Fernweh

Postkarte aus Tel Aviv

Text: Frank Heer; Fotos: Jonas Opperskalski, Fotos: iStockphotos

Postkarte aus Tel Aviv
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In Tel Aviv gibt es überall Stationen für Mietvelos. Toll: der Küstenweg vom modernen Tel Aviv nach Jaffa

Auch mit neuer Crew bleibt alles beim Alten: Café Mersand

Oriental Breakfast: Tahini, Toast, Tomaten, Gurken, Labané, ein hartes Ei

Angesagter gehts nicht, trotzdem ist ein Besuch im Café Mersand ein Muss, am besten unter der Woche.

Meer- und Stadtblick zum Sonnenuntergang: von der Seebrücke der Tel Aviv Marina (Höhe Ben Gurion Street)

Durchs Café Mersand weht ein Hauch des alten Tel Aviv. Hier offenbart sich das Wesen der Stadt.

Walter Mersand, ein Neueinwanderer aus Berlin, soll sich nach einem Kaffeehaus europäischer Prägung gesehnt haben, weshalb er 1955 sein eigenes Bistro eröffnete. Seither ist die Innenausstattung nahezu unverändert geblieben. Grosse Fensterfront, braunes Täfer, Hocker vor schmalen Tischchen. Orange Plastikuhr an einer Wand, an der andern ein Foto von Staatsgründer Ben Gurion. Das Telefon ist neueren Datums. Es stammt aus den Achtzigern. Modern sind im «Mersand» nur die Laptops der jungen Gäste und das lässige Personal.

Es gibt idyllischere Orte als die lärmige Strassenecke Frischmann/Ben-Yehuda. Doch wer hier ein paar Stunden sitzt (und das kann man im «Mersand» bestens), begreift das Wesen der Stadt: diese Zwangsheirat von entspannter Abgeklärtheit und latenter Paranoia. Zur Erinnerung: Gaza ist sechzig Kilometer entfernt, Ramallah achtzig.

Im Korridor hängen Zeitungen, auch die englische Ausgabe der linken «Haaretz» und die konservative «Jerusalem Post». Von der Fensterbank blickt man in die Küche. Es ist Vormittag, und ich bestelle das Oriental Breakfast: Tahini, Toast, Tomaten, Gurken, Labané, ein hartes Ei (1). Dazu einen Hafuch (Cappuccino im Glas). Vor dem Sabbat treffen sich im «Mersand» immer die «Mädels» zu Liqueur und Kuchen. Sie stammen aus Dresden, Wien oder Kiew und sprechen Deutsch, Hebräisch, Russisch. Die Runde schrumpft, denn die Mädels sind in ihren Achtzigern, tragen grosse Ohrringe und geblümte Blusen.

Bis vor kurzem wurde das Lokal noch von Mikki Mersand geführt. Er hatte es von seinem Vater übernommen. Altersbedingt überliess er es den heutigen Pächtern: junge Leute, die ihm versprachen, dass alles bleibt, wie es ist. Sogar die Musik ist von früher: israelische Schlager. Bob Dylan. Chansons. Arik Einstein. Jazz. Abends leuchten entlang der Markise farbige Lampen. Man trinkt Goldstar (das israelische Nationalbier) auf dem Trottoir, und die Musik wird aufgedreht. Später schwärmen die Nachtfalter aus in die angesagten Bars und Clubs der Stadt. Neuerdings ist es die Tiki-Bar im Hotel Imperial, schon länger das «Port Said». Dort stapeln sich Schallplatten bis zur Decke, und Koch Eyal Shani lässt bis fünf Uhr morgens grandiose Mezze auftischen. Zwei Stunden später nimmt im Café Mersand die alte Sanremo ihren Dienst wieder auf, um den besten Kaffee an der Ben-Yehuda Street zu mahlen. Tel Aviv erwacht zur gewohnten Unrast.

Die besten Tipps

ESSEN

Die alte Dame unter den Tel Aviver Cafés feierte dieses Jahr ihren 60. Geburtstag. Masel tov!
— Café Mersand, Ben-Yehuda Street 70

Angesagter gehts nicht, trotzdem ist ein Besuch in diesem Bistro/Bar/Café ein Muss, am besten unter der Woche. Gleich gegenüber liegt Tel Avivs älteste Synagoge, aus dem Jahr 1926.
— Port Said, Har Sinai Street 5

Das neuste Baby von Starküchenchef Eyal Shani, der mit seinem Restaurant Tzfon Abraxas (Lilienblum Street 40) Weltruhm erlangt hat.
— Salon Romano, Derech Jaffa 9

Klingt nach süsser Verlockung, ist aber ganz dem Verführer Alkohol gewidmet: Cocktails mit Klasse!
— Cookies & Cream, Allenby 99

Lokalpatrioten behaupten, dass es hier den besten Kaffee gibt. Schön und ruhig gelegen im historischen Bauhaus-Quartier.
— Cafelix, Shlomo ha-Melekh Street 12

Seit dem Umbau des prächtigen Gebäudes aus der Mandatszeit in ein Edelhotel schwärmt ganz Tel Aviv von den beiden Restaurants, dem «Dining» (japanisch) und «The Restaurant» (mediterran). Idealer Ausgangspunkt zum anschliessenden Galleryhopping im Quartier.
— The Norman Hotel, Nachmani Street 23; www.thenorman.com

Klassiker unter den Szenekneipen, geführt von Frauen. Das Interieur vom Flohmarkt, das Essen vom Markt.
— Joz ve Loz, Yehuda HaLevi 51

HIGHLIGHTS

Meer- und Stadtblick zum Sonnenuntergang: von der Seebrücke der Tel Aviv Marina (Höhe Ben Gurion Street).

AUSFLUG

In Tel Aviv gibt es überall Stationen für Mietvelos. Toll: der Küstenweg vom modernen Tel Aviv nach Jaffa. Flohmarkt, Altstadt und Hafen sind längst gentrifiziert (und die arabische Bevölkerung in die Aussenbezirke verdrängt), doch dank den regelmässigen Rufen der Muezzins weht noch immer ein Hauch von Orient durch die alten Gassen.

SPRACHE

Sprachschwierigkeiten? Kulturnews, Foodblogs und Veranstaltungshinweise auf Englisch:
— Telavivian.com

Nationalspeise to Go

Den besten Hummus (Kichererbsenpüree) gibt es beim Palästinenser Abu Hassan in Jaffa (Ha’ Dolfin Street 1). Das nahöstliche Nationalgericht gibts aber auch reisefähig verpackt in jedem Supermarkt.

Frank Heer

Der Kultur-Redaktor und Reporter schätzt an seinem Job vor allem die Lizenz zum Fragen, weil er überzeugt ist, dass jeder Mensch eine gute Geschichte zu erzählen hat.

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