Stadt.

Dass ab und zu etwas aus dem Rahmen fällt und man über die Stränge schlägt, schadet nichts. An wenigen Orten sonst wäre die Freistadt Christiania denkbar, einst Heimat von Hippies, die ein ehemaliges Militärgelände besetzten und eine halb-autonome Kommune aufbauten – heute ein Ort für alternative Kultur und geduldeten Cannabiskonsum. Oder der Assistenzfriedhof, der altehrwürdigste der Stadt: Schriftsteller Hans Christian Andersen, der Philosoph Søren Kierkegaard, der Physik-Nobelpreisträger Niels Bohr und viele andere Grössen fanden hier ihre letzte Ruhe. Doch zwischen den Gräbern tollen Kinder herum, und Eltern geniessen die Wintersonne. Typisch Kopenhagen.

ESSEN & TRINKEN

Wenn ein Italiener in Kopenhagen, dann das «Mother»: urban, cool, bio. Wir essen Holzofenpizza aus Sauerteig und lassen kein Randstück liegen. Auf dem ehemaligen Schlachthofareal hinter dem Hauptbahnhof, wo sich Galerien und Restaurants (Austern in der Fiskebar!) eingerichtet haben.
— Mother, Høkerboderne 9, Tel. 0045 22 27 58 98, www.mother.dk

Das «Relæ» ist das wohl günstigste Sterne- Restaurant der Stadt (ca. 75 Franken für vier Gänge). Christian Puglisi serviert täglich zwei Menüs aus lokalen Zutaten. In den Kellern der einst berüchtigten Strasse Jægersborggade florieren heute Schmuck- und Modedesigner, Bars, Restaurants und kleine Bioläden. Wir trinken einen Apéro im «Manfreds», im «Coffee Collective» braut ein Barista-Weltmeister den Espresso.
— Relæ, Jægersborggade 41, Tel. 0045 36 96 66 09, www.restaurant-relae.dk
— Manfreds & Vin, Jægersborggade 40, Tel. 0045 36 96 65 93, www.manfreds.dk
— The Coffee Collective, Jægersborggade 10, Tel. 0045 60 40 75 70, www.coffeecollective.dk
www.jaegersborggade.com

AUSGEHEN

Im Østerbro-Quartier liegen «Pixie» und «Bopa» Seite an Seite und neben Pétanque-Bahn und Spielplatz. Abends gibts Feelgoodmusik, Discokugel und farbige Lämpchen. Hyggelig!
— Pixie, Løgstørgade 2 / Bopa Plads, Tel. 0045 39 30 03 05, www.cafepixie.dk
— Bopa, Løgstørgade 8 / Bopa Plads, Tel. 0045 35 43 05 66, www.cafebopa.dk

SEHEN

Die Bierbrauerei Carlsberg stellt in der Ny Carlsberg Glyptotek ihre hochstehende Kunstsammlung aus – von etruskischen Skulpturen bis zu europäischen Impressionisten.
— Ny Carlsberg Glyptotek, Dantes Plads 7, Tel. 0045 33 41 81 41, www.glyptoteket.dk

SCHLAFEN

Das «Bella Sky» ist mit über 800 Zimmern und 23 Stockwerken nicht nur das grösste Hotel Skandinaviens, sondern auch eines der skurrilsten. 7 km vom Zentrum im neuen Ørestad-Quartier gelegen, ÖV vor der Tür. Ein Koloss aus zwei 76 Meter hohen, abgewinkelten Türmen. Der Blick vom 23. Stock ist atemberaubend.
— Hotel Bella Sky Comwell, Center Boulevard 5, Tel. 0045 32 47 30 00, www.bellaskycomwell.dk, DZ mit Morgenessen ab 250 Franken

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