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Boomstadt Mumbai

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Boomstadt Mumbai

  • Text: Stefanie RiguttoFotos: Malte Jäger

In keiner Stadt wird der Aufbruch Indiens so intensiv gelebt wie in Mumbai, dem einstigen Bombay. Wo eine moderne Mittelklasse Risotto isst, mit iPhones spielt und von New York träumt.

Mumbai ist wie ein weisses Blatt Papier: Man kann darauf zeichnen, was man will. So jedenfalls fühlt es sich für Kenneth Lobo an, einen Vertreter der jungen, modernen Generation der Metropole. 29 Jahre alt, Typ Intellektueller, hört Drum’n’Bass, liebt Cappuccino von Barista (einer ziemlich mässigen Starbucks-Kopie), hat 2000 Facebook-Freunde, kennt jeden Club in der Stadt und war – dank seines Vaters, der bei Air India arbeitet – schon in London und New York. Er spricht schnell, sagt dauernd «hell yeah», tippt auf seinem Blackberry herum und gibt sich wahnsinnig beschäftigt. Sorry, ein wichtiges Mail, und oh, fuck, ein Anruf, den müsse er kurz annehmen («Wassup, maaan?», nuschelt er ins Telefon). Einzig die biederen, ausgeleierten Ledersandalen passen nicht zu seinem betont coolen Auftreten.

Vor ein paar Jahren hat Kenneth Lobo mit zwei Freunden das Bombay Elektrik Projekt aufgezogen. Sie organisieren alternative Partys, Comedy-Abende, Kurzfilmtage und haben das Musikmanagement von einigen der hippsten Clubs übernommen. Sie entscheiden, was dort gespielt wird, «und das ist garantiert kein Bollywoodsound». Sondern? «Elektronische Musik, made by Indians!», sagt Kenneth Lobo. Der Zeitgeist der Stadt. Noch vor zehn Jahren hätte er mit seinen Ideen keine Chance gehabt. Doch heute, in Zeiten von Youtube, Twitter und günstigen Reisen, haben sich den Mumbaikars – wie sich die Einheimischen selbst nennen – neue Horizonte geöffnet. Kenneth Lobo kann auf Feldern experimentieren, die noch völlig unbeackert sind, und ausprobieren, was dort am besten gedeiht.

Mumbai ist vieles: Moloch mit geschätzten 22 Millionen Einwohnern, Hafenstadt am Arabischen Meer, Heimat schnulziger Bollywoodfilme. Doch Mumbai ist vor allem eines: die grösste Hoffnung Indiens. Man nennt sie auch Mayanagri, Stadt der Träume. Wie keine andere indische Grossstadt steht sie für den Boom, die Moderne, den Aufbruch. Während in Delhi die Gesetze des Landes gemacht werden, entstehen hier die gesellschaftlichen Trends. Mumbai ist ein Raumschiff, das vom Mittelalter in die Zukunft gestartet ist. Nun schwebt es irgendwo zwischen Sari und Gucci, zwischen Tandoori-Chicken und Foie gras. Dort die Ziegen, da der Vitra-Laden, dort der stinkende Slum Dharavi, Schauplatz des Kinofilms «Slumdog Millionaire», dahinter der Wolkenkratzer mit den klimatisierten Apartments. Während die einen mit ihrem iPad spielen, stehen die anderen vor einem Holzverschlag Schlange, um das grosse rote Telefon zu benützen.

Zwischen diesen Extremen hat sich eine Mittelklasse herausgebildet mit Menschen wie Kenneth Lobo. Er ist ein Secondo im eigenen Land, spricht mit seinen Kollegen die ganze Zeit englisch, fehlerfrei, aber mit starkem Akzent – nicht nur weil im Land der 122 Sprachen die wenigsten dieselbe Muttersprache haben. Sondern weil es die Sprache der Zukunft ist. Er spricht sogar englisch mit seinen Eltern. Diese verstünden ihn kaum, sagt er, doch seien sie «very very proud», einen so modernen Sohn zu haben. Es gab nie eine bessere Zeit für Mumbais Mittelklasse: Neue Wohnhäuser sind entstanden, ein Künstlerviertel, Galerien, Restaurants, Musikfestivals, Zeitungen, Fernsehsender, Blogs und das erste indische Sinfonieorchester. Internationale Firmen haben sich niedergelassen, ebenso Markenshops und Fastfood-Lokale (derzeit besonders beliebt: Crêpes gefüllt mit Chicken Tikka Masala). Mumbai erlebt eine Renaissance, und Kenneth Lobo ist mittendrin. «Mumbai ist wie New York», sagt er, «nur dreckiger.»
Wir hatten ihm vorgeschlagen, uns am Chowpatty Beach zu treffen, einem langen Sandstrand mit Blick auf den Nariman Point, das «Manhattan Mumbais» (New York, schon wieder!). Kenneth Lobo jedoch fand, der Ort sei «absolut uncool» und schlug stattdessen das Szeneviertel Bandra vor, das sei the place to be. Wir verabreden uns für Mitternacht im «Janata», einem angesagten Lokal, es wird uns in den nächsten Tagen noch mehrmals empfohlen. Im Taxi auf dem Weg dorthin passieren wir vier Polizeikontrollen, bei der letzten werden wir angehalten und müssen aussteigen. «M’am, where are you from?» – «Switzerland.» – «Oh, Swisserland! Nice country!» – «Ah, Sie waren schon dort?» – «No, but nice country!» – «Okay, danke. Was jetzt?» – «Jetzt können Sie wieder ins Auto steigen», sagt der Polizist, während ihm der Taxifahrer verstohlen ein paar Rupien in die Hand drückt. Vor dem «Janata» steht eine Ansammlung rauchender junger Leute. Der Taxifahrer rauscht zweimal an ihnen vorbei («No good place, please don’t go!»), bis wir schliesslich aussteigen dürfen. Das Lokal wirkt etwas versifft, auf jeden Fall unprätentiös, sicher kein Ort des Designs. «Hello, M’am», flüstern die Kellner, «please come», gurren sie und schauen einem verstohlen in den Ausschnitt. Es riecht nach fremden Gewürzen und Bier. Die Luft ist eiskalt, die Klimaanlage läuft auf Hochtouren, draussen quält die Tropenhitze. Kenneth Lobo sitzt zuhinterst im Lokal, so sehr an seine Freundin gekuschelt, dass man es für indische Verhältnisse schon fast als zügellosen Sex bezeichnen muss. (Zitat aus dem Reiseführer: «Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit sind tabu!») Jetzt küsst er sie auf die Wange – in einem Land, in dem sinnliche Tanzauftritte in Filmen bereits als Sexszenen gelten! Seine Freundin trägt einen kurzen Jupe und ein Trägershirt. (Reiseführer: «Vor allem Frauen sollten darauf achten, sich nicht zu leicht zu bekleiden.») Die Freundin ist 23 Jahre alt und Möbeldesignerin. Sie arbeite viel, sagt sie, oft bis Mitternacht. «Man kann es sich nicht leisten, faul zu sein, denn draussen wartet eine Schlange von Leuten, die ebenso gut qualifiziert sind.» Mumbai habe sich rasant verändert, findet sie. «Vor allem die Menschen», ergänzt Kenneth Lobo. Alle besässen mehr Geld. Bis vor kurzem sei es für viele in seinem Alter nicht erschwinglich gewesen, einen Mojito in einem schicken Club zu trinken.

Das junge Paar lebt zusammen, doch das wissen die Eltern natürlich nicht. Sie grinsen sich an, verschwörerisch. Und heiraten sei – entgegen dem elterlichen Wunsch – «gar kein Thema». Seine Freundin sei noch so jung, erklärt Kenneth Lobo, «sie soll zuerst die Welt entdecken». Diese nickt und erhebt sich, die Kellner werfen uns raus, Punkt 1 Uhr 30. Wir müssen durch die Küche, wo Currys über dem offenen Feuer köcheln und Männer in schmutzigen Lumpen die Töpfe schrubben. Der Hinterausgang führt in eine stockdunkle Gasse, in der Bettler am Boden sitzen und auf Essensresten warten. Vor einer halben Minute war alles noch modern, es schmeckte nach Auflehnung – jetzt hört man die Ratten quieken, unter den Füssen spürt man den Dreck.

Die Tür zum Herzen der Inder ist ein Lächeln, heisst es. Die Tür zu Mumbai ist der Gateway of India aus dem Jahr 1924, der indische Arc de Triomphe. Das Wahrzeichen liegt im Süden der Stadt, am Hafen, dahinter ragt das berühmte Taj Mahal Palace Hotel in die Höhe. Wir sind in Colaba, dem Stadtzentrum, umgeben von Horden indischer Touristen und dem Erbe britischer Kolonialherren. Händler verkaufen farbige Riesenballone, Kinder rennen jauchzend herum – nichts erinnert an das Blutbad vom November 2008, als hier bei Terroranschlägen 195 Menschen starben. Nur wer genau hinschaut, entdeckt die Einschusslöcher im «Leopold», einer beliebten Touristenbar und Schauplatz des Bestsellers «Shantaram». An anderen Orten wurden die Löcher farbig umrandet, darüber schrieb man: «We condemn the attacks!» Das Image der Muslime – mit zwanzig Prozent die zweitgrösste Religionsgruppe Mumbais nach den Hindus – ist seit den Anschlägen wieder mal auf dem Tiefpunkt angelangt. «Ich wohne in einem guten Viertel», meint ein Taxifahrer und begründet: «Dort leben wenige Muslime.»
In einer Seitengasse von Colaba suchen wir nach der Volte-Galerie. Penner schlafen am Boden, ein junger Mann bietet uns Pot an, ein anderer Crack («M’am, psst, crack? No? Why not?»), eine Bettlerin kneift uns in den Arm (autsch!). Das Glasschild mit dem eingravierten Namen Volte erscheint uns wie das Ticket in die Zivilisation. Wir betreten einen schönen Raum mit weiss getünchten Wänden, Lounge-Musik, angenehmer Kühle, vorzüglichem Latte macchiato. Von der Decke der Galerie hängen zerschnittene Leinwände, die zusammengewoben wurden mit Dingen, die das Chaos der Stadt hergibt: zerrissene Plastiksäcke, kaputte Tischdecken, rostige Metalle, alte Saris. Es ist das Werk von Boshudhara Mukherjee, Bo, wie sie sich nennt. Dies ist Bos erste Ausstellung, und sie hat alle Werke verkauft, das Stück zu stolzen 4500 US-Dollar. «Bombay ist der Ort, wo man jetzt als Künstler sein muss», findet ihr Galerist. Anders als in New York (nicht schon wieder!), wo jeder Kellner sagt «You know, I’m an artist», fällt man hier als moderne Künstlerin auf. Bo ist Anfang zwanzig und eine XXS-Person, so klein und fein, dass man sich neben ihr wie ein Elefant vorkommt. Sie hat diese dicken, schwarzen Haare und macht mit ihrem Lachen jeder Miss Universe Konkurrenz. Bo ist Hindu, ging jedoch in eine katholische Schule und isst – obwohl unüblich im Land der heiligen Kühe – am liebsten Rindfleisch. Anything goes, das gilt für Bo wie für ihre Stadt. Die Gelegenheit zur Ausstellung bekam sie, weil sie mit einem ihrer Objekte in die Galerie spaziert ist. Sie hatte Glück – «nein», korrigiert sie sich gleich selbst. «Das ist nicht Glück. Das ist Mumbai. Hier kann man die schrägsten Ideen verwirklichen. Unter all den Millionen findest du immer jemanden, der dich gut findet.»

Anfang des 16. Jahrhunderts entdeckten portugiesische Seefahrer Bom Bahia, die gute Bucht. Schnell wurde aus dem Fischerdorf ein Handelshafen, den sich die Briten im 17. Jahrhundert unter den Nagel rissen und fortan Bom Bay nannten. 1947 erkämpfte sich Indien die Unabhängigkeit, doch erst 1995 beschloss man, um sich von den Kolonialmächten zu distanzieren, die Stadt in Mumbai umzutaufen. Was auf Regierungsebene ein Politikum war, ist für die jungen Mumbaikars eine Nebensache. Bombay, Mumbai – who cares! Wen interessiert die  Vergangenheit, wenn die Zukunft so verheissungsvoll ist? In ihren Augen sollte sich die Regierung lieber um die Wohnsituation kümmern. Die Hälfte der Stadtbevölkerung lebt immer noch in Slums. Auf einem Quadratkilometer wohnen in Mumbai fast 32 000 Menschen, beinahe doppelt so viele wie in Delhi. Und achtmal mehr als in Zürich.

Wir treffen Kenneth Lobo erneut, an einem Poetry-Slam, den er organisiert. Er habe einst einen Slam in New York erlebt – wie oft wird er die Stadt noch erwähnen? – und sei so begeistert gewesen, dass er die Idee nach Mumbai bringen wollte. Nur: Hier wusste niemand, was ein Poetry-Slam ist. «Zuerst haben wir den Leuten DVDs von Events in Brooklyn gezeigt», sagt er. Damit sie eine Vorstellung bekamen, was von ihnen erwartet wird. Gebracht hat es nicht viel, das zeigt sich schon beim ersten Teilnehmer. Dieser – Typ Banker, Mitte dreissig – liest sehr würdevoll ein Gedicht von einem Notizblock ab, erhält viel Applaus und einen Gratis-Shot. Etwa fünfzig Leute sind gekommen, davon hätten sich zehn Dichter angemeldet, sagt der Moderator. «Elf», ruft eine ältere Frau im Sari, die gerade hereingeschlüpft kommt. (Sie wird später ein Gedicht aus ihrer College-Zeit vortragen, von dem sie allerdings nur noch die erste Strophe weiss.) «Poetry is not dead in Bombay, yeah», johlt der Moderator immer wieder. Mittlerweile sind zwanzig Dichter aufgetreten, der letzte, ein junger Mann mit beachtlichem Bauch, liest von seinem Handy ab («My first cell phone poem!»). Plötzlich klingelt es: «Oh, eine Nachricht von meiner Mutter», sagt er. Gelächter. Es hat Platz für jeden, und jeder will dabei sein, denn Poetry-Slam, das ist etwas Neues, Besonderes, etwas, an dem der Geruch des – na was wohl? – hippen New York haftet.
New York? Ja klar, sei er schon dort gewesen, was für eine Frage. Der junge Mann fiel uns auf dem Flug von Zürich nach Mumbai auf. Heineken-Shirt, gefälschte Louis-Vuitton-Jeans, Eagles-Kappe, schwarzer Vollbart. Er schaute sich «Avatar» an und tippte auf seinem iPhone mit dem Ed-Hardy-Cover herum. Nach der Landung begegneten wir ihm beim Taxistand wieder. Wir erzählten von unserer Reportage. «Sicher macht er mit», antwortete sein Onkel, ein stattlicher Sikh, für ihn. «Er ist der Prototyp des modernen Mumbai», freute sich der Onkel weiter. Arjun Ahuna, so heisst der junge Mann, lächelte verlegen, fühlte sich aber zu geschmeichelt, um zu widersprechen. Er ist 22 Jahre alt, hat einen amerikanischen Akzent, vier Jahre studierte er in Dallas, Texas. Dort hat er sich angewöhnt, eine Mütze über dem Turban – dem Merkmal der Sikhs – zu tragen. «Mit meinem Bart hielt mich eh jeder für den Cousin von Osama bin Laden, da hätte mir der Turban nur noch mehr Probleme bereitet.» Geholfen hat es nichts, sein Spitzname in den USA war «Terrorist». Seine Familie besitzt in Mumbai eine Stickerei und Weberei. Er besuchte die Schweiz, um mit einer neuen Maschine vertraut zu werden – schliesslich soll er einst das Geschäft übernehmen.

Arjun Ahuna schlug als Treffpunkt das Marriott Hotel am Juhu Beach vor. Der Strand im Norden der Stadt ist am Sonntag eine einzige Chilbi. Buben und junge Männer stürzen sich kreischend in die Fluten, die Frauen stehen bekleidet am Strand, Bikinis sind nirgends zu sehen (womit sich die im Reiseführer beschriebene Prüderie doch noch bewahrheitet). Jeder will ein Geschäft machen, einer führt seine dressierten Affen vor, ein anderer bietet Flöten feil («Look, nice saxophone!»). Eine Numerologin sucht nach Kunden: «Wie ist Ihr Geburtsdatum?», fragt sie. «27. November 1979.» Sie konsultiert eine Liste und meint dann: «Sie sollten nicht heiraten!» – «Warum nicht?» – «Sie werden noch viele Männer haben.» – «Oha! Auch Inder?» – «Nur das nicht», antwortet sie und verwirft die Hände.

Wer ins «Marriott» will, muss einen Sicherheitscheck wie am Flughafen über sich ergehen lassen. Seit den Terroranschlägen vom November 2008 sind die Sicherheitsvorkehrungen der Luxushotels gross. Arjun Ahuna erscheint im Sakko und ist gut gelaunt («Tell me I’m looking good!»). Er führt uns in die korrupte Etikette der Stadt ein, zückt einen Stapel glänzender Memberkarten, die Statussymbole des jungen Mumbaikars, fischt diejenige des «Marriott» heraus und spaziert zum Pool. Die Karte ist abgelaufen, aber das sei kein Problem. «Man faltet ein paar Scheine zusammen, legt sie sich in die rechte Hand und überreicht sie dem Türsteher beim Händeschütteln.» Ohne solche Tricks sei das Leben in Mumbai «ziemlich anstrengend».

Um heute Abend in den Club Enigma im «Marriott» zu gelangen, wird er die Masche aber nicht brauchen – seine Eltern feiern die Welcome-back-from-Switzerland-Party für ihren Sohn. Ein überdimensionaler Kronleuchter hängt über der Bar, auf den Sofas liegen die glitzernden Clutches der weiblichen Gäste, alle in Abendkleid und spitzen Highheels. Arjun Ahuna flirtet mit der Miss India 2004, die seine Firma als Model verpflichtet hat. Seine Freunde tragen zerrissene Jeans, weisse, bis zu den Brusthaaren aufgeknöpfte Hemden und benehmen sich wie Bollywoodstar Shahrukh Khan, wenn er auf der Leinwand vom Motorrad steigt, seine Sonnenbrille abnimmt (Slow Motion!) und zu einer indischen Schönheit sagt: «Hey babe.» Es sind also moderne Inder hier im «Enigma». Aber was heisst modern? Die Frauen feiern unter sich, in einem Kreis. Kurze Haare? Trägt keine. Und wenn statt Banghra-Rhythmen mal ein paar Takte der Black Eyed Peas gespielt werden, stehen sie ratlos herum – wie bewegt man sich zu dieser (neuen) Musik?
Mumbai ist die Raupe, die sich verpuppt hat, aber noch nicht als Schmetterling geschlüpft ist. Akash Kapur, der Indien-Kolumnist der «International Herald Tribune», spricht von einer «oberflächlichen Modernisierung». Sie drücke sich aus in einem modernen Lifestyle und einem materialistischen Konsumverhalten, nicht jedoch in Werten wie Toleranz, Gleichberechtigung oder Demokratie. Zweifelsohne, resümiert Akash Kapur, sei Indien offener, optimistischer, selbstbewusster und ehrgeiziger geworden. Ein Geisteszustand allerdings sei die Modernität in Indien noch nicht. Doch die Sehnsucht nach Veränderungen spürt man an jeder Ecke. Anders lässt es sich nicht erklären, dass so viele junge Mumbaikars voller Inbrunst behaupten, sie wüssten nicht, welcher Kaste sie zugehören würden. Denn Kaste, das passt ihrer Meinung nach nicht ins 21. Jahrhundert. Dennoch werden in Indien jedes Jahr, so die jüngste Statistik, etwa tausend Ehrenmorde begangen, weil Verliebte verschiedener Kasten Heiratspläne schmieden.

Die Mumbaikars wollen modern sein. Deshalb sprechen sie sogar englisch mit ihren Eltern. Deshalb ist ihnen ein lasches Sandwich lieber als das gute Curry. Der Wille zählt. Wie etwa der Wille zu Pasta mit Auberginen in diesem hippen Restaurant in Bandra. Das Design ist internationaler Standard, House tröpfelt aus dem Lautsprecher. Die Karte ist fast so dick wie «Shantaram», der tausend Seiten schwere Roman, und führt von Thai bis Spaghetti jede Nation auf. Und eben auch: Pasta mit Auberginen. «Oh, die würde ich Ihnen nicht empfehlen», sagt der Kellner. «Warum nicht?» – «Sie werden enttäuscht sein», meint er. «Aha, wieso denn?» – «Yes», gibt er zur Antwort. «Was, yes?» Zerknirschtes Gesicht: «Wir haben keine Auberginen.» Das ist Mumbai. Die Stadt, wo man von Pasta mit Auberginen träumt. Und am Schluss doch ein Daal-Curry mit Naan verzehrt. Mayanagri, Stadt der Träume.

Ein Blick hinter die Kulissen von …
Mumbai: Mit dem Vorortszug fährt man zum Einkauf auf einen Markt, besucht den Wäscheplatz, isst in einem Quartierrestaurant und geniesst in der trendigen Cha Bar einen hauseigenen Tee-Cocktail.

Delhi: Zusammen mit einem Reiseführer und einer jungen Person aus dem «Hope Project», das sich um Strassenkinder des Nizamuddin-Quartiers kümmert, macht man eine Walkingtour durch das Gewusel der belebten Gassen.

Zwei Ausflüge aus dem Programm des Zürcher Indien-Spezialisten Intens Travel, Tel. 044 386 46 86, www.intens.ch

Hoteltipps in…

…Mumbai:
Hotel Taj Lands End, Bandra, Mumbai
Das Fünfsternehotel liegt am arabischen Meer im Trendviertel Bandra und ist idealer Ausgangspunkt für Erkundungstouren durch das Quartier, in dem sich Künstler, Bollywoodstars und It-People angesiedelt haben und wo nun entsprechend viele Clubs, Boutiquen und Cafés eröffnet haben. Erholen kann man sich später im gehobenen Ambiente des Taj Lands End, zu dessen Service mehrere Toprestaurants und ein Spa gehören.

Taj Lands End, Bandstand, Bandra

Hotel The Gordon House, Colaba, Mumbai
Die Zimmer im kleinen freundlich familiären Hotel sind im mediterranen, skandinavischen oder Country-Stil eingerichtet. Das mag in Mumbai erst mal befremdend wirken, passt aber zu Colaba, dem stylischen bunten Stadtviertel mit weltmännischem Flair, in dem sich das Haus befindet.

Hotel The Gordon House, 5 Battery Street, Apollo Bunder, Colaba

…Delhi:
The Park Hotel, Delhi
Zeitgenössische Kunst an den Wänden, schlichtes leichtes Design in den Zimmern: Das Park Hotel in Delhi punktet mit coolem Styling ohne dabei bemüht cool zu wirken. Am üppigen Frühstücksbuffet kann man sich morgens für Entdeckungsreisen in der indischen Hauptstadt stärken. Und wenn man abends noch die Energie dazu hat im angesagten hoteleigenen Club Agni in die Nacht hinein tanzen.

The Park Hotel, 15 Parliament Street, Delhi

Preisanfragen und Buchung für Hotels in Mumbai und Delhi über www.intens.ch

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…wer es geschafft hat, darf in der Blackberry-Liga mitspielen.

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Kontraste II: Hindu-Tempel zwischen heruntergekommenen Altstadthäusern

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Im Zentrum: Das legendäre Taj Mahal Palace Hotel…

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